Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Am übernächsten Tag erreichten die Reisenden Pegu ohne weitere Zwischenfälle bis auf den erbitterten Kampf eines Alligators mit einem Kaiman vor dem Bug der Slup, dem mit einem Schuss Kartätschenladung, der beide Kombattanten in Stücke riss, ein Ende gemacht wurde.
Schiffe von mehr als zehn bis zwölf Fuß Tiefgang müssen in Pegu anhalten, denn bei Ebbe würden sie eine Meile weiter flussaufwärts auf Grund laufen.
Für die Abwicklung der Zollformalitäten wurde das Schiff dem Zamindar überantwortet, einem Vertreter des Kriegsministeriums.
Die Reisenden wurden in einen Stadtpalast gebracht, der »Palast der Fremden« hieß, weil er als Unterkunft für die seltenen Reisenden bestimmt war, die sich nach Pegu verirrten.
Als René die Wohnräume dieses Palasts zu sehen bekam, erklärte er, er bleibe lieber auf der Slup, um von dort aus alles Erforderliche für die Reise zu den Ländereien des Vicomte de Sainte-Hermine in die Wege zu leiten; diese Ländereien wurden in der Landessprache als »Land des Betels« bezeichnet, so reichlich wuchs dort die Betelnusspalme.
Die Ankunft einer Slup mit sechzehn Kanonen und unter amerikanischer Flagge, der Flagge eines Landes, das im indischen Ozean alllmählich einen guten Ruf genoss, sorgte in Pegu für große Aufregung. Schon am nächsten Tag fand sich als erster Besucher der Dolmetscher des Herrschers ein. Er hatte den Auftrag, dem Kapitän Früchte als Geschenk des Shabundar von Pegu zu bringen und ihm mitzuteilen, dass der Nak-Kann und der Seredogee ihm am Tag darauf ebenfalls einen Besuch abstatten würden.
In weiser Voraussicht derartiger Besuche hatte René auf der Île de France Stoffe und Waffen gekauft, so dass er dem Shabundar ein schönes Gewehr zum Geschenk machen konnte. Das Entzücken des Besuchers über diese Waffe nutzte René, um ihn zu bitten, ein Auge auf die Slup zu haben, was diesem in seiner Funktion als Verwaltungsbeamter ein Leichtes sein musste.
Während der ganzen Dauer dieses Besuchs kaute der von zwei Sklaven mit einem silbernen Spucknapf begleitete Shabundar unentwegt Betel und bot seinem Gastgeber davon an.
René kaute die duftenden Blätter, als wäre er ein wahrer Brahmane, doch sobald der Shabundar ihn verließ, spülte er sich den Mund mit Wasser und ein paar Tropfen Arrak, denn als gepflegter Mann legte er Wert auf weiße Zähne.
Am nächsten Tag fanden sich wie angekündigt der Nak-Kann und der Seredogee ein.
Im Königreich Pegu ist es Sitte, andere nicht zu überraschen; der Titel Nak-Kann, der die Funktion eines Polizeipräfekten bezeichnet, heißt wörtlich »Ohr des Königs«, während Seredogee einen Sekretär bezeichnet.
Beide kamen ebenfalls in Begleitung ihrer Spucknapfträger. Obwohl auch sie ohne Unterlass kauten und spuckten, war das Gespräch diesmal interessanter. René erhielt zufriedenstellendere Auskunft über den Stand der Dinge auf dem Besitztum seiner schönen Mitreisenden. Er erfuhr, dass man allein mit dem Anbau von Betelnusspalmen, deren Produkt man in das übrige Indien verkaufen konnte, mindestens fünfzigtausend Francs erlösen konnte, ganz davon abgesehen, dass sich der gleiche Betrag mit dem Anbau von Reis und Zuckerrohr erwirtschaften ließ. Das Landgut lag etwa fünfzig englische Meilen von Pegu entfernt; um es zu erreichen, musste man allerdings Wälder durchqueren, in denen es von Tigern und Panthern wimmelte, und zudem wurde gemunkelt, Banditen aus Siam und Sumatra hätten ihre Schlupfwinkel in diesen Wäldern und machten den Aufenthalt dort noch gefährlicher als die wilden Tiere.
Die zwei Besucher waren sehr ähnlich gekleidet: der eine in Violett, der andere in Blau; beide trugen ein langes Gewand, das an allen Rändern und Säumen mit Goldfäden bestickt war.
René überreichte dem Sekretär des Königs einen goldbestickten Teppich und dem Ohr Seiner Majestät ein schönes Paar Pistolen aus einer Versailler Waffenschmiede.
Während des ganzen Besuchs hatten die beiden Regierungsbeamten sich nicht aus der Hocke erhoben; der Sekretär, der Englisch sprach, diente seinem Begleiter als Dolmetscher.
Seit der Ankunft unserer Reisenden in Pegu war so viel von Betel die Rede, dass es an der Zeit sein dürfte, Näheres über diese Pflanze zu berichten, in welche die Inder noch vernarrter sind als die Europäer in den Tabak.
Die Betelnusspalme ist eine Schlingpflanze, die sich dem Efeu vergleichen lässt; ihre Blätter sehen aus wie die des Zitronenbaums, wenngleich sie spitzer und länglicher sind; die Betelnuss ähnelt der Frucht des Wegerichs, und sie wird den Blättern vorgezogen. Die Pflanze wird wie die Weinrebe angebaut und wie diese an Stützpfählen gezogen. Bisweilen verbindet man sie mit der Arekapalme und gewinnt so bezaubernde Lauben; die Betelpflanze wird in ganz Südostindien angebaut, hauptsächlich in den Küstenregionen.
Die Inder kauen Betelblätter zu jeder Tagesstunde und sogar nachts; da die Blätter jedoch bitter schmecken, wenn sie ohne Beigabe zerstampft werden, fügen die Connaisseure ihnen etwas Arekanuss und Kalk hinzu, die in das Blatt eingewickelt werden. Wohlhabende versetzen ihren Betel sogar mit Kampfer aus Borneo, mit Aloe, Moschus und grauem Ambra.
Der solchermaßen präparierte Betel ist von so köstlichem Geschmack und von so lieblichem Duft, dass die Inder ganz versessen darauf sind. Jeder, der es sich leisten kann, labt sich daran. Manche kauen auch Arekanuss mit Zimt und Nelken, doch diese Mischung reicht geschmacklich nicht an die heran, die aus Arekanuss und etwas Kalk im Betelblatt besteht. Nach dem ersten Kauen spucken die Inder eine rote Flüssigkeit, die ihre Farbe der Arekanuss verdankt. Durch den ständigen Betelgebrauch ist ihr Atem süß und so wohlriechend, dass er fast den Raum parfümiert, in dem sie sich aufhalten, doch das ständige Betelkauen verdirbt ihre Zähne, schwärzt sie und bewirkt Karies und Zahnausfall. Es gibt Inder, die mit fünfundzwanzig Jahren keinen einzigen Zahn mehr im Mund haben, weil sie so übermäßig dem Betel zusprechen.
Wenn man sich voneinander verabschiedet, schenkt man einander Betel in einem seidenen Beutel, und wer nicht von jenen, mit denen er für gewöhnlich verkehrt, Betel zum Geschenk erhalten hat, der hat sich noch nicht gebührend verabschiedet. Niemand würde es wagen, das Wort an eine Person von Rang zu richten, ohne sich den Mund mit Betel parfümiert zu haben. Es gilt sogar als unhöflich, ohne diese Vorsichtsmaßnahme mit seinesgleichen zu sprechen. Auch die Frauen sind große Betelkauerinnen, und sie nennen den Betel Liebespflanze. Man genießt Betel nach den Mahlzeiten, und man kaut Betel, während man Besuche macht. Man hat immer Betel zur Hand, man bietet Betel an, wenn man einander begrüßt – kurzum, der Betel spielt zu jeder Tages- oder Nachtzeit eine herausragende Rolle im Leben der indischen Völker.
Kaum hatten die zwei Betelkauer sich verabschiedet, kam das Gerücht auf, die Slup gehöre einem reichen Amerikaner, der Pistolen, Teppiche und doppelläufige Gewehre verschenke, und schon bald waren die Klänge einheimischer Musik zu vernehmen.
René ließ seine beiden Reisegefährtinnen rufen; er hatte ihnen die Langeweile der Ansprachen erspart, doch nun wollte er ihnen das Vergnügen der Musik nicht vorenthalten.
Die Schwestern kamen an Deck, nahmen Platz auf der Poop und sahen, wie sich drei Barken mit Musikern näherten; jede der Barken enthielt eine eigene kleine Kapelle aus drei Flöten, zwei Zimbeln und einer Art Trommel. Der Ton der Flöten ähnelte dem unserer Oboen. Die Musikanten befanden sich in einem kleinen Pavillon am Bug der Barke, während die Ruderer jeweils zu zweit weiter hinten saßen. Das Heck mit dem Flaggenmast war mit dem religiösen Schmuck tibetischer Kuhschwänze verziert.
Die Musik war nicht kunstvoll, doch um nichts weniger bezaubernd. René bat die Musiker, einige Stücke zu wiederholen, damit er die Melodie festhalten konnte.
Jede der Barken wurde mit zwölf Talks entlohnt (ein Talk entspricht in etwa drei Francs und fünfzig Centimes).