Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
Myson nickte mir zu. So hatte sich die Verhaftung zugetragen. Hermogenes hatte nur vergessen zu erwähnen, wie er sich noch mit seinem fetten Leib unter einer Werkbank zu verstecken versucht und sich dabei selbst so eingeklemmt und verkeilt hatte, dass man ihn zum allgemeinen Gelächter beinahe nicht mehr hatte hervorholen können. Vier Mann waren nötig, um ihn aus seiner Not zu befreien und an den weißen Beinen aus der Enge zu ziehen. Aber dieses süße Detail erfuhr ich später, zunächst von Myson und dann in den nächsten Tagen in immer neuen und schillernderen Varianten von meinen Männern, die sich dabei krümmten vor Lachen.
«Wo wohnt dieser Lysippos?», fragte ich Hermogenes, der nach dem Redeschwall völlig erschöpft schien.
«Ich weiß es nicht,» antwortete er keuchend. «Er hat eine erwachsene Tochter, aber er lebt nicht bei ihr, sondern treibt sich in den Tavernen herum und schläft mal hier und mal da.»
«Wie können wir ihn dann finden? Athen ist groß», meinte Myson.
«Aber das ist ganz einfach», entgegnete Hermogenes, so als hätte er uns das, was er nun sagen wollte, schon tausendmal erklärt. «Lysippos fehlt der linke Unterschenkel. Er ist kriegsversehrt!»
K
im Gegensatz zu den anderen hellenischen Städten kümmert sich Athen um Invaliden und Behinderte. Können sie nicht selbst für sich sorgen, so bekommen sie eine Rente von zwei Obolen am Tag, und dies ist nur recht und billig, denn die Kriegsversehrten gaben ihre Glieder zum Schutz der Stadt, und die von Geburt an Behinderten wurden uns von den Göttern anvertraut, um uns zu prüfen. Athener Eltern müssen ihre kranken Kinder auch nicht aussetzen wie die Spartaner. Niemand hätte Aspasia und mich dazu gebracht, dergleichen mit unseren Söhnen zu tun, wären sie auch krumm geboren. Die Auszahlung der Rente erfolgt einmal in der Woche im Rathaus gleich in der Nähe von Simons Werkstatt durch den Logistes, einen hierfür gewählten Bürger. Ihn, ein kleines, schmales Männlein mit dünnem Haar und schiefen Zähnen, weihten wir ein. Am Zahltag mussten sich meine Bogenschützen nur auf die Lauer legen und warten, wie die Versehrten Mann für Mann vor den Logistes traten, ihren Namen nannten und das Kupfer in Empfang nahmen, das sie für die nächste Woche brauchten. Nur zwei Tage, nachdem uns Hermogenes ins Netz gegangen war und Lysippos verraten hatte, war es so weit.
Lysippos war einer der Letzten in der Reihe. Er hinkte auf seinem Holzbein zum Zahltisch und stellte sich vor. Der Lo-gistes prüfte, ob der Name in der Liste stand, und reichte Lysippos den Beutel mit den Münzen, ließ ihn dabei aber wie aus Unachtsamkeit fallen. Das war das Zeichen. Kaum bückte sich Lysippos nach dem Geld, standen schon sechs Männer um ihn herum und nahmen ihn fest. Lysippos wehrte sich verzweifelt. Er schrie, spuckte, kratzte und heulte auf wie ein Tier - es gab einen richtigen Auflauf vor dem Rathaus, weil jeder wissen wollte, was denn dort vor sich ging -, aber es nutzte ihm nichts. Gefesselt und geknebelt trugen sie ihn in die Kaserne und sperrten ihn in die kleine Zelle. Dann schickten sie einen jungen Bogenschützen zu mir, der stolz meldete: «Er ist im Schlafzimmer!»
Lysippos war ein armer Teufeclass="underline" ein abgemagerter Säufer mit hohlen Wangen, heimtückischem Blick, fast zahnlosem Maul und fleckiger Haut, dabei aber hart und verschlagen. Er stank nach billigem Wein, Urin und Schweiß. Was er am Leib trug, erinnerte mehr an einen Lumpen denn an ein Gewand. Bibbernd und wie ein Häufchen Elend saß er auf dem Schemel und wartete.
«Du also bist Lysippos», sagte ich, als ich zusammen mit Myson in die Zelle trat. Er war längst eine unentbehrliche Hilfe für mich geworden.
Lysippos antwortete nicht. Böse betrachtete er mich aus funkelnden Augen und verzog keine Miene. Seine Hände waren zu Fäusten geballt.
«Woher hast du das?», fragte ich ihn und zeigte auf seinen Beinstumpf, «Spartaner? Schwert oder Speer?»
«Was verstehst du schon davon?», bellte er mich an.
«Ich war Hoplit. Ein wenig verstehe ich durchaus», entgeg-nete ich in der Hoffnung, Lysippos' Vertrauen zu gewinnen.
«Eben», erwiderte er feindlich. «Hoplit, Schwerbewaffneter - reicher Bengel. Was verstehst du schon davon?»
Er wandte sich ab und spuckte verächtlich auf den Boden. Ich wollte ihn ohrfeigen, und eine Ohrfeige hätte er auch verdient.
Aber Myson reagierte sofort und fiel mir in den Arm. Er wusste, Lysippos würde uns kaum noch etwas sagen, wenn ich ihn geschlagen hätte. Er sah mich fragend an. Ich nickte, um ihm zu zeigen, dass ich mich beruhigt hatte.
«Du warst also Leichtbewaffneter?» Myson übernahm die Unterhaltung und lächelte Lysippos mit seinen dünnen Lippen an. Ich hatte gar nicht gewusst, was für einen freundlichen Ausdruck sein Gesicht annehmen konnte, wenn es nicht gerade auf ein Papyrus gerichtet war. «Die Leichtbewaffneten werden für den Ausgang der Schlachten immer wichtiger, vor allem in unwegsamem Gelände, nicht?»
Lysippos nickte, immer noch misstrauisch, aber die Spannung in seinem Gesicht wich doch ein wenig.
«... manche Schlachten entscheiden sie sogar ganz», fuhr Myson fort, als wüsste er schon, was da kommen würde. Lysip-pos nickte wieder.
«Und warst du bei so einer Schlacht, die von den Leichtbewaffneten entschieden wurde, während die Hopliten in Sicherheit waren?» Lysippos sah Myson interessiert an.
«Weiß ich denn wenigstens, wovon ich rede?», fragte der Metöke. Lysippos nickte zum dritten Mal, und damit wich die Spannung vollständig aus seinen Zügen. War sein Gesicht gerade noch hart und abweisend, bekam es nun etwas Trauriges und Schwermütiges - einen Ausdruck, wie man ihn bei Trinkern oft sieht, wenn sie nach einem halben Krug Wein von ihrem traurigen Leben oder ihren Familien zu erzählen beginnen.
«Was war das für eine Schlacht?», fragte Myson.
«Was verstehst du davon?», antwortete Lysippos, aber das klang längst nicht so verächtlich, wie er gerade noch mit mir gesprochen hatte. Im Gegenteil, es klang ... teilnehmend.
«Oh, ich war Leichtbewaffneter wie du», antwortete Myson. Er schien mit einem Freund zu sprechen. «Natürlich als ich noch jung und gesund genug war, um zu kämpfen. Athen ruft auch seine Ausländer zu den Waffen. Wir kämpfen für Athen, aber das Bürgerrecht verleiht die Stadt uns trotzdem nicht.» Myson verstummte, und einen Moment nahm sein reifes Gesicht beinahe den gleichen wehmütigen Ausdruck an wie das des Lysippos. Beschämt musste ich mir eingestehen, nie darüber nachgedacht zu haben, ob Myson im Krieg gewesen sein könnte oder ob er darunter litt, kein Vollbürger zu sein.
«Pylos», sagte Lysippos in die Stille. «Ich war in Pylos.»
Myson schwieg verständnisvoll und tippte ihm auf die Schulter.
Ich betrachtete Lysippos genau. Log er oder sagte er die Wahrheit? Pylos stand für einen der größten Siege Athens und Niederlagen Spartas. Dort waren im siebten Kriegsjahr einige hundert spartanische Hopliten von Athener Leichtbewaffneten eingekreist und niedergeworfen worden: von den Leichtbewaffneten, also den Armen, die sich keine Hoplitenrüstung leisten konnten und nur mir Pfeil und Bogen, einem Knüppel oder einer Axt kämpften oder manchmal auch nur mit den Steinen, die sie zu ihren Füßen fanden. -
Nachdem mehr als ein Viertel der Spartaner gefallen war, haben sich die restlichen Soldaten ergeben. Man wollte es auf der Athener Agora gar nicht glauben, als die Nachricht ihren Weg in die Heimat fand. Besiegt von Leichtbewaffneten, von Hungerleidern? Spartanische Soldaten? Niemals! Das war unerhört.