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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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»Sei kein Narr«, sagte sie und griff nach seinem Handgelenk. Sie starrte zu ihm hoch; in ihren großen dunklen Augen lag tödlicher Ernst. Der Bund übermittelte nur grimmige Intensität. »Bitte sei kein Narr.«

»Ich habe Verin versprochen, keiner zu sein«, sagte er, aber Min lächelte nicht.

Er glättete den Brief auf seiner Brust. Die spinnenartige Handschrift war ihm unbekannt, es gab keine Unterschrift.

Ich weiß, wer Ihr seid, und ich wünsche Euch alles Gute, aber ich wünsche auch, dass Ihr Far Madding verlasst. Der Wiedergeborene Drache hinterlässt nur Tod und Zerstörung. Ich weiß auch, warum Ihr hier seid. Ihr habt Rochaid getötet und Kisman ist auch tot. Torval und Gedwyn haben die Räume über einem Schuster namens Zeram in der Blaue-Karpfen-Straße gemietet, direkt oberhalb vom Illian-Tor. Tötet sie und geht, und lasst Far Madding in Ruhe.

Die Uhr im Frauenraum schlug die volle Stunde. Bevor er Cadsuane treffen musste, blieben ihm noch viele Stunden lang Tageslicht.

33

In der Blaue-Karpfen-Straße

Min saß im Schneidersitz auf dem Bett, eine Position, die im Reitgewand nicht ganz so bequem war wie in Hosen, und ließ eines ihrer Messer über die Oberseite ihrer Finger rollen. Thom hatte ihr gesagt, es sei eine völlig nutzlose Fertigkeit, aber manchmal erregte man damit die Aufmerksamkeit der Leute, ohne zu anderen Maßnahmen greifen zu müssen. In der Mitte des Raums hielt Rand sein in der Scheide steckendes Schwert in die Höhe, um die Schnitte zu mustern, die er in den Friedensbund gemacht hatte, und ignorierte sie dabei völlig. Die Drachenköpfe auf seinen Handrücken glitzerten metallisch rot und golden.

»Du hast zugegeben, dass es eine Falle ist«, fauchte sie ihn an. »Lan gibt es zu. Eine blinde Ziege in Seleisin hat mehr Verstand, als in eine Falle zu laufen! ›Nur Narren küssen Hornissen oder beißen ins Feuer!‹«, zitierte sie.

»Eine Falle ist keine Falle mehr, wenn man weiß, dass es eine ist«, sagte er gedankenverloren und bog ein Ende eines der durchtrennten Drähte ein Stück zurecht, damit er besser zu seinem Gegenstück passte. »Wenn man weiß, dass es eine Falle ist, dann findet man vielleicht einen Weg, in sie hineinzugehen, ohne dass sie zuschnappt.«

Sie warf das Messer so hart, wie sie nur konnte. Es flog an seinem Gesicht vorbei und blieb zitternd in der Tür stecken. Sie zuckte leicht zusammen, als ihr einfiel, wann sie dies das letzte Mal getan hatte. Nun, jetzt lag sie nicht auf ihm, und Cadsuane würde leider auch nicht eintreten. Sollte der Mann doch zu Asche verbrennen, das vor Kälte erstarrte Bündel aus Gefühlen in ihrem Kopf war nicht einmal erzittert, als das Messer vorbeiraste, es war nicht mal überrascht gewesen! »Selbst wenn du Gedwyn und Orval dort findest, weißt du doch genau, dass die anderen in einem Versteck lauern werden. Licht, sie könnten dort fünfzig Söldner versteckt haben!«

»In Far Madding?« Er hielt in seiner Tätigkeit inne und betrachtete das in der Tür steckende Messer, aber nur, um dann den Kopf zu schütteln und sich wieder dem Friedensbund zuzuwenden. »Min, ich bezweifle, dass man in der ganzen Stadt zwei Söldner finden dürfte. Glaube mir, ich will dort nicht umgebracht werden. Falls ich keine Möglichkeit finde, die Falle auszulösen, ohne dabei erwischt zu werden, werde ich nicht in ihre Nähe gehen.« In ihm war nicht mehr Furcht als in einem Stein! Und genauso viel Verstand! Er wollte nicht umgebracht werden! Als wenn jemand das je gewollt hätte!

Sie kroch vom Bett und öffnete die Tür des Nachtschränkchens lange genug, um die Peitsche herauszuholen, die Frau Keene dort deponiert hatte, wie sie es in allen Zimmern tat, selbst wenn sie sie an Ausländer vermietete. Das Ding war so lang wie ihr Arm und so breit wie ihre Hand, mit einem Holzgriff an dem einen Ende und drei einzelnen Riemen am anderen. »Vielleicht sollte ich das hier mal bei dir benutzen, um deine Nase so frei zu machen, dass du riechen kannst, was sich vor dir befindet!«, rief sie.

Das war der Augenblick, in dem Nynaeve, Lan und Alivia eintraten. Nynaeve und Lan waren in Umhänge gehüllt, außerdem trug Lan sein Schwert an der Hüfte. Nynaeve hatte sämtlichen Schmuck abgelegt bis auf einen mit Juwelen besetzten Armreif und den juwelenbesetzten Gürtel, der die Quelle darstellte. Lan schloss leise die Tür. Nynaeve und Alivia starrten Min an, die die Peitsche über den Kopf erhoben hielt.

Hastig warf sie das Ding auf den geblümten Teppich und trat es unters Bett. »Ich verstehe nicht, warum du Lan das erlaubst, Nynaeve«, sagte sie so entschlossen, wie sie konnte. Was in diesem Moment nicht besonders entschlossen war. Warum mussten andere Leute auch immer im ungünstigsten Augenblick hereinkommen?

»Manchmal muss eine Schwester dem Urteil ihres Behüters vertrauen«, sagte Nynaeve kühl und zog die Handschuhe an. Nach den Gefühlen zu urteilen, die sich auf ihrem Antlitz spiegelten, hätte sie genauso gut eine Porzellanpuppe sein können. Oh, sie war bis zu den Zehennägeln eine Aes Sedai.

Er ist nicht dein Behüter, er ist dein Ehemann, wollte Min sagen, und du kannst wenigstens mitgehen und auf ihn aufpassen. Ich weiß nicht, ob mein Behüter mich jemals heiraten wird, und er hat gedroht, mich zu fesseln, falls ich den Versuch unternehme mitzukommen! Nicht, dass sie lange über diesen Punkt diskutiert hatte. Wenn er sich wie ein Narr benehmen wollte, gab es bessere Möglichkeiten, ihn zu retten, als jemanden erstechen zu wollen.

»Wenn wir das tun wollen, Schafhirte«, sagte Lan grimmig, »dann sollten wir es tun, solange es noch hell ist.« Seine blauen Augen blickten kälter als je zuvor und waren so hart wie polierte Steine. Nynaeve warf ihm einen besorgten Blick zu, der Min beinahe Mitleid für sie verspüren ließ. Beinahe.

Rand gürtete das Schwert über seinen Mantel und warf sich dann den Umhang um, ließ die Kapuze aber auf dem Rücken hängen. Dann wandte er sich ihr zu. Sein Gesicht war so hart wie das von Lan, seine blaugrauen Augen blickten beinahe genauso kalt, aber in dem gefrorenen Stein in ihrem Kopf pulsierten Adern aus Gold. Sie wollte die Hände in dem schwarz gefärbten Haar versenken, das beinahe seine Schultern berührte, und ihn ohne Rücksicht auf etwaige Zuschauer küssen. Stattdessen verschränkte sie die Arme unter den Brüsten, hob das Kinn und brachte ihre Missbilligung deutlich zum Ausdruck.

Auch sie wollte nicht, dass er dort starb, und sie würde nicht zulassen, dass er den Eindruck gewann, sie würde nachgeben, nur weil er stur war.

Er versuchte nicht, sie in den Arm zu nehmen. Er nickte, als würde er sie tatsächlich verstehen, und nahm die Handschuhe von dem kleinen Tisch neben der Tür. »Ich bin zurück, so schnell ich kann, Min. Dann besuchen wir Cadsuane.« Jene goldenen Adern glühten noch, als er den Raum gefolgt von Lan verlassen hatte.

Nynaeve blieb an der Tür noch einmal stehen. »Ich passe auf die beiden auf, Min. Alivia, bitte bleibt bei ihr und achtet darauf, dass sie nichts Dummes anstellt.« Sie war kühl und erhaben, die Haltung einer Aes Sedai. Bis sie in den Korridor rauschte. »Da soll man sie doch verbrennen!«, stieß sie hervor. »Sie gehen!« Und sie rannte los und ließ die Tür halb offen stehen.

Alivia schloss sie. »Sollen wir etwas spielen, um uns die Zeit zu vertreiben, Min?« Sie setzte sich auf den Stuhl vor dem Kamin und holte ein Stück Bindfaden aus der Gürteltasche. »Das Fadenspiel?«

»Nein danke, Alivia.« Min schüttelte beinahe den Kopf über den Eifer der Frau. Rand mochte die Taten, die in Zukunft von Alivias zu erwarten waren, ja willfährig akzeptieren, aber sie hatte sich vorgenommen, die Frau kennen zu lernen, und das, was sie herausgefunden hatte, hatte sie überrascht. Oberflächlich gesehen schien die ehemalige Damane eine reife Frau in mittleren Jahren zu sein, streng und wild und sogar einschüchternd. Sie schüchterte sogar Nynaeve ein. Nynaeve sagte nur selten ›bitte‹ zu jemandem, aber bei Alivia machte sie eine Ausnahme. Aber man hatte sie mit vierzehn zur Damane gemacht, und ihre Liebe zu Kinderspielen war nicht das Einzige, das seltsam an ihr war.

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