Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Wie kämen wir dazu, Herr Doktor!«, versicherte Lea und verstärkte den Druck ihrer Hand, die immer noch auf Sydows Knie ruhte. »Mein Mann und ich haben vollstes Verständnis dafür, nicht wahr, Tom?«
Sydow schnitt eine gekünstelte Grimasse. »Aber gewiss doch, Liebes!«, beeilte er sich zu antworten, bereit, die Komödie mitzuspielen. »Nur zu – wir sind ganz Ohr!«
»Freut mich zu hören«, erwiderte Malinowski, wobei Sydow sicher war, dass er ihn durchschaute. »Also: Sind Sie Thomas Randolph von Sydow, Sohn des Freiherrn Adalbert von Sydow, von Beruf Kriminalhauptkommissar, geboren am 13. März 1913 in Neuruppin?«
»Ich denke schon.«
»Aus den mir vorliegenden Unterlagen und dem letzten Willen Ihrer Tante Luise von Zitzewitz, geborene von Sydow, geht hervor, dass Sie – aufgrund beiliegender, vom 11. des Monats datierter Willenserklärung – das einzige noch lebende und somit erbberechtigte Familienmitglied ihrer kinderlosen Tante sind.« Malinowski räusperte sich, zwirbelte an seinen opulent sprießenden Brauen herum und fragte: »Aus beiliegender, an Eides statt abgegebenen Erklärung vom April 1946 geht überdies hervor, dass Ihr Vater und Ihre Schwester namens … äh … wie lautete der Name doch gleich?«
»Agnes.« Sydow holte tief Luft. »Beide Opfer eines amerikanischen Luftangriffs auf Berlin. Sterbedatum: 3. Februar 1945. Todesursache: Rauchvergiftung, genau wie bei meinem Vater. Nachzulesen in der eingangs erwähnten Erklärung einer Nachbarin, die den Luftangriff überlebt hat und unter den Ersten war, die sich in den Keller vorgearbeitet haben. Ort der Bestattung: unbekannt, da beide in einem nicht mehr exakt lokalisierbaren Massengrab beigesetzt worden sind.« Sydows Miene verfinsterte sich. »Tja, Herr Anwalt, so ist das, wenn weit über 1.000 US-Bomber von der Leine gelassen werden. Da bleibt kaum ein Stein auf dem anderen, und wenn man dann noch das Pech hat, in einem unzureichend gesicherten Kellerloch zu hocken, gehen die Chancen gegen null. Wenn wir gerade dabei sind: So wie Vater und Agnes ist es 3.000 anderen Berlinern auch ergangen. Führer, wir danken dir!«
Peinlich berührt, zog Malinowski es vor, die Worte seines Gesprächspartners kommentarlos hinzunehmen. »Kurzum: Aus sämtlichen mir vorliegenden Unterlagen geht hervor, dass Sie, Herr Kriminalhauptkommissar, berechtigt sind, die Erbschaft Ihrer Tante anzutreten.«
»Wenn Sie es sagen, Herr Doktor«, erwiderte Sydow, wobei er das letzte Wort seiner Replik besonders betonte und Leas Griff, der allmählich die Schmerzgrenze erreichte, unter Aufbietung all seiner Selbstbeherrschung ignorierte, »wenn Sie es sagen, wird es ja wohl stimmen, oder?«
Malinowski, dem die Vorfreude auf das Kommende ins Gesicht geschrieben stand, tat so, als bemerke er den Sarkasmus Sydow’scher Prägung nicht, lehnte sich zurück und sah sein Gegenüber lange und eindringlich an. »Und da dem so ist, habe ich eine gute Nachricht für Sie!«
»Und die wäre?«
»Nach herkömmlicher Auffassung sind Sie, Herr von Sydow – und damit auch Sie, hochverehrte gnädige Frau – vom heutigen Tag an ein reicher Mann.« Ein Lächeln, so breit wie missgünstig, erschien auf Malinowskis Gesicht, und es hatte den Anschein, als würde es dort ewig haften bleiben. »Reich, Herr von Sydow, Sie haben richtig gehört. So reich, dass Sie Ihren Beruf an den Nagel hängen können.« Sichtlich zufrieden, lehnte sich Doktor jur. Carl Malinowski zurück und weidete sich an der Verblüffung, die sich in den Blicken seiner beiden Gäste spiegelte. »Für den Fall, Herr Kriminalkommissar, dass Sie diese Absicht überhaupt hegen!«
Der Prozess
›JERUSALEM, 11. April. Vor dem Jerusalemer Bezirksgericht hat am Dienstagmorgen, 9 Uhr Ortszeit, der Prozess gegen den früheren SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann begonnen. Er ist der Beteiligung an der Ermordung mehrerer Millionen Juden angeklagt. Die erste Sitzung war mit der erwarteten zähen, aber korrekt geführten Auseinandersetzung zwischen dem Verteidiger und dem Generalstaatsanwalt über die Zuständigkeit des Gerichts ausgefüllt. Diese Auseinandersetzung wird vermutlich noch einige Zeit beanspruchen. Erst wenn das Gericht über diese Frage entschieden und der Generalstaatsanwalt seine Anklagebegründung abgegeben hat, kann der Vorsitzende an Eichmann die Frage stellen, ob er sich zu den 15 Punkten der Anklage schuldig oder nichtschuldig bekennt – ein Augenblick, auf den das Auditorium mit größerer Spannung wartet als auf den von beiden Seiten mit langen straf- und völkerrechtlichen Argumenten ausgetragenen Streit. Er wurde sofort nach Verlesung der Anklageschrift durch den Vorsitzenden, Richter Landau, von Rechtanwalt Servatius eingeleitet, der beantragte, sowohl alle drei Richter als befangen zu erklären, wie auch die Zuständigkeit des Gerichts abzulehnen. Er forderte, als Beweis für die völkerrechtswidrige Entführung Eichmanns aus Argentinien zwei israelische Zeugen zu vernehmen.‹
(Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 12. April 1961, S. 1)
›Es darf angenommen werden, dass, hätten sie dieser Aufgabe höhere Priorität beigemessen, die CIA, der deutsche Verfassungsschutz oder der israelische Mossad Eichmann ohne Weiteres hätten ausfindig machen können.‹
(Aus: Tom Segev, Simon Wiesenthal. Die Biographie, München 2010, S. 12)
Zweites Kapitel
(Berlin, Donnerstag, 31. Mai 1962)
7
Berlin-Charlottenburg, Hotel Savoy in der Fasanenstraße │ 14:55 h
›Satan in der Zelle‹ – aha!, dachte sie, nachdem sie den Fehler begangen hatte, die neueste Ausgabe eines Hamburger Nachrichtenmagazins durchzublättern. Diese Schmierfinken ließen sich doch immer etwas Neues einfallen.
Datum: 29. April 1962. Schauplatz: das Besucherzimmer des Gefängnisses von Ramla in Israel. Hauptfiguren: ein zum Tod verurteilter SS-Obersturmführer und seine Ehefrau, eingeflogen, um Lebewohl zu heucheln. Ein Lebewohl ohne Händedruck, Umarmungen oder sonstige Zärtlichkeiten, da beide durch eine Glaswand voneinander getrennt sind und Eichmann, Vater dreier Söhne, einen Kopfhörer aufsetzen muss, um ein paar Belanglosigkeiten mit der molligen Mittfünfzigerin auf der anderen Seite der Glaswand auszutauschen.
Soweit also der Artikel des Hamburger Schmierblattes, die für die Öffentlichkeit bestimmte Version einer Geschichte, über die sie, Ex-Geliebte des Todeskandidaten, nur lachen konnte. Eichmann war schon immer ein Heuchler gewesen, was das betraf, war er sich selbst treu geblieben. Kaum verheiratet, hatte er die erste Geliebte gehabt, die erste von über einem Dutzend, zu dem auch sie, zum damaligen Zeitpunkt 24, gehört hatte. Nicht, dass sie ihm auch nur ein Wort geglaubt hätte. Dazu war sie viel zu realistisch und nüchtern gewesen. Im Gegensatz zu den anderen ›Pantscherln‹, wie er seine Anhängsel zu titulieren pflegte, hatte sie sich von Anfang an keine Illusionen gemacht. Ohnehin nicht der Typ, der sich etwas vorgaukelte, hatte sie Eichmann, ihren Bettgenossen aus Theresienstädter Tagen, für ihre eigenen Ziele benutzt. Das war auch dringend geboten gewesen, damals, als man nicht wusste, was aus einem werden sollte. Als man gezwungen war, sich Gedanken über die Zeit nach dem Krieg zu machen.
Darin war Eichmann, der ohne Flachmann aufgeschmissen gewesen wäre, übrigens einsame Spitze gewesen. Er, der Millionen auf dem Gewissen hatte, war nicht so dumm wie all die anderen gewesen, die den Amerikanern oder den Russen in die Arme gelaufen waren. Adolf Eichmann, Chef des ›Judenreferats‹ im Reichssicherheitshauptamt, Abteilung IV B 4, hatte sich so seine Gedanken gemacht. Und das rechtzeitig. Glück im Unglück, dass er wie der Durchschnittsbürger schlechthin ausgesehen hatte. Mittelgroß, lichtes Haar und die Aura eines kaufmännischen Angestellten. Die halbe Miete, um zu überleben. Um in der Menge all jener, die von nichts gewusst haben wollten, unterzutauchen.