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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Shalon war mehr als erleichtert, ihr Pferd einem Stallburschen ohne Anweisungen übergeben zu können. Es wäre ihr egal gewesen, wenn er die Kreatur getötet hätte. Sie wusste nicht, wie weit sie benommen geritten war, sie fühlte sich, als hätte sie jede der vielen hundert Meilen von Cairhien bis hier im Sattel gesessen. Ihr Fleisch fühlte sich genauso zerknittert an wie ihre Kleidung. Plötzlich fiel ihr auf, dass Jahars hübsches Gesicht bei den Männern fehlte. Verins Tomas, ein stämmiger, grauhaariger Mann, der genauso hart wie die anderen aussah, führte das Packpferd, das Jahar benutzt hatte. Wohin war der junge Mann verschwunden? Merise schien über seine Abwesenheit jedenfalls nicht besorgt zu sein.

»Diese Erste Ratsherrin«, knurrte Harine und ließ Moad ihr beim Absteigen helfen. Sie bewegte sich genauso steif wie Shalon. Er war einfach vom Pferd gesprungen. »Ist das hier eine wichtige Frau, Sarene?«

»Man könnte sagen, sie ist die Herrscherin von Far Madding, allerdings nennen die anderen Ratsherrinnen sie die Erste unter gleichen, was auch immer das bedeuten mag.« Sarene gab ihr Pferd einem Stallburschen; sie sah völlig frisch aus. Vielleicht war sie zuvor über dieses Ter'angreal bestürzt gewesen, das die Quelle gestohlen hatte, aber jetzt war sie die personifizierte kühle Erhabenheit, wie eine Eisskulprur. Der Stallbursche stolperte über seine eigenen Füße, als er ihr Gesicht sah. »Einst war die Erste Ratsherrin die Beraterin der Königinnen von Maredo, aber seit Maredos ... Auflösung betrachten sich die meisten Ersten Ratsherrinnen als die natürlichen Erben von Maredos Herrschern.«

Shalon wusste, dass ihre Kenntnisse in der Geschichte der Küstengebundenen so unzulänglich waren wie ihre Geographiekenntnisse über alles, was sich jenseits der Küste befand, aber von einer Nation namens Maredo hatte sie noch nie gehört. Harine schien das jedoch zu reichen. Falls diese Erste Ratsherrin hier herrschte, musste die Herrin der Wogen des Clan Shodein sie kennen lernen. Harines Würde verlangte nicht weniger. Entschlossen humpelte sie über den Stallhof zu Cadsuane.

»O ja«, sagte die unerträgliche Aes Sedai, bevor Harine überhaupt den Mund aufmachen konnte. »Ihr werdet mich ebenfalls begleiten. Und Eure Schwester. Aber Euer Schwertmeister nicht. Ein Mann in der Kuppel wäre schlimm genug, aber ein Mann mit einem Schwert würde ausreichen, um den Ratsherrinnen Krämpfe zu bescheren. Ihr habt eine Frage, Herrin der Wogen?« Harine machte den Mund so schnell zu, dass ihre Zähne deutlich hörbar aufeinander schlugen. »Gut«, murmelte Cadsuane. Shalon stöhnte. Das würde die Laune ihrer Schwester nicht verbessern.

Cadsuane führte sie breite, blau geflieste Korridore entlang, die mit hellen Wandteppichen geschmückt waren und von vergoldeten Kandelabern mit funkelnden Spiegeln erhellt wurden. Diener in Blau starrten sie zuerst an und verbeugten sich dann hastig nach der Art der Küstengebundenen, als sie vorbeirauschten. Sie führte sie lange, geschwungene weiße Steintreppen hinauf, die bis auf die Stellen, an denen sie die helle Wand berührten, frei standen. Cadsuane rauschte daher wie ein Schwan, aber mit einer Geschwindigkeit, die die Schmerzen in Shalons Beinen zu einem Brennen anfachte. Harines Gesicht erstarrte zu einer hölzernen Maske, die die Anstrengung des Treppensteigens verbarg. Selbst Kumira schien etwas überrascht zu sein, obwohl Cadsuanes Tempo ihr nichts auszumachen schien. Die rundliche kleine Verin eilte an Cadsuanes Seite daher und lächelte Harine und Shalon gelegentlich über die Schulter an. Manchmal glaubte Shalon, Verin zu hassen, aber in diesem Lächeln lag weder Spott noch Heiterkeit, sondern nur Aufmunterung.

Cadsuane führte sie eine letzte, von Wänden umschlossene Wendeltreppe hinauf, und plötzlich standen sie auf einer Galerie mit einem vergoldeten Geländer, die die ganze... Einen Augenblick lang starrte Shalon mit offenem Mund. Über ihr erhob sich eine blaue Kuppel, die an ihrer höchsten Stelle einhundert Fuß oder höher war. Sie wurde von nichts gestützt außer sich selbst. Shalons Unwissenheit über die Küstengebundenen erstreckte sich nicht nur auf Geografie und Geschichte — und Aes Sedai —, sondern auch auf Architektur; tatsächlich wusste sie mit Ausnahme von Cairhien so gut wie nichts über die Küstengebundenen. Sie wusste, wie man die Baupläne für einen Springer zeichnen musste und wie er dann gebaut wurde, aber sie konnte sich nicht einmal annähernd vorstellen, wie man so etwas hier bauen sollte.

Auf der Galerie gab es drei weitere mit weißen Steinen abgesetzte Torbogen wie der, durch den sie gerade gekommen waren, hinter denen sich Treppen verbargen. Sie waren allein, und das schien Cadsuane zu erfreuen, obwohl sie lediglich nickte. »Kumira, zeigt der Herrn der Wellen und ihrer Schwester Far Maddings Wächter.« In der großen Kuppel warf ihre Stimme ein leises Echo. Sie zog Verin ein Stück zur Seite und die beiden steckten die Köpfe zusammen. Was sie zu flüstern hatten, warf kein Echo.

»Ihr müsst Ihnen verzeihen«, sagte Kumira leise zu Harine und Shalon. Selbst das rief ein leises Geräusch hervor, wenn auch kein richtiges Echo. »Das muss schwierig sein, selbst für Cadsuane.« Sie strich sich mit den Fingern durch ihr kurzes braunes Haar und schüttelte den Kopf, damit es wieder in die alte Form fiel. »Die Ratsherrinnen sind selten erfreut, Aes Sedai zu sehen, vor allem Schwestern, die hier geboren wurden. Ich glaube, sie würden gern so tun, als gäbe es die Macht nicht. Nun, ihre Geschichte gibt ihnen ausreichend Grund dazu, denn die letzten zweitausend Jahre hatten sie die Möglichkeit, diese Illusion zu untermauern. Aber wie dem auch sei, Cadsuane ist Cadsuane. Sie erblickt nur selten einen aufgeblähten Kopf, ohne sich dazu zu entscheiden, ihm die Luft rauszulassen, selbst wenn er eine Krone trägt. Oder das Diadem einer Ratsherrin. Ihr letzter Besuch liegt über zwanzig Jahre zurück, während des Aiel-Krieges, aber ich vermute, jene, die sich daran erinnern, werden sich unter ihren Betten verstecken wollen, wenn sie von ihrer Ankunft erfahren.« Kumira gab ein leises Lachen von sich. Shalon verstand nicht, was es da zu lachen gab. Harine verzog die Lippen, aber es ließ sie aussehen, als hätte sie Magenschmerzen.

»Ihr wollt den... Wächter sehen?«, fuhr Kumira fort. »Vermutlich ein Name, der so gut wie jeder andere ist, schätze ich. Es gibt da nicht viel zu sehen.« Sie trat vorsichtig an das vergoldete Geländer und schaute darüber hinweg, als hätte sie Angst herunterzufallen, aber dann nahmen ihre blauen Augen wieder den üblichen scharfen Ausdruck an. »Ich würde alles dafür geben, ihn untersuchen zu können, aber das ist natürlich unmöglich. Wer weiß, was er außer dem, was wir längst wissen, sonst noch tun könnte?« In ihrer Stimme lag genauso viel Ehrfurcht wie Bedauern.

Shalon hatte keine Höhenangst, und sie drückte sich neben der Aes Sedai an das aufwendig geschmiedete Eisen, da sie sehen wollte, was die Quelle gestohlen hatte. Nach kurzem Zögern gesellte sich Harine zu ihnen. Zu Shalons Überraschung bestand die Höhe, die Kumira Unbehagen bereitete, aus kaum mehr als zwanzig Fuß. Unter ihnen erstreckte sich ein glatter Boden, dessen blaue und weiße Fliesen ein kompliziertes Labyrinth ergaben, das ein rotes, von einem gelben Rand umgebenes Oval einschloss. Unter der Galerie saßen drei Frauen in Weiß auf Stühlen, die die Kuppelwand berührten und in gleichmäßigen Abständen voneinander um die Fläche aufgestellt waren. Neben jeder Frau war eine anscheinend aus von Schlieren durchzogenen Kristallen bestehende Scheibe mit einem Durchmesser von einer vollen Spanne in den Boden eingelassen. In der Scheibenmitte war ein langer, schmaler Keil aus klarem Kristall eingelassen, der auf den Mittelpunkt des Raums zeigte. Die undurchsichtigen Scheiben wurden von Metallringen eingefasst und wiesen Markierungen wie von einem Kompass auf, allerdings wurden die Striche zwischen den großen Markierungen zusehends kleiner. Shalon war sich nicht sicher, aber sie hatte den Eindruck, als wäre der ihr am nächsten befindliche Ring mit Zahlen beschrieben. Das war alles. Keine monströsen Gebilde. Sie hatte sich etwas Gewaltiges und Schwarzes vorgestellt, das das Licht verschluckte. Sie umfasste das Geländer fester, um ihre Hände am Zittern zu hindern, und sie drückte die Knie durch, damit sie still dastand. Was sich auch immer dort unten befand, es hatte das Licht gestohlen.

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