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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Der Ratssaal war nicht groß. Vier mit Spiegeln versehene Kandelaber reichten aus, um ihn zu erleuchten, und ein großer tairenischer Teppich in Rot und Blau und Gold bedeckte fast den ganzen Boden. Ein großer Marmorkamin an der einen Seite des Raums leistete gute Arbeit, die Luft zu erwärmen, auch wenn die Glastüren, die zum Säulengang an der Außenseite des Gebäudes führten, im Nachtwind klapperten, und zwar laut genug, um das Ticken der hohen, vergoldeten illianischen Uhr auf dem Sims zu übertönen. Dreizehn geschnitzte und vergoldete Stühle, die beinahe schon Thronsessel darstellten, standen in einem Halbkreis der Tür gegenüber; sie alle wurden von besorgt dreinblickenden Frauen besetzt.

Aleis, die am Kopf des Halbkreises saß, runzelte die Stirn, als sie Cadsuane und ihre kleine Parade sah, die in den Saal strömte. »Das ist eine geschlossene Sitzung, Aes Sedai«, sagte sie, zugleich förmlich und kalt. »Vielleicht bitten wir Euch, uns später ...«

»Ihr wisst, wen Ihr da in der Zelle habt«, unterbrach Cadsuane sie.

Es war keine Frage, aber Aleis versuchte mit Ausflüchten davonzukommen. »Eine gewisse Anzahl von Männern, soweit ich informiert bin. Stadtbekannte Trunkenbolde, diverse Ausländer, die man wegen Räufereien oder Diebstahl festgenommen hat, heute einen Grenzländer, der vielleicht drei Männer ermordet hat. Ich führe nicht persönlich Buch über die Festnahmen, Cadsuane Sedai.« Bei der Erwähnung des wegen Mordes festgenommenen Mannes holte Nynaeve zischend Luft, und ihre Augen funkelten bedrohlich, aber immerhin hatte das Kind genug Verstand, den Mund zu halten.

»Also wollt Ihr verbergen, dass Ihr den Wiedergeborenen Drachen gefangen haltet«, sagte Cadsuane ganz ruhig. Sie hatte gehofft, und zwar mit aller Macht, dass Verins mühevolle Vorarbeit sie davor zurückschrecken lassen würde. Aber vielleicht konnte man es ja doch noch auf die ganz einfache Weise schaffen. »Ich kann ihn Euch abnehmen. Ich habe im Laufe der Jahre über zwanzig Männern gegenübergestanden, welche die Macht lenken konnten. Er macht mir keine Angst.«

»Wir danken Euch für dieses Angebot«, erwiderte Aleis glatt, »aber wir ziehen es vor, zuerst mit Tar Valon Verbindung aufzunehmen.« Um einen Preis zu feilschen, meinte sie. Nun, was sein musste, musste eben sein. »Macht es Euch etwas aus, uns zu verraten, wie Ihr erfahren habt ...«

Cadsuane unterbrach sie erneut. »Vielleicht hätte ich es früher erwähnen sollen, aber diese Männer hinter mir sind Asha'man.«

Die drei traten vor, genau wie sie instruiert worden waren, und Cadsuane musste zugeben, dass sie ein gefährliches Erscheinungsbild boten. Der grauhaarige Damer sah aus wie ein Bär mit Zahnschmerzen, der hübsche Jahar schien ein dunkler, schlanker Leopard zu sein, und Ebens starrer Blick erschien besonders unheilvoll, kam er doch aus einem so jugendlichen Gesicht. Sie hatten durchaus Wirkung auf den Rat. Ein paar der Frauen rutschten auf ihren Stühlen umher, als wollten sie mit ihnen zurückweichen, aber Cyprien stand der Mund offen, was bei ihren hervorstehenden Zähnen sehr unvorteilhaft aussah. Sybaine, deren Haar so grau wie Cadsuanes war, sackte auf ihrem Stuhl zusammen und fing an, sich mit der schlanken Hand Luft zuzuwedeln, während sich Cumeres Mund verzog, als musste sie sich übergeben.

Aleis war aus härterem Holz geschnitzt, obwohl sie beide Hände gegen den Leib drückte. »Ich habe Euch bereits gesagt, dass Asha'man gerngesehene Besucher sind, solange sie sich an die Gesetze halten. Wir fürchten die Asha'man nicht, Cadsuane, obwohl ich sagen muss, dass es mich überrascht, welche in Eurer Begleitung zu sehen. Vor allem Angesichts des Angebots, das Ihr gerade gemacht habt.«

Also war sie jetzt nur noch Cadsuane, wie? Trotzdem bedauerte sie die Notwendigkeit, Aleis zu brechen. Sie regierte Far Madding gut, aber von dieser Nacht würde sie sich möglicherweise niemals wieder erholen. »Habt Ihr vergessen, was heute sonst noch passiert ist, Aleis? Jemand hat in der Stadt die Macht gelenkt.« Wieder rutschten die Ratsherrinnen herum und auf mehr als nur einer Stirn zeigten sich besorgte Falten.

»Eine Abweichung.« Die kühle Beherrschung war aus Aleis' Stimme verschwunden und durch Wut ersetzt worden, und vielleicht auch durch einen Hauch von Furcht. Ihre Augen glitzerten dunkel. »Vielleicht haben sich die Wächterinnen geirrt. Keiner der Befragten hat etwas beobachtet, das einen Hinweis darauf geben...«

»Selbst das, was wir für vollkommen halten, kann Fehler haben, Aleis.« Cadsuane griff nach ihrer eigenen Quelle und nahm eine genau berechnete Menge Saidar in sich auf. Sie hatte Übung darin, der kleine goldene Kolibri konnte nicht annähernd so viel davon speichern wie Nynaeves Gürtel. »Fehler können unbemerkt jahrhundertelang verborgen bleiben, bevor man sie bemerkt.« Das Gewebe aus Luft, das sie wob, reichte gerade dazu aus, das juwelenbesetzte Diadem von Aleis' Kopf zu heben und auf dem Teppich vor den Füßen der Frau abzusetzen. »Sobald man sie jedoch entdeckt hat, findet sie anscheinend jeder, der danach sucht, ebenfalls.«

Dreizehn schockierte Blicke starrten das Diadem an. Die Ratsherrinnen schienen wie erstarrt zu sein und hielten den Atem an.

»Weniger ein Fehler als ein Scheunentor, wenn Ihr mich fragt«, verkündete Damer. »Ich finde, auf Eurem Kopf sieht es hübscher aus.«

Der Glanz der Macht hüllte plötzlich Nynaeve ein, und das Diadem flog auf Aleis zu und wurde im letzten Augenblick langsamer, so dass es über ihrem bleichen Gesicht zur Ruhe kam, statt ihr den Kopf aufzuschlagen. Das Licht Saidars verschwand jedoch nicht um das Mädchen. Nun, sollte sie doch ihre Quelle leeren.

»Wird ...?« Aleis schluckte, aber als sie fortfuhr, brach ihre Stimme. »Wird es ausreichen, wenn wir ihn in Eure Obhut übergeben?« Ob sie Cadsuane oder die Asha'man meinte, blieb unklar, vielleicht wusste sie es selbst nicht.

»Ich glaube, das wird es«, sagte Cadsuane ruhig, und Aleis sackte zusammen wie eine Puppe, der man die Fäden durchtrennt hatte. So schockiert die anderen Ratsherrinnen über die Zurschaustellung der Macht auch waren, tauschten sie dennoch fragende Blicke aus. Blicke, die sich auch auf Aleis richteten, Entschlossenheit trat in Gesichter, man nickte sich zu. Cadsuane holte tief Luft. Sie hatte dem Jungen versprochen, dass alles, was sie tun würde, zu seinem Nutzen geschah, nicht zum Nutzen der Burg und auch von niemand anderen, und jetzt hatte sie eine gute Frau zu seinem Nutzen gebrochen. »Es tut mir sehr Leid, Aleis«, sagte sie. Und dachte: Die Schuld auf deinem Konto wird jetzt schon immer größer, Junge.

35

Mit den Choedan Kai

Rand ritt ohne zurückzublicken über die breite Steinbrücke, die vom Caemlyn-Tor nach Norden führte. Die Sonne war eine blasse goldene Scheibe, die gerade an einem wolkenlosen Himmel aufgegangen war, aber die Luft war kalt genug, um seinen Atem in Nebel zu verwandeln, und die Winde vom See ließen seinen Umhang flattern. Aber er fühlte die Kälte nicht, es sei denn als etwas Fernes, das eigentlich nichts mit ihm zu tun hatte. Ihm war kälter, als der Winter jemals hätte bewirken können. Die Wächter, die in der Nacht gekommen waren, um ihn aus der Zelle zu holen, waren überrascht gewesen, ihn mit einem kleinen Lächeln vorzufinden. Er zeigte es noch immer, eine leichte Krümmung seiner Lippen. Nynaeve hatte mit dem letzten Rest Saidar ihres Gürtel seine Prellungen Geheilt, doch der behelmte Offizier, der am Fuß der Brücke die Straße betrat, ein stämmiger Mann mit derben Gesichtszügen, zuckte bei seinem Anblick zusammen, so als wäre sein Gesicht noch immer geschwollen und blau angelaufen.

Cadsuane beugte sich auf ihrem Sattel herunter, um mit dem Offizier ein paar leise Worte zu wechseln und ihm ein zusammengefaltetes Papier zu geben. Er sah sie stirnrunzelnd an und fing an zu lesen, dann riss er den Kopf hoch, um die Männer und Frauen, die geduldig hinter ihr auf ihren Pferden warteten, erstaunt anzustarren. Er fing erneut oben auf der Seite an, las und bewegte dabei lautlos die Lippen, als wollte er sich eines jeden Wortes vergewissern. Unterzeichnet und besiegelt von allen dreizehn Ratsherrinnen besagte der Befehl, dass weder die Friedensbunde überprüft noch die Packpferde durchsucht werden sollten. Die Namen aller sollten in den Büchern unkenntlich gemacht und der Befehl selbst verbrannt werden. Sie waren niemals nach Far Madding gekommen. Keine Aes Sedai, keine Atha'an Miere, keiner von ihnen.

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