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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Vor ihm ritten sechs Sul'dam, deren kurze, abgenähte Röcke ihre Knöchel zeigten. Bei einer oder zweien waren es sehr hübsche Knöchel, aber die Frauen saßen in den Sätteln, als würden sie ebenfalls dem Blut angehören. Die Kapuzen ihrer mit dem Blitz geschmückten Umhänge hingen ihnen auf den Rücken und sie ließen die kalten Windböen die Umhänge anheben, als könnte die Kälte ihnen nichts anhaben. Zwei von ihnen führten angeleinte Damane neben sich her.

Mat musterte die Frauen verstohlen. Eine der Damane, eine kleine Frau mit hellblauen Augen, war durch ein silbernes A'dam mit der pummeligen Sul'dam mit der olivfarbenen Haut verbunden, die er dabei beobachtet hatte, wie sie Teslyn herumführte. Die dunkelhaarige Damane hörte auf den Namen Pura. Er hatte es Teslyn nicht recht geglaubt, als sie behauptet hatte, die Frau wäre zur echten Damane geworden, aber die langsam ergrauende Sul'dam beugte sich auf ihrem Sattel herunter und murmelte der Frau, die einst Ryma Galfrey gewesen war, etwas ins Ohr, und was es auch gewesen sein mochte, Pura lachte und klatschte begeistert in die Hände.

Mat erschauderte. Sie würde verdammt noch mal um Hilfe brüllen, sollte er versuchen, ihr das A'dam abzunehmen. Licht, was dachte er sich nur! Schlimm genug, dass er drei Aes Sedai den Hintern retten musste — sollte man ihn doch zu Asche verbrennen, anscheinend brauchte er nur zu blinzeln, damit man ihm so etwas aufbürdete! —, das war schlimm genug, ohne jetzt auch noch daran zu denken, noch weitere aus Ebou Dar herauszuschaffen.

Ebou Dar war eine große Hafenstadt, vielleicht sogar der größte Hafen der bekannten Welt; der Kai führte an der ganzen Stadt entlang, und die Docks waren lange graue Steinfinger, die aus ihm hervorstachen. Fast alle Liegeplätze waren mit seanchanischen Schiffen aller Größen belegt, deren Mannschaften in die Takelage geklettert waren und jetzt frenetisch jubelten, als Suroth an ihnen vorbeiritt, ein Chor donnernder Stimmen, die ihren Namen riefen. Die Männer auf den anderen Schiffen winkten und riefen ebenfalls, obwohl viele gar nicht genau zu wissen schienen, wem oder was sie da zujubelten. Zweifellos glaubten sie, dass es von ihnen erwartet würde. Auf diesen Schiffen bewegte der im Hafen wehende Wind die Goldenen Bienen von Illian und die Halbmonde von Tear und den Goldenen Falken von Mayene. Anscheinend hatte Rand den dortigen Kaufleuten nicht befohlen, den Handel mit von den Seanchanern besetzten Häfen einzustellen, oder die Kaufleute taten es hinter seinem Rücken. Farben blitzten in Mats Schädel auf, und er schüttelte den Kopf, um ihn wieder klarzubekommen. Die meisten Kauf leute würden mit dem Mörder ihrer Mutter Geschäfte machen, wenn es ihnen einen Profit einbrachte.

Das südlichste Dock war von Schiffen geräumt worden, und seanchanische Offiziere mit dünnen Federbüschen auf den lackierten Helmen standen bereit, um Suroth und Tylin in eines der großen Ruderboote zu helfen, die auf dem Wasser warteten und deren lange Ruder von acht Mann bedient wurden. Aber erst nachdem Tylin Mat einen Abschiedskuss gegeben hatte, wobei sie ihm beinahe Haare ausriss, als sie seinen Kopf nach unten zog und ihm in den Hintern kniff, als würde verdammt noch mal niemand zusehen! Suroth runzelte ungeduldig die Stirn, bis Tylin in dem Langboot saß, aber selbst dann war die Seanchanerin noch immer nicht zufrieden und scheuchte ihre So'jhin Alwhin mit Fingerschnippen herum, so dass die Frau mit den kantigen Gesichtszügen ständig über die Ruderbänke kletterte, um ihr dieses oder jenes zu holen.

Der Rest des Blutes erhielt tiefe Verbeugungen von den Offizieren, musste die Leitern aber mithilfe ihrer So'jhin hinunterklettern. Die Sul'dam halfen den Domäne in die Boote, aber die weiß gekleideten Diener konnten ihre Körbe und sich selbst allein nach unten schaffen. Kurze Zeit später fuhren die Boote durch den Hafen auf den Ort zu, an dem man Raken und To'raken südlich vom Rahad hielt. Sie suchten sich ihren Weg vorbei an der gewaltigen vor Anker liegenden Flotte der Seanchaner und den Dutzenden gekaperten Schiffen des Meervolks, die das Hafenbecken ausfüllten. Letztere schienen mit den gerippten Segeln der Seanchaner und anderem Tauwerk neu aufgeriggt worden zu sein. Ihre Besatzungen bestanden ebenfalls aus Seanchanern. Mit Ausnahme der Windsucherinnen, an die Mat nicht denken wollte, waren die überlebenden Atha'an Miere alle im Rahad, wo sie zusammen mit den anderen Da'covale die versandeten Kanäle reinigten. Natürlich abgesehen von denen, die man verkauft hatte. Und es gab nichts, das er daran ändern konnte. Er schuldete ihnen nichts, er hatte bereits mehr am Hals, als er bewältigen konnte, und es gab nichts, das er hätte tun können. Mehr gab es dazu nicht zu sagen!

Er wollte sofort losreiten und die Schiffe des Meervolks hinter sich lassen. Niemand auf den Docks schenkte ihm auch nur die geringste Beachtung. Die Offiziere waren gegangen, sobald die Boote abgelegt hatten. Jemand — er wusste nicht wer — hatte die Packpferde fortgeführt. Die Matrosen kletterten aus den Wanten und gingen wieder ihrer Arbeit nach, und die Mitglieder der Gilde der Schauerleute setzten ihre tiefen, schweren und mit Ballen und Kisten und Fässern beladenen Schubkarren wieder in Bewegung. Aber wenn er zu früh ging, konnte Tylin auf die Idee kommen, dass er die Stadt sofort verließ und ihm ihre Männer hinterherschicken, also ließ er Pip am Ende des Docks stehen bleiben und winkte wie ein Narr, bis sie weit genug weg war, um ihn ohne die Hilfe eines Fernglases nicht mehr sehen zu können.

Trotz des pochenden Beins ritt er langsam fast den ganzen Kai ab. Er vermied es, noch einen Blick auf den Hafen zu werfen. Nüchtern gekleidete Kaufleute standen da und sahen zu, wie ihre Fracht gelöscht wurde, steckten gelegentlich Männer oder Frauen in einer grünen Lederweste einen Geldbeutel zu, damit man mit ihren Waren behutsamer umging oder sie mit größerer Schnelligkeit bearbeitete, obwohl es kaum möglich erschien, dass die Gildenleute sich noch schneller bewegten. Südländer schienen sich ohnehin ständig im Laufschritt zu bewegen, solange die Sonne nicht genau über ihnen im Zenit stand und die hier herrschende Hitze eine Ente braten konnte; aber unabhängig davon, wo die Sonne im Augenblick stand, der graue Himmel und der schneidende, vom Meer kommende Wind sorgte sowieso für Kälte.

Als er sich auf der Höhe des Mol Hara befand, hatte er mehr als zwanzig Sul'dam gezählt, die mit Damane die Docks patrouillierten, sich für Boote interessierten, die von den vor Anker gegangenen Schiffen ablegten, die nicht aus Seanchan kamen, und an Bord jedes neu angekommenen Schiffes gingen. Und auch an Bord jener, die bereit waren, ihre Leinen zu lösen. Er war sich ziemlich sicher gewesen, dass sie dort sein würden. Es würde also Valan Luca sein müssen. Die einzige Alternative war zu gefährlich, es sei denn in einer Notlage. Luca hatte auch seine Risiken, aber er stellte die einzige echte Möglichkeit dar, die es noch gab.

Im Tarasin-Palast stieg er mit schmerzverzerrter Miene von Pip und zog den Wanderstab unter dem Sattelgurt hervor. Er überließ das Pferd einem Stallburschen und hinkte hinein; das linke Bein konnte kaum sein Gewicht tragen. Vielleicht würde ein heißes Bad die Schmerzen lindern. Vielleicht würde er dann nachdenken können. Man würde Luca überraschen müssen, aber bevor es so weit war, galt es noch ein paar andere kleine Probleme zu überwinden.

»Ah, da seid Ihr ja«, sagte Noal und blieb vor ihm stehen. Seit Mat dem alten Mann einen Schlafplatz verschafft hatte, hatte er ihn nur selten zu Gesicht bekommen, aber wenn man bedachte, dass er jeden Tag in die Stadt verschwand und erst in der Nacht in den Palast zurückkehrte, sah er in seinem frisch ausgebürsteten grauen Mantel doch wohlausgeruht aus. Er zupfte die Spitze an seinen Ärmeln zurecht und lächelte vertrauensvoll, was seine Zahnlücken enthüllte. »Ihr plant etwas, Lord Mat, und ich möchte Euch meine Dienste anbieten.«

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