Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Und daher bin ich vollkommen überzeugt, daß, wenn auch Peter Stepanowitsch, Liputin und vielleicht sonst noch jemand, vielleicht sogar auch Fedka vorher unter den Arbeitern umherhuschten (denn für diesen Punkt sind wirklich ziemlich starke Beweise vorhanden) und mit ihnen redeten, sie sich dabei sicherlich doch an nicht mehr als zwei, drei, nun, sagen wir auch an fünf lediglich versuchsweise wendeten, und daß diese Gespräche ohne Erfolg blieben. Was aber eine Rebellion anlangt, so hörten die Arbeiter, wenn sie überhaupt etwas von der Propaganda dieser Agitatoren verstanden, doch gewiß sofort auf zuzuhören, weil sie dieselbe für etwas Dummes und für ein durchaus ungeeignetes Mittel hielten. Eine andere Sache war es mit Fedka: diesem glückte es anscheinend besser als Peter Stepanowitsch. An der Brandstiftung die drei Tage darauf in der Stadt stattfand, waren, wie jetzt unzweifelhaft klargestellt ist, tatsächlich mit Fedka zusammen zwei Fabrikarbeiter beteiligt, und später, einen Monat nachher, wurden noch drei frühere Fabrikarbeiter im Kreise ebenfalls wegen Brandstiftung und Raubes festgenommen. Aber wenn es auch Fedka gelungen war, sie zu direktem Handeln zu verleiten, so bezog sich das doch auch wieder nur auf diese fünf; denn von den andern hat nie etwas Derartiges verlautet.
Wie dem nun auch sein mochte, die ganze Arbeiterschar gelangte schließlich auf den freien Platz vor dem Hause des Gouverneurs und stellte sich dort ordentlich und schweigend auf. Dann blickten sie mit offenem Munde nach dem Portal hin und warteten. Man hat mir erzählt, sie hätten sofort nach der Aufstellung die Mützen abgenommen, das heißt vielleicht eine halbe Stunde vor der Ankunft des Herrn Gouverneurs, der augenblicklich gerade nicht zu Hause war. Die Polizei erschien sofort, zunächst nur in Gestalt einzelner Vertreter, dann aber in möglichst vollzähligem Aufgebot; sie begann natürlich damit, unter Drohungen zum Auseinandergehen aufzufordern. Aber die Arbeiter waren eigensinnig wie eine gegen einen Zaun gerannte Hammelherde und antworteten lakonisch, sie wollten »zum General selber«; es war klar, daß sie fest entschlossen waren. So hörte denn das heftige Anschreien seitens der Polizei auf; an seine Stelle trat schnell das Nachdenken darüber, was zu tun sei; flüsternd wurden geheime Anordnungen getroffen, und die höheren Beamten zogen in finsterer, sorgenvoller Geschäftigkeit die Augenbrauen zusammen. Der Polizeimeister zog es vor, zu warten, bis Herr v. Lembke selbst käme. Unsinnig ist die Version, dieser sei mit seinem Dreigespann in vollem Galopp herbeigesaust gekommen und habe noch vom Wagen aus den Befehl zum Prügeln erteilt. Er pflegte allerdings gern bei uns in seiner Kutsche mit dem gelben Hinterteil schnell dahinzujagen; und wenn dann die Seitenpferde zum Entzücken aller Kaufleute des Kaufhauses in immer rasenderem Laufe einherstürmten, dann erhob er sich im Wagen, stellte sich in seiner ganzen Größe hin, hielt sich an einem zu diesem Zwecke an der Seite angebrachten Riemen fest, streckte den rechten Arm in der Art von sich, wie man das oft bei Statuen sieht, und überschaute auf diese Weise die Stadt. Aber im vorliegenden Falle gab er nicht Befehl zum Prügeln, und obgleich er beim Herausspringen aus dem Wagen nicht umhinkonnte, sich eines kräftigen Wörtchens zu bedienen, so tat er das doch einzig und allein, um seine Popularität nicht einzubüßen. Noch unsinniger ist die Behauptung, es seien Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten herbeigeholt worden, und man habe telegraphisch ein Gesuch um Entsendung von Artillerie und Kosaken irgendwohin gerichtet: das sind Märchen, an die jetzt die Erfinder selbst nicht mehr glauben. Unsinn ist auch, daß man die Wasserfässer der Feuerwehr herbeigeschafft und aus ihnen das Volk begossen hätte. Es hat ganz einfach Ilja Iljitsch in der Erregung gerufen, er werde schon dafür sorgen, daß die Kerle gehörig in die Traufe kämen; daraus sind dann wahrscheinlich die Wasserfässer entstanden, die auf diese Weise dann auch in die Korrespondenzen der hauptstädtischen Zeitungen übergingen. Die glaublichste Lesart war, wie man annehmen muß, diese, daß man die Menge zunächst mit allen gerade verfügbaren Polizisten umstellte und an Lembke einen expressen Boten schickte, den Polizeikommissar des ersten Reviers, der denn auch in dem Wagen des Polizeimeisters schnell auf dem Wege nach Skworeschniki dahinrollte, da man wußte, daß sich v. Lembke vor einer halben Stunde in seiner Kutsche dorthin begeben hatte ...
Aber ich muß bekennen, daß eine Frage für mich doch unbeantwortet bleibt: auf welche Weise man eine harmlose, ganz gewöhnliche Schar von Bittstellern (allerdings in einer Stärke von siebzig Mann) so ohne weiteres, gleich von ihrem ersten Auftreten an, in eine Bande von Rebellen verwandeln konnte, die die Grundlagen des Staates zu erschüttern drohe. Wie kam es, daß Lembke selbst diese Idee aufgriff, als er zwanzig Minuten nach Absendung des Expressen erschien? Ich würde meinen (aber das ist wieder nur meine persönliche Ansicht), daß Ilja Iljitsch, der ein Gevatter des Fabrikdirektors war, es sogar für vorteilhaft hielt, Herrn v. Lembke diese Menschenschar in einem solchen Lichte darzustellen, um ihn nicht zu einer richtigen Prüfung der Sache kommen zu lassen; wer ihn aber auf diesen Gedanken gebracht hatte, das war Herr v. Lembke selbst gewesen. Während der beiden letzten Tage hatte dieser mit ihm zwei besondere, geheime Unterredungen gehabt, bei denen er sich allerdings sehr konfus gezeigt hatte, aus denen aber Ilja Iljitsch dennoch hatte entnehmen können, daß sein Chef sich fest in die Idee verrannt hatte, die Proklamationen richteten viel Schaden an und die Schpigulinschen Arbeiter würden von jemandem zu einer sozialistischen Rebellion aufgewiegelt, und daß diese seine Überzeugung eine so feste war, daß es ihm womöglich sogar leid tun würde, wenn die Aufwiegelung sich als Unsinn herausstellen sollte. »Er will sich in den Augen der Vorgesetzten in Petersburg auszeichnen,« dachte unser schlauer Ilja Iljitsch, als er von Herrn v. Lembke herauskam; »na, schön, mir kann's recht sein!«