Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Der Panther brüllte vor Schmerzen und Wut laut auf und streckte die zweite Pfote aus, die Remi mit einem zweiten, nicht minder kräftigen und sicheren Axthieb der ersten hinterherschickte.
Der Panther stieß ein zweites Brüllen aus, verlor das Gleichgewicht und fiel mit lautem Krachen von dem Baum.
Remi ergriff eines seiner Gewehre, und während das Tier noch von seinem Sturz benommen war, schoss er ihm eine Kugel in den Kopf. Dann stieg er hinunter, nahm sein Messer, enthäutete den Panther fachgerecht, nagelte die zwei Pfoten an die Tür seiner Hütte, wie die Bauern es mit Wolfstatzen tun, und setzte sich wieder an seine Mahlzeit.
»Was für ein Aufhebens um manche Dinge gemacht wird«, sagte er sich, »wenn man sie nur aus der Ferne kennt, und wenn man sie von Nahem sieht, ist nichts weiter dabei!«
Das ließen die Panther sich gesagt sein; mochte Remi sie des Abends, des Morgens oder des Nachts fauchen und brüllen hören, wagte sich doch keiner in Sichtweite der Hütte.
Nach und nach hatte sich die Hütte erstaunlich verändert: Was zuerst nur ein Haufen Zweige gewesen war, hatte im Lauf eines Monats die Gestalt einer befestigten Blockhütte angenommen; solide Deckenbalken trugen einen Speicher, der über eine Leiter erreicht wurde. Sechs miteinander verfugte Bretter bildeten ein Feldbett, und ein Tisch mit vier festen Beinen sowie ein Holzschemel stellten fürs Erste die weitere Möblierung dar.
Eines Vormittags sah Remi eine Karawane seiner Hütte entgegenwandern. Der Vicomte de Sainte-Hermine hatte nach seiner Ankunft in Pegu daran gedacht, dem Einsiedler all das zu schicken, woran er sicherlich Mangel litt.
Er schickte ihm Reis, Weizen, Mais, einen Hengst und eine Stute, Kuh und Ochsen, Eber und Bache, einen Hahn und sechs Hühner sowie einen riesengroßen Hütehund samt Hündin und Kater und Katze und, nicht zu vergessen, eine Getreidemühle, wie sie auf Schiffen benutzt wird.
Remi erschrak zuerst beim Anblick dieser Güter: Wo sollte er all die neuen Mitbewohner unterbringen? Zum Glück hatte der Vicomte seiner Sendung zusätzliche Nägel und Schlösser hinzugefügt sowie zahllose Gerätschaften, die Remi sich in der Wildnis nicht besorgen konnte.
Es war nicht daran zu denken, innerhalb von vierundzwanig Stunden, ja nicht einmal innerhalb von acht Tagen einen Stall für die Tiere zu bauen; stattdessen errichtete Remi um die Hütte herum einen Palisadenzaun, der hoch und eng genug war, um ein Entwischen zu vereiteln.
Am ersten Tag blieben die Tiere angebunden; am zweiten Tag war der Palisadenzaun fertig, der an die hundert Fuß Umfang oder dreiunddreißig Fuß Durchmesser aufwies. Die Tiere wurden hineingetrieben und eingesperrt. Der Hahn setzte sich sogleich auf einen der Pfosten und machte es sich zur Aufgabe, als Wache zu dienen und die Tageszeit zu verkünden. Die Hühner legten vom ersten Tag an Eier.
Die Männer, die diese Karawane hergebracht hatten, ließen sich von Remi verköstigen. Der Vicomte de Sainte-Hermine hatte sie im Voraus entlohnt. Remi gab ihnen obendrein einige Talks als Belohnung und schickte sie zurück.
Am Tag nach ihrer Abreise wurden Kuh, Pferde, Schweine, Kalb, Hunde, Katzen und Hühner ins Freie gelassen.
Die Hunde und Katzen besannen sich sogleich ihrer Berufung zum Haustier; die Hunde bezogen links und rechts neben der Eingangstür Posten, die Katzen kletterten zum Speicher hinauf.
Dieser Speicher war eine Rüstkammer im Kleinen; für den Fall einer Belagerung waren die zehn Gewehre mit Kugeln geladen zur Hand nebst Patronen zum Nachladen, die nur darauf warteten, zu Todesboten zu werden.
Von diesem Speicher aus hatte man einen ungehinderten Blick über die ganze Umgebung; durch kleine, geschickt angebrachte Schießscharten konnte man in alle Richtungen feuern, ohne sich den Salven der Belagerer auszusetzen.
Die größeren Tiere grasten draußen. Die Hühner pickten in der Nähe des Hauses ihre Würmer.
Am Abend brachte der Instinkt die Tiere in die Umfriedung zurück: Aus dem besorgten Krähen des Hahns und dem Bellen der Hunde konnte man erraten, dass ein Tiger oder ein Panther um den Zaun herumschlich.
Doch weder tagsüber noch nachts ließ sich einer dieser Räuber blicken.
Remi musste sich jedoch eingestehen, dass seine vielen Mitesser allmählich mehr Arbeit machten, als er allein bewältigen konnte; bisweilen, wenn er seine Schwäche beklagte, dachte er sich, dass eine Frau in seiner entstehenden Kolonie nicht fehl am Platz wäre – nicht allein, um ihm Hoffnung einzuflößen, sondern auch, um ihm bei den zahlreichen Arbeiten zu helfen, die es zu verrichten galt.
Eines Nachts, als diese Gedanken, die er für das Werk des bösen Feindes hielt, ihn besonders hartnäckig gequält hatten, weckten ihn vor Tagesanbruch das Krähen seines Hahns, das Gebell seiner Hunde und Gewehrschüsse, die vom Flussufer zu kommen schienen.
Remi ergriff ein Gewehr, steckte Patronen ein und eilte zum Sittang, von seinen Hunden gefolgt.
Am Ufer lagen drei Tote, die offenbar von den Wegelagerern überfallen worden waren, die auf dem Fluss in den Westen von Siam zu fahren pflegten.
Remi rief, doch niemand antwortete; als es hell war, sah er ein menschliches Wesen neben den Toten knien, steif und reglos wie eine Statue.
Er ging hin; es war eine junge Inderin von zwölf oder dreizehn Jahren; sie kniete neben einem etwa vierzigjährigen Mann, der tot am Boden lag, von einer Kugel in der Brust niedergestreckt.
Remi, der seit zwei Monaten in dieser Einöde lebte, wirkte mit seinen langen Haaren und seinem struppigen Bart selbst wie ein Brigant.
Doch das junge Mädchen bezeigte bei seinem Anblick keinerlei Furcht, sondern wies auf den Toten, senkte wieder den Kopf und brach in Tränen aus.
Remi wartete einige Zeit, damit das Mädchen sich ausweinen konnte. Dann bedeutete er ihm, aufzustehen und ihm zu folgen.
Das Mädchen erhob sich, stieß drei Rufe aus, auf die keine Antwort erfolgte, legte mit jugendlicher und ungekünstelter Anmut Hand und Kopf an Remis Schulter und ging im gleichen Schritt neben ihm her.
Eine Dreiviertelstunde später erreichten sie den Palisadenzaun.
Die Tiere drängten sich am Tor, seit sie die beiden erblickt hatten, und scharten sich voller Wiedersehensfreude um sie, als sie eintraten.
Der Hund bellte, das Schwein grunzte, die Kuh muhte, das Pferd wieherte, die Katze miaute, der Hahn krähte.
Eva betrat das irdische Paradies, und jedes Tier begrüßte sie auf seine Manier. Nur der Mensch schwieg, doch als er die Tür seines Hauses öffnete, klopfte sein Herz wie nie zuvor.
72
Die Kolonie
Remi trug mehrere Armvoll eines Farngewächses, das um das Haus herum üppig wucherte, auf den Speicher, legte das Pantherfell darüber, schnitzte zwei weitere Schemel, und der Speicher wurde zum Gemach der neuen Eva.
Remi war es, als sähe er die junge Birmanin zum ersten Mal, und was er sah, bezauberte ihn: Sie trug ein weites himmelblaues Gewand mit einer Seidenkordel als Gürtel, am Halsausschnitt und an den weiten Ärmeln bestickt; Sandalen aus geflochtenem Stroh bekleideten ihre kindlichen Füße; ihre bloßen Hände, deren Haut nur um weniges dunkler war als die des Gesichts, waren reizend geformt, und ihr aufmerksamer Blick war voller Dank für Remi und schien zu besagen: »Wenn das Unglück mich schon zu dir gebracht hat, was kann ich für dich tun?«
Remi seinerseits war bereit, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das junge Mädchen von dem Unglück abzulenken, das ihm widerfahren war; und ihre beiderseitige Bereitschaft ermöglichte ihnen, sich schon bald mit birmanischen und französischen Brocken über die grundlegenden Bedürfnisse radebrechend zu verständigen.