Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
In der Schweiz machte ich zwei Monate darauf einen Anfall derselben Leidenschaft mit einem ebenso wilden Ausbruche durch, wie das nur früher in der ersten Zeit der Fall gewesen war. Ich fühlte eine furchtbare Versuchung zu einem neuen Verbrechen, nämlich Bigamie zu begehen (denn ich war schon verheiratet); aber ich entfloh der Versuchung auf den Rat eines anderen jungen Mädchens, dem ich fast alles gestand und sogar, daß ich diejenige, die ich so sehr begehrte, gar nicht liebte, und daß ich nie jemand wirklich lieben könne. – Zudem würde dieses neue Verbrechen mich niemals von Matroscha befreit haben.
So habe ich mich denn entschlossen, diese Bogen drucken zu lassen und sie in dreihundert Exemplaren in Rußland einzuführen; sobald der richtige Zeitpunkt gekommen sein wird, werde ich sie der Polizei und der lokalen Obrigkeit zusenden; gleichzeitig werde ich sie an die Redaktionen aller Zeitungen schicken mit der Bitte um Veröffentlichung, sowie auch an eine Menge von Persönlichkeiten in Petersburg und im übrigen Rußland, die mich kennen. Gleichermaßen werden sie im Auslande in Übersetzung erscheinen. Ich weiß, daß ich gerichtlich vielleicht gar nicht werde behelligt werden, wenigstens nicht in erheblichem Maße; ich bin mein einziger Denunziant und habe keinen Ankläger; außerdem sind keine oder doch nur außerordentlich wenige Beweise vorhanden. Dazu noch die festgewurzelte Meinung von meiner Geistesstörung und sicherlich die Bemühungen meiner Verwandten, die nicht verfehlen werden, diese Meinung auszunutzen und jede gerichtliche Untersuchung, die mir gefährlich werden könnte, zu unterdrücken. Das setze ich unter anderm in der Absicht auseinander, zu zeigen, daß ich jetzt bei vollem Verstande bin und meine Lage richtig beurteile. Aber es bleiben mir noch diejenigen, die alles wissen werden und auf mich schauen werden, so wie auch ich auf sie. Ich will, daß alle auf mich schauen. Ob mir das eine Erleichterung bringen wird, das weiß ich nicht. Es ist dies das letzte Mittel, zu dem ich meine Zuflucht nehme.
Noch einmaclass="underline" wenn man bei der Petersburger Polizei gehörig nachforscht, so wird man vielleicht alles feststellen können. Sehr möglich, daß das kleinbürgerliche Ehepaar auch jetzt noch in Petersburg lebt. Auf das Haus werden sich gewiß noch viele Leute besinnen. Es war hellblau. Ich aber werde nirgends hinreisen und mich einige Zeit (etwa ein oder zwei Jahre) dauernd in Skworeschniki, dem Gute meiner Mutter, aufhalten. Sollte ich vorgeladen werden, so werde ich überall erscheinen.
Nikolai Stawrogin.
Fußnoten
1 Die nachfolgende Geschichte von dem Bilde hat Dostojewski nachher in den »Werdejahren« III 7,2 verwertet.
Anmerkung des Übersetzers.
III.
Die Lektüre hatte ungefähr eine Stunde gedauert. Tichon hatte langsam und manche Stellen vielleicht zweimal gelesen. Die ganze Zeit über hatte Stawrogin schweigend und regungslos dagesessen. Merkwürdig: der ungeduldige, zerstreute, gewissermaßen fieberhafte Ausdruck, den sein Gesicht diesen ganzen Morgen über getragen hatte, war fast ganz verschwunden, und an seine Stelle war eine ruhige, sozusagen offenherzige Miene getreten, was ihm beinahe ein würdevolles Aussehen verlieh. Tichon nahm die Brille ab, zögerte ein Weilchen, hob dann endlich die Augen zu ihm in die Höhe und begann als erster mit einiger Behutsamkeit zu reden.
»Könnte man nicht in diesem Schriftstücke einige Korrekturen vornehmen?«
»Wozu? Ich habe alles wahrheitsgemäß geschrieben,« antwortete Stawrogin.
»Man könnte im Stil ein wenig ändern ...«
»Ich habe vergessen, Sie vorher darauf aufmerksam zu machen,« erwiderte er schnell in scharfem Tone, wobei er mit dem ganzen Oberkörper einen Ruck nach vorn machte, »daß alle Ihre Worte vergeblich sein werden; ich werde meine Absicht nicht aufgeben; geben Sie sich keine Mühe, sie mir auszureden. Ich werde es publizieren.«
»Sie haben nicht vergessen, mich schon vorhin, vor dem Durchlesen, darauf aufmerksam zu machen.«
»Ganz gleich,« unterbrach ihn Stawrogin schroff. »Ich wiederhole es Ihnen noch einmaclass="underline" mögen Ihre Einwendungen auch noch so stark sein, ich werde von meiner Absicht nicht Abstand nehmen. Notabene: durch diese ungeschickte oder auch geschickte Phrase (urteilen Sie darüber, wie Sie wollen) will ich durchaus nicht bewirken, daß Sie so schnell wie möglich mit Ihren Einwendungen und Bitten anfangen.«
»Ihnen Einwendungen machen und namentlich Sie bitten, daß Sie Ihre Absichten aufgeben möchten, das könnte ich auch gar nicht. Dieser Gedanke ist ein großer Gedanke, und der Grundgedanke des Christentums kann gar nicht in vollkommnerer Weise zum Ausdruck gelangen. Weiter als bis zu einer derartigen erstaunlichen Tat, wie Sie sie vorhaben, kann die Reue nicht gehen, wenn es nur ...«
»Wenn nur was?«
»Wenn es nur wirklich Reue und wirklich der Grundgedanke des Christentums wäre.«
»Ich habe es mit aller Aufrichtigkeit geschrieben.«
»Sie wollen sich scheinbar absichtlich roher hinstellen, als es Ihr Herz wünschen würde ...« sagte Tichon, der immer mutiger wurde. Offenbar hatte das »Schriftstück« auf ihn einen starken Eindruck gemacht.
»Mich hinstellen? Ich wiederhole es Ihnen: ich habe mich nicht ›hingestellt‹ und namentlich nicht geschauspielert.«
Tichon schlug schnell die Augen nieder.
»Dieses Schriftstück ist geradeswegs aus dem Bedürfnisse eines tödlich verwundeten Herzens hervorgegangen, – fasse ich das richtig auf?« sagte er nachdrücklich und mit besonderer Wärme. »Ja, das ist Reue und das natürliche Bedürfnis nach Reue, das Sie überwunden hat, und Sie sind auf einen herrlichen Weg geraten, auf einen seltenen Weg. Aber wie es scheint, hegen Sie bereits im voraus Haß und Verachtung gegen alle diejenigen, die das hier Erzählte lesen werden, und fordern sie zum Kampfe heraus. Da Sie sich nicht schämen, das Verbrechen zu bekennen, warum schämen Sie sich der Reue?«
»Ich schäme mich?«
»Ja, Sie schämen sich und fürchten sich!«
»Ich fürchte mich?«
»Ja, Sie fürchten sich gewaltig. ›Mögen sie auf mich schauen!‹ sagen Sie; nun aber Sie selbst, wie werden Sie auf jene schauen? Manche Stellen in Ihrer Erzählung sind durch den Stil verstärkt; Sie scheinen Ihre Seelenkunde zu bewundern und greifen nach jeder Kleinigkeit, nur um den Leser durch eine Gefühllosigkeit in Erstaunen zu versetzen, die in Wirklichkeit bei Ihnen gar nicht vorhanden ist. Was ist das anderes als eine hochmütige Herausforderung, die der Schuldige an den Richter richtet?«
»Wo steckt denn da die Herausforderung? Ich habe alle Beurteilungen von meiner Person ferngehalten.«
Tichon schwieg. Seine blassen Wangen überzog sogar eine leise Röte.
»Lassen wir das!« schnitt Stawrogin dieses Thema scharf ab. »Gestatten Sie, daß ich nunmehr meinerseits Ihnen eine Frage vorlege: da reden wir nun nach der Lektüre dieser Blätter« (er wies durch eine Kopfbewegung danach hin) »schon fünf Minuten lang, und ich sehe an Ihnen immer noch keinen Ausdruck von Abscheu und Scham ... Sie sind, wie es scheint, nicht ekel ...«
Er sprach nicht zu Ende.
»Ich werde Ihnen nichts verbergen: ich bin erschrocken über die große, müßige Kraft, die hier absichtlich auf Gemeinheiten verwendet worden ist. Was das Verbrechen selbst anlangt, so sündigen auch viele andere in gleicher Weise, leben aber mit ihrem Gewissen in Ruhe und Frieden und halten das sogar für unvermeidliche Fehltritte der Jugend. Es gibt sogar Greise, die in gleicher Weise sündigen, und es sogar wie ein Amüsement, wie ein Spiel ansehen. Die ganze Welt ist voll von all solchen schrecklichen Dingen. Sie aber haben die ganze Tiefe dieses Abgrundes erkannt, was in solchem Grade nur sehr selten vorkommt.«