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Nie sollst Du vergessen

Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:

In einer regnerischen Nacht wird Eugenie Davies in London von einem Autofahrer getötet. Ein Unfall ist definitiv auszuschließen: Die Frau wurde frontal angefahren und danach mehrmals absichtlich mit dem Wagen überrollt. Doch was hatte Eugenie Davies so spät am Abend überhaupt in der Stadt zu suchen? Und warum trug sie einen Zettel mit dem Namen genau des Mannes bei sich, der später ihre Leiche findet? Für Inspector Thomas Lynley, in dessen Privatleben sich zur selben Zeit dramatische Veränderungen ankündigen, sind diese Fragen nur der Auftakt zu Ermittlungen, in deren Verlauf er auf einem gefährlich schmalen Grat zwischen persönlicher Loyalität und beruflicher Ehre wandert. Denn schon bald stellen Lynley und Sergeant Barbara Havers betroffen fest, dass ihr Chef Superintendent Webberly, der mehr über Eugenie Davies zu wissen scheint, als er preisgibt, versucht, sie bei der Auswertung von Erkenntnissen zu behindern. Für Lynley und Havers steht ihre berufliche Laufbahn auf dem Spiel, doch sie sind schon viel zu tief in den Fall eingedrungen, um sich noch zurückziehen zu können. Denn die Familie Davies nährt einen tödlichen Kreislauf aus Versagen, Wut und Gewalt, der immer weitere Opfer fordert…
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
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Beinahe hätte sie es sich da anders überlegt. Aber dann dachte sie an die Galveston Road Nummer fünfundfünfzig, an Katjas Küsse und was es hieß, dass Katja noch immer hinabgleiten und sie lieben konnte. Und sie sagte: »In Ordnung. Ich warte dann im Laden auf Sie.«

Aber erst einmal fuhr sie zu ihrem Termin in dem Frauenhaus in Camberwell. Drei Schwestern in den Dreißigern, eine Asiatin und eine alte Frau, die seit sechsundvierzig Jahren verheiratet war, lebten zur Zeit dort. Sie teilten miteinander zahllose blaue Flecke, zwei Veilchen, vier Platzwunden an den Lippen, eine zusammengeflickte Wange, ein gebrochenes Handgelenk, eine ausgekugelte Schulter und ein durchstochenes Trommelfell. Sie waren wie geprügelte Hunde, die vor kurzem von der Kette gelassen worden waren: geduckt und zwischen Flucht und Angriff schwankend.

Lasst euch von niemandem so was gefallen, hätte Yasmin die Frauen am liebsten angeschrien. Das Einzige, was sie davon abhielt, waren die Spuren in ihrem eigenen Gesicht - die Narbe und die nach einem Bruch schlecht verheilte Nase -, die genug darüber sagten, was sie selbst sich einmal alles hatte gefallen lassen.

Sie sah die Frauen deshalb nur mit einem breiten Lächeln an und sagte: »Kommt doch rüber, ihr Klasseweiber.« Insgesamt blieb sie zwei Stunden und arbeitete mit ihren Schminkutensilien, ihren Farbmustern, mit Schals, Düften und Perücken. Und als sie schließlich ging, konnten drei der Frauen wieder lächeln, die vierte hatte tatsächlich ein Lachen zustande gebracht, und die fünfte wagte es, den Blick vom Boden zu heben. Yasmin war zufrieden mit ihrer Arbeit.

Sie fuhr zum Laden zurück. Als sie ankam, marschierte schon der Bulle auf der Straße auf und ab. Sie beobachtete, wie er auf die Uhr schaute und versuchte, hinter den eisernen Vorhang zu spähen, den sie vor dem Laden herunterzulassen pflegte, wenn sie nicht da war. Dann schaute er wieder auf seine Uhr, zog seinen piepser aus dem Halter an seinem Gürtel und gab eine Nummer ein.

Yasmin fuhr in dem alten Fiesta vor und öffnete die Tür. Noch ehe sie ein Bein aus dem Wagen geschwungen hatte, war der Bulle da.

»Soll das ein Witz sein?«, fragte er verärgert. »Glauben Sie vielleicht, eine Morduntersuchung wäre ein Jux, Mrs. Edwards?«

»Sie haben doch gesagt, dass sie nicht wissen, wie lange -« Yasmin brach ab. Wie kam sie dazu, sich vor ihm zu rechtfertigen?

»Ich hatte einen Termin. Wollen Sie mir jetzt tragen helfen, oder macht's Ihnen mehr Spaß, mich fertig zu machen?« Trotzig sah sie ihm ins Gesicht - eine Frau, so groß wie er - und wartete auf eine Beleidigung oder auf Spott.

Aber es kam nichts dergleichen. Er ging wortlos zum Kofferraum des Fiesta und wartete darauf, dass sie aufsperren würde.

Sie tat es, hob ihm den Karton mit ihren Frisiersachen in die Arme und stellte noch den Koffer mit dem Schminkzeug, den Cremes und den Bürsten obenauf. Dann knallte sie die Kofferraumklappe zu und ging zum Laden, wo sie die Eisengitter aufsperrte und nach oben schob und mit der Schulter nachhalf, wie immer, wenn es auf halbem Weg klemmte.

»Moment mal«, sagte er und stellte seine Last zu Boden. Bevor sie es verhindern konnte, drückte er seine Hände - breit und flach und schwarz mit hellen ovalen Nägeln, die kurz geschnitten und gepflegt waren - rechts und links unter das Gitter und stieß es hinauf, während sie schob. Mit einem Knirschen von Metall auf Metall hob sich das Gitter. Der Bulle blieb, wo er war, direkt hinter ihr, viel zu nahe, und sagte: »Da muss mal was gemacht werden. Der wird sich bald überhaupt nicht mehr hochschieben lassen.«

»Ich komm schon zurecht«, sagte sie und ergriff den Metallkoffer mit den Schminksachen, weil sie etwas tun und ihm zu verstehen geben wollte, dass sie keine Hilfe nötig hatte.

Aber drinnen im Laden war es wie zuvor. Er schien den Raum zu füllen, er schien von ihm Besitz zu ergreifen. Und das ärgerte sie, zumal er überhaupt nichts tat, woraus man hätte schließen können, dass er es darauf anlegte, den starken Mann zu markieren. Er stellte den Karton auf den Tresen und sagte in ernsthaftem Ton: »Ich habe fast eine Stunde auf Sie gewartet, Mrs. Edwards. Ich hoffe, es hat sich gelohnt.«

»Von mir brauchen Sie sich überhaupt nichts -« Sie fuhr zornig herum. Sie war gerade dabei gewesen, ihren Schminkkoffer zu verstauen, als er sprach, und ihre Reaktion war reiner Reflex, zack!, genau wie bei den Pawlowschen Hunden und ihrer Glocke.

Mensch, komm, jetzt zier dich nicht so, Yas. Wenn eine so 'nen Körper hat wie du, sollte sie ihn auch gebrauchen.

Darum hätte sie jetzt dem Bullen beinahe ins Gesicht geschrien: Von mir brauchen Sie sich überhaupt nichts zu erhoffen! Nichts da von wegen Knutscherei in der Wäschekammer, geilem Gegrapsche beim Essen unterm Tisch, großer Entkleidungsszene mit anschließenden wütenden Versuchen, widerwillige Beine auseinander zu zwingen. Mensch, jetzt stell dich doch nicht so an, Yas!

Sie spürte, wie ihr Gesicht erstarrte. Er beobachtete sie. Sie nahm wahr, wie sein Blick von ihrem Mund zu ihrer Nase wanderte. Sie war gezeichnet von dem, was ein Mann Liebe genannt hatte, und er las diese Zeichen, und sie würde es niemals vergessen können.

Er sagte: »Mrs. Edwards«, und sie fragte sich, wieso sie diesen Namen, dessen Klang ihr so verhasst war, beibehalten hatte. Sie hatte sich einzureden versucht, sie hätte es Daniels wegen getan, damit Mutter und Sohn wenigstens durch den Namen verbunden wären, wenn es schon keine andere Verbindung zwischen ihnen geben konnte. Jetzt aber fragte sie sich, ob sie es getan hatte, um sich selbst zu strafen; nicht als ständige Erinnerung daran, dass sie ihren Mann getötet hatte, sondern gewissermaßen als Buße dafür, dass sie sich überhaupt mit ihm eingelassen hatte.

Sie hatte ihn geliebt, ja. Aber sie hatte sehr bald begriffen, dass es einem nicht gut tat, zu lieben. Nur hatte sie die Lektion nicht wirklich gelernt. Sie hatte von Neuem geliebt, und was war dabei herausgekommen? Dass sie jetzt einem Bullen gegenüber stand, der diesmal dieselbe Mörderin, aber eine ganz andere Art von Leiche erleben würde.

»Sie wollten mir etwas mitteilen.« Constable Winston Nkata griff in die Tasche seines wie angegossen sitzenden Jacketts und zog ein Notizbuch heraus; das, welches sie schon kannte, an dem der Drehbleistift festgeklemmt war.

Yasmin musste an die Lügen denken, die er bereits aufgeschrieben hatte, und wie schlecht sie dastehen würde, wenn sie jetzt plötzlich beschloss, reinen Tisch zu machen. Und bei diesem Bild vom reinen Tisch wurde ihr alles klar: Wie andere einen Menschen betrachten und sich anhand seines Gesichts, seiner Art sich auszudrücken und seiner Körperhaltung ein Bild von ihm machen, an dem sie - allen Indizien für eine Täuschung zum Trotz - eisern festhalten. Und warum? Weil die Menschen unbedingt glauben wollen.

»Sie war nicht zu Hause«, sagte sie. »Wir haben nicht ferngesehen. Sie war nicht da.«

Sie beobachtete, wie der Brustkorb des Polizisten langsam einsank, als hätte er seit dem Moment seiner Ankunft die Luft angehalten, weil er nicht glauben konnte, dass Yasmin Edwards ihn am Morgen eigens angerufen hatte, weil sie ihre Freundin verraten wollte.

»Wo war sie?«, fragte er. »Hat sie es Ihnen gesagt, Mrs. Edwards? Wann ist sie nach Hause gekommen?«

»Neunzehn Minuten vor eins.«

Er nickte. Er bemühte sich, cool zu bleiben, während er schrieb, aber Yasmin wusste genau, was sich in seinem Kopf abspielte. Er rechnete. Er verglich das Ergebnis seiner Berechnungen mit Katjas Lügen. Und er frohlockte, dass sein Einsatz sich gelohnt und er das Spiel gewonnen hatte.

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