Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Ich schreie laut auf und erwache.
Und das, was mir seit - ich weiß nicht, wie lange - seit Beth versagt geblieben war, Dr. Rose, war plötzlich da. Hart und pulsierend stand mein Penis zwischen meinen Beinen, und das nur dank eines Traums, in dem ich nicht mehr war als ein Voyeur der Lust meines Vaters.
Ich lag in der Dunkelheit, voller Verachtung für mich selbst; voller Verachtung für meinen Körper und meinen Geist und für das, was beide mir mit diesem Traum sagen wollten. Und während ich da so lag, kam mir eine Erinnerung.
An Katja. Mit meiner Schwester auf dem Arm, die schon für die Nacht gekleidet ist, kommt sie ins Speisezimmer, wo wir alle beim Abendessen sitzen. Sie ist aufgeregt, man merkt es daran, dass ihr Englisch holpriger ist als sonst. »Schauen Sie!«, ruft sie. »Schauen Sie, was kann die Kleine!«
Großvater sagt unwillig: »Was gibt es denn jetzt schon wieder?«, und es folgt ein Moment, in dem ich Spannung wahrnehme, während die Erwachsenen einander ansehen: Meine Mutter sieht meinen Großvater an, mein Vater meine Großmutter, Sarah-Jane sieht James an, den Untermieter, und der sieht Katja an. Katjas Blick jedoch ist auf Sonia gerichtet.
»Zeig ihnen, was du kannst, Kleines«, sagt sie und setzt meine Schwester auf den Fußboden, setzt sie auf den Po, aber ohne sie zu stützen, wie sie das sonst immer tun muss. Nein, sie hilft Sonia behutsam, das Gleichgewicht zu finden, dann lässt sie den kleinen Körper los, und Sonia bleibt aufrecht sitzen.
»Sie kann ohne Hilfe sitzen«, verkündet Katja stolz. »Ist das nicht ein Traum?«
Meine Mutter steht auf. »Das machst du wirklich gut, Schatz«, ruft sie und läuft zu meiner Schwester, um sie zu umarmen. Sie sagt: »Danke, Katja«, und lächelt, und ihr Gesicht strahlt vor Glück.
Großvater sagt kein Wort, er sieht gar nicht zu Sonia hin. Großmutter murmelt: »Sehr schön, meine Liebe«, und behält Großvater im Auge.
Sarah-Jane Beckett macht eine höfliche Bemerkung und versucht, James, den Untermieter, in ein Gespräch zu verwickeln. Aber ohne Erfolg: James ist auf Katja fixiert wie ein ausgehungerter Köter auf ein saftiges Stück Fleisch.
Und Katja ihrerseits ist ganz auf meinen Vater fixiert. »Schauen Sie, wie schön sie das macht!«, ruft sie begeistert. »Und wie schnell sie lernt. O ja, Sonia ist ein braves großes Mädchen. Bei Katja blüht jedes Baby auf.«
Jedes Baby! Wie hatte ich diese Worte und diesen Blick vergessen können! Wie hatte mir das bis zu diesem Moment entgehen können: was diese Worte und dieser Blick wirklich sagten. Was offensichtlich alle am Tisch verstanden, denn sie erstarrten wie die Figuren in einem Film, wenn er angehalten wird.
Und einen Augenblick später - in Sekundenschnelle - nimmt meine Mutter Sonia hoch und sagt: »Ja, meine Liebe, das glauben wir Ihnen gern.«
Ich habe es damals gesehen, und ich sehe es jetzt. Aber damals verstand ich es nicht, weil ich - Gott, wie alt war ich? Sieben? Welches Kind ist in diesem Alter schon fähig, das ganze Ausmaß einer Situation zu erfassen, in der es lebt? Welches Kind dieses Alters wäre fähig, einer einzigen kurzen, freundlich geäußerten Bemerkung zu entnehmen, dass eine Frau soeben schlagartig begriffen hat, dass sie in ihrem eigenen Heim betrogen wurde und immer noch betrogen wird?
9. November
Er hat dieses Foto aufbewahrt, Dr. Rose. Alles, was ich weiß, geht zurück auf die Tatsache, dass mein Vater dieses eine Bild aufgehoben hat, eine Fotografie, die er selbst aufgenommen und heimlich verwahrt haben muss; wie sonst wäre sie in seinen Besitz gelangt?
Ich sehe die beiden vor mir, an einem sonnigen Sommernachmittag. Er bittet Katja, in den Garten hinauszukommen, damit er von ihr und meiner Schwester ein Foto machen kann. Sonia, die von Katja im Arm gehalten wird, ist seine Legitimation. Sonia dient als Vorwand für die Aufnahme dieses Fotos, obwohl ihr Gesicht, so wie sie getragen wird, von der Kamera gar nicht erfasst werden kann. Das ist übrigens ein wichtiges Detail, denn Sonia ist ja nicht normal. Sonia ist behindert, und ein Foto von Sonia, deren Gesicht von den Kennzeichen ihrer Krankheit entstellt ist - der Schrägstellung der Lidachse, wie ich inzwischen gelernt habe, dem Epikanthus, dieser Hautfalte am Innenrand des oberen Augenlids, dem unverhältnismäßig kleinen Mund - , wäre meinem Vater immerwährende Erinnerung daran, dass er zum zweiten Mal in seinem Leben ein Kind gezeugt hat, das körperlich und geistig defekt ist. Darum will er dieses Gesicht gar nicht im Bild festhalten, aber er braucht Sonia, wie schon gesagt, als Vorwand.
Sind er und Katja um diese Zeit bereits miteinander intim? Oder stellen sie es sich beide nur vor, während jeder auf ein Zeichen vom anderen wartet, das Zeichen eines Interesses, das noch nicht ausgesprochen werden kann? Wer von ihnen ergreift, als es schließlich so weit ist, die Initiative, und welcher Art ist diese Initiative, dieser erste Schritt, der die Richtung vorgibt, die sie bald einschlagen werden?
An einem erstickend heißen Abend, einem jener Londoner Augustabende während einer Hitzeperiode, wenn es kein Entrinnen gibt vor der stickigen Luft, die, täglich von der Sonnenglut aufgeheizt und von den stinkenden Abgasen der Diesellaster auf den Straßen verpestet, auf die Stadt drückt, geht sie in den Garten, um frische Luft zu schnappen. Sonia ist endlich eingeschlafen, und Katja hat zehn kostbare Minuten für sich. Die Dunkelheit draußen lockt mit falscher Verheißung erlösender Kühle, und so geht sie hinaus in den Garten hinter dem Haus. Und dort findet er sie.
»Ein schrecklicher Tag«, sagt er. »Ich verbrenne.«
»Ich auch«, antwortet sie und sieht ihn unverwandt an. »Ich verbrenne auch, Richard.«
Mehr braucht es nicht. Diese letzten Worte und insbesondere der Gebrauch seines Vornamens sind stillschweigende Erlaubnis. Er braucht keine weitere Aufforderung. Er drängt ihr entgegen, und so beginnt es. Und ich beobachte es vom Garten aus.
20
Libby Neal war nie in Richard Davies' Wohnung gewesen, darum hatte sie, als sie Gideon von Temple aus dorthin fuhr, keine Ahnung, womit sie zu rechnen hatte. Hätte jemand sie nach ihren Erwartungen gefragt, so hätte sie gesagt, Gideons Vater führe wahrscheinlich ein Leben wie Gott in Frankreich. Bei dem Aufstand, den er machte, weil Gideon seit vier Monaten seine Geige nicht angerührt hatte, musste man vermuten, dass er es gewöhnt war, das Geld aus dem Fenster zu werfen, sich das allerdings nur leisten konnte, solange regelmäßig Kohle von Gideon rüberkam.
Sie fragte deshalb ungläubig: »Hier?«, und sah sich mit einem Gefühl vager Enttäuschung um, als Gideon sie in einer Straße namens Cornwall Gardens bat, an den Bordstein zu fahren und zu parken. Die alten Kästen rechts und links waren - na gut - ziemlich edel, aber total heruntergekommen. Da und dort dazwischen gequetscht gab es ein paar Häuser, die ganz okay aussahen, aber den Rest konnte man echt vergessen.
Es kam noch schlimmer. Gideon führte sie, ohne auf ihre Frage zu antworten, zu einem Haus, das man nur als Bruchbude bezeichnen konnte. Zwischen der hoffnungslos verzogenen Tür und dem Pfosten klaffte ein so breiter Spalt, dass zum Offnen eine Kreditkarte genauso gut getaugt hätte wie der Schlüssel, den Gideon benutzte. Drinnen gingen sie die Treppe hinauf zu einer weiteren Tür, die zwar nicht verzogen war, dafür aber mit einem grünen Schnörkel besprüht, der die Form eines Z hatte, als wäre ein irischer Zorro zu Besuch gewesen.
»Dad?«, rief Gideon gedämpft, als er die Tür aufstieß und sie in die Wohnung seines Vaters traten. Bevor er in einer Küche gleich neben dem Wohnzimmer verschwand, sagte er zu Libby:
»Warte hier«, was diese nur zu gern tat. Dass Richard Davies in so einer Bruchbude hauste, hätte sie ihm nicht zugetraut.