Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
Charmides erhob sich träge und kam auf mich zu. Er war klein, schon etwas füllig und zeigte ein stumpfes Gesicht. Auch er trug die Tonsur der Oligarchen. Die Ähnlichkeit mit seinem Vetter Kritias war nicht zu übersehen, wenn Charmides auch deutlich jünger war und nicht halb so viel Würde ausstrahlte wie sein Vetter. Ja, er schien so etwas wie eine jüngere, dabei aber missratene Kopie von ihm zu sein. Charmides' Chiton war von Wein und Speisen, vielleicht auch noch von anderem befleckt. Das Haar stand ihm wirr am Kopf.
«Es war wohl ein berauschendes Fest gestern Abend?», bemerkte ich.
«Hm, ja, nichts Besonderes», antwortete Charmides verwirrt und kratzte sich am Schädel. Er stank aus dem Maul.
«So schön wie das letzte Fest mit Periander?», wollte ich wissen.
Charmides antwortete nicht.
«Periander ist tot, und du gibst ein Gastmahl?», fragte ich, mein Entsetzen kaum zügelnd.
Charmides kratzte sich am Hintern. Sein Gesicht blieb unbewegt. Er ging zurück zu seiner Liege und setzte sich vorsichtig.
«Du musst Nikomachos sein», antwortete er, während er sich aus einer Obstschale eine reife Feige nahm. «Ich habe dich schon erwartet.»
«Man sagte mir, du warst Perianders Freund. Wie kannst du zwei Tage nach seinem Tod ein Fest geben?»
Charmides biss ungerührt in die Frucht. Er kaute mit offenem Mund, dann legte er die Feige wieder zur Seite.
«Sokrates sagt, wir hätten alle eine unsterbliche Seele», erwiderte Charmides gelangweilt. «Sie trennt sich im Moment des Todes vom Leib und seinen Beschränkungen. Der wahre Philosoph geht freudig in den Tod. Er bringt ihn der Wahrheit näher. Was sollte ich mir also um Periander Sorgen machen?», antwortete Charmides mit einem eigentümlich leeren Ausdruck in seinem Gesicht.
«Und doch war Sokrates traurig, als er von Perianders Tod hörte, und du sitzt hier ungerührt zwischen diesen Wänden», konnte ich nicht umhin zu bemerken.
«Komm zur Sache, Toxotes», sagte Charmides kühl und offenbar gewohnt zu befehlen. Allmählich kam Leben in sein Gesicht, aber es zeigte nicht Gutes. Die Ähnlichkeit mit seinem Vetter wurde nur noch deutlicher, und sie war nicht auf die Erscheinung beschränkt. Charmides hatte das gleiche kalte Wesen.
«Wo warst du vorgestern Nacht?», fragte ich ihn.
«Hier, mit meinem Vetter Kritias zusammen,» antwortete er, «wir haben die Ankunft der Perser vorbe...» Charmides verstummte mitten im Satz und biss sich auf die Unterlippe. Ich hätte gar nicht bemerkt, dass er da ein Wort zu viel gesagt hatte, wenn er mich nicht auch noch mit der Nase darauf gestoßen hätte. Die persischen Bankiers schienen mehr Freunde in Athen zu haben, als ich dachte. Hatte Kritias denn mit Alkibiades zu schaffen?
«Also euch haben wir die Landung der Perser zu verdanken», stellte ich fest.
«Das geht dich nichts an, Nikomachos, und ich rate dir ...», presste Charmides hervor, sprang auf und versuchte drohend die Faust zu heben, was ihm aber einigermaßen misslang, war er doch einen halben Kopf kleiner als ich, sodass die Geste lächerlich wirkte. «Ach was», meinte er und versuchte die Situation zu retten, indem er abwinkte und wieder Platz nahm. Er hielt sich den Schädel; er hatte wohl Kopfschmerzen.
«Müsst ihr so laut sein? Ich bin noch nicht wach!», hörte ich plötzlich eine belegte Stimme sagen.
«Bleib liegen, Glaukon, schlaf weiter!», rief Charmides noch, aber da war der übernächtigte Besucher auch schon aufgestanden und streckte seine verschlafenes Gesicht über das Mäuer-chen, welches das Zimmer teilte. Glaukon? Das musste Platons Bruder sein.
«Was gibt es, sind die anderen schon weg?», fragte er und schlich zu uns herüber. Glaukon war um einiges größer als Charmides - eine Bohnenstange mit muskulösem Hals und viel zu kleinem Kopf -, aber in einem noch erbärmlicheren Zustand. Er gähnte ausgiebig und setzte sich auf eine Liege. Auf seinem Gewand prangte ein riesiger Fleck. Er erinnerte mich an ein zu groß geratenes Kind, das sich bekleckert hatte.
«Haben wir nicht noch etwas zu trinken?», fragte er seinen Gastgeber und schien mich dabei gar nicht zu bemerken. Dann streckte er sich ausgiebig, seufzte «Was für ein Gelage!» und ließ sich auf die Liege zurückfallen. Sein Chiton rutschte nach oben und enthüllte sein schlaffes Geschlecht.
Charmides stieß Glaukon an, aber der drehte sich nur um und streckte uns den nackten Hintern entgegen. Dann begann er zu schnarchen.
«Hast du sonst noch irgendwelche Fragen?», wandte sich der Hausherr wieder an mich.
Ich wusste, Charmides würde mir keine einzige ehrliche Antwort mehr geben, jetzt, nachdem die eine Antwort so unfreiwillig ehrlich ausgefallen war, und mit Glaukon würde man vor heute Abend nicht vernünftig reden können.
Ich sah mir die beiden genau an, den einen, wie er dalag und schlief, den anderen, wie er auf seiner Liege saß: Beide müde, verkatert, stinkend, die jungen Gesichter schon von den zu üppig genossenen Lüsten des Dionysos gezeichnet. Und das sollte also die Elite sein, die das Volk führt, die edlen und besseren Menschen, die noble Klasse?
«Aber nein, edler Charmides», antwortete ich mich verneigend und ließ ihn und seinen Gast im Weindunst zurück.
Während ich hinaus in den Garten ging, wo eine alte Sklavin in der prallen Sonne ein Beet umgraben musste, dachte ich darüber nach, was Kritias seinem Vetter sagen würde, wenn der ihm gestand, was er mir verraten hatte ... Würde Kritias seinen kalten Hochmut verlieren und dem nichtsnutzigen Vetter sämtliche noch intakten Weinkrüge hinterherwerfen, die er noch fand? Die Vorstellung war so schön, dass ich darüber sogar meine schmerzenden Rippen vergaß. Ich ging lachend weiter.
Aristokles' oder Platons Haus war nur ein paar Straßen vom Anwesen seines Onkels Charmides entfernt. Ich fand es mühelos, denn Sokrates hatte mir den Weg gestern noch gezeigt, bevor wir uns verabschiedet hatten. Platon lebte allein mit zwei Sklaven in einer einstöckigen Villa, einem anmutigen kleinen Marmorbau, im Tal zwischen der Akropolis und dem Hügel Pnyx. Ich klopfte an das große Holztor, das wie bei den meisten Athener Häusern zum Innenhof des Anwesens führte, und musste zu meiner Enttäuschung von einem der Haussklaven erfahren, dass der junge Herr das Haus schon sehr früh verlassen hatte. Er sei zu einem Hain hinausgeritten, der ihm gehöre, ein wenig außerhalb der Stadt.
Ich ließ mir den Weg zu dem Grundstück sehr genau beschreiben und lief zurück zur Kaserne, um mein Pferd zu satteln. Auf dem Kasernenhof traf ich Myson. Er schien schon den ganzen Morgen auf mich gewartet zu haben. Er war aufgeregt, beinahe außer Atem, und dies mit gutem Grund. Es gab einen ersten kleinen Erfolg. Die Männer, die sich bei den Anwohnern des Itonia-Tores umhörten, waren auf eine alte Wäscherin gestoßen, die gerade neben dem Tor wohnte und vorgestern Nacht einen Streit gehört hatte. Myson hatte heute Morgen davon erfahren und war gleich zu ihr gegangen, um sie in ihrem armseligen Zimmerchen zu besuchen. Sie lebte in einem Kellerraum gleich neben dem Tor: ein altes, runzeliges Weib ohne Mann und Kinder; Zähne hatte sie kaum mehr im Mund, aber immerhin schien sie noch ihre fünf Sinne beisammen zu haben, wie Myson sagte. Froh darüber, dass überhaupt wieder jemand mit ihr sprach und zuhörte, berichtete sie Myson den gesamten Vorfall ganz genau, und er gab ihn mir ebenso genau wieder: