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Der Graf von Sainte-Hermine

Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:

Hector de Sainte-Hermine sitzt zwischen den Stühlen: Er hat geschworen, seine Familie zu rächen, die von der Französischen Revolution ausgelöscht wurde, doch irgendwie begeistert ihn dieser Napoleon Bonaparte auch, der Frankreich nun mit großem Enthusiasmus regiert. Seine Zerrissenheit führt ihn in die entlegensten Ecken der Welt, als Freibeuter, Abenteurer und schließlich als Waffengefährte Napoleons in die Schlacht von Trafalgar. Der letzte und unvollendete Roman von Alexandre Dumas wartet mit allem auf, was man vom Großmeister der Mantel-und-Degen-Geschichten erwartet: Rasante Kampfszenarien und romantisch-sehnsüchtigen Liebesgeschichten wechseln sich ab mit politischen und philosophischen Ausführungen. Erst 1990 wurde die Manuskripte des als Fortsetzungsroman angelegten Buchs entdeckt, der französische Forscher Claude Schopp puzzelte die Einzelteile zusammen. Er versah die Erzählung dann auch mit einem Anhang, der dem scheinbar auf ewig unvollendeten Roman doch noch ein würdiges Ende setzt. Spannender Lesestoff, der bald verfilmt werden dürfte - wahrscheinlich mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle.
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
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Kernoch war der Held des Tages. Seinem Einfall war es zu verdanken, dass die Perahu zerschmettert worden und ihre Besatzung im Meer verstreut worden war. Denn wer weiß, was mit der Runner of New York geschehen wäre, wenn die sechzig Piraten Gelegenheit gefunden hätten, sie zu entern.

René kehrte zu den Schwestern zurück, die auf den Stufen zur Poop saßen. Mit seinen im Wind flatternden Haaren und seinem von Dolchstößen zerfetzten Hemd war er schön wie ein homerischer Held, als er sich auf seine blutige Pike stützte. Bei seinem Anblick stieß Jane einen mit Bewunderung gemischten Freudenruf aus. Sie streckte ihm die Arme entgegen und rief: »Zum zweiten Mal haben Sie uns das Leben gerettet!«

Doch statt diese naive Avance mit einer Umarmung und einem Kuss zu erwidern, nahm René nur ihre Hand und drückte sie an seine Lippen.

Hélène sah ihn an; ihr Blick verriet, wie dankbar sie ihm für seine ritterliche Zurückhaltung war. »Meine Dankbarkeit«, sagte sie, »ist zwar weniger exaltiert als die meiner Schwester, aber darum nicht geringer, glauben Sie mir. Gott ist sogar in dem Schmerz, den er uns zufügt, voller Güte: Er nimmt uns unseren Vater und gibt uns dafür einen Bruder, einen Beschützer, einen Freund, einen Mann, der – wie soll ich es sagen – unserer Dankbarkeit Grenzen setzt, sobald sie ihm zu groß erscheint. Was hätten wir ohne Sie anfangen sollen, Monsieur?«

»Ein anderer wäre an meiner Stelle gewesen«, erwiderte René. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott sich Ihrer nicht erbarmt hätte. In Ermangelung meiner Person wäre ein Engel vom Himmel herabgestiegen, um Ihnen als Beschützer zu dienen.«

Unterdessen hatte François Renés Waffen aufgesammelt und brachte sie ihm.

»François, bringen Sie das alles in meine Kajüte«, sagte René. »Zum Glück müssen wir uns dieser elenden Vernichtungswaffen jetzt nicht mehr bedienen.«

»Sachte, sachte, Monsieur«, sagte der Pariser, »rümpfen Sie nicht die Nase über Ihre Waffen: Wenn Sie sie handhaben, machen Sie keine halben Sachen. Sehen Sie nur die zwei Burschen, die gerade ins Wasser geworfen wurden« – und er deutete auf die beiden Malaien, die in die Kajüte der Mädchen eingedrungen waren und sie bis an Deck verfolgt hatten – »die können ein Lied davon singen.«

»Beeilt euch, Leute«, rief René den Matrosen zu, die das Deck scheuerten. »Beeilt euch, und dass kein Tropfen Blut an Deck übrig bleibt! Kapitän Kernoch erlaubt, dass ich euch drei Flaschen Arrak ausgebe, die ihr auf sein Wohl und das der Damen leeren könnt, und dass ich euch dreifachen Sold für den heutigen Tag bezahle. Kommen Sie, meine Damen, steigen wir auf die Poop oder gehen wir in Ihre Kajüte, doch mir scheint, zuerst sollte unser Zimmermann in Ihrer Kajüte nach dem Rechten sehen. An Ihrer Stelle würde ich mich auf das Oberdeck begeben. Oder nehmen Sie mit meiner Kajüte vorlieb, bis die Ihre wieder bezugsfertig sein wird.«

»Steigen wir auf die Poop«, sagte Hélène.

Sie stiegen hinauf, setzten sich und blickten auf das Meer hinaus. Gottes Werke trösten fast immer über die der Menschen hinweg.

»Wenn man bedenkt«, sagte René, der sich an die Stirn schlug, »dass sich hier vorhin Männer mit Messern und Dolchen gegenseitig abgeschlachtet haben und dass ich für den Geringsten unter ihnen mein Leben aufs Spiel setzen würde, wenn er sich jetzt in Gefahr befände!«

Hélène seufzte und setzte sich neben ihrer Schwester und René auf eine Bank.

»Aber«, sagte dieser ohne Übergang, »haben Sie denn in Frankreich keinen einzigen Verwandten, dem ich von Ihnen berichten und den ich bitten könnte, sich um Sie zu kümmern?«

»Die Geschichte unserer Familie ist traurig, denn sie ist vom Tod gefärbt. Zuerst verstarb unsere Tante; sie ging ihrem Ehemann voraus, der mit drei Söhnen hinterblieb und miterleben musste, dass der älteste füsiliert und der zweite unter schrecklichen Umständen guillotiniert wurde; was mit dem jüngsten geschah, das ist ein Geheimnis, das zu lüften unser Vater nichts unversucht gelassen hat, doch sein Schicksal bleibt wie von einem Schleier verhüllt. Am selben Abend, an dem er seinen Ehevertrag unterzeichnen sollte, verschwand er spurlos wie eine Legendengestalt, die sich in Luft auflöst und nie wieder gesehen wird.«

»Und den jungen Mann haben Sie nie kennengelernt?«, fragte René.

»O doch, ich erinnere mich sogar an ihn, obwohl wir noch sehr jung waren; er diente eine Zeit lang unter meinem Vater, als dieser Kapitän war; er war ein liebenswerter Knabe in seiner Steuermannsjungenuniform mit dem Dolch an der Seite und dem Dreispitz auf dem Kopf. Damals war er zwölf oder dreizehn, und ich war sechs oder sieben Jahre alt. Meine Schwester war zu jung, um sich so gut an ihn zu erinnern wie ich. Mein Vater – darüber können wir ruhig sprechen, da all das verflossen und vergangen ist – hatte sogar vorgehabt, unsere Familien durch engere Bande zu vereinigen. Ich weiß noch, dass wir uns nicht nur als Cousin und Cousine betrachteten, sondern gewissermaßen als Verlobte. Solche Jugendträume muss man vergessen, vor allem wenn es nur Leid bedeuten würde, sich ihrer zu entsinnen. Als wir erfuhren, dass der arme Junge verschwunden war, stellten wir alle Nachforschungen an, die in unserer Macht standen, doch vergeblich, und mein Vater gelangte zu dem Schluss, dass er ums Leben gekommen sein müsse. Dann ereigneten sich die schrecklichen Todesfälle Cadoudals, Pichegrus und des Herzogs von Enghien. Angewidert von den Zuständen in Frankreich, beschloss mein Vater, sich nur noch mit den Ländereien zu befassen, die er am anderen Ende der Welt besaß und von denen es hieß, allein indem man Reis säe, könne man dort reich werden. In London lernten wir Sir James Asplay kennen, der seit sieben oder acht Jahren in Indien lebt und unser Nachbar ist, wie man in Indien eben Nachbar ist, auf zwei- bis dreihundert Meilen Entfernung, denn er ist in Kalkutta stationiert. Er hat den indischen Boden untersucht, und er weiß, was man am besten anbaut; er ist ein hervorragender Jäger, und sein größter Wunsch ist es, sich ein unabhängiges Reich von sechzig Meilen Radius zu schaffen. Ich dagegen bin so ehrgeizlos wie Hamlet, und wäre mein Reich so klein wie eine Nussschale, wäre ich darin glücklich, vorausgesetzt, meine Schwester wäre es auch.«

Nach diesen Worten legte Hélène ihrer Schwester sanft den Arm um die Schulter und küsste sie zärtlich.

René hatte ihr mit größter Aufmerksamkeit zugehört; hin und wieder hatten sich seiner Brust Seufzer entrungen, als wären in ihm ganz ähnliche Erinnerungen geweckt worden.

Schließlich erhob er sich, ging mit großen Schritten auf der Poop hin und her und setzte sich dann wieder neben die Schwestern, wobei er ein Lied aus der Feder Chateaubriands summte, das in jenen Tagen sehr beliebt war:

Wie süß ist die Erinnerung

An meiner Kindheit Heimatort!

Ach, Schwester, wie schön war die Zeit

In Frankreich!

O mein Land, meine größte Liebe seist

Du allezeit.

Alle drei waren schweigend in ihre Gedanken vertieft, und wer weiß, wie lange sie so geschwiegen hätten, wäre nicht François gekommen, um zu sagen, dass das Mittagessen angerichtet sei, und da die Kampfhandlungen im Speisezimmer ihre Spuren hinterlassen hatten, wurde ausnahmsweise in der Kajüte Monsieur Renés gespeist.

Die Demoiselles de Sainte-Hermine hatten dieses Zimmer nie zuvor betreten; voller Staunen sahen sie, mit wie viel künstlerischem Geschmack es eingerichtet war. René, der ein ausgezeichneter Zeichner war, hatte Aquarelle von allen Landschaften und Sehenswürdigkeiten angefertigt, die ihn beeindruckt hatten. Zwischen zwei Landschaftsaquarellen befanden sich kostbare Waffen, und an der gegenüberliegenden Wand war eine Sammlung von Musikinstrumenten angebracht. Die Schwestern traten neugierig näher, denn beide waren musikalisch. Es gab eine Gitarre, ein Instrument, das Jane spielte. Hélène hingegen war eine mehr als passable Pianistin, doch seit dem Tod ihres Vaters wäre sie nicht im Traum darauf verfallen, die Tasten eines Klaviers zu berühren, obwohl es in ihrer gemeinsamen Kajüte ein solches Instrument gab.

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