Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Er gewann seine Fassung erst wieder, als er auf der Bhne und im Rampenlicht stand - dort freilich vllig. Im dritten Akt bertraf er alles, was er an bravoursem Elan bis dahin jemals ffentlich gezeigt hatte. Das Auditorium raste, nachdem der Vorhang gefallen war. Nicoletta, die Arme voll Blumen, fiel Hfgen um den Hals und sagte: Theophil hat wieder mal das rechte Wort gefunden! Du bist wirklich eine tolle Type! Kroge trat hinzu, um Anerkennendes zu murmeln. Er versicherte Frulein von Niebuhr, da es ihm ein Vergngen sein werde, weiter mit ihr zu arbeiten; sie mchte sich morgen vormittag ins Bro bemhen, damit man die Bedingungen bespreche. Nicoletta machte sofort ihr hinterhltig-korrektes Gesicht, verneigte sich feierlich und gab in scharfen Worten ihrer Befriedigung ber diesen Entschlu des Direktors Ausdruck.
Theophil Marder hatte die beiden jungen Damen und den Schauspieler Hfgen in ein sehr teures, mehr brgerlich-solides als mondnes Lokal eingeladen. Hendrik war hier noch niemals gewesen, was Marder Anla gab, schneidend festzustellen, dies sei die einzige Bude in Hamburg, wo Geniebares auf den Tisch komme - solide Kost, guter alter Stil, wenn man dem Dramatiker glauben durfte -; berall sonst gebe es ranziges Fett und stinkende Braten, hier aber verkehrten feine alte Herren, die noch zu leben miten; auch sei der Weinkeller gepflegt. Wirklich saen in der braun getfelten Stube, an deren Wnden Jagdbilder und schne Teppiche hingen, nur bejahrte Vter, die nach Millionenvermgen aussahen. Noch wrdevoller freilich als sie alle wirkte der Oberkellner: in dem Respekt, mit dem er Theophils Bestellungen entgegennahm, lie sich ein klein wenig Ironie vermuten. Marder schlug vor, man mge mit Langusten beginnen. Was meinen Sie, bester Heinrich? erkundigte er sich bei Hfgen mit jener hinterhltigen Korrektheit, die Nicoletta bei ihm gelernt haben mochte. Hendrik hatte nichts einzuwenden. brigens fhlte er sich etwas unsicher und befangen in dem herrschaftlichen Lokal. Ihm wollte es scheinen, als habe der Oberkellner mit Geringschtzung seinen Smoking gemustert, der fleckig war und an einigen Stellen speckig glnzte. Unter dem taxierenden Blick des feinen Kellners ward Hendrik sich, flchtig, aber mit Heftigkeit, seiner umstrzlerischen Gesinnung bewut.,Ich gehre nicht in dieses Lokal fr kapitalistische Ausbeuter', dachte er zornig, whrend er sich Weiwein eingieen lie. Nun bereute er es, die Erffnung des Revolutionren Theaters immer wieder hinausgeschoben zu haben. Von Marder aber war er enttuscht. Dieser unbarmherzige, hellsichtige und gefhrliche Kritiker der bourgeoisen Gesellschaft zeigte sich, da man ihm nun von Mensch zu Mensch gegenbersa, als ein Herr mit bedenklich reaktionren Neigungen. Er hatte eine schnarrende Kommandostimme, einen tckischen Blick, trug einen viel zu tadellos gearbeiteten dunklen Anzug mit sorgfltig gewhlter Krawatte, und von den Langusten, die nun serviert wurden, suchte er mit einer fatalen Kennerschaft die schnsten aus. Hatte er nicht mit jenen Figuren, die er in seinen Stcken verhhnte, viele Eigenschaften gemein? Nun lobte er die gute alte Zeit, in der er jung gewesen und mit der die neue, oberflchliche, verkommene in keinem Punkte sich messen knne. Dabei hielt er fortwhrend die kalten, unruhigen und gierigen Augen auf Nicoletta gerichtet, die ihrerseits nicht nur den Mund schlngelte, sondern auch den Krper in einem metallisch glitzernden Abendkleid. Barbara sa still dabei. Hendrik, degoutiert durch Nicolettas provokant betonten Flirt mit Marder, vielleicht auch nur eiferschtig, wandte seine Aufmerksamkeit endlich Barbara zu. Da bemerkte er: ihr Blick war forschend auf ihn gerichtet gewesen. Hendrik Hfgen erschrak.
Mitten in seinem Herzen erschrak er darber, da er Barbara Bruckner begnadet fand mit einem Reiz, den er noch an keiner anderen Frau je wahrgenommen hatte. Ihm waren schon vielerlei Frauen begegnet, aber noch keine wie diese. Whrend er diese anschaute, erinnerte er sich, in geschwinder, aber genauer Zusammenfassung - so, als glte es, einen Schlustrich zu ziehen unter eine lange und beschmutzte Vergangenheit -, aller jener weiblichen Geschpfe, mit denen er je zu tun gehabt hatte.
Sie hatte Hendrik forschend betrachtet, whrend er sich noch mit Marder und Nicoletta beschftigte. Da er sie nun seinerseits anstarrte - nicht verfhrerisch schielend, nicht rtselhaft schillernd, sondern mit der echten Ergriffenheit, die hilflos macht -, senkte sie den Blick und wandte den Kopf halb zur Seite.
Ihr sehr einfaches schwarzes Kleid, dem der Kenner seine Herkunft von der kleinen Hausschneiderin angemerkt htte und zu dem sie einen weien, schulmdchenhaft steifen Kragen trug, lie den Hals und die mageren Arme frei. Das empfindliche und genau geschnittene Oval ihres Gesichtes war bla; Hals und Arme waren brunlich getnt, golden schimmernd, von der reifen und zarten Farbe sehr edler, in einem langen Sommer duftend gewordener pfel. Hendrik mute angestrengt darber nachdenken, woran ihn diese kostbare Farbe, von der er noch betroffener war als von Barbaras Antlitz, erinnerte. Ihm fielen Frauenbilder Leonardos ein, und er war etwas gerhrt darber, da er hier, in aller Stille, whrend Marder mit seiner Kenntnis alter franzsischer Kochrezepte prahlte, an so vornehme und hohe Gegenstnde dachte; ja, auf gewissen Leonardo-Bildern gab es diese satte, sanfte, dabei sprd empfindliche Fleischfarbe; auch einige seiner Jnglinge, die den gekrmmten, lieblichen Arm aus einer schattenvollen Dunkelheit hoben, zeigten sie. Jnglinge und Madonnen auf alten Meisterbildern hatten solche Schnheit.
An Jnglinge und Madonnen lie der Anblick Barbara Bruckners den begeisterten Hendrik denken. Nach dem Ideal geformte Knaben hatten diese schne Magerkeit der (Mieder; Madonnen aber hatten dieses Gesicht. So schlugen sie die Augen auf, genau so, wie Barbara es jetzt tat: Augen unter langen, schwarzen und starren, aber ganz natrlichen Wimpern; Augen von einem satten Dunkelblau, das ins Schwrzliche spielte. Solche Augen hatte Barbara Bruckner, und sie schauten ernst forschend, mit einer freundschaftlichen Neugier, und zuweilen beinah schalkhaft. berhaupt war das edle Gesicht nicht ohne schalkhafte Zge: kein weinerliches, auch kein gebieterisches Madonnenantlitz, vielmehr ein durchtriebenes. Der ziemlich groe und feuchte Mund lchelte versonnen, aber nicht ohne Witz. Dem trumerischen Frauenhaupt gab es eine fast kecke Note, da der Knoten des reichen aschblonden Haares im Nacken ein wenig schief sa. Der Scheitel hingegen war genau und in der Mitte gezogen.
Warum schauen Sie mich so an? fragte Barbara schlielich, da der entzckte Hendrik den Blick nicht von ihr lie.
Darf ich nicht? fragte er leise zurck.
Sie sagte mit einer burschikosen Koketterie, hinter der ihre Befangenheit sich verbarg: Wenn es Ihnen Vergngen macht
Hendrik fand: Ihre Stimme war fr das Ohr der nmliche Genu wie die Farbe ihrer Haut fr das Auge. Auch ihre Stimme schien gesttigt von reifem und zartem Ton. Auch sie schimmerte, hatte den kostbar nachgedunkelten Glanz. Hendrik lauschte mit derselben Hingegebenheit, die er vorhin gehabt hatte beim Schauen. Damit sie nur weitersprche, stellte er Fragen. Er wollte wissen, wie lange sie in Hamburg zu bleiben gedchte. Sie sagte, whrend sie mit einer Ungeschicklichkeit, die den Mangel an Gewohnheit verriet, an ihrer Zigarette sog: Solange Nicolet-ta hier spielt. Es hngt also vom Erfolg des,Knorke' ab. Jetzt freut es mich erst, da das Publikum heute abend so lange geklatscht hat, sagte Hendrik. Ich glaube, auch die Presse wird gut sein. - Er erkundigte sich nach ihren Studien - Nicoletta hatte erwhnt, da Barbara die Universitt besuchte. Sie sprach von soziologischen, historischen Kollegs. Aber ich betreibe ja all das viel zu unregelmig, sagte sie, versonnen und etwas spttisch. Dabei sttzte sie den Ellenbogen auf den Tisch und das Gesicht in die schmale, brunliche Hand. Ein nicht so wohlwollender Beobachter, wie Hendrik es in diesem Augenblick war, htte ihre Bewegungen, die ihm von schner, rhrender Befangenheit schienen, ungeschickt und beinah plump finden knnen. Die Steifheit ihrer Haltung verriet die junge Dame aus der Provinz, die nicht durchaus gewandte Professorentochter, und kontrastierte zu der klugen und heiteren Offenheit ihres Blickes. Sie hatte die Unsicherheit eines Menschen, der in einem bestimmten, eng begrenzten Milieu- viel geliebt und verwhnt worden ist, auerhalb dieses Milieus aber zu Minderwertigkeitsgefhlen neigt. Besonders in Nicolettas Gegenwart schien Barbara es gewhnt zu sein, eine zweite Rolle zu spielen. Sie war deshalb erfreut und ein wenig belustigt darber, da dieser wunderliche Schauspieler, Hendrik Hfgen, auf eine so demonstrative Art sich ihr widmete, und sie setzte das Gesprch mit ihm nicht ungern fort.