Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Anne griff nach Richards Arm. Er senkte die Stimme, so daß alle sich etwas vorbeugen mußten, obwohl er deutlich sprach, fast scharf.
«Ösophagusvarizen? Was ist das?«Reglinde wollte ablenken, Christian fand es doof, daß man aus Höflichkeit darauf eingehen mußte und daß dieses Eingehen wie Hereinfallen aussah, da Richard umständlich zu erklären begann.
«Ich habe mir auch die Mühe gemacht, das zu lesen. Ich finde interessant, daß sie nicht schreiben, daß Genosse Juri Wladimirowitsch Chef des Geheimdienstes war«, sagte Meno nachdenklich.
«Warum sollten sie auch? Schau mal, das versteht sich doch von selbst. Breshnew hat rund zwanzig Jahre regiert. Nun ist er tot. Wer soll der Nachfolger sein? Natürlich der, der das Land am besten kennt. Der Geheimdienstchef.«
«Paß auf, Richard, etwas leiser, wer weiß, ob nicht auch hier …«Anne warf einen mißtrauischen Blick auf Adeling und wehrte ab, als er eine Haltung einnahm, als wollte er sogleich einen Schritt vorwärts tun.»Nein, es ist nichts, ich möchte nichts, danke. «Sie schüttelte den Kopf.»Aber ihr? Vielleicht möchtet ihr …?«Sie sah in die Runde.»Es gibt noch Eis mit Früchten!«
«O ja!«riefen Ezzo und Robert gleichzeitig.
Adeling tupfte die Fingerspitzen zusammen, wippte auf den Absätzen und nickte Anne zu. Er und ein zweiter Kellner brachten das Eis.
«Aber sagt mal, Alice und Sandor«, murmelte Niklas mit Verschwörerstimme, wobei er den langen Eislöffel hob, auf dem ein pflaumengroßes Stück Pücklereis glitzerte,»— wie ist denn das nun mit Kohl? Wir hören doch bloß Lügen.«
«Ja … besser, würden wir sagen, nicht, Alice?«Alice blinzelte irritiert, als sie ihren Namen hörte, rückte an der Brille und nickte vage in Sandors Richtung. Emmy sprach gerade von ihren vielen verschiedenen Leiden und entwickelte dabei soviel bannende Beredsamkeit, daß Gudrun, Barbara und Alice völlig gefangen saßen. Gespannt hörten die Umsitzenden zu, wie Sandor, ein Mittvierziger mit olivbraunem Teint und stark ergrautem, aber vollem Haar, das in feiner Wellenlinie über die Stirn lief, von den Vorgängen im bundesdeutschen Parlament erzählte, die zum Mißtrauensantrag gegen Helmut Schmidt und schließlich zum Sturz des Kanzlers geführt hatten. Seit zwanzig Jahren lebten Alice und er in Südamerika, was dazu geführt hatte, daß Sandor beim Sprechen manchmal nach Worten suchen mußte und die harten, konsonantischen Pausen des Deutschen zwischen den Worten kaum noch sprach, sondern die Wortenden aufweichte und durch ein Fugen-»Äh «miteinander verschmolz. Wohl niemand hätte ihn, weder von seiner Aussprache noch von seinem Äußeren her, für jemanden gehalten, der in Dresden geboren worden war.
«Euren Oberen-äh-wird die ganze Entwicklung natürlich nicht passen-äh-und-äh-ich denke-äh-daß Kohl die bisherige Politik der Annäherung-äh-die die Sozialdemokraten sich auf die Fahnen geschrieben haben-äh-radikal ändern wird …«
«Hoffentlich«, ließ sich Niklas leise vernehmen und nickte bedeutsam. Seine linke Hand zuckte nervös, als er den Eislöffel mit der Rechten tief in die Erdbeerschicht des Pücklereises stach.»Einmal muß es ja ein Ende haben mit dem Wandel durch Anbiederung, den die Herren da drüben betrieben und über den Breshnew und Konsorten doch nur gelacht haben. Auf dem Bauch sind die vor den Russen und ihren Paladinen gekrochen, man hat sich ja geschämt! Wollten den Frieden bringen und Entspannung, ach du liebe Güte!«Niklas fegte einige Eistropfen weg, die bei der allzu entrüsteten Aussprache des» P «bei» Paladinen «vor der Schale gelandet waren.
«Weicheier, Niklas, alles Weicheier! Und Achtundsechziger, die irgendwelchen Traumtänzereien nachhängen, aber von der Realität keine Ahnung haben … Sollen sie doch herkommen und hier bei uns leben, oder im schönen Moskau, wenn der real existierende Sozialismus so wunderbar ist! Aber das wollen die Herrschaften auch nicht, ganz so blind sind sie denn doch nicht!«Richard war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen, er schlug sich mit der Hand mehrmals gegen die Stirn.»Die wollen die DDR anerkennen, allen Ernstes! Mit der Teilung müsse man sich eben abfinden, das sei eine historische Tatsache, und die DDR ein Staat wie jeder andere auch! Daß ich nicht lache! Dieser Staat, pfff, der nur dadurch legitimiert ist, daß die Bajonette der Russen ihn stützen! Der sofort, ich sage euch: so-fort! zusammenbrechen würde, wenn es wirklich einmal freie Wahlen gäbe …«
«Richard, bitte.«
«Hast ja recht, Anne. Aber es regt mich nun mal auf. Diese windelweiche Politik … gegen diese Betonköpfe! Reagan macht es richtig, der gibt sich keinen Illusionen hin, die Russen verstehen nur eine harte Sprache … Totrüsten.«
«Aber — Richard, totrüsten … und wenn nun einer durchdreht und auf den roten Knopf drückt? Ist dann das, was Reagan macht, richtig — auch um diesen Preis?«Meno stocherte nachdenklich in seinem Eisbecher herum. Reglinde, Ina, Ezzo und Robert, die solche Gespräche aus vielen Zusammenkünften schon kannten, unterhielten sich, ohne auf den Gang des Disputs zu achten. Emmy war inzwischen bei ihrer Hüftoperation angelangt, die sie aber der geduldigen Gudrun allein erzählte, während Alice den Rohdes, die sie noch nicht gesehen hatten, Fotos ihrer vier Söhne und von der letzten Urlaubsreise zeigte.
«Jaja, roter Knopf, das ist immer das Argument, das in unserer verlogenen Presse steht. Weil sie Angst haben, schreiben sie das. Die spüren ganz genau, daß ihnen die Puste auszugehen beginnt. Was sind die vier Hauptfeinde des Sozialismus? Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Oder was glaubt ihr, warum die es immer wieder für nötig halten, die Steigerung der Arbeitsproduktivität anzumahnen … Ohne Konkurrenz geht nichts, das ist meine Rede.«
«Aber Richard, du wirst doch nicht bestreiten wollen, daß, je mehr gerüstet wird, je mehr Waffen es gibt — und die gibt es ja hier bei uns, hier werden die doch stationiert, all die Raketen —, desto höher ist das Risiko eines Krieges! Wo es keine Waffen gibt, ist auch ein Krieg nicht möglich. Das kannst du doch nicht wegdiskutieren!«
«Ach was, Krieg. «Richard machte eine wegwerfende Handbewegung.»Davon rede ich ja gerade, Meno. Glaube doch nicht, daß den einer wirklich will. Sind doch alles keine Idioten. Zwischen Aufrüstung und Krieg wird immer eine Parallele gezogen von unseren Medien. Und umgekehrt zwischen Abrüstung und Frieden. Das Paradoxe ist aber — der Mensch ist offenbar aus so krummem Holz geschnitzt —, daß er die Fingernägel zum Augenauskratzen nimmt, wenn er sonst keine Waffen hat. Hat er dagegen Raketen, und weiß er, daß der feindliche Stamm da drüben hinter dem Palisadenzaun ebenfalls über Raketen verfügt — gibt er Ruhe und geht sein Feld bestellen. Komisch, aber wahr.«
«Na, entschuldige, aber das ist nicht wahr, sondern Unsinn, Richard. «Meno runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.»Keine Waffen — kein Krieg, dabei bleibt es. Fingernägel wären ja, um in der Terminologie zu bleiben, auch Waffen, beziehungsweise würden als solche eingesetzt. Das möchte ich doch festhalten. Im übrigen wundert es mich, daß gerade du, als Arzt, als Chirurg, dem Aufrüsten das Wort redest — «
«Moment. Ich rede der Menschlichkeit das Wort. Und ich überlege mir, welche die beste Methode ist, aus einem unmenschlichen System herauszukommen. Diese Systeme haben ihre eigenen Gesetze … Einmal installiert und gefestigt, kehren sich darin die Prinzipien des gesunden Menschenverstandes um! Man wird Diktatoren nicht dadurch los, daß man sich mit ihnen lieb Kind oder gar gemein macht. Dieser Menschentyp kennt und anerkennt nur ein einziges Gesetz: Das des Zwangs, mein Lieber!«
«Aber Aufrüstung erhöht die Kriegsgefahr, ich wiederhole mich, und wo die Kriegsgefahr erhöht ist, da ist auch die Gefahr erhöht, daß einmal wirklich etwas passiert, das wirst du doch nicht in Abrede stellen … Eine Rakete, die auf uns zumarschiert, macht allen Diskussionen ein Ende! Willst du das — als Arzt?«