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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Es wurde eine feierliche Logensitzung des zweiten Grades angesetzt, und Pierre versprach, in dieser Sitzung das mitzuteilen, was er den Petersburger Brüdern von den höchsten Leitern des Ordens auszurichten habe. Die Sitzung war stark besucht. Nach den gewöhnlichen Zeremonien stand Pierre auf und begann seine Rede.

»Liebe Brüder!« begann er, errötend und stotternd, mit dem Manuskript in der Hand. »Es ist nicht genug, daß wir in der Stille der Loge unsere Geheimnisse hüten; wir müssen wirken … wirken. Wir haben uns von Schläfrigkeit überwältigen lassen; aber wir müssen wirken.« Pierre nahm sein Heft und fing an vorzulesen.

»Um die reine Wahrheit auszubreiten und der Tugend zum Sieg zu verhelfen«, las er, »müssen wir die Menschen von Vorurteilen befreien, müssen Grundsätze verbreiten, die mit dem Geist der Zeit im Einklang stehen, und müssen uns der Erziehung der Jugend annehmen. Wir müssen uns durch unzerreißbare Bande mit den verständigsten Männern vereinigen, müssen Aberglauben, Unglauben und Dummheit kühn und zugleich mit Überlegung überwinden und müssen aus der Zahl unserer Anhänger Menschen heranbilden, die durch die Einheitlichkeit des Zieles fest verbunden sind und dadurch Macht und Einfluß besitzen.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir der Tugend das Übergewicht über das Laster verschaffen; wir müssen dahin streben, daß der ehrenhafte Mensch schon auf dieser Welt einen lebenslänglichen Lohn für seine Tugend erhalte. Aber bei der Verfolgung dieser hohen Ziele werden wir durch die äußeren politischen Einrichtungen stark behindert. Was sollen wir bei dieser Lage der Dinge tun? Sollen wir die Revolutionen begünstigen, alles umstürzen, Gewalt mit Gewalt vertreiben? … Nein, von einem solchen Verfahren sind wir weit entfernt. Jede gewaltsame Reform ist tadelnswert, weil sie das Übel nicht bessern wird, solange die Menschen so bleiben, wie sie sind, und weil die Weisheit nicht der Gewalt bedarf.

Das ganze Streben des Ordens muß darauf gerichtet sein, charakterfeste, tugendhafte Menschen heranzubilden; alle aber müssen verbunden sein durch die Einheitlichkeit des Zieles, welches darin besteht, überall und mit allen Kräften das Laster und die Dummheit zu verfolgen, die Talente und die Tugend zu beschützen, würdige Männer aus dem Staub heraufzuheben und zu Mitgliedern unserer Bruderschaft zu machen. Nur dann wird unser Orden die Macht haben, den Beschützern der Unordnung unmerklich die Hände zu binden und sie zu zügeln und zu leiten, ohne daß sie selbst sich dessen bewußt werden. Mit einem Wort, es ist notwendig, eine allumfassende Regierungsform zu schaffen, welche sich über die ganze Welt ausdehnen muß, ohne doch die bürgerlichen Bande zu zerstören, und bei welcher alle übrigen Regierungen in ihrer gewohnten Ordnung werden fortbestehen und alles wie bisher werden tun können, mit einziger Ausnahme solcher Handlungen, die dem hohen Ziel unseres Ordens widerstreiten, das darin besteht, der Tugend zum Sieg über das Laster zu verhelfen. Dieses Ziel hat sich schon das Christentum gesetzt. Es hat die Menschen gelehrt, weise und gut zu sein und zu ihrem eigenen Heil dem Beispiel und den Mahnungen der besten und weisesten Menschen zu folgen.

Damals, als alles in Finsternis begraben lag, konnte allerdings die Predigt allein als ausreichend betrachtet werden; die Neuheit der Wahrheit verlieh der Wahrheit eine besondere Kraft; aber heutzutage bedürfen wir weit stärkerer Mittel. Jetzt ist erforderlich, daß der Mensch, der sich ja durch das Streben nach Genuß leiten läßt, in der Tugend den Reiz des Genusses finde. Die Leidenschaften auszurotten ist unmöglich; wir müssen nur darauf bedacht sein, sie auf ein edles Ziel zu lenken, und daher ist notwendig, daß ein jeder seine Leidenschaften in den Grenzen der Tugend befriedigen kann, und daß unser Orden ihm dazu die Mittel an die Hand gibt.

Wenn wir erst eine gewisse Zahl würdiger Männer in jedem Staat haben werden und jeder von ihnen wieder ein paar andere heranbilden wird und sie alle eng untereinander verbunden sein werden, dann wird unserm Orden, der im stillen schon so viel für das Wohl der Menschheit getan hat, alles möglich sein, ja, alles.«

Diese Rede machte in der Loge nicht nur einen starken Eindruck, sondern sie rief sogar eine gewaltige Aufregung hervor. Die Mehrzahl der Brüder erblickte in dieser Rede die gefährlichen Ideen des Illuminatentums und nahm Pierres Rede mit einer Kälte auf, die ihn in Staunen versetzte. Der Meister vom Stuhl begann Einwendungen vorzubringen. Pierre entwickelte seine Gedanken mit immer größerer Wärme. Seit langer Zeit hatte keine Sitzung einen so stürmischen Verlauf genommen. Es bildeten sich Parteien: die einen griffen Pierre an und beschuldigten ihn des Illuminatentums; die andern standen ihm bei. Zum erstenmal drängte sich ihm bei dieser Versammlung überraschend die Tatsache auf, daß die Menschenköpfe von einer unendlichen Mannigfaltigkeit sind, welche bewirkt, daß keine Wahrheit sich auch nur zwei Menschen auf die gleiche Weise darstellt. Sogar diejenigen Mitglieder, die anscheinend auf seiner Seite standen, faßten seine Idee jeder auf seine besondere Art auf, mit Einschränkungen und Abweichungen, denen Pierre nicht zustimmen konnte, da er gerade darauf besonderen Wert legte, seine Idee genau so weiterzuverbreiten, wie er selbst sie auffaßte.

Gegen den Schluß der Sitzung richtete der Meister vom Stuhl in übelwollendem, ironischem Ton an Pierre eine tadelnde Bemerkung: er sei zu hitzig geworden und habe sich bei der Debatte nicht lediglich von Liebe zur Tugend, sondern auch von seiner Kampflust leiten lassen. Pierre gab ihm darauf keine Antwort, sondern fragte nur kurz, ob sein Antrag Annahme finden werde. Es wurde ihm erwidert, dies werde nicht der Fall sein, und Pierre verließ die Loge, ohne die üblichen Formalitäten abzuwarten, und fuhr nach Hause.

VIII

Über Pierre kam nun wieder jene Schwermut, die er so sehr fürchtete. Nachdem er in der Loge seine Rede gehalten hatte, lag er drei Tage lang zu Hause auf dem Sofa; er empfing niemand und besuchte niemand.

In dieser Zeit erhielt er einen Brief von seiner Frau, die ihn inständig um eine Unterredung bat und schrieb, wie sehr sie sich nach ihm sehne und ihm ihr ganzes Leben zu weihen wünsche.

Am Schluß des Briefes teilte sie ihm mit, daß sie in den nächsten Tagen aus dem Ausland wieder in Petersburg eintreffen werde.

Bald nachdem Pierre diesen Brief empfangen hatte, drang ein Bruder Maurer, den Pierre nicht sonderlich schätzte, zu ihm in seine Einsamkeit, leitete das Gespräch auf Pierres eheliche Verhältnisse und sagte ihm in Form eines brüderlichen Rates, seine Strenge gegen seine Frau sei ungerecht, und Pierre verstoße gegen die ersten Grundsätze der Freimaurerei, wenn er der Reuigen nicht verzeihe.

Um dieselbe Zeit schickte seine Schwiegermutter, die Frau des Fürsten Wasili, zu Pierre und ersuchte ihn dringend, sie wenigstens auf ein paar Minuten zu besuchen, da sie mit ihm über eine sehr wichtige Angelegenheit zu reden habe. Pierre sah, daß eine Verabredung gegen ihn bestand und man ihn wieder mit seiner Frau zusammenbringen wollte, und dies war ihm in dem Zustand, in dem er sich jetzt befand, nicht einmal unangenehm. Ihm war alles gleich: nichts im Leben erschien ihm wichtig, und unter dem Einfluß der Schwermut, die ihn in ihrem Bann hielt, legte er weder auf seine eigene Freiheit Wert noch auf eine hartnäckige Fortsetzung der Bestrafung seiner Frau.

»Niemand hat recht, niemand ist schuldig; also ist auch sie nicht schuldig«, dachte er.

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