Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Auch Boris war mit seinem Kameraden Zilinski hingegangen, um sich das Bankett der Preobraschenzen anzusehen. Auf dem Rückweg bemerkte Boris Rostow, der an der Ecke eines Hauses stand.
»Guten Tag, Rostow! Wir haben uns ja heute noch gar nicht gesehen«, sagte er zu ihm und konnte sich nicht enthalten, ihn zu fragen, was ihm fehle: eine so sonderbar finstere, verstörte Miene zeigte Rostows Gesicht.
»Nichts, nichts«, antwortete Rostow.
»Du kommst doch noch einmal zu mir heran?«
»Ja, ich werde kommen.«
Rostow stand lange an der Ecke und betrachtete von weitem die Schmausenden. In seinem Kopf ging eine qualvolle Gedankenarbeit vor, die er schlechterdings nicht imstande war zu einem befriedigenden Ende zu führen. Entsetzliche Zweifel waren in seiner Seele wach geworden. Bald dachte er an Denisow und an dessen veränderten Gesichtsausdruck und schließliche Unterwerfung und an das ganze Lazarett mit all diesen verkrüppelten Soldaten, mit seinem Schmutz und seinen Krankheiten. Er glaubte mit solcher Bestimmtheit, in diesem Augenblick den Leichengeruch des Lazaretts zu spüren, daß er sich umsah, um festzustellen, woher dieser Geruch kommen könne. Bald trat ihm dieser selbstzufriedene Bonaparte mit seiner kleinen, weißen Hand vor die Seele, der jetzt Kaiser war und den der Kaiser Alexander liebte und verehrte. Welchen Zweck hatten denn nun all die abgeschossenen Arme und Beine und die getöteten Menschen? Dann wieder dachte er an den dekorierten Lasarew und an den bestraften und nicht begnadigten Denisow. Er ertappte sich auf so seltsamen Gedanken, daß er über sie geradezu erschrak.
Der Speisengeruch von dem Festessen der Preobraschenzen und der französischen Gardisten und der ihm zum Bewußtsein kommende Hunger weckten ihn aus diesem Zustand der Versunkenheit: vor seiner Abreise mußte er notwendig etwas essen. Er ging in ein Gasthaus, das er am Morgen bemerkt hatte. In diesem Gasthaus traf er so viel Gäste, namentlich Offiziere, die ebenso wie er in Zivil nach Tilsit gekommen waren, daß er nur mit Mühe zu einem Mittagessen gelangen konnte. Zwei Offiziere, die mit ihm derselben Division angehörten, gesellten sich zu ihm. Es war nur natürlich, daß die Rede auf den Friedensschluß kam. Diese beiden Kameraden Rostows waren, wie der größte Teil der Armee, unzufrieden mit dem Friedensschluß, der auf die Schlacht bei Friedland gefolgt war. Die allgemeine Ansicht war, wir hätten uns nur noch ein Weilchen zu halten brauchen, dann wäre Napoleon verloren gewesen, da er weder Proviant noch Munition mehr für seine Truppen gehabt habe. Nikolai beschäftigte sich schweigend damit, zu essen und vor allem zu trinken. Er hatte allein schon zwei Flaschen Wein geleert. Jene innerliche Gedankenarbeit, die in seinem Kopf in Gang gekommen, aber nicht zum Abschluß gelangt war, quälte ihn noch immer in gleicher Weise. Er fürchtete sich davor, sich seinen Gedanken zu überlassen, und war doch nicht imstande, sich von ihnen loszumachen. Da äußerte einer der beiden Offiziere, es errege einem die Galle, jetzt auf einmal die Franzosen als Freunde ansehen zu müssen; und nun schrie Rostow plötzlich mit einer jähen Heftigkeit los, die durch nichts gerechtfertigt war und daher die Offiziere in das größte Erstaunen versetzte.
»Wie können Sie darüber urteilen, was das beste sein würde!« schrie er mit dunkelrotem Kopf. »Wie können Sie über die Handlungen des Kaisers urteilen? Welches Recht haben wir zu kritisieren? Wir können weder die Absichten noch die Handlungen des Kaisers verstehen!«
»Aber ich habe ja kein Wort vom Kaiser gesagt«, erwiderte der Offizier zu seiner Rechtfertigung; er konnte sich Rostows Jähzorn nur durch die Annahme erklären, daß er betrunken sei.
Aber Rostow hörte gar nicht auf ihn.
»Wir sind keine Diplomaten; wir sind Soldaten und weiter nichts«, fuhr er fort. »Wenn uns befohlen wird, zu sterben, so sterben wir; und wenn man uns bestraft, dann haben wir es eben verdient; uns steht darüber kein Urteil zu. Wenn es unserm Kaiser beliebt, Bonaparte als Kaiser anzuerkennen und mit ihm ein Bündnis zu schließen, dann wird das eben notwendig sein. Aber wenn wir anfangen wollen über alles zu urteilen und alles zu kritisieren, dann bleibt bald nichts Heiliges mehr übrig. Dann kommen wir dahin, zu sagen, daß es keinen Gott und überhaupt nichts gibt!« schrie Nikolai und schlug mit der Faust auf den Tisch; was er da sagte, war sehr unmotiviert nach der Auffassung seiner Tischgenossen, bildete aber das folgerichtige Resultat seines Gedankenganges. »Wir haben einfach, ohne zu überlegen, unsere Pflicht zu tun und mit dem Feind zu kämpfen, weiter nichts!« schloß er.
»Und zu trinken«, fügte einer der Offiziere hinzu, der dem Streit ein Ende zu machen wünschte.
»Jawohl, und zu trinken!« stimmte ihm Nikolai bei. »He, du! Noch eine Flasche!« rief er.
Sechster Teil
I
Im Jahre 1808 begab sich Kaiser Alexander zu einer neuen Zusammenkunft mit dem Kaiser Napoleon nach Erfurt, und in den höchsten Petersburger Gesellschaftskreisen wurde viel über die großartige Pracht dieses festlichen Zusammenseins gesprochen.
Im Jahre 1809 war die Annäherung der beiden Weltherrscher, wie man Napoleon und Alexander zu nennen pflegte, bereits so weit fortgeschritten, daß, als Napoleon in diesem Jahr Österreich den Krieg erklärte, ein russisches Korps an die Grenze rückte, um unseren früheren Feind Bonaparte gegen unsern früheren Verbündeten, den Kaiser von Österreich, zu unterstützen; ja, sie war so weit fortgeschritten, daß in den höchsten Kreisen die Möglichkeit einer Heirat zwischen Napoleon und einer der Schwestern Kaiser Alexanders erörtert wurde. Aber neben solchen der äußeren Politik angehörigen Kombinationen richtete sich damals das Interesse der russischen Gesellschaft mit besonderer Lebhaftigkeit auf die inneren Reformen, die zu jener Zeit auf allen Gebieten der Staatsverwaltung durchgeführt wurden.
Unterdessen ging das Leben, das wahre, eigentliche Leben der Menschen, mit seinen materiellen Interessen, wie Gesundheit und Krankheit, Arbeit und Erholung, und mit seinen geistigen Interessen, wie Wissenschaft, Poesie, Musik, Liebe, Freundschaft, Haß, Leidenschaften, dieses Leben ging wie immer unabhängig seinen Gang, unbeeinflußt von der politischen Freundschaft oder Feindschaft mit Napoleon Bonaparte und von allen möglichen Reformen.
Fürst Andrei hatte ununterbrochen zwei Jahre lang auf dem Land gelebt.
Alle die Unternehmungen, die Pierre auf seinen Gütern geplant hatte, ohne doch dabei zu einem Resultat zu kommen, da er unaufhörlich von einer Sache zur andern hinübersprang, alle diese Unternehmungen hatte Fürst Andrei, ohne irgend jemandem gegenüber davon viel Wesens zu machen, und ohne auffälligen Aufwand von Mühe auf seinen eigenen Gütern zur Ausführung gebracht.
Er besaß im höchsten Grad jene seinem Freund Pierre abgehende praktische Zähigkeit, mittels deren er ohne übermäßige Kraftentwicklung und Anstrengung eine Sache in Gang brachte und im Gang erhielt.
Auf einem seiner Güter hatte er die Leibeigenen, etwa dreihundert Seelen, zu freien Bauern gemacht (es war dies eines der ersten Beispiele in Rußland); auf anderen Gütern war die Fronarbeit durch Abgaben ersetzt. Nach Bogutscharowo hatte er auf seine Kosten eine gelernte Hebamme kommen lassen, die nun den Gebärerinnen beistand, und der Geistliche unterrichtete für ein bestimmtes Gehalt die Kinder der Bauern und Gutsleute im Lesen und Schreiben.
Die eine Hälfte seiner Zeit verlebte Fürst Andrei in Lysyje-Gory bei seinem Vater und bei seinem Sohn, der noch in der Obhut der Wärterinnen war, die andere Hälfte im Kloster Bogutscharowo, wie sein Vater dieses Gut nannte. Obwohl Fürst Andrei im Gespräch mit Pierre eine große Gleichgültigkeit gegen alle äußeren Weltereignisse bekundet hatte, verfolgte er doch den Gang der Dinge mit vielem Eifer, ließ sich eine Menge Bücher kommen und bemerkte zu seiner Verwunderung, wenn zu ihm oder zu seinem Vater Leute direkt aus Petersburg, diesem Brennpunkt des gesamten geistigen Lebens, zu Besuch kamen, daß diese Leute über alle Vorgänge der äußeren und inneren Politik bei weitem nicht so gut unterrichtet waren wie er, der ohne Unterbrechung still auf dem Land saß.