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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Als die Nacht herangekommen war, verschloß ich mich in dem Pavillon, den ich in der Nähe des meinem toten Vater geweihten Monuments erbauen ließ. Gegen ein Uhr morgens hörte ich Murphs Stimme. Ich erschrak heftig, denn Murph kam aus dem Kloster.

Wie ich geahnt, hatte das unglückliche Kind nicht die Kraft gehabt, diese grausame Vorschrift innezuhalten, von der selbst Prinzessin Juliane sie nicht befreien konnte, so strenge sind die Ordensregeln. Um acht Uhr abends war Amalie auf dem kalten Kirchenpflaster niedergekniet, bis Mitternacht hatte sie gebetet – aber um diese Zeit erlag sie der bittern Kälte, der eignen Aufregung und wurde ohnmächtig. Zwei Frauen, die auf Befehl der Aebtissin bei ihr wachten, hoben sie auf und trugen sie in ihre Zelle.

David wurde geholt, und Murph begab sich eilends zu mir. Ich flog hin, Prinzessin Juliane empfing mich und teilte mir mit, daß David den Rat gegeben hätte, mich nicht sogleich zu ihr zu lassen, da mein Anblick sie aufregen könnte. Sie habe sich von der Ohnmacht erholt und befände sich soweit ganz wohl.

Ich fürchtete, man sage dies nur, um mir ein großes Unglück zu verheimlichen, aber man versicherte mir aufs neue, daß dem nicht so sei. Ich konnte nun an den Beteuerungen der würdigen Juliane nicht mehr zweifeln und wartete voller Unruhe auf weitere Nachrichten.

Nach einer Viertelstunde erschien David. Es geht besser, sagte er mir, ja sie hatte ihre Nachtwache durchaus fortsetzen wollen und schließlich eingewilligt, auf einem Polster zu knien. Ich war empört, daß man diesem Ansinnen nachgegeben hatte, aber David sagte mir, es sei sehr gefährlich gewesen, ihr den Willen nicht zu tun. Das einzige, was sich hätte tun lassen, sei, daß Prinzessin Juliane ihr die Erlaubnis gegeben habe, die Kirche schon mit dem Glockenschlag der Morgenhora zu verlassen, um sich auf die Feier vorzubereiten und ein wenig auszuruhen.

»So ist sie jetzt wieder in der Kirche?« fragte ich. – »Ja, gnädiger Herr,« antwortete David. »Die Wache dauert jetzt aber nur noch eine halbe Stunde.«

Ich ließ mich auf unsere Tribüne führen, von wo aus man das ganze Kirchenschiff übersehen kann. Dort im Halbdunkel der Kirche, die nur von der ewigen Lampe erhellt wurde, sah ich sie knien, die Hände gefaltet, in inbrünstiges Gebet versunken. – Da kniete auch ich nieder und betete für mein Kind.

Es schlug drei Uhr – zwei Schwestern, die in Chorstühlen gesessen und sie bewacht hatten, traten nun auf sie zu und sprachen leise mit ihr. Sie machte das Zeichen des Kreuzes, stand auf und ging durch den Chor. Als sie durch den schmalen Lichtstreifen der Lampe hindurch kam, erschien mir ihr Gesicht so weiß wie der lange Schleier, der sie umfing.

Ich wollte zu ihr, aber ich fürchtete, sie von neuem aufzuregen, und schickte statt dessen David. Er kam mit der Nachricht zurück, sie befände sich ganz wohl und wolle versuchen, etwas zu schlafen. – Ich bleibe in der Abtei, um der heute morgen stattfindenden Zeremonie beizuwohnen. Morgen werde ich den Bericht über die traurigen Ereignisse dieses verhängnisvollen Tages beenden. Auf baldiges Wiedersehen! Mein Herz ist gebrochen. Beklage mich!

Dein Rudolf.

Fünftes Kapitel.

Der dreizehnte Januar

Rudolf an Clemence.

Der dreizehnte Januar! Doppelt unglücklicher Jahrestag!

Meine Teuerste, wir haben sie auf immer verloren. Es ist alles aus. Laß Dir erzählen!

Gestern klagte ich den Zufall an, der Dich von mir fern hält; heute bin ich froh, daß Du nicht hier bist. Dein Schmerz würde zu groß sein.

Ich war an diesem Morgen kaum ein Stündchen eingeschlummert, als mich Glockengeläut weckte. Ich erschrak, denn es klang schauerlich – wie Totengeläut. – Meine Tochter ist tot für uns – tot, hörst Du? von heute an, Clemence, mußt Du um sie trauern. Ob unser Kind unter dem Marmor eines Grabsteins ruht oder hinter dem Gemäuer eines Klosters begraben ist – was macht das aus? Von heute an, hörst Du, muß sie für tot gelten. Uebrigens ist sie sehr schwach und kränklich. Der viele Kummer hat sie sehr angegriffen.

Nach meinem gestrigen Brief wirst Du begreifen, daß es vielleicht besser für sie wäre, sie wäre wirklich tot. Tot! diese drei Buchstaben sehen schauerlich aus, findest Du das nicht auch, wenn man sie auf eine schöne, hoffnungsvolle, angebetete Tochter anwendet – ein engelgleiches Kind, das kaum achtzehn Jahre alt ist! Was fruchtet es ihr, was uns, daß sie in der öden Einsamkeit eines Klosters langsam hinsiecht? Was hilft es, daß sie noch am Leben ist, wenn sie doch für uns verloren bleibt? – Was ich da sage, ist entsetzlich. So egoistisch ist die Liebe eines Vaters.

Um die Mittagsstunde ist ihre feierliche Einkleidung vollzogen worden. Hinter den Vorhängen unsers Kirchensitzes habe ich die Zeremonie mitangesehen. Sonderbar, alle verehren sie und glauben, sie würde durch innere Eignung zu dem geistlichen Stande hingezogen und man müßte in der Vollziehung ein glückliches Ereignis erblicken. Nach abgelegtem Gelübde wurde unser Kind in den Kapitelsaal zurückgeführt, wo nun die Wahl der neuen Aebtissin erfolgen sollte. Dank meinem fürstlichen Vorrecht hatte auch ich Zutritt und erwartete nun Marienblumens Rückkehr aus der Kirche. Sie kam bald. Sie war so aufgeregt und erschöpft, daß zwei Schwestern sie stützen mußten. Ich erschrak – weniger über ihre Blässe und ihr entstelltes Gesicht – als über ihr seltsames Lächeln. Clemence, ich sage Dir, unser Kind ist zu Tode getroffen. Ich hoffe nicht mehr für ihr Leben, seit ich sie gesehen. Es ist besser, wir bereiten uns auf ihren Tod vor – wäre doch auch ihr Leben nur eine Kette von Unglück!

Amalie trat in den großen Saal, und alle Stühle wurden besetzt. Sie nahm bescheiden auf dem letzten linkerhand Platz. Am obersten Ende saß Prinzessin Juliane, ihr zur Seite die Großpriorin und eine andere Würdenträgerin des Klosters. Die Aebtissin hielt den goldnen Hirtenstab – das Zeichen ihres Ranges – in der Hand. Inmitten tiefer Stille erhob sie sich und sprach:

»Geliebte Töchter! Mein, hohes Alter zwingt mich, diesen Stab jüngeren, kräftigeren Händen zu übergeben. Ich bin durch eine Bulle unsers heiligen Vaters dazu ermächtigt. Ich werde also die, auf die eure Wahl fällt, dem Herrn Erzbischof von Oppenheim zur Einsegnung vorführen. Unsere Großpriorin wird das Ergebnis der Wahl verkünden, und ich werde der Gewählten Ring und Stab übergeben.«

Unsere Tochter saß mit gefalteten Händen unbeweglich da, sie ahnte nicht, daß sie gewählt werden sollte. Nur ich wußte um ihre Erhebung, da die Aebtissin es mir mitgeteilt hatte. Die Großpriorin nahm nun eine Liste und las:

»Jede unserer Schwestern ist vor acht Tagen aufgefordert worden, ihre Stimme abzugeben und bis auf den heutigen Tag darüber zu schweigen, für wen sie gestimmt hat. Im Namen aller andern verkünde ich nun, daß die Wahl gefallen ist auf Prinzessin Amalie, die durch ihre große Frömmigkeit und hohe Tugend die Würdigste unter uns ist.« Ein Gemurmel freudiger Ueberraschung ging durch die Versammlung; aller Blicke wendeten sich voll zärtlicher Teilnahme auf unsere Tochter.

Marienblume wurde noch bleicher, ihre Kniee zitterten, und sie schien sich nur mühsam im Stuhle aufrecht zu halten. Die Aebtissin begann nun mit ernster Stimme:

»Meine Tochter! Ist es wirklich die Schwester Amalie, die frühere Großherzogin von Gerolstein, die ihr als die Würdigste unter euch anerkennt? Erwählt ihr alle sie zu eurer Oberin? Es antworte eine jede nach der Reihe.«

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