Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
»Es ist sicherlich ein Telegramm aus Petersburg gekommen,« sagte Stepan Trofimowitsch auf einmal.
»Ein Telegramm! Eines, das Sie betrifft? Wegen der Schriften von Herzen und wegen Ihres Gedichtes? Sie haben wohl den Verstand verloren! Weswegen sollte man Sie arretieren?«
Ich war geradezu ärgerlich. Er schnitt eine Grimasse und fühlte sich offenbar beleidigt, nicht wegen meines Ausrufes, sondern wegen meiner Ansicht, daß kein Grund zu seiner Festnahme vorhanden sei.
»Wer kann in unserer Zeit wissen, wofür man ihn arretieren kann?« murmelte er rätselhaft.
Ein wunderlicher, törichter Gedanke fuhr mir durch den Kopf.
»Stepan Trofimowitsch, sagen Sie mir als Ihrem Freunde,« rief ich, »als Ihrem aufrichtigen Freunde, ich werde Sie nicht verraten: gehören Sie irgendeiner geheimen Gesellschaft an?«
Und siehe da, zu meiner Verwunderung war er sich auch darüber nicht sicher, ob er einer geheimen Gesellschaft angehörte oder nicht.
»Das ist so, wie man's nehmen will; voyez-vous ...«
»Was heißt das: ›wie man's nehmen will‹?«
»Wenn man mit ganzem Herzen dem Fortschritt anhängt ... wer kann da dafür garantieren? Man denkt, daß man keiner solchen Gesellschaft angehört; aber wenn man's genauer betrachtet, so stellt sich heraus, daß es doch der Fall ist.«
»Wie ist das möglich? Hier gibt es doch nur ein Ja oder ein Nein!«
»Cela date de Pétersbourg, als ich mit ihr zusammen dort eine Zeitschrift gründen wollte. Davon schreibt sich das her. Wir sind damals durchgeschlüpft, und sie haben uns vergessen; aber jetzt haben sie sich unser erinnert. Cher, cher, kennen Sie mich denn nicht?« rief er schmerzerfüllt. »Man wird mich festnehmen, mich auf einen Bauernwagen setzen, und dann marsch nach Sibirien fürs ganze Leben; oder man sperrt mich in eine Kasematte und vergißt mich.«
Und plötzlich brach er in heiße Tränen aus. Die Tränen strömten ihm nur so aus den Augen. Er bedeckte sich die Augen mit seinem rotseidenen Taschentuche und schluchzte, schluchzte etwa fünf Minuten lang krampfhaft. Mir tat das Herz weh. Dieser Mann, der zwanzig Jahre lang unser Prophet, unser Prediger, unser Lehrer, unser Patriarch, unser Kukolnik1 gewesen war, der eine so hohe, imposante Stellung über uns allen eingenommen hatte, vor dem wir uns von ganzem Herzen gebeugt hatten, indem wir uns den Verkehr mit ihm zur Ehre anrechneten: der fing jetzt auf einmal an zu schluchzen, zu schluchzen wie ein kleiner Knabe, der eine Unart begangen hat und der Rute entgegensieht, die der Lehrer herbeiholt. Er tat mir schrecklich leid. An den Bauernwagen glaubte er offenbar ebenso sicher wie an die Tatsache, daß ich neben ihm saß, und erwartete ihn gleich an diesem Vormittage, sofort, augenblicklich, und all das, weil er Schriften von Herzen besessen und selbst einmal ein Gedicht gemacht hatte! Eine solche vollständige, gänzliche Unkenntnis der alltäglichen Wirklichkeit hatte etwas Rührendes und zugleich etwas Widerwärtiges.
Endlich hörte er auf zu weinen, stand vom Sofa auf und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen, wobei er das Gespräch mit mir fortsetzte, aber alle Augenblicke durchs Fenster sah und nach dem Vorzimmer hinhorchte. Unser Gespräch nahm zusammenhanglos seinen Fortgang. Alle meine Versicherungen und Beruhigungsversuche sprangen von ihm ab wie Erbsen von der Wand. Er hörte nur wenig danach hin; aber dennoch war es ihm ein dringendes Bedürfnis, daß ich beruhigend zu ihm spräche, und er redete denn auch unaufhörlich in diesem Sinne. Ich sah, daß er mich jetzt nicht entbehren konnte und mich um keinen Preis fortgelassen hätte. Ich blieb daher, und wir saßen länger als zwei Stunden zusammen. Im Laufe des Gespräches erwähnte er, daß Blümer zwei Proklamationen bei ihm gefunden und mitgenommen habe.
»Wie? Proklamationen?« rief ich dummerweise erschrocken. »Haben Sie denn ...«
»Ach was! Man hat mir zehn Stück zugesteckt,« antwortete er ärgerlich (er redete mit mir bald in ärgerlichem und hochmütigem, bald in höchst kläglichem und kleinmütigem Tone); »aber acht hatte ich schon wieder weggegeben; so hat Blümer nur zwei beschlagnahmt ...«
Er wurde plötzlich rot vor Unwillen.
»Vous me mettez avec ces gens-là! Glauben Sie denn wirklich, daß ich mit diesen Schurken Gemeinschaft haben kann, mit diesen heimlichen Zusteckern, mit meinem Söhnchen Peter Stepanowitsch, avec ces esprits-forts de la lâcheté? O Gott!«
»Nicht doch; aber ob man Sie nicht doch irgendwie mit denen vermengt hat? ... Übrigens, Unsinn! Das ist ja unmöglich!« erwiderte ich.
»Savez-vous,« entfuhr es ihm auf einmal; »ich habe manchmal die Empfindung, que je ferai là-bas quelque esclandre. Oh, gehen Sie nicht weg; lassen Sie mich nicht allein! Ma carrière est finie aujourd'hui, je le sens. Wissen Sie, ich werde mich dort vielleicht auf jemand stürzen und ihn beißen wie jener Unterleutnant ...«
Er sah mich mit einem sonderbaren Blicke an, mit einem furchtsamen Blicke, in welchem zu gleicher Zeit der Wunsch lag, Furcht zu erregen. Er regte sich in der Tat immer mehr und mehr über irgend jemand und über irgend etwas auf, je weiter die Zeit vorschritt, ohne daß der Bauernwagen erschienen wäre; er wurde sogar zornig. Plötzlich stieß Nastasja, die zu irgendwelchem Zwecke aus der Küche ins Vorzimmer gegangen war, dort an einen Kleiderständer an und warf ihn um. Stepan Trofimowitsch fing sofort an zu zittern und wurde leichenblaß; aber als die Sache sich aufgeklärt hatte, kreischte er Nastasja grimmig an, stampfte mit den Füßen und jagte sie wieder in die Küche zurück. Eine Weile darauf blickte er mich verzweifelt an und murmelte:
»Ich bin verloren! Cher,« (er setzte sich auf einmal neben mich und sah mir mit unendlich kläglicher Miene starr in die Augen), »cher, ich fürchte mich nicht vor Sibirien, das schwöre ich Ihnen, o, je vous jure« (es traten ihm sogar die Tränen in die Augen), »ich fürchte etwas anderes ...«
Ich vermutete nach seiner Miene, daß er mir endlich etwas Außerordentliches mitteilen wolle, was mitzuteilen er sich bisher noch nicht hatte entschließen können.
»Ich fürchte die Schande,« flüsterte er geheimnisvoll.
»Was für Schande? Aber ganz im Gegenteil! Glauben Sie mir, Stepan Trofimowitsch, die ganze Sache wird noch heute ihre Aufklärung finden und zu Ihren Gunsten enden ...«
»Sind Sie so fest davon überzeugt, daß man mir verzeihen wird?«
»Was reden Sie denn von Verzeihen! Was sind das für Ausdrücke! Was haben Sie denn begangen? Ich versichere Ihnen, daß Sie nichts begangen haben!«
»Qu'en savez-vous? Mein ganzes Leben war ... cher ... Man wird sich an alles erinnern ... und wenn man nichts findet, um so schlimmer,« fügte er überraschend hinzu.
»Wieso ›um so schlimmer‹?«
»Um so schlimmer.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Mein Freund, mein Freund, nun, mag man mich meinetwegen nach Sibirien oder nach Archangelsk verschicken und mich der bürgerlichen Rechte berauben; wenn ich zugrunde gehen soll, nun gut! Aber ... ich fürchte etwas anderes« (wieder Flüstern, ängstliche Miene und geheimnisvolles Wesen).
»Aber was denn, was denn?«
»Man wird mich auspeitschen,« sagte er und blickte mich mit ganz verstörtem Gesichte an.
»Wer wird Sie auspeitschen? Wo? Warum?« rief ich; ich ängstigte mich, ob er auch nicht den Verstand verliere.
»Wo? Nun, hier ... wo so etwas ausgeführt wird.«
»Aber wo wird denn so etwas ausgeführt?«
»Ach, cher,« flüsterte er ganz dicht an meinem Ohre, »da geht auf einmal unter einem der Fußboden auseinander, und man sinkt bis zur Mitte des Leibes hinein ... Das weiß ja jeder Mensch.«