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Nie sollst Du vergessen

Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:

In einer regnerischen Nacht wird Eugenie Davies in London von einem Autofahrer getötet. Ein Unfall ist definitiv auszuschließen: Die Frau wurde frontal angefahren und danach mehrmals absichtlich mit dem Wagen überrollt. Doch was hatte Eugenie Davies so spät am Abend überhaupt in der Stadt zu suchen? Und warum trug sie einen Zettel mit dem Namen genau des Mannes bei sich, der später ihre Leiche findet? Für Inspector Thomas Lynley, in dessen Privatleben sich zur selben Zeit dramatische Veränderungen ankündigen, sind diese Fragen nur der Auftakt zu Ermittlungen, in deren Verlauf er auf einem gefährlich schmalen Grat zwischen persönlicher Loyalität und beruflicher Ehre wandert. Denn schon bald stellen Lynley und Sergeant Barbara Havers betroffen fest, dass ihr Chef Superintendent Webberly, der mehr über Eugenie Davies zu wissen scheint, als er preisgibt, versucht, sie bei der Auswertung von Erkenntnissen zu behindern. Für Lynley und Havers steht ihre berufliche Laufbahn auf dem Spiel, doch sie sind schon viel zu tief in den Fall eingedrungen, um sich noch zurückziehen zu können. Denn die Familie Davies nährt einen tödlichen Kreislauf aus Versagen, Wut und Gewalt, der immer weitere Opfer fordert…
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
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Er sagte: »Virginia.«

»Was? Wer? Wer ist Virginia?«

Seine Schultern bebten, und er hielt die Karte in seiner Faust wie in einem Würgegriff. »Virginia«, sagte er wieder. »Virginia! Strafe ihn Gott! Er hat mich belogen.« Er begann zu weinen, nein, er schluchzte. Sein Körper wurde von heftigen Zuckungen geschüttelt, während er schluckte und würgte, als wollte alles aus ihm heraus: der Inhalt seines Magens, seine Gedanken und seine Gefühle.

Vorsichtig griff Libby nach der Karte. Er ließ sie sich aus der Hand nehmen, und sie überflog das Geschriebene auf der Suche nach den Worten, die Gideon zu dieser heftigen Reaktion veranlasst hatten.

Lieber Richard, stand da, danke dir vielmals für die Blumen. Es war keine große Feier, aber ich habe versucht, sie so zu gestalten, dass sie Virginia gefallen hätte. Ich habe überall in der Kapelle ihre Fingerfarbengenälde aufgehängt und ihr ihre Lieblingsspielsachen rund um den Sarg gelegt.

Unsere Tochter war auf ihre eigene Art ein Wunderkind. Nicht nur weil sie den medizinischen Vorhersagen zum Trotz zweiunddreißig Jahre alt wurde, sondern auch weil sie jedem, der mit ihr in Berührung kam, so vieles geben konnte. Ich denke, du wärst stolz gewesen, ihr Vater zu sein, wenn du sie gekannt hättest, Richard. Trotz ihren Problemen besaß sie deine Beharrlichkeit und deinen Kampfgeist, keine geringen Gaben an ein Kind.

Herzlichst, Lynn.

Libby las das Schreiben noch einmal und verstand. Sie besaß deine Beharrlichkeit und deinen Kampfgeist, keine geringen Gaben an ein Kind. Virginia, dachte sie. Auch Richards Kind. Gideon hatte noch eine Schwester, und auch die war tot.

Sie sah Gideon an und wusste nicht, was sie sagen sollte. Er hatte in den vergangenen Tagen so viele Schläge einstecken müssen, und sie hatte keine Ahnung, wie sie ihn trösten sollte.

Zaghaft sagte sie: »Du hast nichts von ihr gewusst, Gid?«, und sagte noch einmaclass="underline" »Gideon?«, als er nicht antwortete. Behutsam berührte sie seine Schulter. Er bewegte sich nicht, aber er zitterte am ganzen Körper.

»Tot«, sagte er schließlich.

»Ja«, antwortete sie. »Das habe ich gelesen. Lynn muss - na ja, sie spricht von >unserer Tochterc, also war sie offensichtlich die Mutter. Das heißt, dass dein Dad früher schon mal verheiratet war und du eine Stiefschwester hattest. Hast du das nicht gewusst?«

Er nahm ihr die Karte wieder ab, stemmte sich aus dem Schreibtischsessel, schob die Karte ungeschickt wieder in den Umschlag und steckte diesen in seine hintere Hosentasche. Mit einer Stimme, die so leise war, als spräche er in Hypnose, sagte er:

»Er belügt mich ständig. Das war immer so. Und er lügt auch jetzt.«

Wie blind watete er durch den Müll, den er auf dem Fußboden hinterlassen hatte, und Libby, die ihm folgte, sagte: »Vielleicht hat er gar nicht gelogen.« Sie sagte es nicht, um Richard Davies zu verteidigen - dieser Mensch hätte wahrscheinlich das Blaue vom Himmel gelogen, um zu erreichen, was er wollte -, sondern weil sie es so schrecklich fand, dass Gideon nun auch noch das zugemutet wurde. »Ich meine, wenn er dir nicht von Virginia erzählt hat, muss das ja nicht unbedingt eine bewusste Lüge gewesen sein. Vielleicht gab es einfach nie einen Anlass, darüber zu sprechen. Es ergab sich für ihn nie eine Gelegenheit, von ihr zu erzählen. Vielleicht wollte auch deine Mutter nicht, dass darüber geredet wird. Vielleicht war es zu schmerzhaft? Ich will damit nur sagen, dass es nicht unbedingt -«

»Ich wusste es«, sagte er. »Ich habe es immer gewusst.«

Er ging in die Küche, Libby hinterher, verwundert über diese letzte Bemerkung. Wenn Gideon von Virginia gewusst hatte, was war dann mit ihm los? War er entsetzt über ihren Tod? War er verstört, weil niemand ihn von ihrem Tod in Kenntnis gesetzt hatte? Empört, weil er daran gehindert worden war, zu ihrer Beerdigung zu gehen? Aber Richard selbst war ja, nach dieser Dankeskarte zu urteilen, auch nicht dort gewesen. Was also war die Lüge?

»Gid -«, begann sie und brach ab, als er zum Telefon ging und eine Nummer einzutippen begann. Eine Hand auf seinen Magen gedrückt, stand er da und klopfte mit dem Fuß auf den Boden, sein Gesicht eine Maske grimmiger Entschlossenheit.

»Jill?«, sagte er ins Telefon. »Gideon hier. Ich würde gern meinen Vater sprechen . Nein? Wo kann er dann…? Ich bin in seiner Wohnung. Nein, er ist nicht hier -ja, da habe ich nachgesehen. Hat er irgendetwas zu dir gesagt…?«

Es folgte eine ziemlich lange Pause, während der Richards Geliebte entweder nachdachte oder eine Reihe von Möglichkeiten aufzählte. Dann sagte Gideon: »Gut. MotherCare. In Ordnung… Danke, Jill.« Danach legte er wieder eine Pause ein, während der er nur zuhörte, und schloss das Gespräch dann mit den Worten:

»Nein, du brauchst ihm nichts auszurichten. Es wäre mir sogar lieber, du würdest ihm nichts von meinem Anruf sagen, falls er sich bei dir meldet. Ich möchte ihn nicht… Genau! Wozu ihn beunruhigen? Er hat genug um die Ohren.« Dann legte er auf.

»Sie meint, er sei in der Oxford Street. Einkäufe machen. Er möchte ein Babyfon haben. Sie hat noch keines besorgt, weil sie dachte, das Kind würde bei ihnen schlafen. Oder bei ihr. Oder bei ihm. Oder bei irgendjemandem. Auf keinen Fall wollte sie es allein schlafen lassen. Denn wenn man ein Baby allein lässt, Libby, wenn ein Kind eine Zeit lang unbeaufsichtigt bleibt, wenn die Eltern nicht wachsam sind, wenn ein unerwartetes Ereignis sie ablenkt, wenn ein Fenster offen steht, wenn man vergisst, eine brennende Kerze auszublasen, ganz gleich, was, dann kann das Schlimmste geschehen. Dann wird das Schlimmste geschehen. Und wer weiß das besser als mein Vater?«

»Los, gehen wir«, sagte Libby. »Verschwinden wir hier, Gideon. Komm schon. Ich spendier dir einen Milchkaffee, okay? Irgendwo in der Nähe gibt's bestimmt ein Starbucks.«

Er schüttelte den Kopf. »Fahr du nach Hause. Nimm den Wagen. Fahr nach Hause.«

»Ich lass dich hier nicht allein. Wie willst du denn überhaupt -«

»Ich warte auf meinen Vater. Er kann mich dann nach Hause fahren.«

»Wer weiß, wann er kommt. Wenn er erst zu Jill fährt und bei ihr dann die Wehen anfangen und sie zur Entbindung ins Krankenhaus muss, kann es Tage dauern. Komm schon. Ich möchte nicht, dass du ganz allein hier rumhängst.«

Aber er war nicht umzustimmen. Er wollte nicht, dass sie blieb, und er wollte nicht mit ihr fahren. Er wollte mit seinem Vater sprechen.

»Es ist mir egal, wie lang es dauert«, sagte er. »Diesmal ist es mir wirklich völlig egal.«

Widerstrebend fügte sie sich seinem Wunsch, außerdem war er nach dem Gespräch mit Jill etwas ruhiger, schien sich einigermaßen gefangen zu haben.

»Aber du rufst mich an, wenn du was brauchst«, sagte sie.

Er brachte sie zur Tür. »Ich brauche nichts«, antwortete er.

Helen selbst öffnete, als Lynley an die Tür des Hauses in Stamford Brook klopfte.

»Helen«, sagte er, »wieso bist du immer noch hier? Ich konnte es nicht glauben, als Hillier sagte, du wärst vom Krankenhaus aus hier herausgefahren. Das solltest du nicht tun.«

»Aber warum denn nicht?«, fragte sie ruhig und vernünftig.

Als er ins Haus trat, kam mit lautem Gebell Webberlys Hund aus der Küche angerannt. Lynley wich zur Tür zurück, während Helen den Hund beim Halsband nahm und sagte: »Nein, Alfie.«

Sie schüttelte ihn einmal kräftig. »Er benimmt sich nicht gerade wie ein guter Freund, aber er ist schon in Ordnung. Hunde, die bellen, beißen nicht.«

»Versprichst du mir das?«, fragte Lynley.

Sie hob den Kopf und sah ihn an. »Ich habe eigentlich von dir gesprochen.« Sie ließ den Hund los, als dieser sich beruhigt hatte, dann kurz Lynleys Hosenaufschläge beschnupperte und zur Küche zurück trottete. »Gib mir bitte keine guten Ratschläge, Darling«, sagte Helen zu ihrem Mann. »Du siehst, ich habe wehrhafte Freunde.«

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