Die Chronolithen [The Chronoliths - de]
- Автор: Уилсон Роберт Чарльз
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-52105-6
- Переводчик: Hendrick P. Lickens
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Chronolithen [The Chronoliths - de]». Краткое содержание книги:
Der Rekrut der Defense Force, der ganz hinten saß — er sah aus wie ein Teenager —, schnaubte respektlos.
Morris sagte: »Hier ist man ziemlich skeptisch. Und sauer. Die Likkudpartei könnte die nächste Wahl verlieren.«
»Aber nur, wenn nichts passiert«, sagte Sue.
»Wie stehen die Chancen?«
»Eins zu einer Million.«
Der junge Israeli schnaubte wieder.
Eine Regenböprasselte gegen den Scheruti. Januar, Februar ist Regenzeit in Israel. Ich blickte aus dem Fenster und sah einen windgebeutelten Olivenhain. Meine Gedanken kreisten immer noch um das, was Sue mir im Flugzeug erzählt hatte.
Nach meinem Abstecher ins Elternhaus hatte sie sich tagelang rar gemacht und die diplomatischen Schwierigkeiten heruntergespielt, die uns bis zur vorletzten Minute in Baltimore hielten.
Ich nutzte die Woche, um den Code zu überarbeiten, und verbrachte ein paar Abende mit Morris und Ray — an der Theke, versteht sich.
Die Gesellschaft der beiden war erfreulicher, als ich erwartet hatte. Ich war ausgesprochen sauer auf Morris, weil er mir bis zu meinem Elternhaus nachspioniert hatte… doch Morris Torrance gehörte zu den Männern, die Leutseligkeit zu einer Kunstform erheben. Oder instrumentalisieren. Ärger prallte an ihm ab wie die Kugel an Supermans Brust. Er war nicht dogmatisch, was die Chronolithen anging, favorisierte keine Ansicht über die Bedeutung Kuins, aber sein Interesse war unverkennbar groß. Und das hieß, wir konnten mit ihm albern und Unsinn reden: Ideen loslassen, manche haarsträubend, ohne Angst, in irgendwelche religiösen oder politischen Fettnäpfchen zu treten. Oder tat er nur so? Immerhin vertrat er das FBI. Höchstwahrscheinlich landete alles, was wir sagten, in einem Aktenordner. Sein Talent bestand darin, uns darüber hinwegzutäuschen.
In seiner Gegenwart wurde sogar Ray Mosely mitteilsam. Ich hatte Ray als einen aufgeweckten, aber kontaktarmen Typen eingestuft, dessen Sexualradar hoffnungslos und anmaßend auf Sue fixiert war. Da war sicher etwas dran. Doch wenn er sich entspannte, offenbarte er eine Leidenschaft für American League-Baseball, die ihn mir sympathisch machte. Ray mochte das erweiterte Team aus seiner Heimatstadt Tucson und brachte es fertig, mit einigen Bemerkungen über die Orioles einen Burschen am Nachbartisch zu nerven. Wovon er keinen Deut abrückte, als er zur Rede gestellt wurde. Ray war kein Feigling. Er war einsam, ja, aber das war überwiegend eine intellektuelle Einsamkeit. Hatte er sich so verstiegen, dass wir ihm nicht mehr folgen konnten, und er bemerkte es, dann ließ er die Unterhaltung im Sande verlaufen. Er war deshalb nicht herablassend — zumindest nicht sehr oft —, nein, man sah ihm an, dass er traurig war, seine Gedanken nicht mit uns teilen zu können.
Es war, glaube ich, genau diese Einsamkeit, die Sue bei ihm befriedigte. Es war ihm egal, dass sie ihre physische Sexualität für kurze Kontakte aufhob, die absolut nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben durften. Ich glaube, mit ihr zu fachsimpeln war für Ray wie Sex.
Sue ließ sich kaum blicken. »Genau so war es auch in Cornell«, erklärte ich Morris und Ray. »Für ihre Studenten, meine ich. Sie brachte uns zusammen. Aber die besten Gespräche fanden nach dem Seminar statt, ohne sie.«
»Muss so etwas wie eine Kostümprobe gewesen sein«, philosophierte Morris.
»Für welches Stück? Hierfür? Für die Chronolithen?«
»Davon konnte sie ja damals nichts wissen. Aber habt ihr nicht manchmal auch das Gefühl, als sei euer Leben eine einzige Generalprobe für ein kritisches Ereignis gewesen?«
»Schon möglich. Manchmal.«
»Als hätte sie damals in Cornell das falsche Ensemble gehabt«, sagte Morris, »und als hätte das Skript noch einer Überarbeitung bedurft. Aber Sie müssen gut gewesen sein, Scott.« Er lächelte. »Die endgültige Fassung ist Ihr Werk.«
»Und wo ist das kritische Ereignis?«, fragte ich. »Die Sache in Jerusalem?«
»Die Sache in Jerusalem… oder irgendwas danach.«
Sue und ich konnten erst unter vier Augen reden, als wir hoch oben über dem Atlantik waren. Sie winkte mich nach hinten in die verwaiste Economyklasse und sagte: »Tut mir Leid, dass ich dich außen vor gelassen habe, Scotty. Und das mit deinem Dad tut mir auch Leid. Ich dachte, das wird ein Acht-Stunden-Job für dich und kein…«
»Hausarrest?«, sprang ich bei.
»Richtig, Hausarrest. Was anderes ist es doch nicht. Und nicht bloß für dich. Mir ergeht es genauso. Man will uns zusammenhalten und rund um die Uhr observieren.«
Sue hatte sich einen Schnupfen geholt und bekämpfte ihn so entschieden, wie sie alle Widrigkeiten bekämpfte. Sie saß da, die Hände im Schoß, und zwirbelte mitten in einem Sonnenstrahl an ihrem Taschentuch, so offenkundig zerknirscht und so unerschütterlich wie Mahatma Gandhi. Am entgegengesetzten Ende teilte ein El-Al-Steward Kunststoffbehältnisse mit Rührei und Toast aus. Ich sagte: »Warum ich, Sue? Niemand will mir diese Frage beantworten. Du hättest dir einen weiß Gott besseren Programmierer ins Boot holen können. Ich war in Chumphon, ja, aber das erklärt gar nichts.«
»Stell dein Licht nicht untern Scheffel«, sagte sie. »Aber ich weiß, was du meinst. Die Überwachung durchs FBI, die Agenten im Haus deines Vaters. Scotty, vor ein paar Jahren hab ich einen Fehler gemacht; ich wollte einen Aufsatz publizieren, der sich mit einem Phänomen befasste, das ich ›Tau-Turbulenz‹ nannte. Ein paar einflussreiche Leute haben ihn gelesen.«
Von einer Antwort, die sich in abstrakte Theorien verstieg, versprach ich mir überhaupt nichts. Ich wartete stirnrunzelnd, derweil sie sich lautstark schnauzte.
»Entschuldige«, sagte sie. »In dem Aufsatz ging es um Kausalität, man könnte sagen, um Kausalität im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen temporaler Symmetrie und Chronolithen. Hauptsächlich Mathematik, und das meiste davon befasste sich mit ein paar strittigen Aspekten des Quantenverhaltens. Aber ich habe auch darüber spekuliert, wie die Chronolithen unsere herkömmliche Auffassung von Ursache und Wirkung im makroskopischen Bereich aufmischen könnten. Im Prinzip habe ich lediglich gesagt, dass in einem lokalisierten Tau-Ereignis — sagen wir, dem Erzeugen eines Chronolithen — die Wirkung offenbar der Ursache vorausgeht; nun erzeugt so ein Ereignis aber auch so etwas wie einen fraktalen Raum, in dem die wesentlichen Verbindungen zwischen den Ereignissen nicht determinierend, sondern korrelierend wirken.«
»Und was bitte soll das heißen?«
»Stell dir einen Chronolithen als lokales Ereignis in der Raumzeit vor. Es gibt ein Interface, einen Grenzbereich zwischen dem konventionellen Zeitfluss und der Negativ-Tau-Anomalie. Die Zukunft kommuniziert mit der Gegenwart, aber so einfach ist das nicht. Es gibt kleine Wellen, Wirbel und Strömungen. Die Zukunft beeinflusst die Vergangenheit und diese wiederum die Zukunft. Kannst du mir folgen?«
»Halbwegs.«
»Wir haben es also mit einer Art Turbulenz zu tun, die nicht so sehr durch Ursache und Wirkung oder gar paradoxes Verhalten gekennzeichnet ist als durch einen Schaum aus Korrelation und Koinzidenz. Man kann nicht nach der Ursache für die Bangkok-Manifestation fahnden, weil sie schlichtweg noch gar nicht existiert, aber man kann nach Anhaltspunkten in der Turbulenz suchen — in den unerwarteten Korrelationen.«
»Und die wären?«
»Als ich den Aufsatz schrieb, habe ich auf Beispiele verzichtet. Aber jemand hat mich so ernst genommen, dass er selbst die Schlüsse daraus gezogen hat. Das FBI recherchierte und nahm alle unter die Lupe, die nach dem Chumphon-Ereignis interviewt worden waren, also die kleinste und umfassendste statistische Erhebung, die sich anbot. Dann erstellten sie eine Datenbank mit den Namen und Lebensläufen von allen Leuten, die sich jemals öffentlich über die Chronolithen geäußert hatten, in der Frühphase vor allem; und von allen, die sich vor Ort — also in Chumphon — wissenschaftlich betätigt hatten, eingeschlossen die Burschen, die die Traktoren gefahren und die Klos installiert hatten; und von allen, die sie nach dem Ereignis verhört hatten. Dann suchten sie nach Verbindungen.«