Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Das ist der Amethyst«, sagte Meno, in dessen Augen die bläulichen und purpurnen Lichtreflexe des Kristalls hin- und herhuschten.
Emmy hatte einen Anteil am Barometer übernommen, und vom Geschenk der Tietzes hatte Christian von Ezzo gehört, es lag zu Hause in der Karavelle: eines von Niklas’ schönen vernickelten Stethoskopen aus St. Petersburg.
«Na, ihr beiden, was schaut ihr euch denn an? Meine Güte, Gudrun, und da heißt’s, der arme Osten«, schaltete sich Barbara ein und klimperte mit den schrill lackierten Fingernägeln auf dem Tisch.»Wie findest du übrigens Inas Kleid? Wir haben den Schnitt aus einer von Wieners Zeitschriften genommen, was in unseren steht, kannst du getrost vergessen. Soll ich dir einen Termin bei ihm machen?«
«Ich war erst gestern beim Friseur, liebe Barbara. Bei Schnebel.«
«Gudrun, ganz ehrlich, das sieht man leider. Schick’ doch mal Reglinde vorbei, sie hat fast Inas Maße, und niemand kann was gegen aufregendere Begräbnischoräle haben.«
«Der Erfolg eines Kleids ist der Heiratsantrag an die Frau, wie Eschschloraque in seinem neuen Stück sagt. Bißchen chauvinistisch, ich meine, um Gottes Willen, Barbara, aber wir spielen’s gerade. Und Ina kommt ja bald in das Alter, wo Schultern frei riskant wird.«
Was Barbara überhörte. Sie hielt das Oldtimer-Buch in der Hand, das die Wolfsstein-Hoffmanns geschenkt hatten.»Richard und seine Basteleien … Na, enöff. Männer müssen beschäftigt werden, sonst kommen sie auf dumme Ideen. Das merke dir, Christian. Seid ihr vorhin bei Hans vorbeigekommen? Hin oder her, es ist der Fünfzigste seines Bruders, da ist es offen gestanden nicht die feine englische … enöff.«
«Iris hat angerufen«, sagte Meno.»Sie haben die Masern.«
«Was?!«Gudrun fuhr entsetzt zurück.»Und das sagst du mir erst jetzt? Die Masern! Das kann für Erwachsene … tödlich sein! Diese Viren, habe ich neulich gelesen, besitzen eine fürchterliche Ansteckungskraft! Und die sind ja dann auch an diesem Buch!«
«Muriel versichert, sie habe es nur mit Handschuhen angefaßt, und Hans hat es sogar desinfiziert«, beruhigte Meno.
«Muriel, dieses Träumerchen!«
Christian dachte an seine Cousine, die er still kannte und entschieden, aber nicht als» Träumerchen«. Die beiden Frauen entführten Meno. Christian nahm das Barometer aus dem Beutel und gab es Anne, die mit den anderen hereinkam. Er war gespannt, wie sein Vater das Geschenk aufnehmen würde und ob es neben der» Tauwetterlandschaft «würde bestehen können.»O-ohr«, entfuhr es gleichzeitig Richard, Emmy und Ezzo, der sich an den Tisch gedrängelt hatte.
«Eigotthe! Das is ja ä Brungk-schdigg, mei Schunge«, Emmy schlug die Hände zusammen.
«Allerdings. Das ist es. «Richard strich vorsichtig über das Barometer. Schnitzwerk aus Eichenholz faßte die Mechanik und, darüber, ein Thermometer, auf dem eine Réaumur- und eine Celsius-Skala angegeben waren.»Aneroid-Barometer«, stand in Frakturschrift auf der weißen Skalierung der Federdose geschrieben, darunter der Name der Herstellerfirma: Oscar Bösolt, Dresden. Über dem Luftdruckzeiger befand sich eine Stellnadel zum Ablesen der Druckänderung. Das von Lange noch einmal nachpolierte und geölte Holz besaß einen satten Schimmer; alle wollten es berühren. Stilisierte Wasserpflanzen rahmten die Federdose und gingen am unteren Ende in zwei Delphine über, die ihre Schwänze kreuzten und deren Mäuler die pfeilartigen Pflanzenblätter verschluckten. Aus diesen Blättern wuchsen, das Thermometer in einer lyraähnlichen Figur einrahmend, zwei schlanke Stengel, die sich nach oben allmählich verdickten und ansatzlos wiederum in zwei Delphine übergingen, deren Leiber unter je einem Paar Binsen das Barometer links und rechts oben abschlossen. In der Mitte, über dem Thermometer, saß ein Vogel mit gebreiteten Flügeln; der Leib war wurmstichig, und von den hölzernen Federn waren hier und dort Stücke abgebrochen.
Meno erzählte, wie sie das Barometer entdeckt und schließlich erworben hatten.»Es gehörte dem Wirt, der im ehemaligen Vereinshaus der Elbefischer die Kneipe betreibt. Lange kennt ihn. Erst wollte er es gar nicht verkaufen, obwohl er doch annonciert hatte. Aber Lange hat vermittelt. Christian ist heute dort gewesen, und so haben wir es bekommen.«
«Aber — meine Guten, das hat doch ein Heidengeld gekostet, das könnt ihr doch nicht machen. Wieviel … Also, ich meine: Wieviel habt ihr bezahlt? Da lege ich was dazu, das ist doch selbstverständlich.«
«Das verraten wir nicht. Anne sagt, daß du dir schon immer ein schönes Barometer gewünscht hast. Na, hier ist es.«
«Meno …«
«Wir haben zusammengelegt«, unterbrach Anne.»Es ist ein Geschenk der Familie an dich. Jeder hat nach seinen Möglichkeiten gegeben, und wenn wir’s ins Wohnzimmer hängen, ich hab’ mir gedacht, an das Wandstück über dem Fernseher, haben wir ja schließlich auch alle was davon, nicht?«
Richard umarmte Emmy und Meno, küßte Anne, dann seine Söhne, die beide das Gesicht verzogen — es war ihnen peinlich vor all den anderen, vor allem vor Reglinde und Ina.
«Danke, meine Lieben. So ein schönes Geschenk … Ich danke euch allen. Und ich dachte an einen oder zwei Pullover, einen Schlips oder ähnliches … Ihr habt euch alle so in Unkosten gestürzt für mich …«
«Kommt, setzt euch«, sagte Anne. Meno packte das Barometer vorsichtig wieder ein, legte es auf den Geschenketisch zurück.»Schönes Stück, feine Arbeit. «Niklas nickte anerkennend.»Jetzt weißt du immer, wie die Großwetterlage ist, Richard.«
«Tauwetterlandschaft?«fragte Sandor schmunzelnd, der sich bisher kaum an der allgemeinen Unterhaltung beteiligt hatte.»Ja, das werden wir sehen. «Niklas wischte sich über den Rücken seiner mächtigen Adlernase, auf der man noch den rötlichen Abdruck der Brillenstütze sehen konnte.»Das werden wir sehen«, wiederholte er nickend und zog die Stirn in Falten.
Kleine Gesprächskreise bildeten sich. Ulrich und Kurt Rohde unterhielten sich leise, Emmy, Barbara und Gudrun hörten Alice zu; die beiden Mädchen hatten die Köpfe zusammengesteckt und tuschelten kichernd. Adeling, der als einziger Kellner im Raum geblieben war, brachte Wein, Radeberger und Wernesgrüner Pils, Margonwasser und Gläser; Anne Schalen mit Gebäck und Nüssen. Ezzo und Robert fachsimpelten über die letzten Spiele von Dynamo Dresden; Christian hörte den Männern zu, die, wie fast immer bei solchen Anlässen, über Politik sprachen. Besonders Richard war hier in seinem Element.
«Wenn man bedenkt, was dieser Andropow gesagt hat … Habt ihr das gelesen? Es stand ja groß und breit in allen Zeitungen … Natürlich wieder das übliche Blabla. Sandor, Alice, habt ihr Lust auf einen Schnellkurs in ›Wie schreibe ich drei Seiten Zeitung voll, in schmalrheinischem Format, ohne ein einziges klares Wort zu sagen‹? Das muß man sich alles herausklauben und zusammenreimen. Ich empfehle euch die Lektüre unserer Wurst- und Käseeinwickelpapiere namens ›Sächsische Neueste Nachrichten‹, ›Sächsisches Tageblatt‹ und, vor allem, ›Sächsische Zeitung‹!«
«Richard, nicht so laut«, dämpfte Anne ab, sich ängstlich umsehend.
«Versteh’ schon. Habt ihr das gelesen?«
«War ja nicht zu übersehen«, brummte Niklas.»Aber ich tu’ mir diese Bleiwüsten nicht mehr an. Immerhin ist mir aufgefallen, daß er weiter voran auf dem Kurs des XXVI. Parteitages schreiten will.«
«Hättest du was anderes erwartet?«
«Nee. In der Kapelle haben sie auch schon diverse Sprüche darüber gemacht, zum Beispiel, er hätte sagen sollen, weiter voran auf einem ganz anderen Kurs …«
«Und weg vom Hochprozentigen. Guckt euch die Typen an, die an Breshnews Sarg vorbeidefiliert sind. Die gedunsenen Gesichter! Alles Säufer, meine Hand dafür. Fünfundzwanzig Jahre Nachtdiensterfahrung. Sozialismus — kaputte Leber und Ösophagusvarizen. ’ne blutrote Fahne hat er ja schon.«