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Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen

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Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
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Er verdrängte den Gedanken an Leona und lächelte. Der Junge war doch nicht so tough, er hatte Angst, und er war anständig. Aber er würde tun, was man von ihm verlangte, solange Devil das wollte.

9

Lucas wischte sich mit einer Hand den Schweiß von der Stirn und mit der anderen hielt er Clara umklammert. Er versuchte, die Blasen an seinen Füßen, die Schürfwunden an seinen Beinen und die Enge in seiner Brust zu ignorieren, doch es wurde immer schlimmer und drohte ihn zu übermannen. Lucas hatte das Gefühl, als wären er und Clara schon tagelang auf den Beinen, dabei waren es gerade mal vierundzwanzig Stunden, mit ein paar kurzen Ruhepausen dazwischen. In den letzten Stunden hatte er Clara getragen. Sie hatte sich zwar bemüht, mit ihm mitzuhalten, doch sie war immer wieder gestolpert vor Erschöpfung. Und Lucas wusste, dass sie weitergehen mussten, bis sie weit genug weg waren. Bis sie in Sicherheit waren.

Eine ganze Stunde hatten sie im Sumpf ausgeharrt. Dabei hatten ihre Köpfe gerade so weit aus dem Schlamm herausgeragt, dass sie atmen konnten. Erst als Lucas sicher war, dass niemand mehr in der Nähe war, hatte er Clara aus dem Sumpf herausgeholfen, und sie waren in Richtung Mauer gekrochen. Sie hatten das Tor geöffnet und waren losgerannt.

Sie waren den ganzen Tag und fast die ganze Nacht unterwegs gewesen und demselben Pfad gefolgt, den Raffy und Evie vor etwas über einem Jahr genommen hatten. Sie waren hungrig und durstig und erschöpft. Keiner von ihnen war jemals zuvor außerhalb der Stadtmauer gewesen, und obwohl Lucas wusste, dass keine Bösen die Gegend durchstreiften, sah er dennoch die Furcht in Claras Augen. Auch ihm war beklommen zumute und seine Augen weiteten sich vor Erstaunen beim Anblick der weiten grünen ausgestorbenen Landschaft außerhalb der Stadtmauer.

Aber sie hatten keine Zeit für Erkundungen, für Fragen oder Nachforschungen, und jetzt hatte Lucas sowieso kein Interesse an einer Entdeckungsreise. Die Anweisungen, die Linus ihm vor langer Zeit gegeben hatte, waren ihm jetzt von Nutzen. Lucas konnte in der Ferne die Lichter von Base Camp sehen, wie ein Leuchtturm, der ihn leitete.

Eigentlich hatte er nie hierherkommen wollen, er hatte sich eingeredet, das sei nicht sein Platz. Er hatte es ernst gemeint, als er Evie beim Stadttor Lebewohl gesagt hatte; er wollte sie nie wiedersehen. Base Camp gehörte ihr und Raffy; die Welt da draußen war ihre Welt, nicht seine. Aber er hatte keine Wahl. Außerdem war er nicht gekommen, um hier zu leben, sondern weil er Hilfe brauchte, weil er gegen einen Feind kämpfte, den er weder kannte noch verstand.

Die Spitzel.

Was Clara ihm erzählt hatte, war … unglaublich. Unvorstellbar. Und dennoch war ihm jetzt klar, dass das, was sie wusste, nur ein Bruchteil der ganzen Geschichte war; und dafür hatten ihre Freunde mit dem Leben bezahlt.

Lucas schloss die Augen, wappnete sich, zwang sich, weiterzugehen, und nahm Clara an der Hand, um ihr zu helfen. Kurz darauf tauchte er vor ihnen auf und kam näher, dieser sagenumwobene Ort, von dem sein Vater ihm erzählt, den er aber noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte. In Base Camp wäre Clara in Sicherheit. In Base Camp könnte er seine Gedanken ordnen und überlegen, was als Nächstes zu tun war.

Sie waren jetzt nur noch knapp eine Meile entfernt. Einen Moment lang hatte Lucas Angst, sie könnten noch immer verfolgt werden und dass er die Spitzel direkt nach Base Camp führte, aber kurz darauf schob er den Gedanken weg. Er hatte extra einen Umweg gemacht, und außerdem hätte er es gemerkt, wenn sie verfolgt worden wären. Er merkte es immer.

Die Lichter wurden heller und bald konnte er das Lagerfeuer und die Zelte erkennen. Clara stolperte und Lucas hob sie hoch. Er holte noch einmal alles aus seinen Beinen heraus und mit letzter Kraft erreichte er das Lager. Er hatte es geschafft. Er war am Ziel.

Lucas legte Clara auf den Boden, dann brach er vor dem Feuer zusammen. Sofort eilte eine Frau herbei. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, es sei Evie, und er erstarrte vor Sehnsucht und vor Furcht. Aber es war nicht Evie, es war jemand anders, eine ältere Frau, die er kannte. »Martha«, stieß er hervor, ehe er das Bewusstsein verlor. »Martha, das ist Clara. Sie muss in Sicherheit gebracht werden …«

Irgendjemand murmelte vor sich hin und er spürte etwas in seinem Gesicht. Träumte er? Es war eine Hand, die ihn zärtlich streichelte, und Lucas hätte am liebsten laut geschrien, denn er konnte sich nicht erinnern, wann sich das letzte Mal jemand so um ihn gekümmert oder wann ihn das letzte Mal jemand berührt hatte.

War es ihre Hand? Sein leerer Magen rebellierte. Sie konnte es nicht sein. Oder doch? Lucas wagte nicht, die Augen zu öffnen, er wollte die Illusion nicht zerstören. Die Realität mit all ihren Hindernissen, mit ihrem Chaos und ihrer Traurigkeit sollte diesen Moment nicht auslöschen.

»Lucas? Lucas, kannst du mich hören?«

Das war nicht sie. Die Enttäuschung war groß, aber Lucas riss sich zusammen und machte die Augen auf.

»Wo ist Clara? Ist sie okay?«

»Es geht ihr gut.« Martha lächelte ihn beruhigend an. Lucas hatte sie kennengelernt, als sie zusammen mit Linus, Raffy und Evie in die Stadt gekommen war, um das System außer Kraft zu setzen. »Du siehst furchtbar aus.«

»Mir geht es gut.« Er wollte sich aufrichten, doch er sank gleich wieder zurück. »Ist Raffy hier? Ich muss mit ihm sprechen.«

»Du musst erst etwas essen«, berichtigte Martha ihn. »Und dich ausruhen.«

Lucas setzte sich erneut auf, und diesmal schaffte er es. »Martha, ich werde etwas essen, aber ich kann mich nicht ausruhen. Vor der Stadt liegen Leichen, und Spitzel bringen Leute um. Sie …«

»Schhh«, machte Martha und erhob sich. »Ich werde dir ein bisschen Suppe und Brot bringen. Raffy ist nicht hier, aber er ist in Sicherheit. Morgen kannst du dich auf den Weg zu Linus machen. Er wird dir alles erklären.«

Lucas runzelte die Stirn. »Ist er denn nicht hier? Er hat mir versprochen, sich um Evie und Raffy zu kümmern. Er hat versprochen – «

Martha lächelte ihn traurig an. »Das hat er getan, und das tut er immer noch. Nur nicht hier. Linus war schon lange nicht mehr hier«, sagte sie. »Die Dinge haben sich … geändert. Aber ich werde dir verraten, wo du ihn finden kannst. Wenn du dich ausruhst und die Suppe isst, die ich dir bringe.«

»Morgen? Nein, ich muss ihn heute noch sehen«, sagte Lucas und quälte sich aus dem Bett, in dem er gelegen hatte. Seine Glieder schmerzten, und sein Magen fühlte sich an, als würde er sich nach innen wölben; sofort fiel er zurück auf die Matratze. »Ich muss wissen, wo Raffy ist. Woher weißt du, dass er in Sicherheit ist?«

Martha hob eine Augenbraue. »Weil Linus es nicht anders wollen würde. Er wird es dir morgen erzählen«, meinte sie ernst. Dann lächelte sie. »Mir hat sowieso Gesellschaft gefehlt. Bitte bleib.«

Lucas sah sie eine Weile an, dann gab er nach. »Vielleicht ist es ja ganz gut, dass Raffy nicht hier ist.«

Martha nickte. »Linus weiß normalerweise, was er tut.«

»Ich weiß, ich weiß – und er wird es mir bestimmt morgen sagen?«, fragte Lucas zweifelnd.

»Bestimmt«, erwiderte Martha mit einem Lächeln und schloss die Tür hinter sich.

Lucas streckte sich, schwang die Beine aus dem Bett, stellte vorsichtig die Füße auf den Boden, hielt sich am Bettpfosten fest und stand auf. Seine Füße waren nicht gerade im besten Zustand, aber es war nichts Ernstes. Er musste ohnmächtig geworden sein vor Erschöpfung. Eine warme Mahlzeit würde ihm guttun. Er ging zur Tür, blieb stehen und konnte sich gerade noch fangen. Schwarze Punkte tanzten ihm vor den Augen. Dann öffnete er vorsichtig die Tür und verließ das Zimmer.

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