Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Kri-schan. So nannte ihn Libussa; er hörte es gern. Der Staatsbürgerkundelehrer war unter der Wucht seiner Hiebe zerplatzt. Christian keuchte, riß das Fenster auf. Über Nacht hatte es weitergeschneit, der Garten, der unter dem Fenster jäh abfiel, lag unter einer dicken Weißdecke; das Gartenhaus, in dem Meno sommers oft schrieb, manchmal auch schlief, sah aus wie mit Zuckerguß bedeckt, die Sandstein-Brüstung links und rechts davon, die den oberen Teil des Gartens vom unteren, wilder belassenen, trennte, ragte nur wenig aus dem Schnee. Auf der Brüstung saß ein steinerner Adler, die Flügel, feingemeißelt und elegant gebreitet, schienen jetzt je einen Stoß zusammengelegter weißer Frotteetücher zu tragen. Frische Tierspuren durchzogen den Schnee. Eine Schar Krähen machte sich auf dem mächtigen Holzstoß zu schaffen, den Meno, der Schiffsarzt und Menos unmittelbarer Nachbar, der Ingenieur Dr. Stahl, im vergangenen Herbst aufgeschichtet hatten. Vor den Rhododendronbüschen, die den linken Teil der Brüstung fast gänzlich verdeckten, hingen Meisenringe an einigen Wäschestangen; dort zankten und schwirrten zahlreiche Vögel. Er schloß das Fenster, ging ins Bad.
An Wochenenden wurde im Tausendaugenhaus gemeinsam gefrühstückt. Die gesellige Libussa hatte den Brauch eingeführt. Semmeln, Butter, Milch und Marmelade wurden reihum besorgt, sommers wurde oft im Garten gegessen, im unteren Teil, an einem Tisch, der inmitten wildromantischen Heckengewirrs stand, fremden Blicken unzugänglich; eine verwitterte Stiege führte dorthin.
Das Wasser schoß in einem brühheißen Strahl in die Wanne mit den Löwenfüßen. Die Emaillierung hatte feine Risse. Auf den Fugen zwischen den Kacheln, an der Decke mit den blätternden Farbschichten, auf dem graugelaugten Holz des Fensterbretts zeigten sich Spuren des Schwarzen Schimmels, nie ganz zu besiegender Eindringling aller Häuser hier oben, die Christian kannte; man konnte lüften, Vernichtungsmittel pinseln und Bleiweiß oder Bootslack darüberstreichen, wie man wollte.
Das Bad stand bald unter Dampf. Er füllte Wasser in den Badeofen nach, dachte an den Wintergarten. Wenn Christian etwas darüber und über das Tausendaugenhaus andeutete: abends, wenn die Hausaufgaben erledigt waren, im Internat, wenn sie auf der Stube zu dritt beisammensaßen und man sich vom Erzählen nur schwer ausschließen konnte, vom Wer-bist-denn-du- und Wo-kommst-denn-du-her-Fragen, erntete er ungläubige Blicke, manchmal auch unverhohlenen Zweifel. Er spürte das schnell und bog dann immer schon vor den eigentlich träumerischen und märchenhaft klingenden Erwähnungen ab, sagte nichts von der Karavelle, von Ostrom, verschwieg Menos Bezeichnung für das Haus, in dem er wohnte und in dem, zu erreichen über Langes Wohnung sowie über eine hinter der Salamandertapete im unteren Flur verborgene Wendeltreppe, es einen Raum mit schräg einfallendem Oberlicht und Schachbrettfliesen gab, den die Langes, wie schon die Familie des ursprünglichen Besitzers, als Wintergarten nutzten. — Bei der Wohnungsnot, hör mal, das willst du uns doch nicht im Ernst erzählen. Hat denn dein Schiffsarzt keine Zuteilung, hörte Christian, der aus dem Bad wieder in die Kajüte gegangen war und sich jetzt mit dem Anziehen beeilte, so scharf biß die Kälte, die Stimmen seiner Mitbewohner in der Internatsstube in Waldbrunn. — Er nicht, aber mein Onkel hat. Teilt sich die untere Wohnung mit einem Ingenieur und seiner Familie, mein Onkel hat ein größeres Zimmer und zwei kleinere. Es ist eine alte Villa, um die Jahrhundertwende erbaut von einem Seifenfabrikanten; damals war das ganze Haus eine einzige Wohnung, ganz oben gab es einige Dienstmädchenkammern; er konnte ja nicht ahnen, daß er mal enteignet werden würde. Sonst hätte er vielleicht vorgesorgt für die Bedürfnisse der Kommunalen Wohnungsverwaltung. — Nanu, ein kleiner Spötter, unser Dresdner. Das hatte Jens gesagt, der in der 11/2, Christians Klasse, in der Fensterreihe ganz vorn saß, Sohn des Altenberger Praktischen Arztes Ansorge, etwas kleiner als Christian, die Haare zu einer leicht verwilderten Frisur gefönt, und hatte dabei verschwörerisch gegrinst und sich genießerisch an der mächtigen Schnabelnase gezupft. Das sollte heißen: Mach mir nichts vor. Alles klar. Manchmal beobachtete ihn Jens im Unterricht; sie saßen auf gleicher Höhe, Christian aber allein in der Türreihen-Bank, er spürte den Blick aus Jens’ blauen Augen, der forschend und herausfordernd offen über sein Gesicht glitt, über die Kleidung, die er trug, über die vom Vater geerbten Schweizer Bergschuhe.
Christian war schon an der Treppe, er wollte durch die Tapetentür in den Wintergarten gehen, um nicht bei den Langes klopfen zu müssen; aber Libussa kam gerade aus der Küche, wo sie Semmeln aufgebacken hatte, der ganze Flur duftete danach.»Krischan, komm nur gleich durch, und hilf mir mal die Sachen rübertragen, weißt du, wo alles steht, das Salz rechts im Hängeschrank. «Libussa nickte ihm zu, den Semmelkorb in den Händen, das Haar zu einem Knoten gebunden.»Es ist offen, aber mach zu hinter dir, sonst geht die Wärme raus.«
Christian nahm das Tee-Tablett. In Langes Wohnung roch es nach Vanilletabak, das Knasterarom schien tief in die vergilbte Blumentapete des Flurs und die verschossenen Vorhänge gedrungen zu sein, die vor den Türen zusätzliche Abdichtung gaben. Christian neigte den Kopf, als er durch den Holzkugelvorhang trat, der einen kleinen Vorflur abtrennte: Hier gab es ein Schuhregal, Schlüsselhaken, ein Hutgestell, auf dem mehrere von Libussas großen Hutschachteln standen. Der Schiffsarzt trat eben aus der Wohnzimmertür, den Aschkasten in der Hand, blinzelte hinter seiner Hornbrille, als er Christian sah; aber nicht aus Überraschung, ihn in seiner Wohnung zu sehen, denn er stieß mit seiner tabakrauchigen Stimme sofort hervor:»Hat’s geklappt, hat’s geklappt, ist dein Vater zufrieden?«Er sagte: dein Vadder; das» r «ließ er im Gaumen verschwinden: Lange stammte aus Rostock.»Sehr sogar. «Christian sagte guten Morgen, etwas verlegen, denn Lange stand in einem seltsamen Aufzug vor ihm: Über gestreiften Pyjamahosen trug er ein Wollsakko, aus dessen Brusttasche eine Zigarre lugte. — »Na denn man tau, min Jung, und schöne Grüße. «Lange suchte murmelnd nach einem Schlüssel am Bord, das Ziegenbärtchen an Kinn und Oberlippe, das im Gegensatz zum stark mit Grau durchmischten, immer etwas wirrsträhnigen Haupthaar sein Dunkelblond bewahrt hatte, hüpfte dabei auf und ab.
Die Teetassen dampften, waren auch schwer, der Daumenballen berührte die heiße Kanne; trotzdem ging Christian nicht sofort in den Wintergarten, sondern warf gierige Blicke auf die Bilder an den Wänden, Fotografien meist von Schiffen, auf denen der Schiffsarzt gefahren war: das stolz und hoch getakelte Vollschiff Oldenburg —»war ja man ’n gutes Schipp«, pflegte Lange, wenn Christian sich bei Besuchen erkundigte, zu knarren, mit scharf zusammengekniffenen Augen, das Kinn reckend, Rauchpüffe aus der fragezeichenförmig nach unten hängenden Pfeife ausstoßend; Passagierschiffe der Hamburg-Amerika-Linie; dann, im Krieg, die Zerstörer, dräuende graue Eisenkästen. Häfen, die Torresstraße, die felsige Küste Patagoniens, aufgenommen von einem Schiff der Salpeterlinie der Reederei Laeisz; eine U-Boot-Besatzung im II. Weltkrieg, das Boot vor einem Schlachtschiff mit winkenden Matrosen aufgetaucht, die Luken waren geöffnet, die Besatzung an Deck angetreten; über den bärtigen Gesichtern flatterten Wimpel mit den Zahlen versenkter Bruttoregistertonnen. Der Kapitän hielt die Hand nachlässig, ein wenig skeptisch, wie es Christian schien, zum Gruß an der weißen Tellermütze mit dem schiefhängenden Wehrmachtsadler. Scapa Flow — Kdt. Kapitänleutnant Prien begrüßt den BdU Konteradmiral Dönitz stand unter dem Foto. Befehlshaber der U-Boote, erinnerte sich Christian, hatte Lange auf seine Frage nach dem Kürzel geantwortet und sich den dünnen Bart gestrichen.»Und den Prien, min Jung, den heww ick ja man noch gekannt. War der große Held damals. Deutsches U-Boot versenkt die Royal Oak in der Bucht von Scapa Flow. Empfang in der Reichskanzlei, Ritterkreuz und ganz großer Bahnhof. Tja, und dann? Verheizt für Führer, Volk und Vadderland. Alle verheizt, min Jung. Der siebte von links, auf dem großen Pott, dat bün ich.«