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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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»Seid Ihr sicher?«, sagte sie. »Es – es war kein Cirein Croin?«

»Nein«, sagte Roger sanft und gab ihr eine Kelle Wasser, die sie ganz allein trinken durfte. »Nur ein Hai.« Der größte Hai, den er je gesehen hatte, und er strahlte eine blindwütige Heftigkeit aus, bei deren Anblick sich die Haare auf seinen Unterarmen sträubten – aber dennoch nur ein Hai. Sie umlagerten das Schiff, wann immer seine Geschwindigkeit nachließ, und gierten nach den Abfällen und Essensresten, die über Bord geworfen wurden.

»Isobeáil!« Ein ungeduldiger Ruf orderte seine Gefährtin zurück, um der Familie bei ihren Arbeiten zu helfen. Zögernden Schrittes und mit vorgeschobener Lippe schlich Isobeáil davon, um ihre Mutter bei den Wassereimern zu unterstützen, und Roger konnte seine Aufgabe ohne weitere Ablenkung beenden.

Zumindest keine weitere Ablenkung als seine Gedanken. Es gelang ihm zumeist zu vergessen, dass die Gloriana nichts unter sich hatte als meilenweise Wasser; dass das Schiff ganz und gar nicht die kleine, stabile Insel war, die es zu sein schien, sondern nur eine zerbrechliche Hülle in der Gewalt von Kräften, die es von einem Augenblick zum nächsten zerschmettern konnten – und mit ihm alle an Bord.

Hatte die Phillip Alonzo den Hafen sicher erreicht?, fragte er sich. Es kam durchaus vor, dass Schiffe sanken, und zwar recht häufig; er hatte genug Berichte darüber gelesen. Nach den vergangenen drei Tagen konnte er sich nur noch wundern, dass die Mehrzahl nicht sank. Nun, und er konnte in dieser Hinsicht exakt gar nichts tun, außer zu beten.

Und schütz uns in der Not auf See, o Herr, hab Erbarmen.

Plötzlich verstand er hautnah, was der Autor dieser Zeile aus einem Kirchenlied gemeint hatte.

Als er fertig war, ließ er die Kelle in das Fass fallen und ergriff ein Brett, um es damit zuzudecken; sonst bestand die Gefahr, dass eine Ratte hineinfiel und ertrank. Eine der Frauen ergriff ihn beim Arm, als er sich umdrehte. Sie deutete auf den kleinen Jungen, den sie auf dem Arm hatte und der sich an ihren Hals drückte.

»Mr. MacKenzie, ob der Kapitän uns mit seinem Ring abreibt? Unser Gibbie hat wunde Augen, weil er so lange im Dunkeln war.«

Roger zögerte, kam sich dann aber selbst lächerlich vor. Genau wie der Rest der Besatzung versuchte er, Bonnet aus dem Weg zu gehen, doch es gab keinen Grund, der Frau ihre Bitte zu versagen; der Kapitän hatte seinen Goldring, der ein begehrtes Heilmittel bei Augenschmerzen und Entzündungen war, schon öfter dafür hergegeben.

»Na klar«, sagte er und vergaß sich selbst für einen Augenblick. »Kommt nur.« Die Frau blinzelte überrascht, folgte ihm aber gehorsam. Der Kapitän war auf seinem Achterdeck in eine Unterhaltung mit dem Maat vertieft; Roger signalisierte der Frau, einen Augenblick zu warten, und sie nickte und zog sich bescheiden hinter ihn zurück.

Der Kapitän sah genauso müde aus wie sie alle, und die Übernächtigung grub ihm die Falten tiefer ins Gesicht. Luzifer, nachdem er eine Woche lang die Hölle regiert und festgestellt hatte, dass es kein Zuckerschlecken war, dachte Roger mit säuerlicher Belustigung.

»… beschädigte Teekisten?«, sagte Bonnet gerade an den Maat gerichtet.

»Nur zwei, und sie sind nicht durch und durch nass«, erwiderte Dixon. »Wir können einen Teil retten und ihn vielleicht flussaufwärts in Cross Creek loswerden.«

»Aye, in Edenton oder New Bern nehmen sie’s genauer. Da bekommen wir aber auch die besten Preise; wir verkaufen, was wir können, bevor wir nach Wilmington weiterfahren.«

Bonnet drehte sich etwas zur Seite und erblickte Roger. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich, entspannte sich aber wieder, als er die Bitte hörte. Kommentarlos langte er herab und rieb dem kleinen Gilbert sanft mit dem goldenen Ring, den er am kleinen Finger trug, über die geschlossenen Augen. Roger sah einen einfachen, breiten Ring; er sah fast aus wie ein Ehering, nur kleiner – vielleicht der Ring einer Frau. Der ehrfurchtgebietende Bonnet mit einem Liebespfand? Konnte sein, schätzte Roger; es mochte Frauen geben, die sich von der unterschwelligen Gewalt in der Ausstrahlung des Kapitäns angezogen fühlten.

»Das Kind ist krank«, bemerkte Dixon. Er zeigte mit dem Finger auf den Jungen, der einen roten Ausschlag hinter den Ohren hatte und auf dessen blassen Wangen das Fieber erblühte.

»Nur Milchfieber«, sagte die Frau und zog das Kind defensiv an ihre Brust. »Kommt wohl ein neuer Zahn.«

Der Kapitän nickte unbeteiligt und wandte sich ab. Roger begleitete die Frau zur Kombüse, wo er um ein Stück Schiffszwieback bat, auf dem das Kind herumkauen konnte, dann schickte er sie zurück zu den anderen aufs Vorderdeck.

Gilberts Zahnfleisch interessierte ihn jedoch nicht besonders; als er die Leiter zum Deck hochkletterte, beschäftigte ihn die Unterhaltung, die er zufällig gehört hatte.

Zwischenlandungen in New Bern und Edenton, dann erst Wilmington. Und Bonnet hatte sichtlich keine Eile; er würde nach guten Preisen für seine Fracht Ausschau halten und in aller Ruhe über die Arbeitsverträge seiner Passagiere verhandeln – Himmel, es konnte Wochen dauern, bevor sie Wilmington erreichten.

Das ging nicht, dachte Roger. Der Himmel wusste, wohin es Brianna verschlug – oder was ihr zustoßen konnte. Die Gloriana war trotz des Unwetters gut vorangekommen – so Gott wollte, würden sie nur acht Wochen bis North Carolina brauchen, wenn der Wind anhielt. Er wollte die wertvolle Zeit, die er so gewann, nicht in den nördlichen Häfen Carolinas vertun, um dann im Schneckentempo nach Süden zu dümpeln.

Er beschloss, im ersten Hafen, den sie erreichten, von Bord der Gloriana zu gehen und sich, so gut er konnte, nach Süden durchschlagen. Es stimmte, er hatte sein Wort gegeben, auf dem Schiff zu bleiben, bis die Fracht gelöscht war, doch andererseits würde er auch seinen Lohn nicht bekommen, daher erschien ihm der Tausch einigermaßen fair.

Die frische, kalte Luft an Deck weckte ihn ein wenig auf. Doch sein Kopf fühlte sich immer noch an, als wäre er mit feuchter Baumwolle gefüllt, und seine Kehle war vom Salz aufgerauht. Seine Wache dauerte noch drei Stunden; er machte sich auf, um sich noch eine Kelle Wasser zu holen, denn er hoffte, dass es ihm helfen würde, auf den Beinen zu bleiben.

Dixon hatte den Kapitän stehengelassen und wanderte zwischen den Grüppchen der Passagiere hindurch, nickte den Männern zu und blieb stehen, um ein paar Worte mit einer Frau mit Kindern zu wechseln. Merkwürdig, dachte Roger. Der Maat suchte kaum die Gesellschaft der Besatzung, ganz zu schweigen von den Passagieren, die er nur als eine ungewöhnlich sperrige Sorte Fracht betrachtete.

Es regte sich etwas in seinen Gedanken, etwas Unangenehmes, doch er konnte es nicht an die Oberfläche des Begreifens holen. Es hing im Schatten seiner Erschöpfung, gerade eben außer Sichtweite, fast so nah, dass er es riechen konnte. Ja, das war es, es hatte etwas mit einem Geruch zu tun. Aber was –

»MacKenzie!« Einer der Seeleute rief ihn vom Afterdeck und winkte ihn herbei, damit er beim Flicken der vom Sturm zerrissenen Segel half; riesige Stapel gefalteter Leinwand lagen wie schmutzige Schneewehen auf den Planken, und die oberen Lagen blähten sich im Wind.

Roger stöhnte und reckte seine schmerzenden Muskeln. Was auch immer in North Carolina geschah, er würde sehr froh sein, von diesem Schiff herunterzukommen.

Zwei Nächte darauf lag Roger tief im Traum, als ihn Geschrei weckte. Noch bevor sein Verstand die Tatsache registrierte, dass er wach war, waren seine Füße auf dem Deck gelandet, und er war rasenden Herzens zum Fallreep unterwegs. Er machte einen Satz auf die Leiter zu, wo ihn ein Hieb gegen seine Brust zu Boden schleuderte.

»Bleib, wo du bist, Dummkopf!«, knurrte Dixons Stimme von den oberen Sprossen. Der Kopf des Maates hob sich als Silhouette vor dem sternenbesäten Quadrat der Luke ab.

»Was ist los? Was ist passiert?« Er schüttelte die Verwirrung seines Traumes ab, stellte aber fest, dass das Wachsein nicht weniger verwirrend war.

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