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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Rand wartete, bis die beiden Zerams Laden betreten hatten, leckte ein paar fettige Krümel vom Handschuh und machte sich auf die Suche nach Lan und Nynaeve. Er fand sie, bevor er die gewundene Straße weit genug entlanggegangen war, um den Schuster außer Sicht zu verlieren. Der Kerzenladen, den er als möglichen Weg von den Dächern herunter ausgemacht hatte, befand sich jetzt zusammen mit einer Seitengasse ein Stück hinter ihm. Voraus bog die Straße in die andere Richtung ab. Keine fünfzig Schritte weiter stand ein Wachturm, auf dem ein Straßenhüter thronte. Die Dächer waren von hier aus allerdings nicht mehr zu sehen, ein dreistöckiges Gebäude mit einer Möbeltischlerei, die sich die Seitengasse mit dem Kerzenmacher teilte, verstellte den Blick.

»Ein halbes Dutzend Leute haben Torval und Gedwyn erkannt«, sagte Lan, »aber keinen der anderen.« Er hielt die Stimme gesenkt, obwohl keiner der Passanten ihnen auch nur einen zweiten Blick schenkte. Der Anblick zweier Männer, die Schwerter unter den Umhängen trugen, reichte aus, um jeden, der es bemerkte, schneller ausschreiten zu lassen.

»Ein Metzger, der seinen Laden ein Stück die Straße herunter hat, hat gesagt, dass die beiden bei ihm einkaufen«, berichtete Nynaeve, »aber nie für mehr als zwei Personen.« Sie warf Lan einen Seitenblick zu, als hätte sie den endgültigen Beweis geliefert.

»Ich habe sie gesehen«, sagte Rand. »Sie sind gerade reingegangen. Nynaeve, kannst du mich und Lan von der Gasse hinter dem Gebäude aufs Dach heben?«

Nynaeve betrachtete Zerams Haus stirnrunzelnd und rieb mit einer Hand den Gürtel um ihre Taille. »Einer nach dem anderen, das müsste möglich sein«, sagte sie schließlich. »Aber dafür würde man mehr als die Hälfte des Quelleninhalts verbrauchen. Ich würde euch nicht wieder herunterholen können.«

»Hinauf reicht aus«, sagte Rand. »Wir ziehen uns über die Dächer zurück und klettern neben dem Kerzenmacher herunter.«

Natürlich protestierte sie, während sie die Straße entlang zu dem Schuster gingen. Nynaeve hatte grundsätzlich etwas an allem auszusetzen, das nicht ihrem Einfallsreichtum entsprungen war. »Ich soll euch bloß auf das Dach bringen und dann warten?«, murmelte sie und schaute so finster nach rechts und links, dass ihr genauso viele Leute aus dem Weg gingen wie den Männern, die sie flankierten, ob sie nun die Schwerter sahen oder nicht. Sie stieß die Hand unter dem Umhang hervor, um den Armreif mit den hellroten Steinen zu zeigen. »Das hier kann mich mit einer Rüstung bedecken, die besser als jeder Stahl ist. Ich merke es nicht einmal, wenn mich ein Schwert trifft. Ich glaubte, ich würde mit euch reingehen.«

»Um was zu tun?«, fragte Rand leise. »Um sie mit der Macht festzuhalten, damit wir sie töten können? Um sie selbst zu töten?« Sie senkte den Blick und starrte stirnrunzelnd die Pflastersteine an.

Rand ging an Zerams Laden vorbei, blieb vor dem niedrigen Haus stehen und sah sich so unauffällig um, wie er konnte. Es waren keine Straßenhüter in Sicht, aber er beeilte sich, als er Nynaeve in die schmale Gasse drängte. Bevor er Rochaid gefolgt war, hatte er auch keine Straßenhüter gesehen.

»Du bist sehr still«, sagte Lan.

Sie machte noch drei Schritte, bevor sie antwortete, ohne langsamer zu werden oder über die Schulter zu sehen. »Ich habe zuvor nicht nachgedacht«, sagte sie leise. »Ich habe es für ein Abenteuer gehalten, die Konfrontation mit Schattenfreunden, abtrünnigen Asha'man, aber du gehst da rauf, um sie hinzurichten. Wenn möglich wirst du sie töten, bevor sie dich überhaupt bemerkt haben, nicht wahr?«

Rand warf Lan einen Blick über die Schulter zu, aber der ältere Mann schüttelte nur verwirrt den Kopf. Natürlich würden sie sie ohne Vorwarnung töten, falls das möglich war. Das hier war kein Duell; es war eine Hinrichtung, genau wie sie gesagt hatte. Zumindest hoffte Rand, dass es das sein würde.

Die Gasse hinter den Gebäuden war etwas breiter als jene, die zur Straße führte; die steinige Erde wurde von den Furchen der Müllkarren durchzogen, die morgens hier entlanggeschoben wurden. Um sie herum erhoben sich nackte Steinmauern. Niemand wollte ein Fenster ha-, ben, um den Müllkarren zuzusehen.

Nynaeve schaute an Zerams Haus empor, dann seufzte sie plötzlich. »Tötet sie im Schlaf, wenn ihr könnt«, sagte sie dann sehr leise für solch wilde Worte.

Etwas Unsichtbares wickelte sich unter Rands Armen fest um seine Brust, und er schwebte langsam in die Höhe, immer weiter nach oben, bis er über die hervorstehende Regenrinne trieb. Der unsichtbare Harnisch verschwand, und seine Stiefel traten kurz ins Leere, bis sie das schräge Dach berührten und die feuchten grauen Schieferpfannen ein Stück hinunterrutschten. Er ging in die Hocke und kroch auf allen vieren wieder hinauf. Ein paar Augenblicke später schwebte Lan herbei und landete ebenfalls auf dem Dach. Der Behüter ging ebenfalls in die Hocke und spähte in die Gasse hinunter.

»Sie ist weg«, sagte Lan schließlich. Er drehte sich herum und streckte dann den Arm aus. »Dort ist unser Eingang.«

Es handelte sich um eine Falltür, die ganz in der Nähe des Dachfirsts zwischen den Platten eingesetzt und mit einem Schutzblech ausgestattet worden war, um Regenwasser von dem Dachboden fern zu halten, der sichtbar wurde, als man sie anhob. Rand ließ sich in den staubigen Raum hinab, der durch das einfallende Licht etwas erhellt wurde. Einen Augenblick lang hing er dort an den Händen, dann ließ er los und fiel die letzten paar Fuß. Bis auf einen Stuhl mit drei Beinen und einer geöffneten Truhe war der lange Raum vollkommen leer. Anscheinend hatte Zeram aufgehört, den Dachboden als Lagerraum zu benutzen, nachdem seine Frau Mieter aufgenommen hatte.

Die beiden Männer bewegten sich vorsichtig und suchten den Boden ab, bis sie eine weitere, diesmal größere Falltür fanden. Lan strich über die Messingangeln und flüsterte, sie seien trocken aber nicht verrostet. Rand zog das Schwert und nickte. Lan riss die Falltür auf.

Rand war sich nicht sicher, was er vorfinden würde, als er durch die Öffnung in die Tiefe sprang und sich mit einer Hand festhielt, um den Sturz zu kontrollieren. Er landete federnd auf den Fußballen in einem Raum, der die Funktion des Dachbodens übernommen zu haben schien. An den Wänden standen Kommoden und Kleiderschränke, Holztruhen'waren aufeinander gestapelt, Tische mit Stühlen beladen. Doch mit den beiden toten Männern, die auf dem Boden lagen, als hätte man sie in den Lagerraum geschleift, hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Die schwarz angeschwollenen Gesichter waren unkenntlich, aber der kleinere der beiden trug eine silberne Haarspange mit einem großen roten Edelstein.

Lan sprang lautlos vom Dachboden, sah die Leichen und hob eine Braue. Das war alles. Ihn konnte nichts überraschen.

»Fain ist hier«, flüsterte Rand. Als wäre das Aussprechen dieses Namens ein Auslöser, fingen die beiden Wunden in seiner Seite an zu pochen, die ältere wie eine Scheibe aus Eis, die neuere wie ein darüberliegender Riegel aus Feuer. »Er hat den Brief geschickt.«

Lan deutete mit dem Schwert auf die Falltür, aber Rand schüttelte den Kopf. Er hatte die Renegaten mit eigenen Händen töten wollen, aber jetzt, da Torval und Gedwyn tot waren — und Kisman mit ziemlicher Sicherheit auch; da war doch die aufgedunsene Leiche gewesen, die der Kaufmann im Goldenen Rad erwähnt hatte —, jetzt erkannte er, dass es ihm egal war, wer sie getötet hatte, solange sie nur tot waren. Es spielte keine Rolle, falls ein Fremder Dashiva erledigte. Fain war eine andere Sache. Fain hatte die Zwei Flüsse mit Trollocs gequält und ihm eine weitere Verletzung beigebracht, die nicht heilen wollte. Falls Fain in Reichweite war, würde er ihn nicht entkommen lassen. Er bedeutete Lan, so vorzugehen wie auf dem Dachboden, und stellte sich vor die Tür, das Schwert in beiden Händen. Als Lan die Tür aufriss, schoss er in einen großen, von Lampen erhellten Raum, an dessen gegenüberliegender Wand ein mit einem Baldachin versehenes Bett stand und in dessen Kamin ein Feuer brannte.

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