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Untot

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Aus dem Amerikanischen übertragen von Angelika Weidmann
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»Warte mal, Bürschchen!« Flack spie die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Was haben Sie mit Sue Ellen gemacht?« platzte Ann heraus. Sie war so aufgeregt, daß die Worte hervorschossen, ehe sie sich auf die Zunge beißen konnte. In ihrer Angst wurde das, was bisher nur ein unterbewußter Verdacht gewesen war, plötzlich ein konkreter Gedanke.

Flack schaute sie verblüfft, erstaunt und gekränkt an. Er ließ von dem Jungen ab und wandte sich mit beleidigtem Blick Ann zu. Billy blieb auf dem Sofa liegen und rieb sich die Kehle und die Brust. Sein gerötetes Gesicht war vor Zorn und Angst und Schmerz zu einer Grimasse verzerrt. In ernsthaftem, überzeugendem Tonfall sagte Flack: »Seht ihr die zwei Gefangenen da? Schaut sie euch gut an. Kinder-belästiger! Und wir müssen Kopf und Kragen riskieren, um die Drecksäcke heil der Jusitz zu übergeben.« Flack hielt inne und grinste. »Wir hätten auch nicht hier herkommen und euch das Leben retten müssen. Aber wir haben es getan, und da wir jetzt für eine Weile hier festhängen, sind wir auf ein bißchen Unterstützung angewiesen. Ich meine, es wäre an der Zeit, daß wir was zwischen die Zähne kriegen. Eine kleine Mahlzeit. Keiner weiß, wie schlimm sich das da draußen noch zuspitzen wird. Also, wer von euch ist der Koch?« Ann und Billy schauten einander an. Billys Gesicht war noch immer hochrot. Er saß steif aufgerichtet auf dem Sofa. »Also gut, ich mach's«, erklärte sich Ann kaum hörbar bereit. Sie wandte sich um, doch sie hielt inne, als sie das Rauschen des Fernsehers hörte. John Carter hatte das Gerät eingeschaltet und wartete darüber gebeugt, bis es warm wurde.

Carters Augen waren auf den Bildschirm gerichtet. Nicht, daß er sich besonders für das Bild interessiert hätte, das sich langsam verdichtete; er war einfach im Augenblick an allem anderen desinteressiert. Er strahlte eine Aura schweigender Autorität aus. Auch wenn er nicht viel gesagt hatte, war seine Gegenwart ein ständig zu berücksichtigender Faktor in dem Zimmer. Er schien nur den Mund aufzumachen, wenn er mit etwas nicht einverstanden war oder wenn er etwas in bestimmter Weise getan haben wollte. Er war bereit, den Dingen ihren Lauf zu lassen, solange sie nicht gestoppt werden mußten. Carter war eindeutig der Boß, ohne daß er jedermann ständig darauf hinzuweisen brauchte.

Eine Nachrichtensendung fesselte jedermanns Aufmerksamkeit. Ein Sprecher saß hinter einem Schreibtisch in einem Fernsehstudio: »Offenbar beschränkt sich das Phänomen nicht, wie zunächst angenommen wurde, auf zwei bestimmte Staaten. Von überall her sind Berichte eingegangen. Eine Krankenschwester aus New York erzählt von einem höchst merkwürdigen Erlebnis.« Die Leute in dem Millerschen Wohnzimmer drängten sich näher um das Fernsehgerät, während das Bild des Ansagers verblaßte und statt dessen eine junge Frau sichtbar wurde, die ein Interview gab. Karen war von dem Geräusch des Fernsehers herbeigelockt worden und schlich sich leise dicht neben Ann. Die Gefangenen am Boden hoben die Köpfe und versuchten zwischen den Beinen der übrigen Anwesenden hindurch einen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen. Zu sehen war eine Krankenschwester in einem New Yorker Krankenhaus, der ein Reporter ein Mikrofon unter die Nase hielt. »Also«, setzte sie an - noch immer erschüttert von dem Erlebnis. »Ich hatte gerade einen toten Organspender aus dem Operationssaal im Erdgeschoß in den Vorraum gestellt. Sein Herz war entfernt worden. Ich hatte ihn an seinen Platz gebracht, mich für einen kleinen Augenblick abgewandt, und als ich wieder hinschaute, kam er auf mich zu - ich kann es noch immer nicht fassen! Ich rannte hinaus und schrie um Hilfe, und als wir wieder hineinkamen, hatte er sich durch eine Fensterscheibe gestürzt und war in Sekundenschnelle verschwunden.«

Auf dem Bildschirm erschien wieder der Nachrichtensprecher. »Ich wiederhole: Entsetzliche Berichte dieser Art treffen aus allen Teilen des Landes ein.«

Karen stöhnte plötzlich laut auf, schleppte sich zu einem Stuhl und ließ sich darauffallen. Sie krümmte sich vor Schmerzen. Billy und Ann sprangen hinzu und versuchten, ihr zu helfen, bis zum Sofa zu gehen. Sie bewegte sich langsam und steif aus Angst, ihre Wehen hätten schon eingesetzt. »Es ist doch erst in einem Monat fällig!« rief sie und verschränkte die Arme vor ihrem Leib, während Billy und Ann sie aufs Sofa betteten »Es kann doch noch nicht losgehen!« »Ist es sehr schlimm?« fragte Ann. »Eben hat es scheußlich weh getan. Und es fühlt sich so an, als käme es gleich wieder.«

Während Billy und Ann sich um Karen kümmerten, liefen die Fernsehnachrichten weiter. Flack, Angel, John Carter und Wade Connely folgten ihnen aufmerksam. Das Gesicht des Ansagers füllte den ganzen Bildschirm.

»Die vor kurzem Verstorbenen - Leichen aus Leichenhäusern, Bestattungsunternehmen und Krankenhäusern - werden wieder lebendig und laben sich an Menschenfleisch. Niemand weiß, wie viele Menschen von den Leichenfressern ermordet worden sind, nur um sich dann ihrerseits den Reihen der wandelnden Toten anzuschließen. Es besteht kein Zweifel darüber, daß diese Seuche - wenn sie nicht schleunigst unter Kontrolle gebracht wird - zur Vernichtung der gesamten Menschheit führen kann. In den meisten Gebieten haben die lokale Polizei, Einheiten der Nationalgarde und Freiwillige damit begonnen, rund um die Uhr zu arbeiten, um das Problem in den Griff zu bekommen. Überflüssig zu erwähnen, daß sowohl unsere Städte als auch die ländlichen Bezirke inzwischen zu blutigen Schlachtfeldern geworden sind. Die Katastrophe verschlimmert sich noch durch die Tatsache, daß die Menschen anfangen, gegenseitig aufeinander loszugehen. Banden von Plünderern und Vergewaltigern machen die Landbezirke unsicher - ganz besonders in abgelegenen Gegenden - und nutzen das Zusammenbrechen von Gesetz und Ordnung aus, das als Folge des Überfalls der Leichenfresser zu chaotischen Zuständen geführt hat. Nachrichten über Mord, Vergewaltigungen und Brandstiftungen sind inzwischen an der Tagesordnung. Hier in unserem eigenen Distrikt hat Sheriff Conan McClellan, der vor zehn Jahren erfolgreich mit einer vergleichbaren Notlage fertig geworden ist, wieder das Kommando über ein bewaffnetes Aufgebot aus Polizeibeamten und freiwilligen Zivilisten übernommen. Es ist uns gelungen, Sheriff McClellan im Laufe des heutigen Tages zu interviewen.«

Auf dem Bildschirm waren im Vordergrund McClellan und ein Reporter zu sehen, im Hintergrund herrschte ein emsiges Gewimmel. Hinter den beiden Männern war ein Zeltlager zu erkennen. Weitere Zelte wurden aufgerichtet. Überall wuselte es von Männern mit Hunden, von Lagerfeuern, Jeeps und Rettungswagen. Der Sheriff trug Zivil. Die Hosen seines dunklen Anzugs stecken in gefütterten Stiefeln, die Krawatte hatte er gelockert. Er wirkte sehr erschöpft. Er hatte ein Schnellfeuergewehr mit Zielfernrohr und einen Munitionsgürtel geschultert.

»Sheriff..., inwieweit läßt sich der gegenwärtige Notstand mit der Situation von vor zehn Jahren vergleichen? « fragte der Reporter und hielt dem Sheriff das Mikrofon unter die Nase. Der Sheriff gab eine klare Antwort: »Diesmal ist es schlimmer. Wesentlich schlimmer sogar. Die Leute nutzen die Situation aus und gehen aufeinander los. Die Leichenfresser könnten wir eventuell unter unsere Kontrolle bringen, aber wir haben es zusätzlich mit Vergewaltigern und Plünderern zu tun.«

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