Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
Ich hatte mir Platon kaum anders als Charmides vorgestellt und erwartete also die Bekanntschaft eines ebenso reichen wie kalten Stutzers zu machen. Aber ich sollte mich täuschen. Ich hatte vergessen, wie Thrasybulos von ihm gesprochen, wie er ihn gescheit und schwärmerisch, schüchtern und zurückhaltend genannt hatte. Ich ritt bis zu dem kleinen Haus, stieg ab und band Ariadne an einen Busch, als auch schon ein junger Mann aus der Tür trat und fragte, wer ich sei.
Das Erste, was mir an Aristokles auffiel, war seine ungewöhnlich breite Stirn. Sie wirkte so mächtig, dass sie ihn beinahe verunstaltete, aber nur beinahe, denn seine übrigen Züge waren so klar und schön, wie man dies bei dem zwanzigjährigen attischen Prinzen, der er war, nur erwarten konnte. Allerdings war dieser Prinz alles anderes als glücklich. Seine Augen blickten mich rotgeschwollen an. Man sah, dass er bis eben noch geweint hatte. Irgendetwas an dem Ausdruck in seinem Gesicht erinnerte mich an Perianders Vater. Was das aber sein konnte, wurde mir erst später bewusst.
Platon war wenig überrascht, meinen Namen zu hören. Die Nachricht, dass ich Perianders Tod untersuchte, musste beinahe ebenso schnell zu ihm gedrungen sein wie diejenige vom Tod des Freundes selbst. Und ihn betrauerte er hier, nichts und niemand anderen. Das stand für mich außer Zweifel. Ich sah es an seinen roten Augen und daran, wie er um Fassung rang, als ich erklärte, wieso ich gekommen war. Nein, Platon war aus einem anderen Holz geschnitzt als Charmides und gewiss auch aus einem anderen als sein Bruder Glaukon - noch die Erinnerung an ihn ekelte mich.
«Ein schönes Stück Land ist das hier», begann ich unsere Unterhaltung.
«Ja», antwortete er leise, «sehr schön.» Er habe das Grundstück erst vor kurzem von Freunden erworben. Oft sei er mit Periander hier gewesen. Sie hätten große Pläne mit diesem Fleckchen Land gehabt, jede Woche einen anderen zwar ... Aber so sei das eben.
«Ihr ward gute Freunde?», fragte ich, was reichlich dumm war. Ich sah es ohnehin. Platons Stimme versagte. Er nickte nur.
«Und weißt du, wo Periander vorgestern Abend gewesen ist?», fuhr ich fort, während wir uns auf eine Steinbank setzten, die vor dem Haus stand.
Platon schüttelte den Kopf. Periander habe sich in den letzten Wochen zurückgezogen, fast isoliert, antwortete er. Er habe ihn nicht mehr oft gesehen.
«Warum nicht?», wollte ich wissen. Platon zuckte zusammen und schwieg lang. Dann sah er mich mit dem Ausdruck an, der mich so an Perianders Vater erinnerte. Seit er von seinem Tod erfahren habe, stelle er sich diese Frage, antwortete er. Er vermochte es nicht zu sagen.
«Sokrates meinte, er sei verändert gewesen. Etwas habe ihn bedrückt. Periander wollte sich ihm aber nicht anvertrauen», bemerkte ich.
«Ja, das stimmt», antwortete Platon. «Er hatte etwas auf dem Herzen.»
«Und du weißt nicht, was es war?»
«Nein», entgegnete er und kämpfte gegen die Tränen, die ihm in die Augen treten wollten.
Er schlug die Hände vor das Gesicht. Es waren feine, schlanke und weiße Hände, beinahe die Hände einer Frau. Ich gab ihm Zeit, sich zu beruhigen, und wartete mit meiner nächsten Frage, bis er mich wieder ansehen konnte.
«Meinst du, er hatte vielleicht Liebeskummer?» Ich hatte den Satz noch nicht ganz ausgesprochen, da schossen die Tränen endgültig in Platons Augen und ein heftiges Schluchzen entfuhr seiner Brust. Da wusste ich es unmittelbar: Hier saß nicht nur Perianders Freund neben mir; Thrasybulos hatte sehr wohl gewusst, wieso er seiner Stimme gestern einen gewissen Klang gegeben hatte.
«Du hast ihn geliebt!», sagte ich, und das war keine Frage. Es war eine schlichte Feststellung. Platon blieb still und schlug die Augen nieder. Auch ich schwieg einen Augenblick. Ich sah nach der Felsengruppe hin, die vor uns stand. Gleich neben der Quelle blühten wilde Lilien - Todesblumen.
«Sokrates sagt, der Mensch habe eine unsterbliche Seele. Glaubst du nicht daran?», fragte ich, um ihn zu trösten.
«Doch», antwortete er, «daran glaube ich, und ich bin sicher, Perianders Seele ist jetzt glücklicher, als sie es hier war. Aber ...» Platon verstummte. Seine Augen lösten sich von mir, und wie versunken sah auch er zu den Lilien hinüber.
«Aber?», ermunterte ich ihn fortzufahren.
«Ich will dich nicht langweilen», sagte Platon mit dünner Stimme. Er lispelte ein wenig. Erst jetzt fiel es mir auf.
«Du langweilst mich nicht», versicherte ich und konnte mich nicht dagegen wehren, Achtung dafür zu empfinden, wie Platon seine Trauer zeigte.
«Es gibt eine alte Legende», begann er zögernd und so leise, dass ich ihn kaum hören konnte, «danach sind wir Menschen kein Ganzes, sondern nur die Hälfte eines Ganzen, eines alten Doppelwesens, das in grauer Vorzeit gelebt hat. Die Wesen hatten vier Beine, vier Arme und zwei Gesichter unter einem einzigen Schädel. Das eine sah nach vorne, das andere nach hinten. Sie gingen aufrecht, wie sie wollten, vorwärts oder rückwärts. Mussten sie schnell laufen, schlugen sie das Rad über Arme und Beine. Mächtig waren diese Doppelmenschen und stark, so mächtig, dass sie die Götter herausforderten und den Olymp bestürmten. Dafür wurden sie von Zeus bestraft. Er trennte die beiden Hälften für immer. Sie irren nun allein umher. An manchen Tagen ist Zeus gnädig, dann finden sich zwei Hälften wieder und erleben das vollkommene Glück. Wer die zweite Hälfte indessen nicht findet, bleibt verurteilt, sie ewig zu suchen. Wer ...» Wieder wollte er nicht weitersprechen, oder er konnte es vielleicht auch nicht. Erschöpft schwieg er.
«Ja?», sagte ich.
«Wer sie verliert, der bleibt für immer allein.»
Ich blieb still, Platon wandte den Blick ab und sah zur Seite. Seine Hände waren so ineinander verkrampft, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sein gesamter Körper bebte. Ich stand auf und ging zur Quelle. Ein leichter Wind kam auf und spielte in den Baumkronen. Die Sonne blinkte durch die Blätter. Das Wasser war klar wie die Luft. In diesem Bach war jeder Kiesel deutlich zu sehen, unverborgen. Es war ein verzauberter Ort, an dem wir uns hier befanden.
«Entschuldige, wenn ich das fragen muss», wandte ich mich wieder an Platon, «aber wo bist du vorgestern Nacht gewesen?»
«Ich war hier», antwortete er.
«Allein?»
«Ja, allein.»
«Was hast du getan?»
«Ich habe gearbeitet - geschrieben, die halbe Nacht .», antwortete Platon leise, «und ich war nicht bei ihm, als er mich brauchte.»
Ich ging zu Ariadne und nahm die Schriftrolle aus der Satteltasche. Platon blieb sitzen. Ich wusste, ohne ihn zu sehen, dass er wieder gegen die Tränen kämpfte. Dann ging ich zurück und reichte ihm den Papyrus.
«Kennst du das?», fragte ich.
Platon rollte das Blatt auf und überflog es. Ich hatte nicht den Eindruck, er würde es wirklich lesen. Schnell wickelte er es wieder zusammen und gab es mir zurück.
«Nein», sagte er knapp.
«Nein?», fragte ich ungläubig. «Sokrates kannte es.»
Platon Gesicht verhärtete sich. Er versuchte, gleichgültig zu scheinen, und zuckte mit den Schultern. Hier verbarg sich etwas.
«Periander hatte es ihm gegeben - das ganze Buch, meine ich», fuhr ich fort und beobachtete Platon genau. Sein Körper zitterte wieder leicht, aber seine Miene blieb versteinert.
«Ich kenne es nicht», sagte er, ohne mir in die Augen zu se-hen. Ich glaubte ihm nicht. Er wusste mehr über dieses Buch, als er mir sagen wollte! Aber was konnte ich tun? Ich entschied mich, ihm die Wahrheit zu sagen.
«Weißt du, woher ich diese Seite habe?», fragte ich. «Ich meine das Original, nicht diese Kopie?»
«Nein», antwortete er, das Gesicht so starr und den Körper so verkrampft, als wäre er der schlangenhäuptigen Gorgo selbst begegnet.