Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
«Ich habe das Blatt im Rachen deines Geliebten gefunden. Er ist daran erstickt!»
Es ist schwer zu beschreiben, was mit Platon in diesem Augenblick geschah. Das Blut wich ihm aus dem Gesicht, es verlor alle Farbe. Gleichzeitig verdrehte er die Augen, bis nur noch seine weißen Augäpfel zu sehen waren, die blind ins Leere starrten. Platon begann zu zittern, als hätte er Schüttelfrost. Zuckend sackte sein Oberkörper in sich zusammen, bis dieser kräftige junge Mann endlich seitlich von der Bank kippte. Krampfend und zitternd schlug er auf, ohne dass er überhaupt nur versucht hätte, den Sturz aufzufangen. Ich hatte Angst, er würde sich die Zunge abbeißen, und steckte ihm den Papyrus mit dem Leseholz quer in den Mund. Platons Zähne bohrten sich in das Blatt, während seine Beine wie Trommelstöcke auf den Boden einschlugen. Ich brüllte ihn an und gab ihm zwei Ohrfeigen, um ihn aus jenem Reich zwischen Leben und Tod zurückzuholen, in das er getreten war, aber er reagierte nicht.
Ich hielt ihn fest gegen den Boden gepresst, bis das schreckliche Zittern nachließ, auch wenn sich seine Muskeln nicht entspannten. Sobald ich ihn für einen Augenblick loslassen konnte, rannte ich in das Häuschen, wo ich zum Glück gleich einen Krug mit Wasser fand. Das schüttete ich dem attischen Prinzen mit Wucht ins Gesicht und brüllte ihn laut und verzweifelt an. Jetzt erst schien der Krampf sich zu lösen, der diesen Körper so gnadenlos in seiner Gewalt gehalten hatte. In Platons Augen trat die Iris wieder hervor. Er sah mich an, erkannte mich aber nicht. Er lag matt in der Wasserlache und kam erst langsam wieder zu sich. Als ihm klar wurde, dass er auf schmutzigem Boden lag, versuchte er sich aufzurichten. Er fiel aber gleich zurück.
«Was ist geschehen?», fragte er.
«Du hattest einen Krampf», entgegnete ich.
«Ja?», sagte er abwesend, während er noch einmal versuchte, sich aufzurichten. Er bewegte sich unbeholfen, fast wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist. Als es ihm endlich gelungen war, sich wenigstens auf den Ellbogen zu stützen, sah er mich wieder an. Erst jetzt erinnerte er sich allmählich, wer ich war.
«Du bist Nikomachos, nicht?», fragte er.
«Ja», bestätigte ich.
Er nickte zaghaft, und sofort stiegen ihm wieder die Tränen in die Augen. Ich selbst war völlig außer mir, trotzdem wollte ich ihn nicht so leicht davonkommen lassen. Ich zeigte auf die Papyrusrolle, die er zerkaut und ausgespuckt hatte.
«Du bleibst dabei, dass du dieses Schriftstück nicht kennst und nie gelesen hast?», fragte ich so streng ich nur konnte. Platon besann sich. Als er den Kopf abwandte, wusste ich, dass ihm wieder eingefallen war, was ich ihm über diesen Papyrus gesagt hatte.
«Ich bleibe dabei», antwortete er matt und richtete sich nun auf. Er wusste, dass ich ihm nicht glaubte, aber er gab sich keine Mühe, mich zu überzeugen. Warum log er? Was hatte es mit diesem Pamphlet nur auf sich?
«Ich bitte dich, geh jetzt», sagte er, als er wieder Herr seiner selbst war und mir ins Gesicht sehen konnte, ohne gleich wieder in Tränen auszubrechen. «Ich muss mich ausruhen und erholen.»
Hätte da nicht ein Neffe von Kritias vor mir gesessen, ich hätte mich nicht so leicht wegschicken lassen. Aber plötzlich durchzuckte wieder jener stechende Schmerz meine Rippen, und ich sah die beiden Schläger vor mir. Ich hatte Angst, ich gebe es zu. Für einen Augenblick zögerte ich, dann stand ich auf und ging zu meinem Pferd. Wer wusste denn, wie weit der Arm dieser Familie reichte? Es war gefährlich, ihr zu nahe zu kommen. Platon erhob sich langsam und elend. In dem Moment fiel mir ein, was mich in seinem Gesicht schon zu Beginn unserer Begegnung an Perianders Vater erinnert hatte: es war die gleiche Trauer in seinen Zügen, ein so tiefer Schmerz, dass er diesen Menschen nie wieder ganz verlassen würde. «Wenn du dich besinnst, findest du mich in der Kaserne der Toxotai», rief ich ihm zum Abschied zu. Platon hob aber nur die Hand, und ich wusste nicht, was diese Geste bedeuten mochte. Dann saß ich auf und ließ den Hain hinter mir.
Es ging zurück in die Stadt. Ich verstand Platon nicht. Er hatte Periander geliebt, dessen war ich mir sicher. Wieso half er mir nicht, wenn es darum ging, seinen Mörder zu finden? War etwa doch Periander der Urheber der Schrift, und wollte Platon dies verbergen, um sein Andenken nicht zu beflecken, oder schützte er einen anderen? Das waren die Fragen, die mich umtrieben, auf die ich aber keine Antwort fand.
So kam ich in der Kaserne an, wo Myson eine weitere Nachricht für mich bereithielt. Es ging Schlag auf Schlag: Die Männer hatten einen stadtbekannten Hehler ausfindig gemacht, dem Perianders Ring gestern zum Kauf angeboten worden war. Er hatte wohl abgelehnt, sicher mehr aus der angeborenen Vorsicht des Betrügers als aus einem anderen Grund heraus. Den Namen des Verkäufers kannte er nicht oder wollte ihn nicht kennen. Aber immerhin: der Ring kursierte. Er suchte einen Käufer, und fanden wir den Ring, so hatten wir vielleicht auch den Mörder.
der nächste vormittag gehörte Anaxos, dem Herrn der Spione, der mich - kaum war ich gemeldet - in seinem dunklen Zimmer hinter der Kanzlei empfing. Er saß an seinem großen Tisch, die feuchten Augen auf ein Papyrus gerichtet, das aufgerollt vor ihm lag. Die Lichter der Lampen rußten und flackerten wie vor drei Tagen. Der Raum roch muffig nach dem Staub der Schriftrollen und den Ausdünstungen dieses Mannes. Anaxos deutete mit einer Bewegung seines Kinns auf den Schemel, und ich setzte mich. Dann sollte ich sprechen.
Teilnahmslos lauschte er meinem Bericht. Er unterbrach mich kein einziges Mal, aber er verriet auch nicht das geringste Interesse. Ich erklärte ihm, wie Periander gestorben war, zeigte ihm den Papyrus aus dem Rachen des jungen Olympiasiegers, erwähnte den fehlenden Ring und die Nachricht, er sei zum Kauf angeboten worden. Ich berichtete, wie ich überfallen und zusammengeschlagen worden war - Anaxos zeigte keine Regung -, schilderte meine Treffen mit Kritias, Sokrates, Charmides und Platon und vergaß auch den Streit, den das alte Weib am Tor gehört zu haben glaubte, nicht. Nur meine Begegnung mit Thrasybulos verschwieg ich vorsichtshalber. Sicher hatten er und seine Freunde einen Vertrauten hier im Strategion, vielleicht sogar in der Kanzlei, und ich war wenig geneigt, Ana-xos auf diesen Mann aufmerksam zu machen. Nichts schätzen Spione weniger, als selbst ausspioniert zu werden, obwohl man einem anderen ja kaum das vorwerfen kann, was man selbst nicht lässt. In diesem Punkte sind diese Männer aber empfindlich und den treulosen Liebhabern ähnlich, die dem eigenen Geliebten nicht den geringsten Fehltritt verzeihen.
Anaxos sagte auch dann noch nichts, als ich mit meinem Bericht zum Ende gekommen war, kaum deutete er ein Nicken an. Dachte er über meine Beobachtungen nach, oder war sein Geist mit etwas anderem beschäftigt? Ich vermochte es nicht zu sagen. Schließlich nahm er den Papyrus, den ich ihm überreicht hatte, und betrachtete ihn sehr lange. Er las ihn sicher zweimal halblaut vor, dann schien er sich an etwas zu erinnern.
«Ich kenne das», sagte er ganz ruhig, kaum an mich gewandt, erhob sich und ging mit schleifendem Schritt aus dem dunklen Zimmer. Ich wartete gespannt und blieb unbeweglich auf meinem einfachen Hocker sitzen. Wieso ließ Anaxos mich hier allein? Trug er keine Sorge um die Geheimnisse, die sich in den Schriftrollen verbargen - Geheimnisse, die nicht einmal die Sonne erblicken durfte? Oder brachte er mich absichtlich in Versuchung und beobachtete mich durch ein unsichtbares Loch in der Wand, um zu erkunden, ob ich der Verlockung erliegen würde, eines dieser Bücher zu entrollen? Ich blieb sitzen und wartete ...
Als Anaxos zurückkehrte, hielt er eine weitere Buchrolle unter dem Arm. Er zögerte noch einen Moment, bevor er sie mir gab, so als überlegte er, ob er sich auf mich verlassen konnte, dann aber hielt er sie mir scheinbar kurzentschlossen hin.
Es war eine schlechte, eine billige Kopie. Der Papyrus und die Schrift waren nicht von der gleichen Art wie das Blatt, an welchem Periander so jämmerlich gestorben war, aber es bestand kein Zweifeclass="underline" Ich hatte es hier mit der gleichen Streitschrift zu tun. Wahrscheinlich hatte einer seiner Spione diese Rolle in aller Heimlichkeit nachts stehlen und abschreiben müssen, daher die vielen Fehler und Unklarheiten.