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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Gleich darauf wurde Fürst Andrei zu der Tür geleitet, und der diensttuende Adjutant flüsterte ihm zu: »Nach rechts, zum Fenster!«

Fürst Andrei trat in das einfach ausgestattete, saubere Arbeitszimmer und erblickte am Tisch einen Mann von etwa vierzig Jahren, mit langer Taille, langem, kurzgeschorenem Kopf, mit dicken Falten auf der Stirn und zusammengezogenen Brauen über braungrünen, stumpfblickenden Augen, und mit einer hängenden roten Nase. Araktschejew wandte den Kopf zu ihm hin, ohne ihn anzusehen.

»Um was bitten Sie?« fragte der Minister.

»Ich bitte um nichts, Euer Erlaucht«, antwortete Fürst Andrei ruhig.

Jetzt richteten sich Araktschejews Augen nach ihm hin.

»Setzen Sie sich«, sagte er. »Fürst Bolkonski?«

»Ich bitte um nichts; aber Seine Majestät der Kaiser haben geruht, Euer Erlaucht eine von mir eingereichte Denkschrift zuzustellen …«

»Ja, sehen Sie, mein Bester, Ihre Denkschrift habe ich gelesen«, unterbrach ihn Araktschejew; er hatte nur die ersten Worte freundlich gesagt, blickte dem Fürsten Andrei nicht mehr ins Gesicht und geriet immer mehr und mehr in einen mürrischen, geringschätzigen Ton hinein. »Sie schlagen neue Militärreglements vor? Reglements haben wir genug, so viele, daß niemand auch nur die alten alle befolgen kann. Heutzutage schreiben alle Leute Reglements; schreiben ist leichter als handeln.«

»Ich bin gemäß der Weisung Seiner Majestät hergekommen, um mich bei Euer Erlaucht zu erkundigen, welche weitere Folge Sie der von mir eingereichten Denkschrift zu geben beabsichtigen«, sagte Fürst Andrei höflich.

»Ich habe ein Urteil über Ihre Denkschrift abgefaßt und diese dem Komitee übersandt. Ich stimme Ihnen nicht bei«, sagte Araktschejew, stand auf und nahm ein Papier vom Schreibtisch. »Hier!« Er reichte das Blatt dem Fürsten Andrei.

Auf dem Blatt war querüber, mit Bleistift, ohne einen großen Anfangsbuchstaben, unorthographisch und ohne Interpunktionszeichen folgendes geschrieben: »Eine ungründliche Arbeit, weil lediglich Nachahmung, abgeschrieben aus dem französischen Militärreglement und von den bestehenden Bestimmungen ohne Not abweichend.«

»Welchem Komitee ist denn die Denkschrift übergeben?« fragte Fürst Andrei.

»Dem Komitee für Militärgesetzgebung, und es ist von mir beantragt worden, Euer Wohlgeboren als Mitglied zu aggregieren. Aber ohne Gehalt.«

Fürst Andrei lächelte.

»Gehalt wünsche ich auch nicht.«

»Als Mitglied ohne Gehalt«, sagte Araktschejew noch einmal. »Ich habe die Ehre … He! Ruf den nächsten! Wer ist noch da?« rief er und machte dem Fürsten Andrei eine Verbeugung.

Fußnoten

1 Graf Rastoptschin veröffentlichte im Jahre 1807 eine Broschüre: »Ein Selbstgespräch auf der Roten Treppe«. In ihr wird als redend der Oberstleutnant a.D. Sila Andrejewitsch Bogatyrjow eingeführt, welcher über die Vorliebe der Russen für französisches Wesen klagt.

Anmerkung des Übersetzers.

V

Während Fürst Andrei eine Benachrichtigung darüber erwartete, daß er dem Komitee als Mitglied aggregiert sei, erneuerte er alte Bekanntschaften, namentlich mit solchen Persönlichkeiten, von denen er wußte, daß sie Einfluß besaßen und ihm nützlich sein konnten. Es erfüllte ihn jetzt in Petersburg ein ähnliches Gefühl wie damals am Tag vor der Schlacht, als ihn eine unruhige Neugier gequält und ihn unwiderstehlich zu jenen höheren Regionen hingezogen hatte, wo die Zukunft vorbereitet wurde, von der das Schicksal von Millionen Menschen abhing. An dem erbitterten Ingrimm der Partei der Älteren, an der Neugier der Uneingeweihten, an der Zurückhaltung der Wissenden, an dem hastigen Treiben und unruhigen Wesen aller, an der zahllosen Menge von Komitees und Kommissionen (täglich hörte er von der Existenz neuer, ihm bisher unbekannter), an alledem merkte er, daß jetzt, im Jahre 1809, hier in Petersburg gewissermaßen eine gewaltige soziale Schlacht vorbereitet wurde, deren Oberkommandierender eine ihm unbekannte, geheimnisvolle, aber genial erscheinende Persönlichkeit war: Speranski.

Sowohl das Reformwerk selbst, das ihm nur in undeutlichen Umrissen bekannt war, als auch die eigentliche Triebfeder desselben, Speranski, begannen ihn so leidenschaftlich zu interessieren, daß die Angelegenheit des Militärreglements bei ihm sehr bald an die zweite Stelle zurücktreten mußte.

Fürst Andrei befand sich in einer außerordentlich günstigen Lage, durch die ihm eine gute Aufnahme in all den so verschiedenartigen Kreisen der damaligen Petersburger Gesellschaft, auch in den höchsten, gesichert wurde. Die Partei der Reformer empfing ihn freudig und suchte ihn für sich zu gewinnen, erstens, weil er in dem Ruf stand, einen guten Verstand und eine große Belesenheit zu besitzen, und zweitens, weil er durch seine Bauernbefreiung sich bereits die Reputation eines Liberalen erworben hatte. Die Partei der unzufriedenen Alten wandte sich an ihn, einfach weil er der Sohn seines Vaters war, und rechnete aus diesem Grund auf seine Zustimmung bei dem Verdammungsurteil über die Reformen. Die weibliche Gesellschaft, die »Welt«, nahm ihn mit Freuden auf, weil er ein reicher, vornehmer Heiratskandidat war und als eine beinahe neue Persönlichkeit, geschmückt mit dem Nimbus, den ihm die romanhafte Geschichte von seinem vermeintlichen Tod und dem tragischen Ende seiner Frau verlieh, in diesen Kreis trat. Außerdem war bei allen, die ihn früher gekannt hatten, nur eine Stimme darüber, daß er sich in diesen fünf Jahren sehr zu seinem Vorteil verändert habe, milder und männlicher geworden sei, nicht mehr das frühere gekünstelte, hochmütige, spöttische Wesen zeige, sondern jene Ruhe gewonnen habe, die dem Menschen die Jahre verleihen. Man fing an, von ihm zu sprechen, man interessierte sich für ihn, und alle wünschten mit ihm umzugehen.

Am Tag nach dem Besuch bei dem Grafen Araktschejew war Fürst Andrei auf einer Abendgesellschaft bei dem Grafen Kotschubei. Er erzählte dem Grafen seine Unterredung mit »Sila Andrejewitsch« (auch Kotschubei nannte den Grafen Araktschejew so mit einer Nuance von Spott über dessen Richtung; dieselbe Nuance hatte Fürst Andrei schon in dem Wartezimmer des Kriegsministers herausgefühlt).

»Mein Lieber«, sagte Kotschubei, »auch in dieser Angelegenheit dürfen Sie Michail Michailowitsch Speranski nicht übergehen. Er ist der große Mann, der alles macht. Ich werde es ihm sagen. Er hat mir versprochen, heute abend herzukommen.«

»Was hat denn Speranski mit dem Militärreglement zu schaffen?« fragte Fürst Andrei.

Kotschubei wiegte lächelnd den Kopf hin und her, wie wenn er sich über Bolkonskis Naivität wunderte.

»Ich habe kürzlich mit ihm über Sie gesprochen«, fuhr Kotschubei fort, »über Ihre freien Bauern …«

»Ja, was haben Sie denn da gemacht, Fürst? Sie haben Ihre Bauern freigelassen?« sagte ein alter, aus der Zeit der Kaiserin Katharina stammender Herr, der sich mit einer Miene geringschätzigen Tadels zu Bolkonski wandte.

»Es handelte sich nur um ein kleines Gut, das nichts einbrachte«, antwortete Bolkonski, der, um den alten Mann nicht unnötig zu ärgern, sich bemühte, ihm gegenüber die Bedeutung seiner Handlungsweise abzuschwächen.

»Sie fürchten wohl, hinter dem Fürsten Bolkonski zurückzubleiben?« sagte der Alte, indem er Kotschubei anblickte.

»Ich begreife nur eines nicht«, fuhr er fort: »Wer wird denn das Land pflügen, wenn man sie freiläßt? Gesetze schreiben ist leicht; aber regieren ist schwer. Das sieht man auch jetzt bei dieser neuen Verordnung: ich frage Sie, Graf, wer wird denn noch Chef einer Gerichts- oder Verwaltungsbehörde werden, wenn alle erst ein Examen machen müssen?«

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