In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
Min wünschte sich, es hätte eine Uhr in dem Raum gegeben, obwohl das einzige Gasthaus mit einer Uhr in jedem Zimmer vermutlich eine Unterkunft für Könige und Königinnen gewesen wäre. Unter Alivias aufmerksamen Blicken ging sie auf und ab, zählte im Geist die Sekunden und versuchte abzuschätzen, wie lange es dauern würde, bis Rand und die anderen außer Sichtweite des Gasthauses sein würden. Als sie zu dem Schluss kam, dass genug Zeit vergangen war, nahm sie den Umhang von der Garderobe.
Alivia stürmte zur Tür und versperrte sie mit in die Hüften gestemmten Fäusten und ihr Ausdruck hatte nichts Kindliches an sich. »Ihr werdet ihnen nicht nachgehen«, sagte sie entschlossen. »Das würde alles nur noch schwieriger machen und das kann ich nicht zulassen.« Mit den blauen Augen und dem goldfarbenen Haar stimmten die Farben zwar nicht, aber sie erinnerte Min an ihre Tante Rana, die immer zu wissen schien, wann man etwas falsch gemacht hatte und die immer dafür sorgte, dass man es nicht noch einmal tun wollte.
»Erinnert Ihr Euch an unsere Unterhaltungen über Männer?«, wollte Min wissen. Alivias Wangen färbten sich blutrot. »Ich meine die, in denen es darum ging, dass sie nicht immer mit ihrem Verstand denken!«, beeilte sie sich hinzuzufügen. Sie hatte oft gehört, wie sich Frauen höhnisch darüber äußerten, dass andere Frauen nichts über Männer wussten, aber ihr war nie so jemand begegnet, bis sie Alivia kennen gelernt hatte. Die wusste wirklich nichts! »Rand wird sich auch ohne mich in Schwierigkeiten bringen. Ich werde zu Cadsuane gehen und wenn Ihr mich aufhalten wollt...« Sie hob die geballte Faust.
Alivia sah sie einen langen Augenblick mit gerunzelter Stirn an. Schließlich sagte sie: »Lasst mich meinen Umhang holen, dann begleite ich Euch.«
In der Blaue-Karpfen-Straße waren weder Sänften noch livrierte Diener zu sehen, und Kutschen hätten niemals durch die schmale, gewundene Gasse gepasst. Rechts und links erhoben sich mit Schieferdächern gedeckte Läden und Häuser aus Stein, die größtenteils zwei Stockwerke hoch waren; manchmal grenzten sie direkt aneinander, aber manchmal verliefen auch kleine Durchgänge dazwischen. Der Bürgersteig war noch immer rutschig vom Regen, und der kalte Wind wollte Rand den Umhang stehlen, aber es waren Leute unterwegs. Drei Straßenhüter, von denen einer einen Fangstab auf der Schulter trug, blieben stehen und musterten Rands Schwert, gingen dann aber weiter. Nicht weit entfernt erhoben sich auf der anderen Straßenseite die drei Stockwerke — wenn man den Dachboden unter dem Spitzdach nicht mitzählte —des Hauses, in dem sich der Laden des Schusters Zeram befand.
Ein dürrer Mann mit einem fliehenden Kinn warf Rands Münze in einen Geldbeutel und nahm einen dünnen Holzstab, um einen Fleischkuchen mit brauner Kruste von dem Holzkohlengrill auf seinem Karren zu heben. Sein Gesicht war faltig, sein dunkler Mantel schäbig, und sein langes graues Haar war mit einem Lederriemen zusammengebunden. Er schaute auf Rands Schwert und sah schnell wieder weg. »Warum erkundigt Ihr Euch nach dem Schuster? Das hier ist bestes Hammelfleisch.« Sein Grinsen zeigte viele Zähne und ließ sein Kinn beinahe ganz verschwinden und plötzlich sah sein Blick sehr verschlagen aus. »Nicht mal die Erste Ratsherrin isst besser.«
Als ich ein Junge war, nannte man Fleischkuchen Pasteten, murmelte Lews Therin. Wir kauften sie auf dem Land und...
Rand balancierte den Kuchen von einer Hand auf die andere, da sich die Hitze durch die Handschuhe fraß, und senkte die Stimme. »Ich möchte gern wissen, was für ein Mann meine Stiefel macht. Misstraut er zum Beispiel Fremden? Ein Mann macht seine Arbeit nicht mit vollem Einsatz, wenn er einem misstraut.«
»Aber gewiss doch, gnädige Frau«, sagte der kinnlose Bursche und senkte vor einer stämmigen grauhaarigen Frau den Kopf. Er wickelte vier Fleischkuchen in festes Papier und reichte ihr das Päckchen, bevor er ihre Münzen entgegennahm. »Eine Ehre. Möge das Licht auf Euch scheinen.« Sie ging ohne ein Wort und schob das Päckchen unter den Umhang, und er schenkte ihrem Rücken eine mürrische Grimasse, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Rand zuwandte. »Zeram kennt kein Misstrauen, und wenn er welches hätte, dann hätte ihm Milsa das schon längst ausgetrieben. Milsa ist seine Frau. Seit das letzte der Kinder geheiratet hat, vermietet Milsa die oberste Etage. Das heißt, wenn sie jemanden findet, den es nicht stört, in der Nacht eingesperrt zu sein.« Er lachte. »Milsa hat eine Treppe direkt bis zur dritten Etage einbauen lassen, also hat man seine Privatsphäre, aber sie wollte nicht auch noch für eine neue Tür bezahlen, also enden die Stufen im Laden, und sie hat nicht genug Vertrauen, um den nachts unverschlossen zu lassen. Wollt Ihr den Kuchen essen oder nur anschauen?«
Rand nahm einen schnellen Bissen, wischte sich heißes Fett vom Kinn und ging hinüber zu dem Schutz, den die überhängende Dachrinne eines kleines Messerladens bot. Überall auf der Straße kauften Leute den Händlern schnelle Mahlzeiten ab, Fleischkuchen oder Bratfisch und zusammengedrehte Papiertüten mit gerösteten Erbsen. Drei oder vier der Männer waren so groß wie er, und zwei oder drei der Frauen waren so groß wie die meisten der Männer, sie hätten glatt Aiel sein können. Vielleicht war der kinnlose Bursche gar nicht so verschlagen, wie er wirkte, vielleicht lag es auch nur daran, dass Rand seit dem Frühstück nichts gegessen hatte, aber er entdeckte, dass er den Kuchen am liebsten heruntergeschlungen und noch einen gekauft hätte. Stattdessen zwang er sich dazu, ihn langsam zu essen. Zerams Geschäft schien zu florieren. Ein ständiger Strom von Männern betrat den Laden, die meisten trugen ein Paar Stiefel, das geflickt werden musste. Selbst wenn er Besucher hinaufgehen ließ, ohne sie vorher anzukündigen, würde er sie später beschreiben können, und ein paar andere würden es auch.
Falls die Renegaten die oberste Etage von der Schusterfrau gemietet hatten, würde es ihnen nicht viel ausmachen, nachts eingesperrt zu sein. An der Südseite trennte eine Gasse das Haus des Schusters von dem einstöckigen Nachbarhaus, ein gefährlicher Sprung in die Tiefe, aber auf der anderen Seite grenzte ein zweistöckiges Gebäude mit einer Schneiderei im Erdgeschoss. Zerams Haus besaß nur an der Vorderseite Fenster — hinten gab es nur eine weitere Gasse für die Müllentsorgung; das hatte Rand schon überprüft —, aber es musste einen Weg auf das Dach geben, um falls nötig die Schieferpfannen reparieren zu können. Von dort würde es nur ein kurzer Sprung auf das Dach der Schneiderei sein, danach musste man nur noch drei weitere Dächer überqueren, bevor man zu einem weiteren niedrigen Gebäude kam, dem Laden eines Kerzenmachers, von dem aus man leicht auf die Straße oder in die Gasse hinter den Gebäuden gelangen konnte. Das würde in der Nacht kein großes Risiko darstellen, nicht einmal im hellen Tageslicht, wenn man sich von der Straße fern hielt und auf die Patrouillen der Straßenhüter achtete, wenn man hinuntersprang. So wie die BlaueKarpfen-Straße verlief, waren die nächsten Wachtürme außer Sicht.
Zwei Männer näherten sich dem Schuster, und Rand drehte sich schnell um, schaute in das kleine Schaufenster des Messerladens und tat so, als würde er die auf einem Brett befestigten Scheren und Messer betrachten. Einer der Männer war groß, wenn auch nicht ganz so groß wie ein Aiel. Tiefe Kapuzen verbargen ihre Gesichter, aber keiner von ihnen trug ein Paar Stiefel, und obwohl sie die Umhänge mit beiden Händen festhielten, riss der Wind die Säume weit genug in die Höhe, um Schwertscheiden sichtbar werden zu lassen. Eine Böe zog dem kleineren Mann die Kapuze vom Kopf; er riss sie sofort zurück, aber der Schaden war angerichtet. Charl Gedwyn hatte angefangen, sein Haar im Nacken mit einer Silberspange mit einem großen roten Edelstein zusammenzuhalten, aber er war noch immer ein finster dreinblickender Mann, der etwas Herausforderndes an sich hatte. Bei dem anderen Mann konnte es sich demzufolge nur um Torval handeln, da wäre Rand jede Wette eingegangen. Keiner der anderen war so groß.