Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Außer seiner Tätigkeit an den Gütern und außer der Lektüre von Büchern mannigfaltigen Inhaltes beschäftigte Fürst Andrei sich in dieser Zeit auch noch mit einer Kritik unserer Kriegführung in den beiden letzten unglücklichen Feldzügen, sowie mit der Ausarbeitung eines Projektes, betreffend eine Umgestaltung unserer militärischen Reglements und Instruktionen.
Im Frühling des Jahres 1809 reiste Fürst Andrei nach den Rjasanschen Gütern seines Sohnes, dessen Vormund er war.
Von der Frühlingssonne angenehm erwärmt, saß er im Wagen und betrachtete das junge Gras und die ersten Blättchen der Birken und die ersten weißen, geballten Frühlingswolken, die an dem klaren, blauen Himmel dahinzogen. Er dachte an nichts, sondern blickte nur fröhlich nach rechts und links.
Er passierte den Fluß auf der Fähre, auf der er vor einem Jahr mit Pierre ein bedeutsames Gespräch geführt hatte. Dann fuhr er durch ein schmutziges Dorf, vorbei an Äckern mit Wintersaat, hinab zu einer Brücke, wo noch Schnee zurückgeblieben war, bergan auf ausgewaschenem Lehmweg, vorbei an langen Streifen von Stoppelfeldern und an Buschwerk, das hier und da schon grün wurde, und hinein in einen Birkenwald, der auf beiden Seiten des Weges lag. Im Wald war es beinahe heiß; der Wind war hier nicht zu spüren. Die Birken, die ganz mit grünen, klebrigen Blättchen übersät waren, rührten sich nicht; aus dem vorjährigen Laub, das den Boden bedeckte, kamen, die trockenen Blätter in die Höhe hebend, das erste grüne Gras und lila Blumen hervor. Kleine Tannen, die hier und da im Birkenwald verstreut standen, erweckten durch ihr immerwährendes mattes Grün die unerfreuliche Erinnerung an den Winter. Die Pferde prusteten, als sie in den Wald hineinkamen, und fingen an augenfällig zu schwitzen.
Der Diener Pjotr sagte etwas zum Kutscher, und der Kutscher antwortete bejahend. Aber die Zustimmung des Kutschers genügte dem Diener offenbar noch nicht: er wandte sich auf dem Bock zu seinem Herrn um.
»Eure Durchlaucht, wie nett!« sagte er mit respektvollem Lächeln.
»Was sagst du?«
»Es ist alles so nett, Euer Durchlaucht.«
»Was meint er denn?« dachte Fürst Andrei. »Ach so, gewiß den Frühling«, sagte er sich und blickte nach rechts und links. »Wirklich, alles schon grün … wie schnell das gekommen ist! Die Birke fängt schon an, und der Faulbaum, und die Erle … Eine Eiche ist nicht zu sehen. Aber ja, da ist ja eine, eine Eiche.«
Am Rand des Weges stand eine Eiche. Wahrscheinlich zehnmal so alt wie die Birken, die den Wald bildeten, war sie auch zehnmal so dick und noch einmal so hoch wie jede der Birken. Es war ein gewaltiger Baum, den zwei Männer kaum umspannen konnten; viele Äste waren, augenscheinlich schon seit langer Zeit, abgebrochen, die Borke rissig und mit alten, verwachsenen Narben überzogen. Mit ihren großen, plumpen, unsymmetrisch gewachsenen, krummen Armen und Fingern stand sie wie ein alter, ingrimmiger Krüppel, der die ganze Welt haßt und verachtet, mitten unter den lächelnden Birken da. Außer ihr wollten nur die wie toten, immergrünen, kleinen Tannen, die im Wald verstreut standen, sich dem Zauber des Frühlings nicht fügen und weder den Frühling noch die Sonne sehen.
»Frühling und Liebe und Glück!« schien diese Eiche zu sagen. »Daß ihr dieser stets gleichbleibenden, dummen, sinnlosen Täuschung nicht überdrüssig werdet! Immer ein und dasselbe, und immer Täuschung! Es gibt keinen Frühling, keine Sonne, kein Glück! Da! Seht diese niedergedrückten, erstorbenen Tannen an, deren Aussehen immer gleich bleibt! Und seht mich an! Ich habe meine zerbrochenen, verstümmelten Glieder ausgespreizt, wo sie aus mir herausgewachsen sind: aus dem Rücken, aus den Seiten; wie sie herausgewachsen sind, so stehe ich da und glaube nicht an eure Hoffnungen und Täuschungen.«
Fürst Andrei blickte sich beim Weiterfahren durch den Wald mehrmals nach dieser Eiche um, als ob er von ihr etwas erwartete. Blumen und Gras befanden sich auch unter der Eiche; aber sie stand immer in der gleichen Haltung mitten unter ihnen: finster, unbeweglich, häßlich und eigensinnig.
»Ja, sie hat recht, vollkommen recht, diese Eiche«, dachte Fürst Andrei. »Mögen andere, jüngere Leute sich von neuem dieser Täuschung hingeben; aber wir kennen das Leben; unser Leben ist zu Ende!« Eine ganze neue Reihe hoffnungsloser, aber wehmütig-freundlicher Gedanken zog, im Anschluß an den Anblick dieser Eiche, durch die Seele des Fürsten Andrei. Während dieser Reise überdachte er gewissermaßen von neuem sein ganzes Leben und kam zu demselben beruhigenden, hoffnungslosen Ergebnis wie früher: daß er nichts Neues mehr beginnen dürfe, sondern sein Leben zu Ende führen müsse, ohne Übles zu tun, ohne sich aufzuregen und ohne etwas zu wünschen.
II
In vormundschaftlichen Angelegenheiten eines Rjasaner Gutes mußte Fürst Andrei mit dem Adelsmarschall des Kreises persönliche Rücksprache nehmen. Dieser Adelsmarschall war Graf Ilja Andrejewitsch Rostow, und so fuhr denn Fürst Andrei Mitte Mai zu ihm.
Es war schon die heiße Periode des Frühlings eingetreten. Der Wald war bereits voll belaubt; die Wege waren staubig, und es herrschte eine solche Hitze, daß man, wenn man an einem Wasser vorbeifuhr, Lust bekam zu baden.
In mißmutiger Stimmung und damit beschäftigt, alle die geschäftlichen Fragen zu überlegen, die er dem Adelsmarschall vorzulegen hatte, fuhr Fürst Andrei durch die Gartenallee auf das Rostowsche Gutshaus in Otradnoje zu. Von rechts hinter den Bäumen her hörte er fröhliches Geschrei weiblicher Stimmen und erblickte eine Mädchenschar, die von der Seite auf seinen Wagen zugelaufen kam. Den andern voran, dem Wagen am nächsten, lief ein schwarzhaariges, sehr fein und schlank gebautes, schwarzäugiges Mädchen, in einem gelben Kattunkleid, um den Kopf ein weißes Taschentuch gebunden, unter welchem einzelne Strähnen loser Haare hervorquollen. Das junge Mädchen rief etwas nach dem Wagen zu; aber als sie erkannte, daß ein Fremder darin saß, lief sie, ohne ihn anzusehen, lachend wieder zurück.
Eine schmerzliche Empfindung überkam auf einmal den Fürsten Andrei. Es war ein so schöner Tag, die Sonne schien so hell, ringsum war alles so fröhlich; aber diese schlanke, niedliche Person wußte nicht und wollte gar nicht wissen, daß er überhaupt existierte, und fühlte sich zufrieden und glücklich bei ihrem eigenen, wahrscheinlich törichten, aber heiteren, vergnügten Leben. »Worüber freut sie sich so? Woran denkt sie? Sicherlich nicht an militärische Reglements und an die Neuordnung der Verhältnisse der Rjasaner Zinsbauern. Woran denkt sie? Worüber ist sie so glücklich?« fragte sich Fürst Andrei mit unwillkürlich erwachter Neugierde.
Graf Ilja Andrejewitsch lebte im Jahre 1809 in Otradnoje genau ebenso wie früher, das heißt, er veranstaltete Jagden, Theatervorstellungen, Diners und Konzerte, zu denen sich der ganze Adel des Gouvernements einfand. Wie über jeden neuen Gast freute er sich auch über die Ankunft des Fürsten Andrei und veranlaßte ihn beinahe mit Gewalt, über Nacht zu bleiben.
Diesen ganzen Tag über nahmen Fürst Andrei die älteren Herrschaften in Anspruch, nämlich der Hausherr und die Hausfrau und die vornehmsten der Gäste, von denen aus Anlaß des herankommenden Namenstages das Haus des alten Grafen voll war. Fürst Andrei langweilte sich dabei stark, blickte mehrmals zu Natascha hin, die sich mit der übrigen anwesenden Jugend amüsierte und immer über irgend etwas lachte, und fragte sich: »Woran denkt sie? Worüber freut sie sich so?«