Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Der alte Untersteuermann nahm als Erster seine Mütze ab und schwenkte sie. »Leutnant René«, sagte er, »ist ein vollendeter Seemann und tapfer wie kein zweiter! Hören wir seinen Vorschlag an!«
Und mitten in dem Sturm, auf den niemand mehr zu achten schien, rief die ganze Mannschaft wie aus einer Kehle: »Hören wir an, was Leutnant René zu sagen hat, und hurra für Leutnant René!«
René salutierte, Tränen in den Augen, und zum größten Erstaunen der ganzen Mannschaft, die ihn noch nie ein Wort auf Englisch hatte sprechen hören, sagte er so akzentfrei, als käme er geradewegs aus Suffolk herbeispaziert: »Danke! Im Gefecht sind wir Gegner, nach dem Gefecht sind wir Rivalen, doch in der Gefahr sind wir Brüder.«
Diese Worte wurden mit allseitigem Beifall aufgenommen.
»Dies ist mein Vorschlag: An Bord gibt es neunundsiebzig Gefangene, die sich zwei Tage lang ausruhen konnten, während ihr für sie gearbeitet habt; selbst wenn euer Einsatz nicht völlig selbstlos war und selbst wenn ihr während des Sturms keinen Gedanken an diese Leute verschwendet habt, bitten sie euch mit meiner Stimme, nun für euch arbeiten zu dürfen.«
Die englischen Matrosen lauschten, verstanden aber noch nicht, was er sagen wollte.
»Gebt ihnen für vier Stunden die Freiheit; in dieser Zeit werden sie für euch pumpen; innerhalb von vier Stunden wird das Schiff gerettet werden, ihr werdet alle brüderlich ein Glas Gin miteinander leeren, und jeder von ihnen wird sich wieder an seinen Posten als Gefangener begeben und sich glücklich schätzen, dass beide Seiten einander dankbar in Erinnerung behalten werden. Ich bürge mit meinem Ehrenwort für meine Männer.«
Die Engländer waren sprachlos vor Verblüffung. Ein solcher Vorschlag wäre keinem von ihnen jemals in den Sinn gekommen. Der Vorschlag, den die Gefangenen machten, ihren Gegnern das Schiff zu retten, war so großherzig, dass es eine Weile dauerte, bis sie ihn erfassten.
Doch Kommandant Parker, der mit etwas Ähnlichem gerechnet hatte, umarmte René und rief: »Meine lieben Freunde, Leutnant René übernimmt die Verantwortung für seine Männer, und ich verbürge mich für ihn.«
Daraufhin brach ein Tumult auf dem Schiff aus, der mit Worten nicht wiederzugeben ist; doch unterdessen hatte der Kapitän dem ersten Leutnant leise einen Befehl erteilt, und plötzlich sah man aus einer Luke eine erste Abteilung von zwölf Gefangenen heraufsteigen, die sich wunderten, zu solcher Stunde und bei solchem Wetter an Deck geholt zu werden; doch auf diesem Deck, das der Sturm so abgeholzt hatte, wie das Deck ihrer Redoutable im Gefecht abgeholzt worden war, erblickten sie ihren Leutnant, der lächelte und ihnen die Hände entgegenstreckte.
»Meine lieben Freunde«, sagte René, »ihr seht hier die wackeren Burschen, die seit zwei Tagen dem Sturm die Stirn geboten haben; ihr musstet den Sturm nicht erleben, um zu wissen, wie heftig er getobt hat; sie sind jetzt in Sicherheit, aber todmüde. Und im Schiffsrumpf steht das Wasser fünf Fuß hoch.«
»Stellt uns an die Pumpen«, sagte der Bootsmann der Redoutable, »und in drei Stunden wird davon nichts mehr zu sehen sein.«
René wiederholte die Worte des Bootsmanns auf Englisch; Kapitän Parker hatte mittlerweile ein Fässchen Gin holen lassen.
»Nun, meine Freunde«, sagte René zu den Engländern, »seid ihr einverstanden?«
Ein einhelliger Ruf war die Antwort. »Ja, Leutnant! Ja, wir sind einverstanden!«
Und die Männer, die einander wenige Tage zuvor erbarmungslos den letzten Blutstropfen aus dem Leib geschossen hätten, fielen einander nun, von Brüderlichkeit bewegt, in die Arme.
»Sagen Sie Ihren Leuten, dass sie sich ausruhen können«, soufflierte René Kapitän Parker. »Und tun Sie es ihnen gleich; sagen Sie mir nur, wo Sie anlegen wollen, und ich kümmere mich die nächsten vier Stunden lang um alles, sogar um das Steuern des Schiffs.«
»Wir müssten uns auf der Höhe des St.-George-Kanals befinden, und Wind und Dünung führen uns zu dem Hafen von Cork; lassen Sie einen Reservemast aufstellen, setzen Sie irgendein Segel und navigieren Sie zwischen dem zehnten und dem zwölften Längengrad Cork entgegen. Ein Glas Gin, meine Freunde«, fuhr der Kapitän fort und stieß mit René an, um mit gutem Beispiel voranzugehen.
Nach vier Stunden befand sich kein Tropfen Wasser mehr im Schiffsrumpf, die Engländer waren wieder Herr über ihr Schiff, und am nächsten Tag gingen die Überreste der Samson am Ende der Bucht und zwei Kabellängen von dem Städtchen Cork entfernt vor Anker.
95
Die Flucht
Am nächsten Tag wurde man sich dessen gewahr, dass man die französischen Gefangenen nicht auf dem Schiff lassen konnte, obwohl es so entmastet war wie eine Hulk.
Es wäre allzu leicht gewesen, ins Wasser zu springen und an Land zu schwimmen. Und waren die Gefangenen erst an Land, konnten sie auf die Zuneigung der Iren oder auf deren Abneigung gegen England vertrauen. Es war nicht damit zu rechnen, dass ein Ire jemals einen entflohenen Gefangenen französischer Nationalität verraten würde.
Schon immer hatte es dieses unausgesprochene Einverständnis zwischen den zwei Nationen gegeben. Deshalb beschloss man, die Gefangenen im Gefängnis der Stadt unterzubringen.
Als sie das Schiff verließen, trat einer der Gefangenen zu René und sagte mit einem Akzent, der keinen Zweifel an seiner irischen Herkunft ließ: »Nehmen Sie mich zum Zellengenossen, Sie werden es nicht bereuen.«
René sah den Mann an; er hatte ein offenes und ehrliches Gesicht; und als René gefragt wurde, wen er mit sich nehmen wolle, deutete er auf ihn und ließ die Übrigen sich selbst melden. Jede Zelle wurde mit acht Männern belegt.
René hütete sich, um irgendeinen Gefallen zu bitten, denn damit hätte er sich seinen Kameraden gegenüber hochnäsig gezeigt und ihnen unnötiges und unverdientes Misstrauen eingeflößt. Der Ire, der ihn gebeten hatte, in seine Zelle aufgenommen zu werden, hatte diese Bitte allem Anschein nach nur ausgesprochen, um sich ihm nützlich zu zeigen.
René wusste sehr wohl, dass ihr Weg sie von Cork unfehlbar auf die Hulken von Portsmouth führen würde, und er wusste auch, welche Schreckensorte diese abscheulichen Gefängnisschiffe waren. Doch er suchte nicht verzweifelt nach Lösungen, sondern dachte sich, dass sie sich von allein anbieten würden, und darin täuschte er sich nicht.
Kaum hatte man sie in das Gefängnis gesperrt, das in Renés Fall ein Zimmer im Erdgeschoss war, aus dem man durch ein vergittertes Fenster in einen Hof blickte, den sechzehn Fuß hohe Mauern umschlossen und in dem Tag und Nacht zwei Wachen postiert waren, trat der Ire zu René, nachdem er den Hof vom Fenster aus begutachtet hatte, und sagte zu ihm leise auf Englisch: »Wir müssen also von hier fliehen, wenn wir nicht auf die englischen Hulken verbracht werden wollen?«
»Ja«, erwiderte René, »und wir müssen es schnellstens bewerkstelligen; Geld habe ich, und wenn Geld von irgendeinem Nutzen ist, stelle ich es für meine wackeren Kameraden zur Verfügung.«
»Geld ist eine gute Sache«, sagte der Ire, »aber es gibt noch etwas Besseres.« Und er zeigte René acht Segelmacherahlen, die in acht Stuhlbeinen versteckt waren.
»Als ich sah«, sagte der Ire, »dass man uns gefangen nehmen würde, dachte ich an die Zukunft und sagte mir: ›Kein Gefängnis kann einen zurückhalten, wenn man Mut und Kraft genug hat‹, und da habe ich eine Schachtel Ahlen entwendet, acht Stuhlbeine ausgehöhlt, mir beim Schlosser eine Feile ausgeliehen, und das ist das Ergebnis.«
»Sehr gut«, sagte René, »ich sehe acht Dolche, ich sehe eine Feile, um unsere Gitterstäbe zu bezwingen, aber was ich nicht sehe, ist eine Strickleiter, um die Mauer zu überwinden.«
»Als Ire kenne ich mein Land und meine Landsleute. Unser Schiff liegt für mindestens sechs Wochen fest, bevor es wieder seetüchtig sein wird; das irische Klima wird uns früher oder später eine Nacht bescheren, in der keine englische Schildwache freiwillig draußen zum Eisblock gefriert, wenn sie nur die Tür zur warmen Stube zu öffnen braucht, wo sie die Nacht am Ofen verbringen kann. Was meine Landsleute betrifft, so bedeutet das Wort Franzose in ihren Ohren Befreier, Freund, Bruder, Verbündeter; seitens meiner Landsleute haben Sie nicht nur nichts zu befürchten, sondern sogar alles zu hoffen; Sie sagen, dass Sie Geld besitzen; das ist nicht unbedingt erforderlich, kann aber niemals schaden; wir werden einen braven Burschen finden, vielleicht sogar den Gefängniswärter höchstpersönlich, der uns von der anderen Seite der Mauer aus eine Strickleiter zuwerfen wird; Sie müssen nichts weiter tun als abwarten und bereit sein. Überlassen Sie mir den Gefängniswärter, und ich kann Ihnen versichern, es wird keine acht Tage dauern, bis wir uns in Freiheit befinden, was nicht heißen solclass="underline" in Sicherheit, aber von der Freiheit bis zur Sicherheit wird es nicht mehr weit sein. Da man uns miteinander konspirieren gesehen hat, könnten Einzelne meiner Kameraden Verdacht schöpfen; sagen Sie ihnen, ohne auf Einzelheiten einzugehen, worum es sich handelt, aber auch, dass sie den Mund halten und die Hoffnung nicht aufgeben sollen.«