Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Wie auch immer, jedenfalls wusste ich genau, dass ich unbeliebt war – ich hatte allerdings keine Ahnung, wie unbeliebt, bis zu dem Tag, an dem die Kellergrube fertig wurde und mit dem Fundament begonnen werden konnte.«
Bonnet hielt inne, um an seiner Zigarre zu ziehen, damit sie nicht ausging. Er blies Rauchwölkchen aus den Mundwinkeln, weiße Schlieren, die sich an seinem Kopf vorbei auf das allgegenwärtige Weiß des Nebels zuschlängelten.
»Die Gräben waren fertig«, fuhr er fort, die Zigarre zwischen die Zähne geklemmt, »und die Wände begonnen; ein großer Felsblock stand für den Grundstein bereit. Ich war essen gewesen und war unterwegs zu meinem Schlafplatz, als mich zu meiner Überraschung zwei der Jungs einholten, mit denen ich zusammenarbeitete.
Sie hatten eine Flasche dabei; sie setzten sich auf eine Mauer und drängten mich, mit ihnen zu trinken. Ich hätte es ahnen sollen, denn sie waren freundlich zu mir, und das war noch nie vorgekommen. Aber ich trank und trank, und innerhalb kürzester Zeit war ich völlig betrunken, denn ich war nicht an Schnaps gewöhnt, weil ich nie genug Geld hatte, um mir Hochprozentiges zu kaufen. Als es dunkel wurde, war ich gut abgefüllt und dachte gar nicht daran, mich loszureißen, als sie mich bei den Armen packten und mich die Gasse herunterdrängten. Dann hoben sie mich hoch, warfen mich über eine halbfertige Mauer, und zu meiner Überraschung fand ich mich auf dem feuchten Erdboden der Kellergrube wieder, die ich selbst mitgegraben hatte.
Und sie waren alle da, die Arbeiter. Und es war noch jemand bei ihnen; einer von ihnen hatte eine Laterne, und als er sie hochhielt, konnte ich sehen, dass es der dumme Joey war. Der dumme Joey war ein Bettler, der unter der Brücke lebte – er hatte keine Zähne, und er aß verwesende Fische und Dung, der im Fluss trieb, und er stank schlimmer als der Frachtraum eines Sklavenschiffes.
Ich war so benommen vom Whisky und meinem Sturz, dass ich liegen blieb, wo ich war, und ihre Unterhaltung nur halb mitbekam – oder besser ihren Streit, denn der Anführer der Bande war wütend, weil die zwei mich mitgebracht hatten. Der Idiot würde reichen, sagte er; man würde ihm sogar einen Gefallen tun. Aber die zwei, die mich mitgebracht hatten, sagten nein, besser ich. Jemand könnte den Bettler vermissen, sagten sie. Dann lachte jemand und sagte aye, und sie brauchten mir den Lohn der letzten Woche nicht zu bezahlen, und da begriff ich, dass sie vorhatten, mich umzubringen.
Sie hatten sich schon vorher bei der Arbeit darüber unterhalten. Ein Opfer, sagten sie, für das Fundament, damit die Erde nicht bebte und die Wände nicht einstürzten. Aber ich hatte nicht darauf geachtet – und selbst wenn, dann wäre ich nie darauf gekommen, dass sie nicht einfach vorhatten, einem Hahn den Kopf abzuschlagen, wie sonst auch.«
Er hatte Roger während seiner Rezitation nicht angesehen, sondern blickte stattdessen gebannt in den Nebel, als ereigneten sich die Geschehnisse, die er beschrieb, erneut, irgendwo hinter dem weißen Nebelvorhang.
Roger hing die Kleidung am Körper, klebrig und zum Auswringen nass vom Nebel und von kaltem Schweiß. Sein Magen verkrampfte sich, und der Jauchegestank des Zwischendecks hätte genauso gut die Ausdünstung des dummen Joey in jenem Keller sein können.
»Also machten sie ein bisschen Palaver«, fuhr Bonnet fort, »und der Bettler fing an, laut zu werden, weil er noch etwas zu trinken wollte. Und am Ende sagte der Anführer, es wäre Wortverschwendung, er würde mit einer Münze entscheiden. Dann nahm er eine Münze aus der Tasche und fragte mich lachend: ›Also, Mann, willst du Kopf oder Zahl?‹
Mir war zu übel, als dass ich ein Wort hätte sagen können; der Himmel war schwarz und drehte sich, und in meinen Augenwinkeln flackerten pausenlos Lichtblitze auf wie Sternschnuppen. Also sagte er es für mich; Geordies Kopf, und ich würde leben, Geordies Hintern, und ich würde sterben, und damit warf er den Schilling in die Luft. Er landete neben meinem Kopf im Dreck, aber ich hatte nicht die Kraft, mich umzudrehen und nachzusehen.
Er bückte sich, sah nach und grunzte, dann stand er auf und beachtete mich nicht mehr.«
Ihre ruhigen Schritte hatten sie zum Heck geführt. Dort blieb Bonnet stehen, legte die Hände auf die Reling und rauchte schweigend. Dann nahm er die Zigarre aus dem Mund.
»Sie zogen den Idioten zu der Wand, die im Bau war, und setzten ihn an ihren Fuß. Ich erinnere mich noch an sein dummes Gesicht«, sagte er leise. »Er trank, und er lachte mit ihnen, und sein Mund stand offen – schlaff und feucht wie die Fotze einer alten Hure. Im nächsten Moment kam der Stein von der Mauerkrone geflogen und zerschmetterte ihm den Kopf.«
Feuchte Tropfen hatten sich an den Haarstoppeln in Rogers Nacken gesammelt; er spürte, wie sie einzeln herunterrannen und ihm kalt die Wirbelsäule hinunterliefen.
»Sie haben mich aufs Gesicht gedreht und mir einen Schlag verpasst«, fuhr Bonnet ungerührt fort. »Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden eines Fischerbootes. Der Fischer hat mich in der Nähe von Peterhead ans Ufer gesetzt und gesagt, er würde mir raten, mir wieder ein Schiff zu suchen – er könnte mir ansehen, hat er gesagt, dass ich nicht fürs Land gemacht war.«
Er hielt die Zigarre hoch und klopfte sanft mit dem Finger darauf, um die Asche zu lösen.
»Übrigens«, sagte er, »haben sie mir meinen Lohn gegeben; als ich nachsah, war der Schilling in meiner Tasche. Ah, sie waren schon ehrliche Männer.«
Roger lehnte sich an die Reling und umklammerte das Holz, das einzig Stabile in einer Welt, die weich und nebulös geworden war.
»Und seid Ihr wieder an Land gegangen?«, fragte er, und seine eigene Stimme klang übernatürlich ruhig, als gehörte sie jemand anderem.
»Ihr meint, habe ich sie gefunden?« Bonnet drehte sich um und lehnte sich an die Reling, so dass er Roger halb zugewandt war. »Oh, ja. Jahre später. Einen nach dem anderen. Aber ich habe sie alle gefunden.« Er öffnete die Hand, in der er die Münze hielt, hielt sie nachdenklich vor sich und drehte sie hin und her, so dass das Silber im Licht der Laterne schimmerte.
»Kopf, und man lebt, Zahl, und man stirbt. Eine gerechte Chance, meint Ihr nicht, MacKenzie?«
»Für sie?«
»Für Euch.«
Die leise, irische Stimme war so teilnahmslos, als stellte sie Beobachtungen über das Wetter an.
Wie im Traum spürte Roger, wie sich das Gewicht des Schillings erneut in seine Hände senkte. Er hörte, wie das Wasser an der Bordwand saugte und zischte, hörte die Wale blasen – und hörte die Saug- und Zischgeräusche, wenn Bonnet an seiner Zigarre zog. Sieben Wale einen Cirein Croin.
»Eine gerechte Chance«, sagte Bonnet. »Einmal habt Ihr Glück gehabt, MacKenzie. Mal sehen, ob Danu Euch noch einmal beisteht – oder ob es diesmal der Seelenfresser ist?«
Der Nebel hatte sich auf das Deck gesenkt. Es war nichts zu sehen außer Bonnets Zigarre, ein brennender Zyklop im Dunst. Der Mann hätte wirklich ein Teufel sein können, ein Auge vor dem Elend der Menschen verschlossen, ein Auge offen für die Dunkelheit. Und Roger stand ihm ausgeliefert da, und sein Schicksal leuchtete silbern in seiner Hand.
»Es ist mein Leben; ich darf es mir aussuchen«, sagte er und war überrascht, wie ruhig und stetig seine Stimme klang. »Zahl – Zahl ist für mich.« Er warf die Münze, fing sie auf, schlug die eine Hand fest auf den Rücken der anderen und umschloss die Münze und ihr unbekanntes Urteil.
Er schloss die Augen und dachte ganz kurz an Brianna. Tut mir leid, sagte er schweigend zu ihr und hob die Hand.
Ein warmer Atemhauch lief über seine Haut, und dann spürte er eine kühle Stelle auf seinem Handrücken, als die Münze entfernt wurde, doch er bewegte sich nicht, öffnete die Augen nicht.
Es dauerte eine ganze Zeit, bis er begriff, dass er allein war.
Neunter Teil