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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Mit einiger Mühe kämpfte sich Verin auf dem Hof von Aleis' Palast aus ihrer Sänfte. Sie war einfach nicht dafür gebaut, in diese Dinger zu passen, aber in Far Madding stellten sie das schnellste Transportmittel dar. Kutschen wurden früher oder später von den Menschenmassen aufgehalten, und an einige der Orte, zu denen sie wollte, kamen sie erst gar nicht heran. Der feuchte Wind vom See wurde kälter, als sich das Zwielicht herabsenkte, aber Verin ließ zu, dass er ihren Umhang flattern ließ, während sie zwei Silberpfennige aus dem Geldbeutel heraussuchte und sie den Trägern gab. Natürlich durfte sie das eigentlich nicht, da es sich um Aleis' Jungen handelte, aber Eadwina würde das nicht wissen. Sie hätten das Geld nicht annehmen dürfen, aber das Silber verschwand im Handumdrehen in ihren Mänteln, und der jüngere der beiden, ein ansehnlicher Bursche in mittleren Jahren, machte vor ihr sogar eine anmutige Verbeugung, bevor sie die Sänfte aufnahmen und in Richtung Remise losliefen, ein niedriges Gebäude, das in einer Ecke der Vordermauer stand. Verin seufzte. Ein Junge in seinen mittleren Jahren. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie das Gefühl hatte, Far Madding niemals verlassen zu haben. Damit musste sie vorsichtig umgehen. Es könnte gefährlich sein, vor allem, falls Aleis oder die anderen ihre Täuschung entdeckten. Vermutlich war die Anordnung für Verin Mathwins Exil niemals außer Kraft gesetzt worden. In Far Madding verhielten sich alle still, wenn eine Aes Sedai mit dem Gesetz in Konflikt geriet, aber die Ratsherrinnen hatten keinen Grund, die Aes Sedai zu fürchten, und aus eigenen Gründen hielt die Weiße Burg bei den seltenen Gelegenheiten still, wenn sich eine Schwester einer vom Gericht verhängten Auspeitschung gegenübersah. Verin hatte nicht die Absicht, der neueste Grund für die Burg zu sein, still zu halten.

Natürlich war Aleis' Palast nicht mit dem Sonnenpalast oder dem Königlichen Palast von Andor zu vergleichen, auch nicht mit anderen Palästen, in denen Könige und Königinnen residierten. Er war ihr persönliches Eigentum, das nichts mit ihrer Position als Erste Ratsherrin zu tun hatte. Zu beiden Seiten wuchsen andere Paläste in die Höhe, mal größer und mal kleiner, die jedoch alle von hohen Mauern umgeben wurden. Nur am Ende nicht, wo die Höhen — der einzige Punkt der Insel, der einem Berg nahe kam — in einer steilen Klippe zum Wasser hinabstürzten. Allerdings war der Palast nicht mal klein. Die Frauen der Barsallas waren bereits im Handel und in der Politik tätig gewesen, als die Stadt noch Fei Moreina geheißen hatte. Beide Stockwerke des Palastes wurden von hohen Säulengängen umgeben und der weiße Marmorwürfel bedeckte den größten Teil des von einer Mauer umgebenen Anwesens.

Sie fand Cadsuane in einem Wohnzimmer, das einen schönen Ausblick auf den See geboten hätte, wären die Vorhänge nicht zugezogen gewesen, um die Wärme des Feuers in dem großen Marmorkamin im Raum zu behalten. Ihr Nähkörbchen stand auf einem kleinen Beistelltisch mit Intarsien, der neben ihren Stuhl gerückt worden war, und sie arbeitete ganz ruhig mit Nadel und Stickreifen. Sie war nicht allein. Verin faltete ihren Umhang zusammen, legte ihn über die Lehne eines Polsterstuhls und setzte sich auf einen anderen, um zu warten.

Elza schien sie kaum wahrzunehmen. Die Grüne mit der für gewöhnlich so freundlichen Miene stand vor Cadsuane auf dem Teppich und schaute grimmig drein; ihr Gesicht war gerötet, und ihre Augen funkelten. Elza war sich ihrer Position unter den Schwestern immer deutlich bewusst, vielleicht sogar zu sehr. Um Verin zu ignorieren und vor allem Cadsuane zur Rede zu stellen, musste sie ganz schön aufgeregt sein. »Wie konntet Ihr sie gehen lassen?«, verlangte sie zu wissen. »Wie sollen wir ihn ohne sie finden?« Ah, darum also ging es.

Cadsuanes Kopf blieb über den Stickreifen gebeugt und ihre Nadel machte weiterhin kleine Stiche. »Ihr könnt warten, bis sie zurückkehrt«, sagte sie seelenruhig.

Elza ballte die Fäuste. »Wie könnt Ihr so gleichgültig sein?«, sagte sie. »Er ist der Wiedergeborene Drache! Dieser Ort könnte eine Todesfalle für ihn sein! Ihr müsst...!« Sie verstummte mitten im Satz, als Cadsuane einen Finger hob. Mehr tat sie nicht, aber bei ihr reichte das vollständig.

»Ich habe mir Eure Tirade lange genug angehört, Elza. Ihr dürft gehen! Sofort!«

Elza zögerte, aber sie hatte keine Wahl. Mit gerötetem Gesicht machte sie einen kleinen Knicks, wobei sie den Stoff ihrer Röcke in den noch immer geballten Fäusten hielt, aber selbst wenn sie aus dem Wohnzimmer hinausstolzierte, so tat sie es doch ohne zu zögern.

Cadsuane legte den Stickreifen auf den Schoß und lehnte sich zurück. »Macht Ihr mir einen Tee, Verin?«

Unwillkürlich zuckte Verin zusammen. Die andere Schwester hatte nicht einmal in ihre Richtung geschaut. »Natürlich, Cadsuane.« Auf einem der Seitentische stand ein übertrieben verzierter silberner Teekessel auf einem vierbeinigen Gestell und war glücklicherweise noch immer heiß. »War es klug, Alanna gehen zu lassen?«, fragte sie.

»Ich konnte sie wohl kaum daran hindern, ohne den Jungen mehr wissen zu lassen, als er soll, oder?«, erwiderte Cadsuane trocken.

In aller Ruhe goss Verin Tee in eine Tasse aus dünnem blauen Porzellan. Es war kein Meervolk-Porzellan, aber es handelte sich um gute Qualität. »Könnt Ihr Euch denken, warum er ausgerechnet nach Far Madding gekommen ist? Ich habe beinahe meine Zunge verschluckt, als mir klar wurde, dass der Grund, warum er mit dem Herumspringen aufgehört hat, darin bestehen könnte, dass er hier ist. Wenn es etwas Gefährliches ist, sollten wir vielleicht versuchen, ihn aufzuhalten.«

»Verin, er kann tun, was sein Herz begehrt, egal was, wenn er nur lange genug lebt, um Tarmon Gai'don zu erreichen. Und so lange ich an seiner Seite sein kann, um ihm beizubringen, wie man wieder lacht und weint.« Sie schloss die Augen, rieb sich die Schläfen mit den Fingerspitzen und seufzte. »Er verwandelt sich in Stein, Verin, und wenn er nicht wieder lernt, dass er ein Mensch ist, könnte der Sieg in der Letzten Schlacht nicht viel besser als eine Niederlage sein. Die junge Min hat ihm gesagt, dass er mich braucht; so viel habe ich aus ihr herausbekommen, ohne ihren Verdacht zu erregen. Aber ich muss darauf warten, dass er zu mir kommt. Ihr seht doch, wie grob er mit Alanna und all den anderen umspringt. Es wird schon schwer genug sein, ihn zu unterrichten, wenn er darum bittet. Er widersetzt sich jeder Führung, glaubt, er müsste alles selbst tun und erlernen, und wenn ich ihn nicht dafür arbeiten lasse, wird er gar nichts lernen.« Ihre Hände fielen auf den Stickreifen auf ihrem Schoß. »Ich scheine heute Abend in einer mitteilsamen Stimmung zu sein. Ungewöhnlich für mich. Falls Ihr diesen Tee jemals fertig eingegossen habt, werde ich möglicherweise noch mehr preisgeben.«

»Oh, ja, natürlich.« Hastig füllte Verin eine zweite Tasse und schob die kleine Phiole ungeöffnet zurück in ihre Gürteltasche. Es war gut, sich Cadsuane endlich sicher sein zu können. »Nehmt Ihr Honig?«, fragte sie so gedankenverloren, wie sie zustande brachte. »Ich kann mir das einfach nicht merken.«

26

Erwartungen

Als Elayne zusammen mit Egwene über die braun verfärbte Dorfwiese von Emondsfelde ging, erfüllten sie die Veränderungen mit Trauer. Egwene schien von ihnen verblüfft zu sein. Als sie in Tel'aran'rhiod erschienen war, baumelte ein langer Zopf auf ihrem Rücken; sie trug ausgerechnet ein einfaches Wollkleid und derbe Schuhe, deren Spitzen bei jedem Schritt unter ihren Röcken hervorschauten. Elayne vermutete, dass sie diese Art von Kleidung getragen hatte, als sie noch in den Zwei Flüssen lebte. Jetzt hing ihr dunkles Haar über die Schultern, gehalten von einer kleinen Haube aus feiner Spitze, und ihre Kleidung war so kostbar wie Elaynes. Das Oberteil aus dunklem Blau wies genau wie der Kragen und der Rocksaum und die Ärmelaufschläge silberne Stickereien auf. Silbern verzierte Samtslipper ersetzten die derben Schuhe. Elayne musste sich konzentrieren, um zu verhindern, dass sich ihr grünes Reitgewand — vielleicht auf peinliche Weise — veränderte, aber bei ihrer Freundin waren die Veränderungen zweifellos bewusst entstanden.

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