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Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen

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Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
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Clara schüttelte den Kopf. Sie sah, dass Harriet am ganzen Leib zitterte.

Der Mann starrte sie an. »Wir sind die Spitzel. Wir erstatten Bericht über Leute, die gegen die Regeln verstoßen. Und ihr habt gegen die Regeln verstoßen. Das werdet ihr noch bereuen. Und falls ihr mit irgendeiner Menschenseele darüber sprecht, wird derjenige es ebenfalls bereuen. Das ist keine leere Drohung. Wir sind aus einem bestimmten Grund in der Stadt. Habe ich mich klar ausgedrückt? Vielleicht sollte ich noch deutlicher werden. Du. Edward. Komm mit.« Er sah Edward mit ernstem Gesicht an und der wich zurück.

»Ich sagte, komm mit«, wiederholte der Mann mit gedämpfter, aber bedrohlicher Stimme. Die beiden anderen Männer gingen auf Edward zu. Der begann zu zittern, und als er weglaufen wollte, packten sie ihn und schleiften ihn aus der Wäschekammer. Clara hörte ihn eine Weile schreien und rufen, dann war es plötzlich still.

»Ihr solltet jetzt gehen«, sagte der Mann mit einem leisen Lächeln. »Und bitte denkt daran: Wenn ihr auch nur ein Wort ausplaudert von dem, was ihr gesehen oder gehört habt, dann seht ihr Edward nie wieder. Und natürlich wissen wir, wer ihr seid und wo ihr wohnt.« Er lächelte sie an, verließ mit einem Achselzucken den Raum und schloss die Tür hinter sich.

»Was ist dann passiert?«, fragte Lucas atemlos, und sein Herz klopfte wie wild.

Clara atmete tief durch. »Wir haben das Krankenhaus verlassen und sind davongerannt, so schnell wir konnten.«

»Und habt ihr es irgendjemandem erzählt?«

Clara schüttelte den Kopf. »Das konnten wir nicht. Wegen Edward. Wegen dem, was der Mann gesagt hat. Die wissen, wer wir sind. Wir konnten es nicht erzählen. Wir konnten nicht …«

Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen, und sie wischte sie verstört weg.

»Was ist dann passiert?« Lucas versuchte, ruhig zu bleiben und sich nicht anmerken zu lassen, wie wütend er war und wie gern er gleich zum Krankenhaus gelaufen wäre, um diese Männer mit bloßen Händen in Stücke zu reißen. Wer waren sie? Was hatten sie in seiner Stadt zu suchen? Wie konnten sie es wagen, über Raffy zu reden, als ob sie ihn kennen würden?

»Nichts. Wir haben darauf gewartet, dass Edward zurückkommt. Aber er kam nicht. Eine Woche später ist Harriet verschwunden und eine Woche darauf ihr jüngerer Bruder. Ich weiß, dass keiner von ihnen irgendjemandem etwas erzählt hat. Sie hatten so große Angst, dass sie nicht einmal mit mir darüber gesprochen haben. Trotzdem sind sie verschwunden. Und dann auch alle andern. Schließlich war nur noch ich übrig. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich konnte nicht rausgehen, ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht in den Spiegel schauen vor lauter Angst, sie könnten plötzlich hinter mir stehen. Und dann …«

Sie hielt inne.

»Was dann?«, sagte Lucas sanft, um sie zum Weiterreden zu bewegen.

»Dann habe ich es Gabby erzählt. Sie ist meine beste Freundin, und sie hat geahnt, dass ich etwas wusste. Sie hat gesagt, ich müsste ihr das große Geheimnis verraten, und sie wollte wissen, warum ich nicht mehr mit ihr rede und warum ich nicht über die Verschwundenen sprechen will, so wie die anderen. Und … dann habe ich ihr alles erzählt. Ich … ich habe meine beste Freundin auf dem Gewissen.« Sie schluchzte und Tränen liefen ihr übers Gesicht. Mit flehendem Blick sah sie zu Lucas auf.

»Was machen wir jetzt?«, fragte sie, wischte die Tränen weg und schniefte verzweifelt.

Lucas sah sie eine Weile an, bis er das eben Gehörte richtig begriffen hatte. Zugleich versuchte er, die Wut zu unterdrücken, die in ihm hochstieg. Gerade jetzt musste er besonnen bleiben. Es war seine Pflicht, Clara zu beschützen. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: Es war seine Schuld, dass Clara und ihre Freunde sich auf dieses Abenteuer eingelassen hatten. Hätten er und Linus das System nicht zerstört, wären sie und ihre Freunde zu Hause geblieben, hätten ihre Aufgaben erledigt und es nicht gewagt, miteinander zu sprechen, es sei denn, es wäre ausdrücklich erlaubt gewesen. Die Regeln, die sie eingeschränkt hatten, hatten sie gleichzeitig geschützt. »Bist du die Letzte aus der Gruppe? Gibt es noch jemanden, der die Spitzel gesehen hat oder der etwas über sie weiß?«

»Ich bin die Letzte.« Clara nickte.

Demnach war niemand sonst in unmittelbarer Gefahr. Aber Clara … Er konnte Clara beschützen. Eine von sieben. Es war erbärmlich. Einfach zum Heulen. Aber immerhin etwas. Rache und Gerechtigkeit mussten warten. »Wenn das so ist«, meinte Lucas, »müssen wir dich jetzt von hier wegbringen. Verstehst du? Wir müssen die Stadt verlassen, und zwar auf der Stelle.«

Clara sah zu ihm auf, und er war erstaunt, dass keine Angst in ihrem Blick lag, sondern Erleichterung. Erleichterung darüber, dass er ihr geglaubt hatte und dass er verstand. »Ja«, sagte sie ruhig und erhob sich.

6

Lucas nahm nicht an, dass sie noch verfolgt wurden. Sie hatten keine Spuren hinterlassen und nirgends haltgemacht. Durch dunkle Seitenstraßen und auf verborgenen Pfaden waren sie bis an den Stadtrand gelangt und dann durch das umliegende Ödland gerannt, bis sie den Wachposten am Osttor erreichten, eine kleine Hütte in der Nähe eines großen Sumpfgebiets, die Lucas schon ein paarmal aufgesucht, die er aber wegen des widerlichen Gestanks nie betreten hatte.

Die offizielle Bezeichnung für Rab war »Torwächter«, obwohl er und der Bruder genau wussten, dass Rab keine Kontrollgänge machte. Er war ein fieser Kerl, ein kleiner untersetzter Schlägertyp, für den in der Stadt kein Platz war. Aber er hatte keine Angst vor dem Alleinsein, keinerlei Skrupel, eine Waffe zu benutzen, und keine Achtung vor den Menschen, auch nicht vor dem Bruder – die idealen Voraussetzungen, um in dieser baufälligen Hütte beim Osttor zu wohnen und zu kontrollieren, was dort vor sich ging.

In Wahrheit hatte es noch nie jemand ohne Erlaubnis aus der Stadt hinausgeschafft. Von Zeit zu Zeit waren die »Bösen« zur Stadtmauer gebracht worden, um den Menschen, die in der Stadt lebten, Angst einzujagen, aber sie waren keine wirkliche Bedrohung. Sie waren nur Opfer misslungener Hirnoperationen, Gefangene der Stadt, die wie Tiere behandelt und in Lagern außerhalb der Stadt gehalten wurden. Nur hin und wieder waren sie dort herausgeholt worden, damit sie mit ihrem Schreien und ihrem Stöhnen die Stadtbewohner daran erinnerten, wie froh sie sein konnten, dass sie innerhalb der Mauer lebten.

Mittlerweile wurden die Versehrten anständig versorgt und nicht mehr ausgebeutet, und sie lebten friedlich etwas entfernt von der Stadt, die sie zerstört hatte. Die einzigen Fremden, die durch die Stadttore kamen, waren zukünftige Bürger, die von den teils wahren, teils falschen Gerüchten angelockt worden waren, dass es in der Stadt sauberes Wasser im Überfluss und genug zu essen gebe und dass man dort sicher sei; ein Ort, wo gute Menschen lebten und wo Ordnung herrschte. Vor ein paar Jahren hatte der Große Anführer seine stümperhaften Experimente abgebrochen. Jetzt, da keine Notwendigkeit mehr bestand, mit Menschen zu experimentieren und sie zu verstümmeln, wurden die erwartungsvollen Einwanderer abgewiesen und ins Ödland zurückgeschickt, von wo sie gekommen waren. Die eigentliche Aufgabe der Wachposten hatte darin bestanden, die Bürger daran zu hindern, die Stadt zu verlassen und mit eigenen Augen zu sehen, was außerhalb der Stadtmauer war. Indem der Bruder die Angst der Bürger schürte vor dem, was jenseits der Mauer lag, hoffte er, sein totalitäres Regime durchsetzen zu können, und das bedeutete, dass er ein Gefängnis schaffen musste, aus dem es kein Entkommen gab.

Gleich zu Anfang hatte Lucas es sich zum Ziel gesetzt, die Tore zu öffnen und den Menschen die Welt dort draußen zu zeigen. Aber aus Vorsicht hatte er sein Vorhaben aufgeschoben, denn er fürchtete, dass die Bürger noch nicht so weit waren. Und dann war durch das Verschwinden der jungen Leute alles anders geworden. Jetzt war es undenkbar, die Tore zu öffnen.

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Сюжет
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