Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Dann spielten sie das italienische Stück, eine Suite aus der Barockzeit, ursprünglich für Flöte vorgesehen, aber Niklas hatte die Flötenstimme für Klarinette eingerichtet. Christian war aufgeregt. Wieder fühlte er die vielen fremden Blicke auf sich gerichtet. Reglinde hatte die Wandlampe über dem Klavier eingeschaltet, deren starker Schein, da er schräg hinter Reglinde saß, sein Gesicht erhellte, so daß besonders gut und unbarmherzig sichtbar wurde, was er verbergen wollte. Bei den Proben in der vergangenen Woche war alles ruhig und sicher gegangen, aber hier zu spielen, vor fünfzig angespannt, wenngleich wahrscheinlich wohlwollend lauschenden Zuhörern, war doch etwas anderes als die Übestunden im ruhigen Haus Abendstern, wo in den Pausen» Tante «Gudrun belegte Brote gebracht hatte und Ezzo und er aus Übermut versucht hatten, das Stück doppelt so schnell zu spielen. Besonders drei Augenpaare fühlte er schwer auf sich ruhen: die seines Vaters, Menos und seiner Cousine Ina, Ulrichs und Barbaras hübscher neunzehnjähriger Tochter … Er kroch in sich hinein und starrte angestrengt auf die Noten. Nur nicht ablenken lassen! — Wo hat sie das Kleid her? Ganz schön gewagt, die freigelassenen Schultern, dachte er, bevor er den besonders wild und finster aussehenden Sechzehntel-Berg am Anfang der Courante erstürmte, — Ach, das Kleid, das sie mit Reglinde zusammen geschneidert hat, Pause, Legato, da-da-dada … Sonderbar: Während er bei den Proben die größte Angst vor den technisch schwierigen, schnellen Passagen gehabt hatte und ihm die langsameren, melodiöseren, besser geglückt waren, ging es jetzt umgekehrt: Dankbar spielte er die rasanten Takte, beinahe jeder gelang ihm traumwandlerisch sicher, vielleicht gerade weil er unter Hochspannung stand, und er bekam Herzklopfen bei jeder harmlosen Viertel- und Halbnotenfolge. Bei einer piano-Stelle begann der Bogen zu zittern, der Ton» franste aus«, wie sein Cello-Lehrer sagen würde, und er erntete einen Blick Ezzos, der natürlich, als bester Schüler seiner Klasse in der Spezialschule, in untadeliger Haltung spielte, mit seinem in Fachkreisen durchaus bereits bekannten, saftigen Bogenstrich …
Kann ich auch! wurmte es Christian, er griff eine Dezime und ließ den Bogen auf die Saite sausen. Kolophonium rieselte. — Jaa! Klingt wie ’ne Domglocke, mein Cello …»Peng!«machte es, Ezzo und Robert zuckten zusammen, was bei Robert, der gerade eine innige Cantabile-Stelle spielte, komisch aussah, und er begriff im selben Augenblick, daß die a-Saite seines Cellos in einer riesigen korkenzieherartigen Spirale im Leeren wippte und er keine Zeit hatte, eine neue aufzuziehen. Niklas sah über seine Brille zu ihm herüber, improvisierte, während Reglinde, als einzige äußerlich völlig gelassen, unauffällig das Tempo zurückzunehmen begann … Christian war es noch nie so heiß gewesen. Alle Passagen, die er vor dem Malheur bequem und ziemlich entspannt hätte spielen können, waren urplötzlich zu technischen Husarenstückchen geworden. Aus den Augenwinkeln sah er, daß Ina den Kopf in die Hand gesenkt hielt und ihre Schultern vor unterdrückter Lachlust zuckten. Du blöde Kuh! brüllte er innerlich und fegte vor Wut in derartiger Geschwindigkeit durch eine Passage, daß Ezzo und Niklas erschrocken aufsahen, und sogar Reglinde, die mit dem Rücken zu ihm saß, halb den Kopf wandte. — Jajajaja! tobte es in ihm, als es ihm gelungen war, eine Passage allein auf der d-Saite, in nie zuvor für dieses Stück geübter Lage, zu meistern. Im Gewoge der Melodien sah er Niklas’ Adlernase rot und röter erglühen, auf Ezzos Stirn hatten sich feine Schweißtropfen zu bilden begonnen, ebenso auf seiner wachsbleichen, fleischigen Nase; auch rückte er viel häufiger als bei den Proben die Geige in der Kinnstütze zurecht, so daß man das feuerrote Geigermal an seinem Hals sehen konnte, beides, wie Christian wußte, untrügliche Anzeichen von Nervosität. Anne, die Reglindes Noten wendete, tat so, als ob nichts geschehen wäre. Ihn kümmerte gar nichts mehr, es konnte ja nur noch schiefgehen, und komischerweise fiel ihm ausgerechnet jetzt, mitten in der etwas schaukelnden Bourrée, der Titel eines obskuren Buchs in der elterlichen Bibliothek ein:»Der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Kavalier«— die im Irrgarten der Musik herumbaumelnde a-Saite war das, was sein überreizter Sinn daraus machte, bevor er seine Finger wieder über die drei verbliebenen Saiten tanzen ließ, und merkwürdigerwie unerwarteterweise ging alles, bis auf ein paar kleine Holperer, gut. Beifall.
Junge, Junge, nickte Ezzo, schüttelte die Hand aus, wischte sich über die Stirn und spannte am Geigenbogen herum. Sie verbeugten sich. Niklas, der hinter Christian stand, berührte ihn anerkennend mit dem Bratschenbogen.
Robert prustete.»Sah das komisch aus! Ich dachte, guck bloß in deine Noten, Mann …«
«Ich möchte dich mal sehen, wenn dir eine deiner Klappen wegfliegen würde, aber das kann ja bei euren Blasinstrumenten nicht passieren!«zischte Christian zurück, abgrundtiefe Verachtung in das» Blas «von» Blasinstrumenten «legend. Die Fehde zwischen Streichern und Bläsern war geheiligte Tradition, die nicht angetastet werden durfte.
«Das war knapp«, meinte Reglinde.»Als du so plötzlich angezogen hast im Allegro, dachte ich schon, ich komme nicht mehr ’rein. Und das auf diesem Unterwasser-Klavier.«
5. Das Barometer
Anne hatte Meno und Christian beiseite genommen.»Ich bin dafür, es ihm nachher zu geben, wenn wir unter uns sind. Viele Gäste kenne ich nicht näher; ich möchte es nicht vor allen ausbreiten. Einverstanden?«
Richard dankte mit einer kleinen Ansprache. Die letzten Worte wurden von Ezzo und Christian mit einem Grinsen quittiert:»Jetzt aber bitte sehr, liebe Kollegen und Freunde, laßt es euch schmecken!«
«Worauf du dich verlassen kannst!«gluckste Ezzo, der bereits auf die Stuhlkante vorgerutscht war. Aber er zögerte noch — weil alle zögerten. Offenbar besaß niemand den Mut, der erste am Büfett zu sein und sich damit dem Verdacht der Kulturlosigkeit auszusetzen. Schon reckte Müller, mit den Fingern der Rechten einen anmutigen Triller in der Luft vollführend, angriffslustig das Kinn und spitzte die Lippen, als Emmy aufstand und mit kleinen, aber flinken Schritten auf das Büfett zulief — wobei sie ihren Gehstock vergaß, den Richard ihr nachreichte.»Dangke, mei Schunge!«rief sie, aber die letzte Silbe wurde schon vom Scharren der nun fast gleichzeitig zurückgeschobenen Stühle verschluckt. Nur die wenigsten, beobachtete Christian, rückten sie auch wieder an den Tisch heran — Niklas tat es in ostentativer Gemächlichkeit, die langen, schlanken Hände mit einem Ausdruck von Exaktheit und Vorsicht an jenen Punkt der Stuhllehne gelegt, der kein Mißverständnis aufkommen lassen konnte; Niklas mußte den Stuhl sogar etwas anheben, so wenig glich die Ruhe und Genauigkeit seines Ordnungssinns jenem überhasteten und befremdenden Aufbruch der anderen; sogar Gudruns und Ezzos Stuhl richtete er aus, nickte Christian zu, der nun ebenfalls aufgestanden war. Dann schlenderte Niklas zum Büfett, Ezzo ließ durch eine unauffällige Gewichtsverlagerung eine Lücke zwischen sich und der vor ihm stehenden Gudrun; schloß man für einen Moment die Augen, sah man ihn noch, diesen Drittelmeter Abstand weit vorn in der Reihe, schlug man die Augen wieder auf, war die Lücke von Niklas gefüllt. Und ob es die Folge einer allgemeinmenschlichen Neigung zur genauen Beobachtung erfolgreicher Manöver oder einer ebenso unbewußten wie notwendigen, weil gleichsam in der Luft liegenden Zweit-Entstehung des Phänomens war — auch Müller hatte sich nicht schneller, als es seine ja nicht dadurch, daß man sich nicht im Dienst befand, plötzlich gewissermaßen in Luft auflösende Stellung erlaubte, von seinem Platz entfernt und war zunächst statt zum Büfett mit seiner Frau, der er elegant und zuvorkommend lächelnd den Arm gereicht hatte, noch einmal in Richtung» Tauwetterlandschaft «geschritten, währenddessen Wernstein und ein weiterer Assistent am Büfett einen Blick wechselten und der Assistent, der vorn stand und mit Müller direkter zu tun hatte, sich beim Weiterrücken etwas verspätete, so daß sich Chefarzt Müller und Gattin, Müller tupfte die Oberlippe mit dem Ring und neigte das Ohr seiner Frau zu, einreihen konnten … Christian, der seinen Vater begrüßt und ihm gratuliert hatte, stand nun hinter ihm, ziemlich am Ende der Reihe. Adeling und ein zweiter Kellner hatten die Deckel von den Speisen genommen, deren verlockende Düfte jetzt den ganzen Raum erfüllten. Teller- und Besteckklappern war zu hören, gedämpfte Unterhaltung. Oberarzt Weniger, ein stämmiger Endvierziger mit Halbglatze und schaufelartigen, roten Händen, und ein grauhaariger, schlanker Arzt mit Brille und dünnem Vollbart namens Clarens standen bei Richard und sprachen über medizinische Angelegenheiten, Hauptthema war der bevorstehende» Tag des Gesundheitswesens«.