Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
- Автор: Malley Gemma
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen». Краткое содержание книги:
»Rab«, rief Lucas. Obwohl er den Wächter des Osttors nicht mochte, musste dieser ihm noch ein paar Fragen beantworten, bevor er die Stadt verließ. Nach einer Weile erschien Rab. Vor zwanzig Jahren hatte er in einer Menschenschlange vor der Stadtmauer gewartet und um Einlass gebettelt. Wie alle zukünftigen Bürger war er bereit gewesen, sich der Neutaufe zu unterziehen und die »böse« Amygdala aus seinem Gehirn entfernen zu lassen, nicht wissend, dass die Operation ihn keineswegs von schlechten Gedanken befreien, sondern dass sie aus ihm einen Gehirnamputierten machen würde. Durch Zufall war der Bruder auf Rab aufmerksam geworden, als dieser sich in einem Wartezimmer des Krankenhauses mit einem anderen Patienten stritt, und hatte ihn für nicht therapierbar erklärt. Auf dem Weg zurück zur Stadtmauer hatte Rab gebettelt und gefleht und versprochen, dass er alles tun würde, wenn er nur bleiben dürfe. Der Bruder erkannte, dass er Rabs Verzweiflung, dessen Wut und dessen Hang zur Selbstzerstörung für seine Zwecke nutzen konnte. Schließlich stimmte er der Operation zu, ließ Rab einen Chip ins Gehirn einpflanzen und schickte ihn los, damit er für ihn arbeitete. Am Tag, als der Bruder Lucas das erste Mal zu Rab mitgenommen hatte, hatte er ihm die Geschichte voller Stolz erzählt. Damals war Lucas der Goldjunge des Bruders gewesen, die Person, der er am meisten vertraute. Damals sagte der Bruder die Wahrheit, weil er überzeugt war, dass Lucas ihn verehrte und dass er die Welt mit seinen Augen sah, die Welt, in der nur eines zählte: Macht.
Aber jetzt war alles anders.
»Da bist du ja endlich.« Rab sah ihn misstrauisch an. »Ich habe schon gewartet.«
Lucas starrte ihn an. »Tatsächlich?«
»Die Fliegen. Deswegen bist du doch gekommen?«
»Fliegen?«, fragte Lucas unsicher.
»Ja«, erwiderte Rab und blickte mit zusammengekniffenen Augen auf Clara. Rab redete nur wenig; seit Lucas ihn kannte, hatte er ihn kaum ein Wort sagen hören. Rab zog es vor zu grunzen, wenn er eine Anordnung befolgen wollte, oder er äußerte sein Missfallen mit einem verächtlichen Blick. »Schrecklich«, sagte er und sah dabei wieder Lucas an. »Es sind Tausende. Sie kommen von da drüben. Irgendwas liegt in der Luft.«
Lucas drehte sich um und schaute in die Richtung, in die Rab deutete.
Tatsächlich war in der Ferne eine kleine schwarze Wolke zu erkennen. Obwohl sie noch ein paar Hundert Meter weit weg war, konnte Lucas ein schwaches Summen vernehmen, eine Armee, die sich für die Schlacht rüstete. Er dachte einen Moment nach, bevor er eine Entscheidung traf.
»Das ist Clara«, sagte er. »Sie arbeitet mit mir zusammen. Also, die Fliegen. Wie lange sind sie schon da?«, fragte Lucas schroff. Er ging in Richtung Sumpf, zu dem Pfad, der zum Tor führte, und forderte Clara mit einem Wink auf, ihm zu folgen. »Ich war erst letzte Woche hier. Da waren sie noch nicht da.«
Rab zuckte die Schultern. »Ein paar Tage«, sagte er. »Ich hab es dem Bruder gesagt. Der hat gesagt, er würde jemanden schicken. Aber es kam niemand. Ich hätte selber nachgesehen, wenn du mir nicht den Schlüssel weggenommen hättest.«
Lucas zählte stumm bis drei. »Du hast es dem Bruder gesagt? Nicht mir? Obwohl ich dir ausdrücklich befohlen habe, an mich Meldung zu machen?«
Wieder zuckte Rab die Schultern. »Jetzt bist du ja da.«
Lucas wollte etwas erwidern, überlegte es sich dann aber anders; es hatte keinen Sinn, mit Rab zu streiten. Nicht jetzt. Stattdessen ging er in Richtung der Wolke, und Rab folgte ihm. »Erzähl mir was über die Spitzel«, sagte er.
Rab sah ihn lange an. »Ich weiß nichts von irgendwelchen Spitzeln«, grunzte er. »Fliegen sind kein gutes Zeichen.«
»Nein«, stimmte Lucas zu. Dann blieb er stehen und sah Rab in die Augen. »Du weißt nichts über die Spitzel? Bist du sicher?«
Rab blickte ihn eine Weile an und zuckte dann die Achseln. »Kümmere dich um die Fliegen. Vielleicht fällt mir ja inzwischen was ein«, meinte er.
Lucas wurde allmählich ungeduldig, aber schließlich beruhigte er sich wieder. Er wollte Clara nicht erschrecken. Außerdem hatten sie nicht viel Zeit und sie brauchten Informationen. Das bedeutete, er musste Rabs Spiel mitspielen und durfte nicht die Beherrschung verlieren.
Schweigend gingen sie um Rabs Hütte herum und gelangten zu dem aufgeschütteten Pfad, der durch den Sumpf zum Osttor führte. Rab ging voraus, gefolgt von Lucas, und dahinter Clara. Obwohl Lucas hinsichtlich der Körpergröße gegenüber Rab im Vorteil war, stellte er zu seinem Erstaunen fest, dass er sich beeilen musste, um mit ihm Schritt zu halten. Je näher sie dem Tor kamen, desto lauter wurde das Summen. Es war fast unerträglich. Die Fliegen surrten um ihre Köpfe und das Geräusch war ohrenbetäubend. Der Gestank, der in der Luft lag, machte das Atmen schwer, und Lucas’ Nackenhaare stellten sich auf. Was auch immer die Fliegen angelockt hatte, es bedeutete nichts Gutes.
Als sie sich dem Tor näherten, verlangsamten sie den Schritt. Rab wartete, bis Lucas zu ihm aufschloss. »Bereit?«, fragte Rab.
Lucas warf einen Blick auf Clara und suchte dann den Horizont ab. »Du wartest hier«, sagte er.
»Hier?«, fragte Clara erschrocken. »Nein. Ich komme mit. Sie haben es versprochen. Sie dürfen mich nicht allein lassen …«
Lucas sah sie an. »In Ordnung«, lenkte er ein. »Aber wenn ich dir sage, dass du umkehren sollst, tust du das, okay?«
Zögernd stimmte Clara zu. Lucas nickte und nahm den Schlüssel ab, den er wie alle anderen, die er konfisziert hatte, um den Hals trug. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn um und zog an dem schweren Tor, das sich mit einem lauten Rasseln langsam öffnete. Lucas zog wieder, um sie noch ein Stück weiter aufzumachen, dann trat er hindurch.
Als sie sich dem Fliegenschwarm näherten, wurde der Gestank unerträglich. Clara wich mit vor Schreck geweiteten Augen zurück, und Lucas gab ihr mit einem Nicken zu verstehen, dass sie bleiben sollte, wo sie war, während er und Rab weitergingen, bis sie mitten in dem Schwarm standen. Lucas beugte sich unwillkürlich vornüber, er bekam Magenkrämpfe, sank auf die Knie und übergab sich. Rab, der neben ihm stand, streckte die Hand aus und half ihm hoch. »So was hab ich mir schon gedacht«, meinte er schroff. Als Lucas wieder auf den Beinen stand, wanderte sein Blick in die Richtung, in die Rab durch den Fliegenschwarm hindurchschaute. Und da sah er sie. Eine verwesende Mädchenleiche.
Lucas rannte hin. Ihre Gesichtszüge waren noch zu erkennen. Sie kam zweifellos aus der Stadt; ihre Kleidung stammte aus dem Tuchviertel, und ihre Schuhe entsprachen der aktuellen Mode. Sie hatte langes dunkles Haar, und ihr Körper, oder was davon übrig war, war stark und athletisch.
Es war Gabrielle, eine der Verschwundenen.
Lucas konnte sich einen Augenblick lang nicht bewegen, und er war nicht imstande, die Situation zu erfassen. Ihr Körper verrottete am Boden, ihr Schädel war eingedrückt, und ihr Mund stand offen, als würde sie schreien vor Schmerz. Lucas fühlte sich elend und er war wütend und verzweifelt.
Er drehte sich um und sah nach Clara; die hockte auf dem Boden und starrte verständnislos zu ihnen herüber. Er hob die Hand, um sie auf sich aufmerksam zu machen, und bedeutete ihr, zurückzugehen. Er und Rab schritten auf den großen Haufen ein Stück entfernt von Gabrielle zu, und als sie näher kamen, merkte Lucas, dass Rab dasselbe dachte wie er, denn er verlangsamte den Schritt und wich instinktiv zurück. Der Geruch verriet ihm, was sie finden würden, noch bevor sie etwas sehen konnten. Obwohl Lucas versucht hatte, sich gegen den Anblick zu wappnen, blieb er dennoch wie angewurzelt stehen und öffnete den Mund zu einem stummen Schrei aus Wut, aus Angst und aus Schmerz.