Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Jane aber machte sich so große Sorgen, dass sie nicht in ihrem Palankin hatte warten wollen. Sie und ihre Schwester hatten ihn verlassen und waren den Reitern entgegengewandert, als sie das Hufgetrappel hörten.
René und der Engländer stiegen formvollendet vom Pferd; René ergriff die Hand des Engländers, verbeugte sich vor Mademoiselle de Sainte-Hermine und sagte: »Miss Hélène, ich habe die Ehre, Ihnen Sir James Asplay vorzustellen«, und an den Engländer gewendet: »Sir James Asplay, ich habe die Ehre, Ihnen Miss Hélène de Sainte-Hermine und ihre Schwester Miss Jane vorzustellen.«
Dann verließ er die jungen Leute, um sie ungestört der Wiedersehensfreude zu überlassen.
Jane schenkte René einen Blick, in dem sich ein Rest Besorgnis mit dem Ausdruck zärtlichster Liebe mischte, bevor sie ihrer Schwester folgte. Ihre Worte hatte sie noch im Zaum, doch weder ihr Herz noch ihren Blick.
Zehn Minuten später trat Sir James zu René, der gerade die Kammern und Läufe seiner Gewehre mit einem Taschentuch putzte, und sagte mit einer Verbeugung: »Monsieur, das volle Ausmaß meiner Dankesschuld ist mir jetzt erst bekannt; Mademoiselle Hélène hat es mir berichtet, und sie bittet mich, Ihnen zu sagen, wie ungern sie sich Ihrer Gesellschaft beraubt sieht.«
René gesellte sich wieder zu den anderen, und zwei Stunden darauf, als die Dunkelheit hereinbrach, begrüßte das Gebell einer Hundemeute die Ankunft der Karawane auf den Ländereien des Vicomte de Sainte-Hermine.
In dem Wissen, wie traurig es für die jungen Mädchen gewesen wäre, drei Tage lang mit einem Sarg zu reisen, dem Sarg des eigenen Vaters, hatte René Sorge getragen, dass die sterblichen Überreste des Vicomte von einer gesonderten Eskorte drei Tage später in das Land des Betels gebracht wurden.
70
Die Familie des Verwalters
Seit etwa eineinhalb Stunden hatten die Reisenden bemerkt, dass sie einem halbwegs kenntlichen Weg folgten, der zu einer Niederlassung mit zahlreichen Einwohnern führte. Bei näherer Untersuchung sah man die Spuren von Elefanten, Wasserbüffeln und Pferden. Der Weg endete an einem Fallgatter, das als Tor zu einer Zugbrücke fungierte. Durch die Pfosten des Fallgatters sah man die Umrisse mehrerer Hütten, die ein Gebäude flankierten, welches allem Anschein nach das Herrenhaus dieses Miniaturdorfs war. Den Anlass für den Aufruhr unter der Hundebewohnerschaft der Anlage hatte René gegeben, indem er sein Jagdhorn gezückt und das Signal der Rückkehr von der Fuchsjagd geblasen hatte.
Sir James war zusammengezuckt, denn seit seiner Abreise aus England hatte er kein so keck geblasenes Hornsignal zu hören bekommen.
Die Hunde, die so etwas noch nie gehört hatten, und die Bewohner der Niederlassung, die mit Ausnahme des Patriarchen nicht die geringste Vorstellung von dem Instrument haben konnten, das ihre Nachtruhe störte, was sonst nur dem Gebrüll wilder Tiere vorbehalten war, waren alle miteinander herbeigeeilt, die Hunde aus ihren Winkeln, wo sie sich abends frei bewegen durften, die Menschen aus ihren Hütten, wo sie nach beendetem Tagewerk mit ihren Familien das Abendbrot aßen.
Im Herrenhaus brach Geschäftigkeit aus: Türen wurden aufgerissen, Fensterflügel knarrend geöffnet, und ein Dutzend Diener in allen Hautfarben – Neger, Inder, Chinesen – erschienen mit entzündeten Harzfackeln in der Hand.
Ein Greis ging ihnen voran. Die Fackel in seiner Hand beleuchtete sein Gesicht, und man sah, dass er an die siebzig Jahre zählen musste. Seine langen weißen Haare und der weiße Vollbart hatten zweifellos weder Schere noch Rasiermesser gesehen, seit er nach Indien gekommen war. Große schwarze Augen, die ihr Strahlen nicht verloren hatten, waren von dichten silbrigen Brauen beschattet; die Körperhaltung des Mannes war aufrecht, sein Gang fest; zehn Schritt vor dem Tor blieb er stehen.
»Gegrüßt seien die Fremden«, sagte er, »die sich meiner Gastfreundschaft anempfehlen wollen; doch da wir uns nicht in Frankreich befinden, muss ich Sie bitten, mir zu sagen, wer Sie sind, bevor ich Ihnen die Tür eines Hauses öffnen kann, das mir nicht gehört.«
»Es wäre an meinem Vater, Ihnen zu antworten«, erwiderte Hélène, »doch ihm hat der Tod die Lippen versiegelt, und er kann nicht mehr sagen, was wir nun in seinem Namen sagen. Gottes Segen sei mit dir, Guillaume Remi, und mit deiner Familie!«
»Oh! Dass mir der Himmel dies vergönnt!«, rief der Alte. »An der Stelle meines verstorbenen Herrn die jungen Herrinnen, die ich so sehnlich erwartet habe, die ich noch nie sah und die vor meinem Tod zu sehen ich nicht mehr zu hoffen wagte!«
»Ja, Remi, wir sind es«, sagten beide Schwestern wie aus einem Mund.
Dann sprach Hélène allein weiter: »Öffne schnell, lieber Remi, denn wir sind müde von unserer dreitägigen Reise, und wir bringen Gäste mit uns, die noch ermüdeter wären als wir, hätten sie nicht ihre Tapferkeit und ihre Hingabe aufrechterhalten.«
Der alte Mann lief zum Tor und rief: »Her mit euch, Jules und Bernard! Lasst uns den vornehmen Herrschaften, die zu Besuch kommen, das Tor öffnen!«
Zwei kräftige Burschen von zweiundzwanzig und vierundzwanzig Jahren eilten zum Tor, während der Alte weiterrief: »Adda, sag dem Freitag, er soll die Öfen einheizen, und dem Domingo, er soll dem fettesten Geflügel den Hals umdrehen! Bernard, was hast du am Haken? Jules, was gibt es in der Speisekammer?«
»O Vater, seien Sie unbesorgt«, sagten die Söhne, »wir haben genug Vorräte, um ein ganzes Regiment zu verköstigen, obwohl nicht einmal eine Kompanie zu sehen ist.«
René und Sir James waren vom Pferd gestiegen und halfen Hélène und Jane von ihrem Elefanten herunter.
»Süßes Herz Jesu!«, rief Remi beim Anblick der jungen Mädchen. »So hübsche Kinder! Und wie heißen Sie mit irdischem Namen, meine lieben Engel aus dem Paradies?«
Jane und Hélène nannten beide ihren Namen.
»Mademoiselle Hélène«, sagte der alte Mann, »Sie gleichen Ihrem Herrn Vater, dem Vicomte; und Sie, Mademoiselle Jane, sind Madame, Ihrer Mutter, wie aus dem Gesicht geschnitten. Ach, meine geliebte Herrschaft«, fuhr er fort und schüttelte den Kopf, so dass die Tränen fielen, die an seinen Wimpern gehangen hatten, »nie werde ich sie wiedersehen! Niemals! Nicht auf Erden! Doch das ist nicht alles«, sprach er weiter, »denn so sehr wir sie auch geliebt haben, dürfen wir um der Toten willen die Lebenden nicht vernachlässigen. Wir sind auf Ihre Ankunft vorbereitet worden. Eines Tages sahen wir, was wir noch nie gesehen hatten: den Postbeamten von Pegu mit seinen Glöckchen, der uns einen Brief von Ihrem Vater brachte, meine schönen Kinder! Und in diesem Brief teilte er mir sein und Ihr bevorstehendes Eintreffen mit. In dem Brief war vermerkt, der Überbringer sei mit hundert Francs zu entlohnen, und ich habe ihm zweihundert gegeben, hundert vom Geld Ihres Vaters und hundert aus meiner Tasche, so froh war ich über die Nachricht, die er mir gebracht hatte. Sie finden daher alle Zimmer für Sie vorbereitet; seit fast sechs Monaten werden Sie erwartet. Und solange diese Zimmer nicht gefüllt waren, herrschte in meinem Herzen Leere. Gott sei gepriesen! Sie sind gekommen, und die Leere ist gefüllt.«
Den Hut in der Hand, begab der alte Mann sich an die Spitze des Zugs zu dem großen Herrenhaus, dessen Fenster soeben geöffnet worden waren. Man betrat ein großes Speisezimmer, das von oben bis unten mit Ebenholz und goldfarbenem Akazienholz vertäfelt war und dessen Parkettboden von den Negerinnen des Hauses zierlich geflochtene Matten bedeckten. Der Tisch war mit Tischtüchern und Servietten aus Aloefasern gedeckt. Auf den Tischtüchern mit der Eierschalenfarbe jungfräulichen Leinens funkelte ein Service aus Steingut in leuchtenden Farben aus dem Königreich Siam. Löffel und Gabeln waren aus einem Hartholz geschnitzt, das Metall in nichts nachstand, und englische Messer aus Kalkutta vervollständigten das Besteck.