Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Mit scharfen Zähnen.«
»Stimmt.« Mit einer Kopfbewegung zur Haustür sagte sie: »Ich hatte gar nicht mit dir gerechnet. Ich hoffte, es wäre Randie.«
»Sie will ihn wohl auf keinen Fall allein lassen.«
»Es ist das reinste Tauziehen. Sie will ihren Vater nicht verlassen, und Frances will das Haus nicht verlassen. Als der Anruf kam, dass er einen Herzinfarkt erlitten hatte, dachte ich, jetzt wird sie doch ganz bestimmt zu ihm fahren wollen. Sie wird sich überwinden, denn es kann ja sein, dass er stirbt, und nicht bei ihm zu sein, wenn er stirbt… Aber nein.«
»Das ist nicht dein Problem, Helen. Und so wie du dich die letzten Tage gefühlt hast - du brauchst dringend Ruhe. Wo ist denn Laura Hillier?«
»Sie und Frances hatten einen Riesenstreit. Das heißt, er ging eigentlich mehr von Frances aus. Es war so ein Gespräch nach dem Motto, schau mich gefälligst nicht an, als wär ich ein Ungeheuer, weißt du, wo die eine versucht, die andere davon zu überzeugen, dass sie das nicht denkt, was die andere ihr unbedingt einreden will, dass sie denkt, weil sie es nämlich auf einer gewissen Ebene - würde man sagen, im Unterbewussten? - tatsächlich denkt.«
Lynley hatte keinen Boden mehr unter den Füßen und sagte:
»Kann es sein, dass diese Gewässer zu tief für mich sind, Helen?«
»Ein Rettungsring wäre vielleicht nicht schlecht.«
»Und ich dachte, ich könnte helfen.«
Helen war ins Wohnzimmer gegangen. Dort stand ein Bügelbrett und auf ihm ein Bügeleisen, woraus Lynley verblüfft schloss, dass seine Frau tatsächlich dabei war, die Familienwäsche zu bügeln. Über dem Brett lag ein Herrenhemd, dessen einer Ärmel offensichtlich das Objekt ihrer jüngsten Bemühungen war. Nach den Falten zu urteilen, die wie in das Kleidungsstück gestanzt wirkten, schien Helens Berufung nicht unbedingt das Bügeln zu sein.
Sie bemerkte seinen Blick und sagte: »Na ja, ich wollte mich nützlich machen.«
»Du bist großartig. Wirklich«, versicherte Lynley ermutigend.
»Aber ich mache es irgendwie falsch. Das sehe ich selbst. Ich bin sicher, es gibt da eine Methode - eine Reihenfolge oder so was -, aber ich bin bis jetzt nicht dahinter gekommen. Zuerst die Ärmel? Oder der Rücken? Der Kragen vielleicht? Ganz gleich, wo ich anfange, der Teil, den ich gerade gebügelt habe, verknittert sofort wieder, wenn ich den nächsten Teil in Angriff nehme. Hast du keinen Rat für mich?«
»Es muss doch in der Nähe eine Wäscherei geben.«
»Das ist wirklich wahnsinnig hilfreich, Tommy.« Helen lächelte kläglich. »Vielleicht sollte ich bei Kissenbezügen bleiben.«
»Wo ist Frances?«
»Darling, nein! Wir können sie doch jetzt unmöglich -«
Er lachte. »Das meinte ich nicht. Ich würde gern mit ihr sprechen. Ist sie oben?«
»Ach so. Ja. Nach dem Krach gab's natürlich Tränen. Laura stürzte schluchzend aus dem Haus, und Frances rannte mit verbissener Miene nach oben. Als ich später nach ihr sah, hockte sie im Schlafzimmer in einer Ecke auf dem Boden und hielt sich an den Vorhängen fest. Sie bat mich, sie in Ruhe zu lassen.«
»Sie braucht Randie. Und Randie braucht sie.«
»Glaub mir, Tommy, das habe ich ihr bereits in allen Tonarten gesagt, von piano bis fortissimo. Nur aggressiv habe ich es nicht versucht.«
»Aber das braucht sie vielleicht. Ein bisschen Aggressivität.«
»Der Ton könnte vielleicht eine Wirkung haben - obwohl ich es bezweifle -, aber mit Lautstärke, das garantiere ich dir, wirst du überhaupt nichts erreichen. Jedes Mal, wenn ich nach oben gehe, um nach ihr zu sehen, bittet sie mich, sie allein zu lassen. Ich tu das zwar nicht gern, aber ich finde, man muss ihre Wünsche respektieren.«
»Dann lass es mich doch mal versuchen.«
»Ich komme mit. Gibt es von Malcolm eigentlich etwas Neues? Wir haben aus dem Krankenhaus nichts mehr gehört, seit Randie angerufen hat. Aber das ist wahrscheinlich ein gutes Zeichen. Randie hätte doch bestimmt sofort telefoniert, wenn… Hat sich an seinem Zustand gar nichts geändert, Tommy?«
»Nein, nichts«, antwortete Lynley. »Sein Herz verkompliziert die Situation natürlich. Man kann nur warten.«
»Meinst du, es wird auf eine Entscheidung hinauslaufen…?«
Helen blieb oberhalb von ihm auf der Treppe stehen und blickte zu ihm zurück. Sein Gesicht gab ihr die Antwort auf die unvollendete Frage. »Ach Gott, es tut mir so Leid für sie alle«, sagte sie.
»Und für dich auch. Ich weiß doch, wie viel er dir bedeutet.«
»Frances muss zu ihm ins Krankenhaus. Man kann Randie nicht zumuten, alles allein zu entscheiden, wenn es soweit kommen sollte.«
»Nein, ganz gewiss nicht«, stimmte Helen zu.
Lynley, der nie im oberen Stockwerk des Hauses gewesen war, ließ sich von Helen den Weg zum Schlafzimmer zeigen. Hier oben durchzogen die verschiedensten Gerüche die Luft: Blumendüfte aus Schalen mit getrockneten Blüten auf einer dreistöckigen Etagere gleich bei der Treppe, würziger Orangenduft, der mit dem Rauch einer brennenden Kerze neben der Badezimmertür aufstieg, das Zitronenaroma der Möbelpolitur. Aber all diese Düfte vermochten nicht, den durchdringenden Geruch überheizter Luft und schalen Zigarrenrauchs zu überdecken, die sich in diesen Räumen so festgesetzt hatten, dass es schien, als könnte höchstens ein heftiger und lang andauernder Regenguss sie vertreiben.
»Es gibt nicht ein offenes Fenster im Haus«, bemerkte Helen leise. »Ich weiß, es ist November, da kann man natürlich nicht erwarten… Aber trotzdem… Es muss sehr schwierig für sie sein, nicht nur für Malcolm und Randie. Sie können ja weg. Auch für Frances, denn sie wünscht sich doch sicher nichts so sehr, wie wieder - wieder gesund zu werden.«
»Ja, das möchte man meinen«, stimmte Lynley zu. »Ist es hier, Helen?«
Nur eine der Türen war geschlossen, und Helen nickte, als er auf diese zeigte. Er klopfte an und sagte: »Frances? Ich bin's, Tommy. Darf ich reinkommen?«
Keine Antwort. Er rief noch einmal, ein wenig lauter diesmal, und ließ ein zweites Klopfen folgen. Als sie sich auch jetzt nicht meldete, legte er die Hand an den Türknauf, der sich ohne Mühe drehen ließ. Lynley öffnete vorsichtig die Tür einen Spalt. Hinter ihm rief Helen gedämpft: »Frances? Möchten Sie mit Tommy sprechen?«
Woraufhin Webberlys Frau endlich reagierte und »Ja« sagte, mit einer Stimme, aus der weder Furcht noch Ärger angesichts der Störung herausklangen, die nur leise und sehr müde war.
Sie fanden sie nicht in der Ecke, wo Helen sie zuletzt gesehen hatte, sondern auf einem ungepolsterten, steiflehnigen Stuhl sitzend, den sie an ihren Toilettentisch herangezogen hatte, um dort im Spiegel ihr Bild betrachten zu können. Auf dem Tisch hatte sie Haarbürsten, Spangen und Bänder bereit gelegt, und als Helen und Lynley eintraten, ließ sie gerade zwei der Bänder durch ihre Finger laufen, als wollte sie die Wirkung der Farbe auf ihrer Haut prüfen.
Sie trug offensichtlich noch dieselben Kleider wie in der Nacht, als sie ihre Tochter angerufen hatte: einen gesteppten rosaroten Morgenrock und darunter ein blaues Nachthemd. Sie hatte ihr Haar nicht geordnet, auch wenn sie sämtliche Bürsten vor sich ausgelegt hatte, denn es war immer noch platt an den Kopf gedrückt wie unter einem unsichtbaren Hut.
Sie war so bleich, dass Lynley trotz der Tageszeit sofort an einen stärkenden Schluck Alkohohl dachte: Gin, Brandy, Whisky, Wodka oder irgendetwas anderes, was ihrem Gesicht wieder Farbe geben würde. Er sagte zu Helen: »Würdest du uns etwas zu trinken holen, Darling?« Und zu Webberlys Frau: »Frances, Ihnen würde ein Brandy gut tun. Tun Sie mir den Gefallen und trinken Sie einen.«
»Ja, gut«, antwortete sie. »Einen Brandy.«
Helen ging. Lynley schob eine Wäschetruhe, die am Fußende des Bettes stand, zum Toilettentisch hinüber, wo Frances saß, um mit ihr von Angesicht zu Angesicht sprechen zu können und nicht von oben herab wie ein Schulmeister. Er wusste nicht, wo er anfangen sollte. Er wusste nicht, was helfen würde. Wenn man bedachte, wie lange Frances Webberly, von unerklärlichen Ängsten heimgesucht, dieses Haus nicht mehr verlassen hatte, war nicht damit zu rechnen, dass sie sich von einigen simplen Worten darüber, in welcher Gefahr ihr Mann schwebte und wie dringend ihre Tochter sie brauchte, überzeugen lassen würde, dass ihre Ängste grundlos waren. Er war klug genug, zu wissen, dass der menschliche Geist so nicht funktionierte. Alltagslogik reichte nicht aus, um Dämonen auszutreiben, die im dunklen Labyrinth der Seele hausten.