Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Die Tigerin erkannte schnell, welcher der zwei Schützen auf sie geschossen hatte, denn ihn umhüllte noch der Rauch; sie wendete sich in seine Richtung und tat trotz ihrer Verletzung einen gewaltigen Sprung auf ihn zu.
François hielt es für klüger, sie nicht noch näher kommen zu lassen, und feuerte den zweiten Gewehrlauf ab. Die Tigerin wälzte sich auf den Rücken, stieß ein grauenerregendes Röcheln aus, wälzte sich unter großer Anstrengung auf den Bauch und zerfurchte mit der gesunden Pfote den Boden, während sie die Zähne ins Gras grub, welches das Blut aus ihrer Schnauze rötete.
»Es hat sie erwischt! Es hat sie erwischt, Monsieur René«, rief François so freudig wie ein Kind, das sein erstes Kaninchen zur Strecke gebracht hat.
»Nimm dich in Acht, du Dummkopf«, herrschte René ihn an, »und lade sofort dein Gewehr nach!«
»Aber wozu, Monsieur René, wo sie doch mausetot ist?«
»Und der Tiger, ist der auch tot, du Schwachkopf? Hörst du ihn denn nicht?«
Kein Laut hat das menschliche Ohr je so erschreckt wie das Gebrüll, das sie nun vernahmen.
»Lade dein Gewehr, lade es endlich, und nimm hinter mir Aufstellung«, sagte René eindringlich. Als er jedoch sah, dass sein Begleiter vor Freude, Erregung oder Furcht so stark zitterte, dass er das Pulver auf dem Boden verstreute, statt es in den Gewehrlauf zu schütten, reichte er ihm sein geladenes Gewehr und nahm das andere Gewehr an sich.
Innerhalb einer Minute waren beide Gewehrläufe mit Pulver und Kugeln versehen, und die Gewehre wurden abermals getauscht.
»Er brüllt nicht mehr«, flüsterte François René zu.
»Und er wird auch nicht mehr brüllen«, sagte René. »Da sein Weibchen nicht geantwortet hat, weiß er, dass es entweder tot oder in einen Hinterhalt geraten ist. Um nicht ebenfalls gefangen zu werden, wird er versuchen, die Falle zu erkunden. Vorsicht! Wir müssen wachsam sein.«
»Pst!«, flüsterte François René ins Ohr. »Ich höre Zweige knacken.«
Im selben Augenblick drückte René seine Schulter und zeigte mit dem Finger auf den riesigen Kopf des Tigers, der geduckt am Ende des Pfades im Dschungel erschien. Nachdem er seinen Bau leer vorgefunden hatte, war er lautlos aus dem Wald geschlichen.
François nickte zum Zeichen, dass er ihn gesehen hatte.
»Auf Philipps rechtes Auge«, sagte René laut. Und er feuerte.
Mehrere Sekunden lang vernebelte der Rauch die Sicht.
»Da ich noch lebe«, sagte René gelassen, »nehme ich an, dass der Tiger tot ist.«
In der Tat sah man den Tiger röchelnd letzte Zuckungen vollführen.
»Warum sagten Sie vorhin, bevor Sie schossen: ›Auf Philipps rechtes Auge‹? Hieß dieser Tiger am Ende Philipp?«
»Nein«, sagte René, »er hieß vermutlich Tiger, und deshalb muss man sich vor ihm in Acht nehmen.«
Der Tiger war tödlich getroffen; man musste sich nicht mehr vor ihm fürchten, sondern konnte in Ruhe abwarten, dass der Tod sein Werk verrichtete. Es dauerte nicht lange, und der Tiger hatte sein Leben ausgehaucht, obwohl ihn nur eine Kugel getroffen hatte; sein Weibchen mit zwei Kugeln im Leib hatte länger gekämpft als er. Allerdings war Renés Kugel in das rechte Auge des Untiers gedrungen, wie der Meisterschütze angekündigt hatte, und auf diesem Weg unmittelbar in das Gehirn gelangt, was den sofortigen Tod des Tigers bewirkte, während man eine Viertelstunde lang hatte warten müssen, bis das Weibchen seinen letzten Seufzer tat.
Die zwei Jäger verharrten eine Weile in der Hoffnung, dass ihre Gewehrschüsse einige ihrer Begleiter anlocken würden, sei es nur aus Neugier, doch sie warteten vergebens; daraufhin beschlossen sie, zu ihren Reisegefährten zurückzukehren und mit einem Pferd die Kadaver der zwei Tiger abzuholen.
François jedoch wollte sich um nichts in der Welt von seiner Beute trennen; er warf sich das geladene Gewehr über die Schulter, ergriff jedes der beiden Tigerchen, wie er sie nannte, am Genick, wartete, dass René sein Gewehr nachlud, und machte sich mit ihm auf den Weg zum See, der höchstens einen Kilometer weit entfernt war.
Sie hatten kaum hundert Schritte getan, als ein Ruf wie Fanfarenklang im Wald widerhallte, gefolgt von einem zweiten ebensolchen Ton.
Die zwei jungen Männer sahen einander ratlos an. Dieser Ruf war ihnen völlig unbekannt. Welches Tier mochte ihn ausgestoßen haben?
Mit einem Mal schlug René sich an die Stirn. »Ach!«, rief er. »Unsere Elefanten rufen um Hilfe!«
Und er eilte so schnell davon, dass François es aufgab, mit ihm Schritt halten zu wollen.
René hatte sich in der Richtung nicht getäuscht, und er erreichte den See keine zwanzig Schritte von der Stelle entfernt, an der er die zwei Schwestern zurückgelassen hatte. Er blieb stehen, wie versteinert von dem schaurigen Schauspiel, das sich seinen Augen bot.
Die Eskorte hatte sich in einiger Entfernung zerstreut. Die Schwestern saßen noch immer am Fuß des Baums, hielten einander umarmt und waren vor Angst wie gelähmt. Die zwei Elefanten waren als Einzige auf dem Posten geblieben und hielten mit ihren erhobenen Rüsseln eine riesige Boa in Schach, die sich um einen der niedrigsten Äste des Baums gewickelt hatte, unter dem die Mädchen saßen, und ihren abscheulichen Kopf hin und her wiegte, ohne den Blick von den Mädchen abzuwenden, die sich wie hypnotisiert nicht von der Stelle rührten.
Die Elefanten standen kampfbereit, um die kostbare Fracht zu beschützen, die ihnen anvertraut war. Die Männer der Eskorte hatten die Flucht ergriffen, denn mit Säbeln und Piken als einzigen Waffen waren sie einem solchen Gegner nicht gewachsen.
Als die Elefanten René erblickten, trompeteten sie vor Freude.
Der Mann, den sie gerufen hatten, hatte ihren Ruf gehört und war gekommen. Mit einem Blick erfasste René, was zu tun war. Er legte sein Gewehr hin, sprang zu den beiden Mädchen, nahm sie in die Arme wie zwei Kinder und übergab sie François, der gerade aus dem Wald kam und dem er einschärfte, sich um sie zu kümmern.
»So«, sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung, dann ergriff er sein Gewehr: »Meister Python, nun zu uns! Jetzt wollen wir sehen, ob die Kugeln eines Lepage den Pfeilen eines Apoll ebenbürtig sind!«
Der Blick der Boa war den zwei jungen Mädchen gefolgt; offenbar wollte die Riesenschlange nicht kampflos auf ihre Beute verzichten. Gleichzeitig wusste sie jedoch, welchen Kampf sie mit den zwei Kolossen auszufechten hätte, die sich ihr in den Weg stellen würden.
Die Schlange ließ ein Zischen ertönen, das wie das Sausen des Sturmwinds klang. Stinkender Geifer troff aus ihrem Maul, ihre blutunterlaufenen Augen sandten Blitze aus, wenn sie den Kopf bewegte, und ihr Hals, die schmalste Stelle des Körpers einer Boa, war so dick wie ein Fass.
Die Windungen des Schlangenkörpers verloren sich in Astwerk und Laub des Baums.
René stemmte beide Beine auf den Boden. Er hatte es mit einem Gegner zu tun, den er mit dem ersten Schuss erlegen musste; er zielte auf das aufgerissene Maul und gab beide Schüsse ab. Der Baum wackelte unter den Zuckungen des Ungeheuers, das in die Zweige zurückkroch und von dem Laub verdeckt war, das wie bei einem Erdbeben geschüttelt wurde.
François kam herbeigeeilt, streckte René sein geladenes Gewehr hin und nahm ihm das leergeschossene ab.
»Bring die zwei Damen so weit weg wie möglich«, sagte René, »und lass mir deinen Entersäbel da.«
François gehorchte und führte die jungen Mädchen weg.
Die Elefanten hielten ihre Rüssel noch immer erhoben und verfolgten die Schlange mit dem Blick. Außer René sahen alle dem Schauspiel voller Schauder zu.
René hatte dafür keine Zeit.
Die Elefanten trampelten auf den Boden, als wollten sie die Schlange aus ihrem Versteck locken.
Und schon erschien sie: Ihr scheußlicher, unförmiger, blutverschmierter Kopf glitt den Baumstamm hinunter.
Zwei neue Gewehrsalven trafen das Reptil.