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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Als er am Abend in dem ihm fremden Zimmer allein war, konnte er lange nicht einschlafen. Er las; dann löschte er die Kerze aus und zündete sie wieder an. In dem Zimmer mit den geschlossenen Innenläden war eine schwüle Luft. Er ärgerte sich über diesen dummen alten Kerl (so nannte er Rostow), der ihn durch die Versicherung zurückgehalten hatte, die erforderlichen Papiere seien in der Stadt, seien noch nicht hergeschickt, und er ärgerte sich über sich selbst, daß er dageblieben war.

Fürst Andrei stand auf und trat ans Fenster, um es zu öffnen. Sowie er die Läden aufgemacht hatte, drang das Mondlicht, als hätte es schon lange am Fenster Wache gestanden und darauf gewartet, ins Zimmer hinein. Er öffnete das Fenster. Es war eine frische, windstille, helle Nacht. Unmittelbar vor dem Fenster stand eine Reihe beschnittener Bäume, die auf der einen Seite schwarz aussahen und auf der andern silbrig beleuchtet waren. Unter den Bäumen befand sich irgendeine saftige, feuchte, krause Pflanzenart, deren Blätter und Stengel stellenweise wie Silber schimmerten. Weiter weg hinter den schwarzen Bäumen war ein Dach sichtbar, das von Tau glänzte, und mehr rechts ein großer, krauser Baum mit Stamm und Ästen von heller, weißer Färbung und über ihm der beinahe volle Mond an dem hellen, fast sternenlosen Frühlingshimmel. Fürst Andrei lehnte sich mit den Ellbogen auf das Fensterbrett und richtete seine Blicke unverwandt nach diesem Himmel.

Das Zimmer des Fürsten Andrei befand sich in der mittleren Etage; auch das darüberliegende Zimmer war bewohnt, und die Insassen schliefen noch nicht. Er hörte oben zwei weibliche Stimmen reden.

»Nur noch ein einziges Mal«, sagte die eine Stimme, welche Fürst Andrei sofort erkannte.

»Aber wann willst du denn eigentlich schlafen?« antwortete die andere Stimme.

»Ich will gar nicht schlafen; ich kann nicht einschlafen; was soll ich machen! Nun also, zum allerletzten Mal!«

Die beiden Stimmen sangen ein Stück einer Melodie, welches das Ende irgendeines Liedes bildete.

»Ach, wie entzückend!«

»Nun, aber jetzt machen wir Schluß; jetzt wird geschlafen!«

»Schlaf du; ich kann nicht schlafen«, antwortete die erste Stimme, die sich dem Fenster genähert hatte. Die betreffende Person bog sich offenbar ganz aus dem Fenster; denn Fürst Andrei hörte das Rascheln ihres Kleides und sogar ihren Atem. Alles war still und regungslos; auch der Mond und der Mondschein und die Schatten. Auch Fürst Andrei scheute sich, eine Bewegung zu machen, um sich nicht als unfreiwilligen Hörer zu verraten.

»Sonja, Sonja!« erscholl wieder die erste Stimme. »Aber wie kannst du nur dabei schlafen! Sieh doch nur, wie reizend alles ist! Ach, wie reizend! So wache doch auf, Sonja!« sagte sie beinahe weinend. »So eine herrliche Nacht hat es ja noch nie, noch nie gegeben!«

Sonja gab verdrossen irgendeine Antwort.

»Nein, sieh doch nur, wie wundervoll der Mond scheint …! Ach, wie entzückend! Komm doch her! Liebste, Beste, komm doch her! Nun, siehst du wohl? So möchte ich mich niederkauern, siehst du wohl, so, und die Hände unter den Knien zusammenlegen, fest, so fest wie möglich, ganz eng und straff, und dann möchte ich losfliegen. Sieh maclass="underline" so!«

»Hör auf! Du wirst noch fallen!«

Es war zu hören, daß sie miteinander rangen. Sonja sagte in unzufriedenem Ton: »Es ist ja bald zwei Uhr.«

»Ach, du verdirbst mir immer nur mein Vergnügen. Geh doch, geh doch!«

Wieder wurde alles still; aber Fürst Andrei wußte, daß Natascha immer noch dort saß; er hörte manchmal eine leise Bewegung, mitunter auch einen Seufzer.

»Ach, mein Gott, mein Gott! Wie schön ist das alles!« rief sie plötzlich. »Also jetzt schlafen gehen, wenn’s doch einmal sein muß!« Sie schlug das Fenster zu.

»Es ist ganz gleichgültig, ob ich existiere oder nicht!« dachte Fürst Andrei, während er auf ihre Worte lauschte und aus einem nicht recht verständlichen Grund erwartete und fürchtete, daß sie etwas über ihn selbst sagen werde. »Wieder sie! Als wäre es eine besondere Fügung!« dachte er.

In seiner Seele erhob sich unerwarteterweise ein solcher wirrer Schwarm jugendlicher Gedanken und Hoffnungen, die zu seinem ganzen Leben in schroffem Gegensatz standen, daß er sich unfähig fühlte, über seinen Zustand zur Klarheit zu gelangen. Jedoch schlief er sehr bald ein.

III

Am andern Tag nahm Fürst Andrei, ohne abzuwarten, bis die Damen zum Vorschein kämen, nur vom Grafen Abschied und fuhr nach Hause.

Es war schon Anfang Juni, als Fürst Andrei bei der Rückkehr nach Bogutscharowo wieder in denselben Birkenhain einfuhr, in welchem jene alte, krumm gewachsene Eiche so eigenartige, merkwürdige Gedanken in ihm wachgerufen hatte. Die Glöckchen der Pferde klangen jetzt noch dumpfer im Wald als vor anderthalb Monaten; alles war jetzt voll und dicht und schattig; und die durch den Wald verstreuten jungen Tannen störten die allgemeine Schönheit nicht mehr: denn allgemeinen Charakter des Waldes sich anpassend, trieben auch sie wollige Sprossen von zartgrüner Farbe.

Den ganzen Tag über war es heiß gewesen; jetzt zog sich irgendwo ein Gewitter zusammen; aber vorläufig sandte nur eine kleine Wolke einen Sprühregen auf den Staub des Weges und auf die saftigen Blätter herab. Die linke Seite des Waldes lag im Schatten und war dunkel; die rechte, von der Nässe glänzend, blitzte in der Sonne, indem die Blätter nur leise im Wind schwankten. Alles stand in Blüte; die Nachtigallen schmetterten und flöteten bald nah, bald fern.

»Ja, hier in diesem Wald stand doch jene Eiche, in der ich mein Ebenbild erkannte«, dachte Fürst Andrei. »Ja, wo ist sie nur?« fragte er sich, nach der linken Seite des Weges blickend, und betrachtete bewundernd, ohne es selbst zu wissen, ohne sie zu erkennen, eben jene Eiche, die er suchte. Die alte Eiche, ganz verwandelt, breitete sich jetzt mit ihrem saftigen, dunkelgrünen Laub wie ein Zelt aus und schwelgte, kaum ein Blatt rührend, in den Strahlen der Abendsonne. Weder krumm gewachsene Finger, noch Narben, noch altes Mißtrauen und Leid, nichts derartiges war mehr zu sehen. Quer durch die harte, hundertjährige Borke drangen ohne Äste saftige, grüne Blätter, so daß man kaum glauben mochte, daß diese Greisin sie hervorgebracht habe. »Ja, das ist dieselbe Eiche«, dachte Fürst Andrei, und plötzlich überkam ihn, eigentlich ohne tatsächliche Ursache, ein Frühlingsgefühl der Verjüngung und der Freude. Alle diejenigen Augenblicke seines Lebens, wo wahrhaft gute Empfindungen sein Herz erfüllt hatten, kamen ihm gleichzeitig ins Gedächtnis: Austerlitz mit dem hohen Himmel, und das vorwurfsvolle Antlitz seiner toten Frau, und Pierre auf der Fähre, und das von der Schönheit der Nacht so mächtig erregte junge Mädchen, und diese Nacht selbst und der Mond – das alles war ihm auf einmal wieder gegenwärtig.

»Nein, das Leben ist noch nicht abgeschlossen, wenn man einunddreißig Jahre alt ist«, das war das endgültige, unumstößliche Resultat dieser Gedanken. »Es genügt nicht«, dachte Fürst Andrei, »daß ich selbst weiß, was alles in meiner Seele wohnt; auch alle andern sollen es erfahren: Pierre und dieses junge Mädchen, das in den Himmel fliegen wollte; alle sollen sie mich kennenlernen, damit mein Leben nicht für mich allein dahingehe, und damit sie ihr Leben nicht so abgetrennt und unberührt von dem meinigen führen, und damit mein Leben auf sie alle zurückwirke, und damit sie alle mit mir vereint leben!«

Nach der Rückkehr von seiner Reise beschloß Fürst Andrei, im Herbst nach Petersburg zu fahren, und sann sich verschiedene Gründe für diesen Entschluß aus. Er hatte jeden Augenblick eine ganze Reihe logischer Vernunftbeweise zur Verfügung, weshalb er unbedingt nach Petersburg gehen und sogar wieder in den Dienst treten müsse. Ja, es war ihm jetzt ganz unbegreiflich, wie er jemals an der Notwendigkeit, tätigen Anteil am Leben zu nehmen, hatte zweifeln können, gerade wie er einen Monat vorher nicht begriffen hatte, wie ihm der Gedanke in den Sinn kommen könnte, vom Land fortzuziehen. Es schien ihm jetzt ganz klar, daß seine gesamten Lebenserfahrungen nutzlos und vergebliche Mühe sein würden, wenn er sie nicht praktisch verwertete und nicht wieder tätigen Anteil am Leben nähme. Es war ihm jetzt sogar unbegreiflich, wie er früher hatte meinen können (und doch hatte er es aufgrund ebenso armseliger Vernunftbeweise gemeint), daß es seiner unwürdig sei, nach seinen trüben Lebenserfahrungen den Glauben an die Möglichkeit, Nutzen zu stiften, und den Glauben an die Möglichkeit von Glück und Liebe festzuhalten. Jetzt flüsterte ihm seine Vernunft ganz andere Ratschläge zu. Seit seiner Reise hatte Fürst Andrei angefangen, sich auf dem Land zu langweilen, seine früheren Beschäftigungen interessierten ihn nicht mehr, und oft, wenn er allein in seinem Zimmer saß, stand er auf, trat zum Spiegel und blickte lange sein Gesicht an. Dann wandte er sich ab und betrachtete das Porträt der verstorbenen Lisa, die mit à la grecque frisierten Locken ihn freundlich und heiter aus ihrem goldenen Rahmen anblickte. Sie sprach zu ihrem Mann jetzt nicht mehr die früheren furchtbaren Worte; sie blickte ihn harmlos und fröhlich und mit einem Ausdruck von Neugier an. Und Fürst Andrei ging, die Hände auf den Rücken gelegt, lange im Zimmer auf und ab, bald mit finsterer Miene, bald lächelnd, und überließ sich jenen Gedanken, die mit der Vernunft nichts zu tun hatten, die sich mit Worten nicht aussprechen ließen, und die er wie ein Verbrechen geheimhalten zu müssen glaubte, jenen Gedanken, die mit Pierre und mit dem Ruhm und mit dem Mädchen am Fenster und mit der Eiche und mit weiblicher Schönheit und mit der Liebe zusammenhingen und sein ganzes Leben verändert hatten. Und in solchen Augenblicken benahm er sich, wenn jemand zu ihm ins Zimmer trat, besonders trocken, streng und scharf und brachte namentlich in unfreundlicher Weise die Logik zur Anwendung.

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