Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
- Автор: Malley Gemma
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen». Краткое содержание книги:
»Du steckst schon bis zum Hals mit drin«, flüsterte Lucas, denn jetzt hörte auch er draußen Schritte. »Du hast diese Leute in die Stadt gelassen. Und du hast mit mir die Leichen entdeckt.«
»Ich habe nur die Fliegen bemerkt, das ist alles«, zischte Rab. Dann packte er Lucas am Arm. »Hier entlang«, sagte er und bugsierte Lucas und Clara durch die Küche, in der es nach Schimmel und saurer Milch roch. »Verschwindet, versteckt euch und lasst euch nicht erwischen, kapiert?« Rab öffnete eine Tür, schob beide hinaus und schloss die Tür hinter ihnen.
Lucas packte Clara und zog sie mit sich in Richtung Sumpf und tauchte mit ihr in die nach Fäulnis riechenden Tiefen ein. Seine Hände tasteten nach dem schmalen Steg, der zum Tor führte. Mit einer Hand hielt er Clara fest, mit der anderen klammerte er sich an den Steg. Dann warteten sie schweigend.
7
Draußen war es dunkel und seine Glieder begannen zu schmerzen. Thomas bemerkte, dass er schon seit mehreren Stunden in derselben Haltung dasaß. Er hatte Hunger und Durst. Aber solche banalen Dinge konnten ruhig noch ein paar Minuten warten. Er war so nah dran, dass er es fast spüren konnte.
Während er die Informationen vor sich auf dem Bildschirm durchsah, stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Unglaublich, wie einfach das alles war. Vor vier Jahren war er noch Unterabteilungsleiter in einem Technologieunternehmen gewesen und musste einem blöden Chef, der nichts kapierte, Rechenschaft ablegen. Und jetzt … jetzt hatte er seine eigene Abteilung, ein Budget, das niemand infrage stellte, und einen umfassenden Aufgabenbereich. Er war verantwortlich für die Sicherheit, für das Archiv und für Ermittlungsverstöße. Mit seinem Einverständnis konnte das gesamte Netzwerk verändert, ausgeschaltet und manipuliert werden. Seine Untersuchungen waren so geheim, dass er auf Spesen für eine Woche in die Karibik fliegen konnte, ohne dass jemand Fragen stellte. Das war nur möglich, weil er wusste, wie man Menschen für seine Zwecke einsetzte, wie man sich die Technik zunutze machte und wie man Menschen Angst machte, sie begeisterte und ihnen einredete, dass sie einen brauchten.
Und sie brauchten ihn tatsächlich. Sie brauchten ihn, weil er als Einziger wusste, was möglich war. Der Einzige, der sich hohe Ziele setzte.
Und Thomas setzte sich in der Tat sehr hohe Ziele. Er scrollte durch die Liste der Kandidaten und prüfte immer wieder die Informationen, die er über sie hatte. Und er hatte jede Menge Informationen. Er kannte jedes traurige Detail ihres armseligen Lebens. Er musste lächeln, wenn er daran dachte, wie sein ehemaliger Boss ihm erklärt hatte, dass die Privatsphäre geschützt werden müsste. Prosser war jetzt nicht mehr da, er war der Umstrukturierung zum Opfer gefallen und aus dem Geschäft gedrängt worden. Es waren Informationen über eine Affäre durchgesickert, über dubiose Spesenabrechnungen. In dem Fall war es einfach gewesen. Ziemlich traurig.
Doch vor ihm lag eine wirkliche Herausforderung. Er würde Geduld, Zeit, Geschick, Gerissenheit und Selbstvertrauen brauchen. Es war fast unmöglich, so etwas durchzuziehen. Aber eben nur fast.
Thomas grinste vor sich hin. Endlich eine echte Herausforderung. Und wenn es funktionierte …
Was sollte das denn heißen? Natürlich würde es funktionieren.
Er öffnete ein Fenster auf dem Bildschirm und starrte in das Gesicht eines offenbar verzweifelten Mädchens mit völlig ausdruckslosem Blick. Dieses Mädchen war eine seiner besten Kandidatinnen. Er scrollte zu einem weiteren angehenden Kandidaten, einem dunkelhäutigen Jungen mit grimmigem Blick, voller Zorn und voller Misstrauen. Er betrachtete das Gesicht ein paar Minuten, dann blätterte er zu dessen Akte. Er war der perfekte Kandidat. Aber es würde lange dauern und es würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Und er würde Hilfe brauchen.
Thomas stand auf, öffnete die Tür und rief seinen Assistenten, der im Vorzimmer an seinem Schreibtisch saß. »Komm mal rüber.«
Zwei Minuten später erschien sein erst vor Kurzem eingestellter neuer Mitarbeiter, Adrian Crouch, in seinem Büro. »Trägst du dein Abzeichen?«, fragte Thomas.
Adrian schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe es in meiner Tasche«, sagte er, als ob das alles wiedergutmachen würde.
Thomas verengte die Augen.
»In deiner Tasche?«, sagte er scharf. »Steck es an. Ich habe dir doch gesagt, dass das Abzeichen wichtig ist. Es hebt dich heraus aus der Menge. Türen werden sich für dich öffnen. Es wird Leute geben, die auf dich aufpassen.«
Adrian hob eine Augenbraue. Thomas wollte ihn anschreien, ihn auf der Stelle feuern, aber dann überlegte er es sich anders. Er nahm den Telefonhörer ab und wählte eine Nummer. »Mike?«, sagte er. »Mike, komm mal in mein Büro.«
Kurz darauf erschien Mike. »Hey«, sagte er.
»Adrian hat sein Abzeichen nicht getragen«, erklärte Thomas.
Mike betrachtete den Neuen misstrauisch. »Ach nein?«
»Ich bin eigentlich nicht der Typ für Abzeichen«, meinte Adrian achselzuckend.
Thomas zögerte. Adrian war erst seit wenigen Wochen in der Firma. Ein Mitglied aus Thomas’ derzeitigem Team hatte ihn als einen der begabtesten Hacker bezeichnet. Und seitdem war er seinem Ruf mehr als gerecht geworden; er war der Beste, den Thomas je kennengelernt hatte. Na ja, fast der Beste. Keiner würde es mit seinem Schützling, seinem ehemaligen Praktikanten, aufnehmen können. Aber das Problem war, dass Adrian wusste, wie gut er war; das machte ihn arrogant, und er dachte, er könne machen, was er wollte. Thomas rückte mit seinem Stuhl näher.
»Die Sache ist die«, erklärte er. »Wenn du das Abzeichen trägst, wenn du damit deine absolute Loyalität beweist, wird keiner den Vorfall mit deinem Onkel erwähnen. Niemand wird je etwas davon erfahren.«
Adrian wurde sofort rot vor Furcht und Scham. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Thomas an, und auf seiner Stirn stand deutlich die Frage geschrieben: Wie haben Sie das herausgefunden? Thomas konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er konnte alles herausfinden. Das war der Sinn der Sache.
Thomas stand auf, ging zu Adrian, legte ihm den Arm um die Schultern und führte ihn zu seinem Computer. »Wir gestalten hier die Zukunft, Adrian«, flüsterte er. »Wir wollen die Welt verändern. Aber dafür brauche ich Leute, denen ich vertrauen kann. Leute, die mir vertrauen. Die widerspruchslos das tun, was ich von ihnen verlange. Verstehst du? So wie Mike hier. Wie alle in dieser Abteilung und noch viele andere darüber hinaus. Polizisten, Richter, Politiker, Schauspieler, Terroristen, Journalisten. Sie alle arbeiten gemeinsam auf dasselbe Ziel hin. Alle sind stolz, dass sie dazugehören. Verstehst du jetzt, warum das Abzeichen so wichtig ist, Adrian?«
Adrian nickte. Thomas bemerkte, dass er zitterte. Das war gut.
»Trag das Abzeichen, und du bist geschützt, Adrian. Du stehst über dem Gesetz. Dieses Abzeichen ist so etwas wie ein Ausweis. Verstehst du? «
Adrian fing an zu schwitzen. Thomas dachte einen Moment lang nach. »Und niemand wird je erfahren, was du getan hast. Oder wo die Leiche deines Onkels ist. Er hat es verdient, oder? Er hat dafür bezahlt, was er dir und deinem Bruder angetan hat. Wir verstehen das. Wir sind auf deiner Seite, Adrian. Wir sind ein Team. Okay? Ich will nicht, dass du unglücklich bist oder dich unwohl fühlst. Ich will nicht, dass du vor irgendjemandem Angst hast. Wir alle haben eine Vorgeschichte, aber in diesem Team lassen wir das alles hinter uns, verstehst du? Es spielt keine Rolle mehr. Was zählt, sind Informationen. Wer hat sie und wer kontrolliert sie. Heute zählt nicht die Realität, sondern das, was wir der Welt als Realität verkaufen. Wer wir sind, was wir getan haben … das liegt in unserer Hand. Wir löschen alles, was bisher passiert ist, und geben dir eine neue, eine bessere Vergangenheit.« Mit einem Mausklick erschien auf dem Bildschirm ein Foto von Adrian inmitten einer Gruppe Studenten.