Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Passionnément
Kapitel 40
Das Jungfrauenopfer
Wilmington
in der Kolonie North Carolina
1. September 1769
Dies war der dritte Anfall von Lizzies mysteriöser Krankheit. Nach dem ersten schlimmen Fieberanfall hatte es so ausgesehen, als erholte sie sich, und nachdem sie einen Tag lang Kräfte gesammelt hatte, hatte sie darauf bestanden, reisefähig zu sein. Doch sie waren von Charleston nur einen Tagesritt weit nach Norden gelangt, als das Fieber erneut zuschlug.
Brianna hatte den Pferden die Vorderbeine gefesselt und hastig ein Lager an einem kleinen Bach aufgeschlagen, dann war sie während der ganzen Nacht ein ums andere Mal zum Wasser gegangen und im Dunkeln ein schlammiges Ufer hinauf- und hinuntergeklettert, um in einem kleinen Topf Wasser zu holen, das sie Lizzie in die Kehle und über den dampfenden Körper tropfen ließ. Sie hatte keine Angst vor dem dunklen Wald oder vor wilden Tieren, doch der Gedanke, dass Lizzie in der Wildnis sterben könnte, meilenweit von jeder Hilfe entfernt, entsetzte sie so sehr, dass sie sich vornahm, nach Charleston zurückzukehren, sobald Lizzie wieder auf einem Pferd sitzen konnte.
Doch am Morgen war das Fieber gesunken, und obwohl Lizzie schwach und bleich war, hatte sie reiten können. Brianna hatte gezögert, sich aber schließlich dafür entschieden, weiter nach Wilmington zu drängen, anstatt zurückzukehren. Zu dem Drang, der sie bis hier getrieben hatte, gesellte sich jetzt ein weiterer Ansporn; sie musste ihre Mutter finden, um Lizzies willen genauso wie um ihrer selbst willen.
Brianna, die meistens in der letzten Reihe ihrer Klassenfotos gestanden hatte, hatte ihre Körpergröße nie besonders geschätzt, doch als sie älter wurde, hatte sie die Vorteile ihrer Größe und Kraft zu spüren begonnen. Und je mehr Zeit sie in dieser elenden Gegend verbrachte, desto größer kamen ihr diese Vorteile vor.
Sie stützte eine Hand auf den Bettrahmen, während sie mit der anderen den Nachttopf unter Lizzies zerbrechlichen, weißen Pobacken hervorzog. Lizzie war dürr, aber überraschend schwer und kaum halb bei Bewusstsein; sie stöhnte und zuckte unablässig, und immer wieder verstärkte sich das Zucken plötzlich zu einem ausgewachsenen Schüttelkrampf.
Jetzt begann das Zittern ein wenig nachzulassen, obwohl Lizzie die Zähne immer noch so fest zusammengebissen hatte, dass ihre scharfen Kieferknochen wie Stützpfeiler unter ihrer Haut vorstanden.
Malaria, dachte Brianna zum dutzendsten Mal. Das musste es sein, so, wie es immer wiederkam. Auf Lizzies Hals war eine Anzahl kleiner, roter Pusteln zu sehen, die Hinterlassenschaft der Moskitos, die sie pausenlos geplagt hatten, seit Land in Sichtweite der Phillip Alonzo gekommen war. Sie waren zu weit im Süden gelandet und hatten drei Wochen damit vertan, sich durch die flachen Ufergewässer nach Charleston zu schlängeln, wobei sie ständig von blutsaugenden Insekten gebissen worden waren.
»Prima. Geht’s dir etwas besser?«
Lizzie nickte schwach und versuchte zu lächeln, was zur Folge hatte, dass sie aussah wie eine weiße Maus, die einen vergifteten Köder gefressen hatte.
»Wasser, Schätzchen. Versuch mal ein bisschen, nur einen Schluck.« Brianna hielt Lizzie einladend den Becher an die Lippen. Sie hatte ein starkes Déjà-vu-Gefühl und stellte fest, dass ihre Stimme das Echo ihrer Mutter war, in den Worten genauso wie im Tonfall. Diese Erkenntnis war seltsam tröstend, als stünde ihre Mutter irgendwo hinter ihr und spräche durch sie.
Doch wenn hier ihre Mutter gesprochen hätte, dann wäre als Nächstes das St.-Josephs-Aspirin mit Orangengeschmack gekommen, eine kleine, wohlschmeckende Lutschtablette, gleichermaßen Belohnung wie Medizin, die Schmerzen und Fieber genauso schnell zu vertreiben schien, wie sich die kleine, saure Tablette auf ihrer Zunge auflöste. Brianna warf einen trostlosen Blick auf ihre Satteltaschen, die an einer Ecke ausgebeult waren. Da war kein Aspirin; Jenny hatte ihr ein kleines Bündel mit Kräutervorräten mitgegeben, doch von dem Kamillen- und Pfefferminztee hatte Lizzie sich nur übergeben.
Chinin, das war es, was man Menschen mit Malaria gab; das war es, was sie brauchte. Doch sie hatte keine Ahnung, ob man es hier überhaupt Chinin nannte oder wie man es verabreichte. Doch Malaria war eine alte Krankheit, und Chinin wurde aus Pflanzen gewonnen – ein Arzt würde doch sicher welches haben, wie es auch immer genannt wurde?
Nur die Hoffnung auf ärztliche Hilfe hatte sie Lizzies zweiten Anfall durchstehen lassen. Aus Angst, noch einmal auf offener Straße pausieren zu müssen, hatte sie Lizzie vor sich mit auf das Pferd genommen, den Körper des Mädchens beim Reiten an sich gedrückt und Lizzies Pferd geführt. Lizzie war abwechselnd vor Hitze aufgeflammt oder hatte sich vor Kälte geschüttelt, und sie waren beide schlaff vor Erschöpfung in Wilmington angekommen.
Doch hier waren sie nun, mitten in Wilmington und doch so weit von wirklicher Hilfe entfernt wie eh und je. Mit angespannten Lippen blickte Brianna zum Nachttisch. Dort lag ein zusammengeballter Lappen mit Blutspritzern.
Die Wirtin hatte einen Blick auf Lizzie geworfen und nach einem Apotheker geschickt. Trotz allem, was ihre Mutter ihr über den primitiven Stand der hiesigen Medizin und ihrer Vertreter gesagt hatte, hatte Brianna beim Anblick des Mannes einen plötzlichen, intensiven Sog der Erleichterung verspürt.
Der Apotheker war ein anständig gekleideter, junger Mann mit freundlicher Ausstrahlung und einigermaßen sauberen Händen gewesen. Wie es auch immer um seine medizinischen Kenntnisse stand, wahrscheinlich wusste er mindestens so viel über Fieberkrankheiten wie sie. Und was wichtiger war, sie konnte sich dem Gefühl hingeben, mit der Verantwortung für Lizzie nicht mehr allein zu sein.
Der Anstand gebot ihr, aus dem Zimmer zu gehen, als der Apotheker das Leinentuch wegzog, um seine Untersuchung durchzuführen, und erst als sie einen leisen Schmerzensschrei hörte, riss sie die Tür auf. Sie fand den jungen Apotheker mit einem Skalpell in der Hand vor, und Lizzie war kreidebleich, während Blut aus einem Schnitt in ihrer Ellenbeuge lief.
»Aber das ist gut für die Temperamente, Miss!«, hatte sich der Apotheker verteidigt. »Versteht Ihr denn nicht? Man muss ihr die Temperamente entziehen! Wenn man es nicht tut, wird sich heißer Gallensaft in ihren Organen in Gift verwandeln und ihren ganzen Körper anfüllen, und es wird ihr sicheres Verderben sein!«
»Es wird Euer sicheres Verderben sein, wenn Ihr nicht geht«, hatte Brianna ihn mit zusammengebissenen Zähnen informiert. »Fort mit Euch, sofort!«
Sein medizinischer Eifer war seinem Selbsterhaltungstrieb gewichen, und der junge Mann hatte seinen Koffer ergriffen und sich mit größtmöglicher Würde zurückgezogen. Am Fuß der Treppe hatte er angehalten, um ihr finstere Warnungen zuzurufen.
Diese Warnungen hallten ihr noch in den Ohren wider, wenn sie nicht gerade nach unten unterwegs war, um die Schüssel aus dem Kupferkessel in der Küche zu füllen. Die Worte des Apothekers zeugten zum Großteil schlicht von Ignoranz – Gefasel über Temperamente und schlechtes Blut –, doch einige riefen sich immer wieder mit unangenehmer Intensität in Erinnerung.
»Wenn Ihr meinen gutgemeinten Rat nicht annehmt, Miss, dann könnt Ihr Euer Mädchen gleich zum Tode verurteilen!«, hatte er gerufen, das indignierte Gesicht im Dunkel des Treppenhauses nach oben gewandt. »Ihr wisst ja selbst nicht, was Ihr für sie tun sollt!«
Das stimmte. Sie wusste ja nicht einmal genau, was für eine Krankheit Lizzie hatte; der Apotheker hatte es als »Wechselfieber« bezeichnet, und die Wirtin hatte von der »Eingewöhnung« gesprochen. Es war ganz normal, dass neu angekommene Immigranten wiederholt krank wurden, denn sie waren ja einem ganzen Regiment von neuen Erregern ausgesetzt. Den unverhüllten Bemerkungen der Wirtin zufolge war es außerdem ganz normal, dass solche Immigranten diesen Eingewöhnungsprozess nicht überlebten.