Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
»Kanoniere an der Jagdkanone«, rief Kernoch, »seid ihr bereit?«
»Ja«, erwiderten sie.
»Wohlan, dann feuert, sobald die Piroge in Sicht kommt!«
»Wartet!«, rief René. »François, sagen Sie den Damen, dass sie sich nicht ängstigen sollen; sagen Sie ihnen, dass wir nur unsere Kanonen ausprobieren.«
François verschwand in der Luke und war eine Minute später wieder da.
»Sie sagen, es sei recht so, und bei Ihnen, Monsieur René, würden sie sich nie ängstigen.«
Das Vierundzwanzigergeschütz, das beweglich war, hatte die Piroge verfolgt und auf kaum zweihundert Schritt Entfernung gefeuert.
Man hätte meinen können, Renés Befehl sei aufs Wort befolgt worden: Von der Piroge war nichts mehr zu sehen als Treibgut und Menschen im Todeskampf, die einer nach dem anderen von den Haien in die Tiefe gezogen wurden.
Im selben Augenblick rief der Mann im Ausguck: »Die Perahu!«
»Und wo?«, fragte Kernoch.
»Luvwärts.«
In der Tat sah man eine riesige Perahu von sechzig Fuß Länge wie eine Schlange herangleiten: Dreißig Ruderer und vierzig bis fünfzig Kämpfer waren zu sehen, und zweifellos lagen noch viele mehr auf dem Bauch versteckt.
Sobald die Perahu die Meerenge verlassen hatte, nahm sie Kurs auf die Slup.
»Seid ihr bereit?«, fragte René die Kanoniere.
»Wir erwarten Ihre Befehle, Kommandant«, erwiderte der Oberkanonier.
»Ein Drittel mehr Kartätschenladung und Achtzig-Pfund-Kugeln.«
Und da Wind aufkam, was das Manöver erleichterte, sagte Kernoch: »Haltet euch bereit zu wenden, wenn ich es befehle.«
»Gleicher Kurs?«, fragte der Rudergänger.
»Ja, aber langsamer, damit es nicht aussieht, als wollten wir vor einem so erbärmlichen Gegner die Flucht ergreifen.«
Segel wurden gerefft, und die Slup verlangsamte ihre Fahrt.
»Sind Sie bereit zu wenden?«, rief Kernoch dem Rudergänger zu.
»Wie ein Kreisel wird sie wenden, mein Kommandant, seien Sie unbesorgt.«
Inzwischen waren die einzelnen Personen auf der Perahu zu erkennen. Ihr Anführer stand auf dem nach innen gebogenen Bug und fuchtelte drohend mit seinem Gewehr.
»Wollen Sie ihm nicht das Maul stopfen, Monsieur René?«, fragte Kernoch. »Das Herumgehampel dieses Burschen geht mir ganz entsetzlich auf die Nerven.«
»Lassen Sie ihn noch ein wenig näher kommen, lieber Freund; wir wollen uns nicht vor ihm blamieren. Bei diesen Burschen muss jeder Schuss sitzen. François, lassen Sie Piken an Deck bringen, damit wir das Entern abwehren können.«
François stieg die Luke hinunter und kam mit zwei Matrosen wieder, welche die Arme voller Piken hatten. Sie wurden steuerbords verteilt, denn dort würden die Piraten zu entern versuchen.
»Schicken Sie zwei Mann mit Musketen in den Mastkorb, lieber Kernoch«, sagte René.
Der Befehl wurde sofort ausgeführt.
»Kernoch«, sagte René, »sehen Sie nur, was für Kapriolen unser Mann jetzt vollführen wird.« Und er schoss mit seinem Stutzen.
Der Mann am Bug der Perahu breitete die Arme aus, ließ sein Gewehr fallen und stürzte rückwärts nieder. Die Kugel hatte ihn in die Brust getroffen.
»Bravo, mein lieber Monsieur René; und ich werde ihnen jetzt eine Überraschung bereiten, auf die sie ganz gewiss nicht gefasst sind.«
René reichte den Stutzen François zum Laden.
Kernoch sagte leise etwas zu den zwei stärksten Männern der Mannschaft, und laut rief er dem Steuermann zu: »Bereit zum Wenden!« Dann verließ er schnell seine Wachtbank, um mit dem Oberkanonier zu sprechen.
»Passen Sie gut auf, Valter«, sagte er zu ihm, »wir vollführen jetzt eine ganze Wende.«
»Jawohl, Kommandant.«
»Für einen Augenblick wird Ihr Geschütz die Perahu von vorne bis hinten im Visier haben: Diesen Augenblick müssen Sie nutzen. Er wird nur eine Sekunde dauern, aber in dieser Sekunde müssen Sie feuern.«
»Oho, ich verstehe«, sagte der Richtkanonier. »Ha! Monsieur Kernoch, Sie sind mir ein rechter Spaßvogel!«
Ein neuer Mann hatte sich am Bug der Perahu aufgerichtet, und ein erneuter Schuss schickte ihn in die Tiefen des Meeres. Unterdessen führte die Slup ihr Manöver aus.
Und dann ertönte eine Salve, und an Bord der Perahu sanken die Männer von vorne bis hinten nieder wie geschnittene Ähren.
»Bravo!«, sagte René, und auf Englisch rief er: »Heda! – Mein lieber Kernoch«, fügte er hinzu, »noch so eine Salve, und der Wortwechsel dürfte beendet sein.«
An Bord der Perahu herrschte blankes Entsetzen. Mehr als dreißig Tote lagen auf dem Schiffsboden, und ihre Kameraden waren damit beschäftigt, die Toten über Bord zu werfen und sich gefechtsbereit zu machen, so gut es ging.
Wenige Minuten später prasselte eine Ladung Kugeln und Pfeile auf die Slup ein, ohne großen Schaden anzurichten. Etwa zwanzig Ruderer legten wieder los, und die Perahu kam näher.
Unterdessen hatte Kernoch seine Überraschung für die Malaien vorbereitet, ein Abtakelungsgeschoss aus vier Kettenkugeln, das in einem Netz steuerbords am äußersten Ende der Fockrah angebracht war.
Die Perahu befand sich nunmehr etwa hundert Schritte von der Slup entfernt, und zwar im rechten Winkel zu ihr.
»Steuerbord Feuer!«, rief Kernoch.
Die drei Sechzehnergeschütze schossen ihre Kartätschenladungen ab und rissen drei klaffende Lücken in die Reihen der Ruderer und der überlebenden Piraten.
Kernoch beschloss, die Sache zu beenden, und rief dem Untersteuermann zu: »Kommen lassen.«
Die Entfernung zwischen den Schiffen verringerte sich zusehends unter ohrenbetäubendem Musketenfeuer; dann war ein Pfeifton zu vernehmen, und die Kettenkugeln in ihrem Netz krachten auf die Perahu und zertrümmerten sie, als brächen sie einem Kaiman das Rückgrat. Vierzig bis fünfzig Überlebende zappelten im Meer und suchten die Rettung, indem sie sich an allem festhielten, was sie erreichen konnten.
Und nun begann der eigentliche Kampf, der schreckliche, erbitterte Kampf von Mann zu Mann. Die Piken stießen immer wieder in das Wasser, das sich um die Slup mehr und mehr rötete.
Mitten in dem Getümmel war es René, als höre er auf einmal Frauenschreie. Tatsächlich kamen Jane und Hélène an Deck gestürzt, bleich, in Todesangst, mit aufgelösten Haaren.
Zwei Malaien hatten das Kajütenfenster eingeschlagen, waren in die Kajüte gesprungen und verfolgten die Mädchen mit gezücktem Dolch.
Jane warf sich René in die Arme und rief: »Retten Sie mich, René, retten Sie mich!«
Sie hatte kaum ausgesprochen, als die zwei Piraten tödlich getroffen zu Boden sanken, der eine an Deck, der andere in der Luke.
René übergab Jane ihrer Schwester und richtete die verbliebenen zwei Schüsse seiner Pistole auf zwei Köpfe, die über der Reling auftauchten; dann ergriff er eine Pike, forderte François auf, sich um die zwei Schwestern zu kümmern, und stürzte sich wieder in das Schlachtgetümmel.
65
Die Ankunft
Der Kampf hatte sein Ende erreicht. Von den fast hundert Piraten, welche die Slup überfallen hatten, waren nur wenige am Leben geblieben; fast ausnahmslos verwundet, erwarteten sie Gnadenschuss oder Gnadenstoß. Danach würde das Meer das Werk des Feuers vollenden.
»Alle Segel setzen!«, rief Kernoch. »Und Kurs nach Norden.«
Die Windfahne wurde gehisst, und das Schiff flog in die Richtung, die ihm der Kompass wies, so gehorsam wie ein Pferd, dem man die Sporen gibt.
Die letzten Überlebenden klammerten sich an die Trümmer der Perahu oder streckten vergebens den Arm danach aus und wurden von den Haien zerrissen. Bis zur Küste waren es noch mehr als zweihundert Meilen.