Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Neben den Fotos Seemannsknoten, von Lange sorgfältig auf schwarze Pappe gezogen und eingerahmt. Palstek, Webeleinstek, Liegende Acht, Gordingknoten — einige hatte der Schiffsarzt ihm beigebracht, sie waren beim Angeln nützlich. Der Fernseher, ein Kasten Marke Raduga, spiegelte das aufkommende Licht und schien ihn anzustarren. Der Ofen gähnte, Aschekrümel lagen auf dem Blech verstreut — Libussa würde staubsaugen nachher und die Flaschen auf dem Regal neben dem Ofen abwischen, in denen Langes Buddelschipps von großen Fahrten träumten. Christian ging in den Wintergarten.
«Hallo, junger Mann. «Der Ingenieur lüpfte den rechten Mundwinkel, was vielleicht ungerührt und abgeklärt wirken sollte, Christian aber nur komisch vorkam, da Stahl ein Mondgesicht und nur noch wenige, mit Birkenwasser glatt zurückgekämmte Haare auf dem Kopf hatte. Dafür waren Brauen und Brusthaar, das wolleartig aus dem Holzfällerhemd quoll, um so buschiger. Was der Ingenieur nicht so gern hörte, war der Vergleich, mit dem ihn Lange öfters neckte: Er, Gerhart Stahl, ähnele einem sowjetischen Schauspieler, der in einer Fernsehserie einen Sonnenblumenkernverkäufer auf dem Rollfeld des Flughafens von Baku spielte. Ein verschmitzter Hanswurst und erfinderischer Tausendsassa, wiege immer bedenklich den Kopf und wackele mit den Brauen, wenn eine der Iljuschins mit illustren Moskauer Sommerfrischlern abhebe —»Ich wackele nicht mit den Brauen«, ärgerte sich der Ingenieur dann. Dr. Gerhart Stahl liebte die sowjetischen Schauspieler nicht, weil er die Sowjetunion nicht liebte.
«Ausgeschlafen. «Das war eine Feststellung, keine Frage. Er malmte Christians Hand in seiner Ingenieurstatze, beugte sich dann zum Ölradiator hinunter, drehte am Reglerknopf. Obwohl die hohen Fenster nicht mehr einwandfrei abdichteten und der Wintergarten recht groß war — der Frühstückstisch fand bequem Platz darin, man konnte sitzen, ohne an die Palmkübel zu stoßen —, war es hier deutlich wärmer als in der Kajüte oder in Langes Wohnzimmer. Der Wintergarten hatte einen eigenen Ofen, den der Schiffsarzt, bevor er schlafenging, noch einmal hochheizte; die Wärme hielt sich dann bis in den Vormittag, wenn man gefrühstückt und die Öfen in den anderen Zimmern versorgt hatte.
«Ein schönes Friehstick!«Libussa schlug vor Freude die Hände zusammen.»Krischan, Gerhart, das müßt ihr euch gesagt sein lassen, bevor ihr zulangt wie Schoinendrescher, sagt man so. Kann man Herrgott dankbar sein, daß es noch wenigstens mit Semmeln und Brot klappt in diese Staat. Wenn ich an Krieg denke …«Sie ging reihum und füllte die zweiten Tassen mit heißer Milch, die sie von einer LPG hinter Bühlau, im Schönfelder Hochland, bezog; Kuhmilch, kaum entfettet, eher eine weiße Suppe als Milch, vor der sich Christian ekelte; aber Libussa war der Meinung, daß er zuwenig Muskeln besitze und in der Phase sei, wo es sich entscheide,»ob man wird ein Mann oder eine Bleistift«. Deshalb ließ sie sich von seiner Miene nicht beeindrucken, sondern goß seine Tasse voll.
«Vielen Dank noch einmal für die Rosen, Libussa. «Meno, der am Radio Sender Dresden eingestellt hatte, beugte sich über eine Blumenwanne, in der Maréchal-Niel-Rosen wuchsen.»Sämtliche Gattinnen haben mich darum beneidet und wollten unbedingt die Adresse der Gärtnerei wissen. Ob ich die Blumen etwa aus der Rosenschlucht oder Arbogasts Gewächshäusern hätte. Womit es mir gelungen sei, den Züchter zu bestechen.«
Der Schiffsarzt kam herein, hatte einen Bademantel übergezogen, brachte Chakamankabudibaba mit, der ins Licht blinzelte, einen Buckel machte und in ein Körbchen an einer prächtig entwickelten Sagopalme kletterte. Lange und Stahl rieben erwartungsvoll die Hände und leckten sich die Lippen. Tee, Kaffee, frischgekochter Kakao dufteten, es gab eingeweckte Quitten- und Kirschmarmelade, Pflaumenmus und Waldhonig, und neben der mit einem Tuch zugedeckten Semmelschale stand ein Teller mit einer Spezialität Libussas: zu einer Art von festem Teig getrocknete und in schmale Streifen geschnittene Aprikosen, die Christian, der beständig zu diesem Teller hinschielte und dabei oft auf Stahls Grinsen traf, der viel näher an diesen Leckerbissen saß, für wesentlich wachstums- und entwicklungsfördernder hielt als heiße Kuhmilch. Libussa und ihr Mann falteten die Hände zum Gebet:»Drum, lieber Herr, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast. «Sender Dresden übertrug ein Gedicht eines verdienstvollen Kämpfers und hohen Funktionärs des Geistestätigen-Verbands. Meno hörte mit schmerzverzerrtem Gesicht zu, während die anderen, auch Christian, ungerührt zugriffen. Es ging um Ideale, lichte Zukunft, Lenin und Marx, um Heldentaten auf der Baustelle des Morgen, um die Gestaltung des Kommunismus und» Um dich, Genosse, der du friedlich frühstückst, / ledig der Sorgen derer / auf Wacht!«Stahl hielt inne im Semmelaufsägen.»Sag mal, Meno, und so was mußt du jeden Tag lesen? Du friedlich frühstückender …«
«Fontane?«schlug der Schiffsarzt vor und spitzte die Lippen auf der Suche nach seinen» Heilpunkt«-Verdauungspastillen. Meno hatte noch immer den schmerzverzerrten Gesichtsausdruck. Der Ingenieur legte das Messer beiseite, winkelte den Arm vor der Brust und stützte das Kinn auf die Hand, um mit vibrierenden Nasenflügeln, hin und wieder aufglucksend, zu lauschen. Christian erkannte die günstige Gelegenheit und gabelte zwei Aprikosenschnitten.
«Das ist das, was die in Ostrom gerne hören. Wenn es nach denen ginge, sollten die Schriftsteller nur solches Zeug schreiben.«
«Müssen die das senden? Soundsoviele Ferse friedlich frühstückender Funktionäre pro Monat? Könnten doch mal«, Stahl blickte sich suchend um,»was ganz Alltägliches bedichten. Müssen wir auch tun! Fir Fertigungsingenieure fertigen from Faeces Feinkost. Nicht immer nur der Feltraum. Feiere familiärer, Genosse!«
Meno lachte, griff nach seiner Semmel, betrachtete sie eine Weile, Spottlust in den Augen. Er stand auf, streckte die Semmel mit pathetischer Geste von sich:
«Dich, o vollblütige Dresdener Semmel, will ich besingen,
wie du so prächtig und pausbäckig forderst die Freßsucht,
doch kommst du, sag an, aus Elysiums Konsum,
hat vom volkseigenen Backblech geschabt dich der Bäcker Nopper,
stammst du aus Wachendorfs gemütvoll bemehltem Geschäfte,
aus Walthers oder Bäcker Georges frühmorgendlich mürrischen Körben?
Doch wie, o sprich, du teigiges Dresdner Ereignis,
soll dich nennen des Sängers gierig-gefräßiger Mund,
der mit lechzenden Lippen lüsternes Lied dir verfertigt?
Stolz und elastisch wie … Mädchenbrüste? lockst du zum Kosten,
aber ist es ein Kosten nur, was du gewähren
mir sollst, wo doch der Sänger in dich
wie ein hungriger Hund seine Zähne will graben,
um mit tierischem Schlunde und heulend fette Fetzen
aus deinen fantastischen Flanken zu reißen — O! Wie!
Wie nur nenne ich dich, du gebackene Bratsche,
Gummigaumen, Dampfdattel, Dresdner Dudelsack,
kunstgeküßte Knuddelkuppel, wie nur, stumme Dulderin
höllischer Hitze, du Meisterstück des sächsischen Genius’,
o Semmel?«
— Das Lachen brach jäh ab, als von der Tür, die zur Wendeltreppe und in den unteren Hausflur führte, Applaus geklatscht wurde. Alle wandten die Köpfe. Die beiden jungen Männer, die ihre Hände jetzt senkten und langsam in die Hosentaschen schoben, wirkten keineswegs unsicher. Die Röte auf ihren Gesichtern schien eher aus fröhlicher Anteilnahme als aus Verlegenheit zu kommen, und niemals hätte Christian, der den Blick zwischen den Zwillingen und der Tischgesellschaft hin- und herwechselte, die Unbefangenheit aufgebracht, mit der sie, kichernd und die Wohlgeratenheit der Pflanzen links und rechts lobend, näherschlenderten. Es waren eineiige Zwillinge, und zur verwirrenden Ähnlichkeit ihres Äußeren kam hinzu, daß sie auch noch gleich gekleidet waren in weiße Feinstrick-Rollkragenpullover mit Zopfmuster, schon etwas abgetragene Jeans und Turnschuhe.»Dies ist ein Privatraum, Herr … Kaminski?«Stahl hatte sich als erster von seiner Überraschung erholt und wies mit dem Messer, an dessen Spitze noch ein Butterschnitz klebte, über den Wintergarten.