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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Juilin zuckte unbehaglich mit den Schultern. »Es war schwer genug, Thera davon zu überzeugen, mit mir wegzulaufen. Jetzt ist sie ... ängstlich. Ich kann ihr helfen, ihre Angst mit der Zeit zu überwinden. Ich weiß, dass ich das kann. Aber ich glaube nicht, dass sie es schaffen würde, sich als Sul'dam auszugeben.«

Thom zupfte an seinem Schnurrbart. »Es ist unwahrscheinlich, dass Riselle gehen würde, unter welchen Umständen auch immer. Anscheinend gefällt ihr Bannergeneral Lord Yamadas Gesang so sehr, dass sie sich entschieden hat, ihn zu heiraten.« Er seufzte bedauernd. »Ich fürchte, aus dieser Quelle kommen keine Informationen mehr.« Und sein Gesichtsausdruck besagte, dass er auch seinen Kopf nicht mehr auf ihren Busen betten konnte. »Nun ja, denkt weiter darüber nach, wen wir fragen könnten. Und seht, ob ihr an eine Abschrift eines dieser Befehle herankommt.«

Thom gelang es, die richtige Tinte und das passende Papier zu organisieren, und er war bereit, jedermanns Handschrift und Siegel zu imitieren. Er hielt nichts von Siegeln, er behauptete, jeder mit einer Steckrübe und einem Messer könnte sie nachmachen. In der Handschrift eines anderen Mannes zu schreiben, so dass der andere glaubte, er hätte es selbst geschrieben, das war eine Kunst. Aber keiner von ihnen kam an eine Kopie der Befehle mit dem richtigen Siegel heran. Die Seanchaner ließen sie genauso wenig wie die Adam einfach herumliegen. Juilin schien auch keine Fortschritte mit dem A'dam zu machen. Zwei Schritte vorwärts, dann die Steinmauer. Und sechs Tage waren einfach so verstrichen. Es blieben noch vier übrig. Mat hatte das Gefühl, seit Tylins Aufbruch wären sechs Jahre verstrichen und es würde nur noch vier Stunden bis zu ihrer Rückkehr dauern.

Am siebten Tag hielt Thom Mat auf dem Korridor auf, als er vom Reiten kam. Der ehemalige Gaukler lächelte, als würde er nichtssagende Konversation betreiben, aber er senkte die Stimme. Die vorbeieilenden Diener konnten nicht mehr als ein Murmeln hören. »Laut Noal hat der Gholam vergangene Nacht erneut getötet. Man hat den Suchern befohlen, den Mörder zu finden, und wenn sie dafür aufhören müssen zu essen und zu schlafen, aber ich kann nicht herausfinden, wer den Befehl gegeben hat. Selbst die Tatsache, dass man ihnen befohlen hat, etwas zu unternehmen, scheint ein Geheimnis zu sein. Aber nichtsdestotrotz bereiten sie schon die Streckbank vor und schieben die Eisen ins Feuer.«

Es spielte keine Rolle, dass Thom leise sprach; Mat schaute sich trotzdem um, ob ihnen jemand zuhörte. Die einzige Person in Sichtweite war ein korpulenter grauhaariger Mann namens Narvin, der zwar eine Livree trug, aber weder in Eile war noch etwas transportierte. Diener von so hoher Stellung wie Narvin machten keine Botengänge und beeilten sich auch nicht. Mats Anblick, als er versuchte, in alle Richtungen gleichzeitig zu schauen, ließ ihn blinzeln, dann runzelte er die Stirn. Mat wollte die Zähne fletschen, aber stattdessen grinste er so entwaffnend, wie er nur konnte, und Narvin ging mit finsterer Miene weiter. Mat war davon überzeugt, dass dieser Bursche für den ersten Versuch, Pip aus dem Stall zu entfernen, verantwortlich war.

»Noal hat dir von den Suchern erzählt?«, flüsterte er ungläubig, sobald Narvin weit genug weg war.

Thom winkte ab. »Natürlich nicht. Nur von den Morden. Obwohl er Gerüchte aufzuschnappen scheint und weiß, was sie bedeuten. Das ist ein seltenes Talent. Ich würde gern wissen, ob er wirklich in Shara war«, sagte er nachdenklich. »Er hat erzählt, er...« Thom räusperte sich, als er Mats Blick sah. »Nun, das kann warten. Ich habe andere Quellen als die viel betrauerte Riselle. Einige davon sind Lauscher. Lauscher scheinen wirklich alles zu hören.«

»Du hast mit Lauschern gesprochen?« Mats Stimme quietschte wie eine verrostete Türangel. Er hatte das Gefühl, seine ganze Kehle wäre verrostet!

»Da ist doch nichts dabei, so lange sie nicht wissen, dass du Bescheid weißt.« Thom kicherte. »Mat, bei den Seanchanern musst du bei allen davon ausgehen, dass sie Lauscher sind. So erfährst du, was du wissen willst, ohne das falsche Wort in das falsche Ohr zu sagen.« Er hustete und strich den Schnurrbart mit den Knöcheln glatt. »Ich kenne zufällig einen oder zwei, die wirklich dazugehören. Mehr Informationen können jedenfalls nicht schaden. Du willst doch vor Tylins Rückkehr weg sein, oder? Irgendwie siehst du ohne sie etwas ... verloren aus.«

Mat konnte nur stöhnen.

In dieser Nacht schlug der Gholam abermals zu. Lopin und Nerim sprudelten vor Neuigkeiten förmlich über, bevor Mat seinen Frühstücksfisch gegessen hatte. Sie behaupteten, in der Stadt herrsche Aufruhr. Das letzte Opfer, eine Frau, sei in der Einmündung einer Gasse gefunden worden, und plötzlich würden die Leute darüber reden und einen Mord mit dem anderen in Verbindung bringen. Da war ein Verrückter am Werk und die Leute verlangten mehr seanchanische Straßenpatrouillen in der Nacht. Mat schob den Teller von sich. Mehr Patrouillen. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, war es durchaus möglich, dass Suroth früher zurückkam, wenn sie davon erfuhr, und Tylin mitbrachte. Bestenfalls blieben ihm noch zwei Tage. Er hatte das Gefühl, das, was er gegessen hatte, gleich wieder von sich geben zu müssen.

Er verbrachte den Rest des Vormittags damit, auf dem Teppich in Tylins Schlaf gemach auf und ab zu gehen, also gut, zu hinken, und den Schmerz in seinem Bein zu ignorieren, während er versuchte, sich etwas einfallen zu lassen, egal was, das ihn das Unmögliche in zwei Tagen gelingen lassen würde. Der Schmerz hatte tatsächlich nachgelassen. Er hatte den Wanderstab aufgegeben und sich angestrengt, neue Kräfte zu gewinnen. Vermutlich würde er zu Fuß nun zwei oder drei Meilen schaffen, ohne das Bein ausruhen zu müssen. Zumindest ohne es lange ausruhen zu müssen.

Gegen Mittag brachte ihm Juilin die einzige gute Nachricht, die er seit langer Zeit erhalten hatte. Und eigentlich war es auch keine Nachricht. Es war ein Kleidersack mit zwei Gewändern, die um ein silbernes A'dam gewickelt waren.

29

Ein anderer Plan

Der Keller der Wanderin mit seiner Decke aus Holzbalken war groß, doch obwohl sich nur fünf Leute darin aufhielten, erschien er so eng wie das Zimtner, das sich Juilin und Thom teilten. Die auf einem aufrecht stehenden Fass abgesetzte Öllampe warf flackernde Schatten. Ein Stück weiter lag der ganze Keller in Dunkelheit. Der Abstand zwischen den Regalen und den rauen Steinwänden war kaum größer, als ein Fass hoch war, aber das schien nicht der Grund dafür zu sein, dass er so beengt wirkte.

»Ich habe Euch um Hilfe gebeten, nicht um einen Strick um den Hals«, sagte Joline kalt. Nach fast einer Woche in Frau Anans Obhut und mithilfe von Enids Küche sah die Aes Sedai nicht länger hager aus. Das zerlumpte Gewand, in dem Mat sie zuvor gesehen hatte, war von einem hochgeschlossenen, aus feinem Tuch gefertigten blauen Gewand ersetzt worden, das an den Ärmeln und unter dem Kinn einen Hauch Spitze aufwies. Das flackernde Licht tauchte ihr Gesicht immer wieder in Schatten und sie sah wütend aus; sie versuchte Mat mit ihren Blicken zu durchbohren. »Wenn etwas schief geht, egal was, wäre ich völlig hilflos!«

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