Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
In wenigen Worten erfüllte René die Bitte des Iren.
Daraufhin wurde die Tür geöffnet, und der Gefängniswärter erschien.
»So, so«, sagte er, »sehen wir einmal, wie viele ihr seid.«
Und er begann zu zählen. »Acht, das heißt, ich werde acht Matratzen brauchen, denn ich will euch schließlich nicht auf dem nackten Stroh schlafen lassen; wärt ihr Engländer oder Schotten, dann wäre es etwas anderes...«
»Gut gesprochen, Vater Donald!«, sagte der Ire.
Der Gefängniswärter zuckte zusammen; sein Name war in unverfälschtem Irisch ausgesprochen worden.
»Er hat nicht vergessen«, sagte der Ire, »dass er im fünfundvierzigsten Grad mit dem tapferen General MacDonald verwandt ist, unter dessen Befehl ich in Neapel und in Kalabrien gedient habe.«
»So, so«, sagte der Gefängniswärter, »bist du etwa auch Ire?«
»Das will ich wohl meinen, und zwar aus Youghal, keine zehn Meilen entfernt. Unser Vater Donald hat wohl vergessen, dass ich als Kind, was allerdings lange her ist, mehr als zwanzig Jahre, mit seinen zwei Söhnen James und Tom gespielt habe, zwei wackeren kleinen Kerlen. Was ist aus ihnen geworden, Vater Donald?«
Der Gefängniswärter fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und sagte: »Sie wurden von den Engländern zwangsverpflichtet; James ist desertiert und wurde füsiliert; Tom fiel bei der Schlacht von Abukir, der arme Junge.«
Der Ire sah René an und bedeutete ihm mit seinem Blick, dass die Sache weniger schwierig sein würde, als sie gedacht hatten.
»Verwünschte Engländer!«, sagte er laut. »Wann werden wir uns ihrer endlich entledigen?«
»Wenn es so weit wäre«, sagte Donald mit gereckter Faust, »müsste man nicht lange nach mir rufen.«
»Sie sind katholisch?«, fragte René.
Als Antwort bekreuzigte sich der Gefängniswärter.
René trat zu ihm, nahm eine Handvoll Gold aus seiner Tasche, legte sie ihm in die Hand und sagte: »Nehmen Sie dies, mein Freund, um Messen für den Seelenfrieden Ihrer Kinder lesen zu lassen.«
»Sie sind Engländer«, sagte der Gefängniswärter, »und von Engländern nehme ich nichts.«
»Ich bin Franzose, mein wackerer Freund, ein guter Franzose, wie dein Landsmann dir bestätigen kann; und falls es auch im Jenseits Seelenmessen geben sollte, dann habe ich genug Engländer als Chorknaben für die Priester dieser Messen dorthin expediert.«
»Ist das wahr?«, fragte der Gefängniswärter seinen Landsmann.
»So wahr wie die Heilige Dreifaltigkeit«, erwiderte dieser.
Der Gefängniswärter drehte sich um und reichte René seine Hand; René drückte sie.
»Bist du jetzt einverstanden?«, fragte er.
»Alles, was Sie wünschen, mein Herr, solange Sie kein Engländer sind.«
»Das wäre also geregelt«, sagte der Ire. »Wir sind alle Freunde und sogar gute Freunde und werden einander als Kameraden nicht darben lassen. Brot und Bier nach Herzenslust und Feuer, damit wir nicht frieren müssen.«
»Und Fleisch zu allen Mahlzeiten«, fügte René hinzu, »so sieht unsere erste Woche aus.«
Und er gab dem Gefängniswächter fünf Louisdors.
»Oho«, sagte der Gefängniswächter, »ist das ein Admiral?«
»Nein«, sagte der Ire, »aber reich ist er, er hat in Indien ein Vermögen gemacht und hat sich uns kurz vor der Schlacht zugesellt.«
»Von welcher Schlacht sprichst du?«, fragte der Wärter.
»Von der Schlacht von Trafalgar, in der Nelson gefallen ist.«
»Wie!«, rief der Gefängniswärter. »Nelson ist gefallen?«
»Ja, und wenn du unbedingst willst, können wir dir die Hand zeigen, die ihn getötet hat.«
»Für heute habe ich genug, danke, lass uns morgen weiterreden.«
»Adieu, Vater Donald, auf Brot und Bier nach Herzenslust und frisches Fleisch.«
Die Gefangenen hatten an ihrem Wärter nichts auszusetzen. Schon am ersten Abend sahen sie, mit welcher Gewisssenhaftigkeit Donald erfüllte, was er ihnen versprochen hatte; am selben Abend begegneten ihnen jedoch zwei Schildwachen in dem kärglichen Hof, auf den man aus dem vergitterten Fenster ihrer Zelle sah.
Es vergingen acht Tage, in denen kein Wort zwischen den Franzosen und Meister Donald gewechselt wurde. Doch der Gefängniswärter betrat den Kerker nie, ohne sich im Flüsterton mit seinem Landsmann zu unterhalten.
»Alles steht zum besten«, sagte dieser nach jeder Unterredung.
Es wurde zunehmend kälter. Bisweilen brachen so heftige Stürme herein, dass die wachhabenden Engländer sich das ganze Unwetter über in der Wachstube verkrochen; dann bearbeitete der Ire mit seiner Feile die Gitterstäbe vor dem Fenster, und das mittlere Gitter war unten bereits durchtrennt.
Das Wetter wurde noch abscheulicher.
»Geben Sie mir hundert Francs«, sagte der Ire eines Abends zu René.
René holte fünf Louisdors aus seiner Hosentasche und gab sie dem Iren. Dieser verschwand mit dem Gefängniswärter und kam eine Stunde später zurück.
»Beten wir zu Gott, dass heute Nacht so scheußliches Wetter herrscht, dass man keinen Hund vor die Tür jagen würde«, sagte der Ire, »denn dann werden wir frei sein.«
Das Abendessen wurde gebracht, üppiger als gewohnt, und jeder konnte Fleisch und Brot als Mahlzeit für den nächsten Tag einstecken. Gegen neun Uhr abends begann es zu schneien, im Verein mit einem Nordwind, der so scharf blies, als wollte er allen Ochsen die Hörner abrasieren. Um zehn Uhr konnten die Gefangenen die Wachen im Hof nicht mehr hören, doch das mochte an dem Schnee liegen, der als dicker Teppich den Boden bedeckte. Sie öffneten das Fenster und blickten vorsichtig hinaus. Offenbar wärmten die Engländer sich am Feuer in der Wachstube, statt draußen Wache zu stehen.
Der Ire holte einen Stein aus einer Ecke und warf ihn über die Mauer. Im nächsten Augenblick wurde von der anderen Seite ein Seil über die Mauer geschleudert und hing in der Luft.
»Nun denn«, sagte der Ire, »dann wollen wir die Gitterstange vollends durchfeilen.«
»Wozu Zeit verlieren?«, sagte René und ergriff die Stange mit beiden Händen; schon beim ersten Rütteln lockerte sich der Stein, in den die Stange gemauert war.
»Das genügt mir als Waffe«, sagte René, »mehr brauche ich nicht.«
Der Ire kroch als Erster durch die so entstandene Öffnung ins Freie und erkundete den Hof; weit und breit war keinerlei Wache zu sehen; er verknotete das Seil an einem Haken in der Mauer, und das Seil spannte sich, was anzeigte, dass auf der anderen Seite jemand stand und es festhielt; dann klemmte sich der Ire sein Stuhlbein mit der Segelmacherahle zwischen die Zähne, kletterte gemächlich auf die Mauer und sprang auf der anderen Seite hinunter.