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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Im Vorzimmer wurde die Außentür geöffnet; es fragte jemand: »Sind die Herrschaften zu Hause?«, und es wurden Schritte vernehmbar. Natascha blickte in den Spiegel; aber sie sah sich nicht. Sie hörte im Vorzimmer sprechen. Als sie sich dann sah, war ihr Gesicht blaß. Das war »er«. Sie wußte es bestimmt, obwohl sie den Ton seiner Stimme durch die geschlossene Tür nur schwach hatte hören können.

Blaß und erschrocken lief sie in den Salon.

»Mama, Bolkonski ist gekommen«, sagte sie. »Mama, das ist furchtbar, das kann ich nicht ertragen! Ich will diese Pein nicht aushalten! Was soll ich nur tun?«

Die Gräfin hatte noch nicht Zeit gehabt, ihr zu antworten, als schon Fürst Andrei mit ernstem, aufgeregtem Gesicht in den Salon trat. Sobald er Natascha erblickte, begann sein Gesicht zu strahlen. Er küßte der Gräfin und Natascha die Hand und setzte sich auf einen Sessel neben dem Sofa.

»Wir haben so lange nicht das Vergnügen gehabt …«, begann die Gräfin; aber Fürst Andrei unterbrach sie, indem er die in ihren Worten liegende Frage beantwortete und offenbar eilte, auf den eigentlichen Zweck seines Besuches zu kommen.

»Ich bin diese ganze Zeit her nicht bei Ihnen gewesen, weil ich bei meinem Vater war; ich mußte mit ihm über eine sehr wichtige Angelegenheit Rücksprache nehmen. Erst in dieser Nacht bin ich zurückgekommen«, sagte er und warf dabei einen Blick zu Natascha hin. »Ich muß mit Ihnen sprechen, Gräfin«, fügte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu.

Die Gräfin seufzte schwer und schlug die Augen nieder.

»Ich stehe zu Ihren Diensten«, erwiderte sie.

Natascha wußte, daß sie hinausgehen sollte; aber sie fühlte sich außerstande, dies zu tun: es schnürte ihr etwas die Kehle zu, und unhöflich, mit weitgeöffneten Augen blickte sie den Fürsten Andrei starr an.

»Wird es jetzt gleich geschehen? Diesen Augenblick …? Nein, es kann nicht sein!« dachte sie.

Er sah sie wieder an, und dieser Blick überzeugte sie, daß sie sich nicht getäuscht hatte. Ja, jetzt, in diesem Augenblick hatte sich ihr Schicksal entschieden.

»Geh, Natascha, ich werde dich rufen«, flüsterte ihr die Gräfin zu.

Natascha blickte mit angstvoll flehenden Augen den Fürsten Andrei und ihre Mutter an und ging hinaus.

»Ich bin gekommen, Gräfin, um Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten«, sagte Fürst Andrei.

Das Gesicht der Gräfin färbte sich dunkelrot; aber sie antwortete eine Zeitlang nicht.

»Ihr Antrag …«, begann sie dann in würdigem Ton. Fürst Andrei schwieg und blickte ihr in die Augen. »Ihr Antrag …« (sie wurde verlegen) »ist uns angenehm, und … ich nehme Ihren Antrag an; ich freue mich sehr. Auch mein Mann wird … wie ich hoffe … Aber es wird von ihr selbst abhängen …«

»Ich werde sie fragen, sobald ich Ihre Einwilligung erlangt habe. Wollen Sie mir Ihre Einwilligung geben?« sagte Fürst Andrei.

»Ja«, antwortete die Gräfin, streckte ihm die Hand hin und drückte, als er sich über ihre Hand beugte, mit einem aus Fremdheit und Herzlichkeit gemischten Gefühl ihre Lippen auf seine Stirn. Sie war willens, ihn wie einen Sohn zu lieben; aber sie fühlte, daß er ihr fremd war und ihr Furcht einflößte. »Ich bin überzeugt, daß mein Mann einverstanden sein wird«, sagte die Gräfin. »Aber Ihr lieber Vater …«

»Mein Vater, dem ich von meiner Absicht Mitteilung machte«, erwiderte Fürst Andrei, »hat zur unerläßlichen Bedingung seiner Einwilligung gemacht, daß die Hochzeit erst in einem Jahr stattfinden solle. Auch hiervon wollte ich Sie in Kenntnis setzen.«

»Natascha ist ja freilich noch sehr jung; aber das ist doch sehr lange.«

»Es war nicht anders möglich, seine Einwilligung zu erlangen«, antwortete Fürst Andrei mit einem Seufzer.

»Ich werde sie Ihnen herschicken«, sagte die Gräfin und verließ das Zimmer.

»Herr, erbarme dich unser«, sagte sie mehrmals vor sich hin, während sie ihre Tochter suchte.

Sonja sagte ihr, daß Natascha im Schlafzimmer sei. Natascha saß auf ihrem Bett, blaß, mit trockenen Augen, blickte nach den Heiligenbildern und flüsterte etwas, wobei sie sich schnell bekreuzte.

»Was ist, Mama …? Was ist?«

»Geh, geh zu ihm. Er hält um deine Hand an«, erwiderte die Mutter, wie es Natascha vorkam, in kaltem Ton. »Geh … geh«, sagte die Mutter noch einmal traurig und vorwurfsvoll zu der davoneilenden Tochter und seufzte schwer.

Natascha wußte gar nicht, wie sie nach dem Salon gekommen war. Als sie in die Tür trat und ihn erblickte, blieb sie stehen. »Ist dieser fremde Mann jetzt wirklich mein alles geworden?« fragte sie sich und antwortete augenblicklich: »Ja, mein alles; er allein ist mir jetzt teurer als alles in der Welt.« Fürst Andrei trat mit gesenkten Augen an sie heran.

»Ich habe Sie von dem Augenblick an liebgewonnen, wo ich Sie zum erstenmal gesehen habe. Darf ich hoffen?«

Er sah sie an, und die ernste Leidenschaftlichkeit, die sich auf ihrem Gesicht ausprägte, überraschte ihn. Ihr Gesicht schien zu sagen:

»Wozu noch fragen? Wozu noch zweifeln an dem, was einem nicht unbekannt sein kann? Wozu noch reden, da man doch nicht mit Worten ausdrücken kann, was man fühlt?«

Sie näherte sich ihm und blieb stehen. Er ergriff ihre Hand und küßte sie.

»Lieben Sie mich?«

»Ja, ja«, antwortete Natascha in einem Ton, als ob sie ärgerlich wäre; dann seufzte sie tief und noch einmal und immer häufiger und brach in Schluchzen aus.

»Warum? Was ist Ihnen?«

»Ach, ich bin so glücklich«, erwiderte sie, durch ihre Tränen lächelnd, beugte sich näher zu ihm, überlegte eine Sekunde lang, als ob sie sich fragte, ob sie das dürfe, und küßte ihn.

Fürst Andrei hielt ihre beiden Hände in den seinen, blickte ihr in die Augen und fand in seiner Seele nicht mehr die frühere Art von Liebe zu ihr. In seiner Seele war plötzlich eine Veränderung vorgegangen: er fühlte nicht mehr den früheren poetischen, geheimnisvollen Reiz des Verlangens, sondern eine Art von Mitleid mit ihrer weiblichen, kindlichen Schwäche, eine Furcht vor ihrer Hingebung und ihrem rückhaltlosen Vertrauen, ein drückendes und zugleich beglückendes Bewußtsein der Pflicht, die ihn nun für das ganze Leben mit ihr verband. Dieses jetzige Gefühl war zwar nicht so hell und poetisch wie das frühere, aber dafür ernster und stärker.

»Hat Ihnen Ihre Mama gesagt, daß es nicht vor Ablauf eines Jahres möglich ist?« fragte Fürst Andrei, indem er ihr immer noch in die Augen blickte.

»Bin ich das wirklich, ich, der Backfisch, wie sie mich alle nannten?« dachte Natascha. »Bin ich jetzt wirklich von diesem Augenblick an eine Frau, die gleichstehende Lebensgefährtin dieses fremden, liebenswürdigen, klugen Mannes, den sogar mein Vater hochschätzt? Ist das wirklich wahr? Ist es wirklich wahr, daß ich das Leben jetzt nicht mehr als einen Scherz betrachten darf, daß ich nun eine Erwachsene bin und für jede meiner Handlungen, für jedes meiner Worte verantwortlich? Aber wonach hat er mich denn nur gefragt?«

»Nein«, antwortete sie; aber sie erinnerte sich nicht, wonach er gefragt hatte.

»Verzeihen Sie mir«, sagte Fürst Andrei, »aber Sie sind noch so jung, und ich habe schon so viel im Leben erfahren. Ich bin in Sorge um Sie. Sie kennen sich selbst nicht.«

Natascha hörte mit angestrengter Aufmerksamkeit zu, bemüht, den Sinn seiner Worte zu verstehen; aber sie vermochte es trotzdem nicht.

»Wie schwer mir dieses Jahr auch werden wird, durch das mein Glück einen Aufschub erleidet«, fuhr Fürst Andrei fort, »so werden doch Sie in dieser Zeit die Möglichkeit haben, sich selbst zu prüfen. Ich bitte Sie, nach Ablauf des Jahres mich glücklich zu machen; aber Sie sind frei: unsere Verlobung wird ein Geheimnis bleiben, und wenn Sie zu der Überzeugung gelangen sollten, daß Sie mich nicht lieben, oder wenn Sie einen andern liebgewinnen sollten …«, sagte Fürst Andrei mit einem gezwungenen Lächeln.

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